UB-Logo Online MagazinUntergrund-Blättle

Chile: 45 Jahre danach | Untergrund-Blättle

4990

politik

ub_article

Politik

Die Umgestaltung zur Marktwirtschaft Chile: 45 Jahre danach

Politik

Das Pinochet-Regime räumte nach dem Putsch mit allen sozialen Errungenschaften der Volksfrontregierung und der vorher regierenden Christdemokraten auf. Arbeitsschutzgesetze, Mindestlohn und Kündigungsschutz existierten auf einmal nicht mehr.

An der Küste von Chile, Juli 2018.
Mehr Artikel
Mehr Artikel
Bild ansehen

Bild: An der Küste von Chile, Juli 2018. / mm (PD)

19. September 2018
2
0
5 min.
Korrektur
Drucken
Als der Putsch in Chile die Volksfrontregierung mit einer Gewaltorgie, welche sogar für damalige Verhältnisse eher ungewöhnlich war, wegräumte, ging ein Aufschrei durch die damalige Presse. Die Pinochet-Partie legte Wert darauf, durch öffentliches Demonstrieren ihrer Brutalität den mit der Volksfrontregierung sympathisierenden europäischen Regierungen zu zeigen: Haltet euch da raus, jetzt sind wir dran.

Als der Putsch in Chile die Volksfrontregierung mit einer Gewaltorgie wegräumte, die sogar damals eher ungewöhnlich war, ging ein Aufschrei durch die damalige Presse. Die Pinochet-Partie legte nämlich Wert darauf, durch möglichst öffentliches Zeigen ihrer Brutalität den mit der Volksfrontregierung sympathisierenden europäischen Regierungen zu zeigen: Haltet euch da raus, jetzt sind wir dran!

Während es in den 70-er und sogar noch 80-er Jahren Veranstaltungen zu den Opfern des Terrors der Militärregierung und dem von der Volksfrontregierung vertretenen Programm der „Revolution in der Legalität“ gab, ebbte dann das Interesse an Chile ab. Diese Veranstaltungen bezogen sich vor allem auf das, was vorher los war.

Was ist aber eigentlich seit 1973 in Chile geschehen?

Die Chicago Boys

Der Umstand, dass das Pinochet-Regime sofort mit allen sozialen Errungenschaften der Volksfrontregierung und sogar der vorher regierenden Christdemokraten aufräumte, und Arbeitsschutzgesetze, Mindestlohn, Kündigungsschutz usw. auf einmal nicht existierten, machte Chile zum idealen Betätigungsfeld für überzeugte Absolventen der Chicago School und der Lehren Milton Friedmans. Es handelte sich dabei um junge Chilenen aus dem Anti-Volksfront-Lager, denen durch ein grosszügiges Stipendienprogramm verschiedener in den USA beheimateter antikommunistischer Stiftungen zum Studium in den USA, vor allem eben auf der Universität von Chicago, verholfen worden war.

Der Staat, so der Kern der Doktrin dieser Menschenfreunde, solle nur die Rahmenbedingungen – Geld, Gewalt – zur Verfügung stellen, und alle wirtschaftliche Tätigkeit der „Privatinitiative“, sprich: dem Kapital überlassen.

Einerseits ist das eine sehr harte Auskunft über die Rolle von Staat und Kapital und wie die Bevölkerung in deren Überlegungen vorkommt: Wen das Kapital nicht braucht, der kann ruhig verhungern oder sonst irgendwie an Mangel zu Grunde gehen, und wer sich gegen das wehrt, der gehört weggeräumt. Andererseits zeigt sich, dass sich der Staat nicht auf diese ihm von den Liberalen zugedachten Aufgaben reduzieren lässt, sondern noch in anderer Form in das Wirtschaftsgeschehen eingreifen muss, um seine eigenen Grundlagen zu erhalten.

Bemerkt hat das chilenische Regime diesen Umstand an der Grundfrage des Geldes.

Im Zuge der Umgestaltung zu einer Marktwirtschaft ohne Wenn und Aber wurden die Gewerkschaften zerschlagen, die Abfindungen und das Streikrecht abgeschafft, und alles, was möglich war, privatisiert, so auch das Bildungswesen und das Pensionssystem.

Die Verminderung der Zölle und die Liberalisierung des Zugangs zu Devisen für einheimische Importeure führten schliesslich zu einer immer stärkeren Abhängigkeit von Importen und einer negativen Handelsbilanz, und im Jahr 1982 zu einem mittleren Börsencrash, der auf den Auslandsschuldendienst Chiles und den Wechselkurs äusserst negative Folgen hatte.

In Folge des Beinahe-Bankrotts und der Rezession, in die Chile 1982 geriet, wurden die Chicago boys aus den einflussreichen Posten hinauskomplimentiert. Ausserdem versuchte die Pinochet-Partie von da an so etwas wie staatliche Wirtschaftspolitik, um die Ökonomie Chiles zu diversifizieren und ausser dem wichtigsten Produkt Chiles, dem Kupfer, auch noch andere Wirtschaftszweige zu entwickeln, mit denen Chile Devisen an Land ziehen konnte. Das waren der Obstanbau und die Waffenproduktion.

Das Kupfer

Ausser den allgemeinen strategischen Überlegungen der Weltmacht Nr. 1, die in ihrem Hinterhof keine kommunistischen Experimente wollte, machte sich die Volksfront-Regierung mit ihrer Verstaatlichung der Kupferbergwerke in den Augen der US-Regierungen und des CIA vollends unmöglich.

Dazu muss man bemerken, dass die Idee, den Kupferabbau von den vor allem amerikanischen Aktionären zurückzukaufen oder auf andere Art in das Nationaleigentum Chiles zu überführen, nicht erst mit der Volksfrontregierung aufkam. Verschiedene Vorgängerregierungen hatten in dieser Richtung bereits gehandelt, so auch unter Allendes unmittelbarem Vorgänger Frei Montalva. Zunächst gelangte der chilenische Staat durch Aktienkäufe zu einer Mehrheit und durch eine Verfassungsänderung und dem Gesetz 17450 aus dem Jahr 1971, die vom Parlament einstimmig angenommen wurden, wurde der chilenische Staat schliesslich der alleinige Besitzer der Kupferbergwerke.

Die Verstaatlichung der Kupferbergwerke wurde von der Militärregierung beibehalten. Hier gab es nichts mit Privatisierung oder Restitution. Es ist wahrscheinlich, dass Pinochet sich das bei seinen Verhandlungen mit seinen USA-Kollegen ausbedungen hatte. Es wurden zwar neue Konzessionen ausgegeben, aber die unter der Volksfrontregierung verstaatlichten Bergwerke blieben staatlich und wurden 1976 zu einem grossen Konzern, CODELCO, vereinigt. Zumindest bis in die Mitte der 90-er Jahre musste CODELCO einen Teil seiner Gewinne an das Militär abliefern. Einnahmen aus dem Kupferbergbau wurden also zur Finanzierung des Gewaltapparates verwendet.

Heute ist Chile der grösste Kupferproduzent mit 27% Anteil an der Weltproduktion, CODELCO der grösste Kupferkonzern der Welt. Ausser dem Kupfer wird Molybdän, Silber und Gold abgebaut. Das Molybdän hat in den letzten Jahrzehnten als Härtungsmittel und Katalysator an Bedeutung zugenommen. CODELCO ist über verschiedene Kooperationen auch in den Produktionsgüter-Riege aufgestiegen und produziert selber Bergbautechnik.

Einerseits hat inzwischen jede chilenische Regierung durch die vereinigten Bemühungen der Regierungen von Allende und Pinochet Zugriff auf einen Teil der Gewinne, die aus den Bodenschätzen des Landes gewonnen werden.

Andererseits ist sie dadurch eben von den Weltmarktpreisen abhängig und die entscheiden darüber, ob in der Staatskasse Ebbe ist oder ob sie sich gut gefüllt präsentiert.

Normalität 2018

Seit Anfang der 90-er Jahre wurde wieder Demokratie „gewagt“ und Elemente des Sozialstaats und des Arbeitsrechts eingeführt – in Massen, versteht sich.

Derzeit protestieren – wieder einmal – Schüler und Studenten gegen das Erbe der Militärdiktatur und der Chicago boys: Die gesamte höhere Bildung ist entweder in den Händen der Kirche, oder sie ist privatisiert, oder beides: Die jungen Leute müssen sich nach dem anglosächsischen System bis über die Ohren bei den Banken verschulden, um studieren zu können.

Amelie Lanier

Mehr zum Thema...
Militärparade in Santiago de Chile.
Ein Exempel für den AntikommunismusChile: Amerikas Hinterhof

21.07.1994

- Die chilenischen Gorillas setzten auf den amerikanischen Wirtschaftsideologen Friedman und dessen Chikago boys durften in Chile nach besten Kräften ihre Doktrin praktizieren.

mehr...
Augusto Pinochet mit Mario Arnello.
Der Militärputsch Santiago de ChileDer elfte September in Chile

11.09.2011

- Der Putsch der demokratisch gewählten sozialistischen Regierung unter Salvador Allende 1973 durch chilenische Faschisten rief einen internationalen Aufschrei der Menschen hervor.

mehr...
Augusto Pinochet auf der La Moneda in Santiago de Chile an einer Militärparade anlässlich des 9.
Das Ende der FreiheitChile: Der andere 11. September

08.03.2009

- Eine Nachricht sorgte unlängst in Chile für Schlagzeilen. In Deutschland lieferte sie nur dürftige Meldungen: Ein Gericht in Santiago de Chile hatte am 30. Juni 2008 Manuel Contreras zu zweimal lebenslanger Haft verurteilt

mehr...
Mit den Menschen in Chile – Piñera stinkt nach Diktatur!

10.11.2019 - Chiles neoliberaler Präsident und Milliardär Piñera lässt das Militär gegen das Volk aufmarschieren - und schiessen. Diese Gewalt ist neu seit dem ...

Der Widerstand der Mapuche in Chile, 40 Jahre faschistischer Putsch und die aktuelle Situation vor den Wahlen diesen [...]

19.10.2013 - Interview mit Llanquiray Painemal, sie ist Mapuche mit chilenischem Pass, lebt in Berlin, ist Sozialwissenschaftlerin und Mitglied der der ...

Dossier: Steueroasen
Dossier: Steueroasen
Propaganda
Einige Schlüsselelemente des chilenischen Neoliberalismus

Aktueller Termin in Düsseldorf

Rundgang durch die nördliche Altstadt

Persönliche Ein- und Ausblicke mit Dominikanerpater Wolfgang Sieffert: „Ich weiss von vielem jeweils nur ein bisschen. Aber neugierig machen kann ja nicht schaden.“

Samstag, 25. September 2021 - 14:00

Zakk, Fichtenstraße 40, 40233 Düsseldorf

Event in Berlin

Englisch below

Samstag, 25. September 2021
- 15:00 -

Weinbergspark

Volkspark am Weinberg

10119 Berlin

Mehr auf UB online...

Untergrund-Blättle