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Krise und Innovationskrieg | Untergrund-Blättle

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Der Aufprall der Informationstechnologien Krise und Innovationskrieg

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Im Krieg, einem «neuen Krieg», ja im «Weltkrieg», einem «uns aufgezwungenen dritten Weltkrieg» sehen uns meinungsmachende Blätter der deutschen Mitte gegen Formationen wie den «islamischen Staat», die sich aus den «Zerfalls- und Entzivilisierungsprozessen in der arabisch-islamischen Welt» geschichtsmächtig machen. Der Krieg ist real. Aber ist er uns aufgezwungen?

Aktivisten protestieren in San Francisco gegen das private ShuttleBus System von Google nach Silicon Valley.
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Bild: Aktivisten protestieren in San Francisco gegen das private Shuttle-Bus System von Google nach Silicon Valley. / Chris Martin (CC BY 2.0 cropped)

6. Dezember 2016

06. 12. 2016

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Wo liegt die Urheberschaft am Zerfall, die Urheberschaft an der Aggressivität, an der Entzivilisierung? Und wie sieht die Zukunft aus? Die Fragen rufen nach einer nüchternen materialistischen und zugleich historischen Analyse. Materialistisch im Blick auf die Kräfte, die das vorantreiben. Historisch in der Befragung der geschichtlichen Erfahrungen. Beide sagen uns, dass wir die Antworten nicht an der Oberfläche der tauschförmigen Prozesse suchen dürfen, wie es eine ökonomistische Anschauung tut. Denn diese verbirgt die Gewaltsamkeit der technologischen Angriffe, hält sie von Kritik frei und verklärt sie im Fortschrittsmythos.

Es ist deren Griff nach den lebendigen Quellen des Werts, der seine Aggressivität und entzivilisierende Barbarei auf jeder Stufe der kapitalistischen Entwicklung in historisch neuen Formen hervorbringt. Auch jetzt wieder, in einem auf Jahrzehnte angelegten technologischen Angriff aus dem IT-Sektor. Er wiederholt den fordistischen Angriff von vor hundert Jahren auf neuem Niveau.

Schon die fordistische Offensive zielte auf die weltweite Umwälzung der gesamten Lebensverhältnisse, auf die Zerstörung und Entwertung der alten Arbeitsund Lebensformen und die Errichtung eines neuen kapitalistischen Kommandos im Rationalisierungszugriff auf die lebendigen Quellen des Werts. Ihr industrieller Kern lag zunächst in der Elektro- und chemischen, dann in der Autoindustrie. Hier verband sie sich am deutlichsten mit den Rationalisierungsangriffen des „Taylorismus“ als ihrer politischen Technologie.

Sie vollführte ihren ersten Vorstoss in den USA. Dort war sie die kapitalistische Antwort auf die Insubordination der Arbeiter*innenklasse am Arbeitsplatz und den Aufruhr ihrer Familien und sozialen Zusammenhänge in den Quartieren. Diese hatten die Gesellschaft bis an den Rand der sozialen Revolution gebracht. Ihre Gegenmacht, ihr Egalitarismus, ihre Autonomie im Arbeitsprozess , Selbstbewusstsein und Fähigkeiten zur Selbstorganisation waren mit den alten Formen kapitalistischer Herrschaft in Arbeit und Produktion nicht zu brechen.

Neue Akteure in Deutschland nahmen die Impulse dieses Angriffs auf und griffen damit nach der Macht. Die in ihnen verwirklichten aggressiven Energien waren für das europäische Umfeld beunruhigend, in ihrer Heftigkeit sogar für die Konkurrenz aus den USA. In Europa liessen sie ihre Konkurrenten weit hinter sich.

Die innovatorischen Kräfte vor allem aus der Elektro- und chemischen Industrie beanspruchten die Mitte Europas als Machtraum und Basis für die ökonomische Eroberung der Welt. Ihre zentralen Akteure und Träger hegemonialer Aggressivität waren die neuen innovativen Ober- und Mittelschichten. Genauer: die Unternehmer und die Avantgarden aus Technik und Management, Ingenieure und Bürokraten zumeist.

Ihr elitärer Anspruch einer neuen „Zivilisation“ verband sich mit rassistischen Zuschreibungen von Minderwertigkeit, Rückständigkeit und „Gefahren“ an ihr europäisches Umfeld (vor allem die „slawische“ Gefahr). Dies hatte seinen Grund in den Entwertungsstrategien der Innovationsoffensive: die neu angestrebte Arbeitsproduktivität und Profitabilität entwerteten alte Arbeitsformen und Lebenschancen. Die trieben sie auch ins Innere der umgebenden Länder. Zuerst über die Rüstungskonkurrenz. Denn dort konnten nur die Ländern mithalten, die mitzogen. Dann über den I. Weltkrieg. Der wurde so zum Innovationskrieg, sowohl nach innen, wie nach aussen. Er zielte auf die Umwälzung und blutige Modernisierung ganzer Länder wie Bulgarien und Rumänien und besetzter Territorien wie „Oberost“, der Ukraine und Polen -Vorspiel für den II. Weltkrieg. In Ost- und Südosteuropa war sie konfrontiert mit wachsendem Widerstand.

Heute werden wir nach Abschluss des grossen fordistischen Zyklus in den Kämpfen der 60er und 70er Jahre erneut Zeugen einer Dynamik von Entwertung und entzivilisierender Barbarei unter dem Aufprall des technologischen Angriffs der Informationstechnologien. Wie schon der fordistische vor hundert Jahren, so ist auch er epochal angelegt. Er zielt auf die weltweite Zerstörung nunmehr der überkommenen fordistischen Lebens- und Arbeitsverhältnisse.

Verbunden ist er mit der Errichtung eines neuen kapitalistischen Kommandos zur Erschliessung neuer Quellen des Werts zwecks Steigerung von Produktivität und Profitabilität. Nach zunächst verhaltenem Beginn wurde er Mitte der 90er Jahre von der amerikanischen Zentralbank unter ausdrücklichem Bezug auf die fordistische Offensive aufgegriffen. Er wurde mit gewaltiger Liquidität für die spekulative Hochrüstung versorgt und zum Kern einer sozial-ökonomischen Offensive epochalen Ausmasses gemacht. Die beabsichtigte soziale Zerstörung, Entwertung und Entzivilisierung wird an den inneren, vor allem aber an den äusseren Frontlinien und Randzonen als inzwischen dramatisch erkennbar.

So haben hunderte Millionen Jugendliche im Nahen Osten und Maghreb gegen alle Hoffnungen der „Arabellion“ im Schnitt weniger als zwei Euro am Tag und keine Perspektiven mehr. Dies schlägt sich in Widerständen nieder und macht sie zunehmend zugänglich für die Verlockungen militanter Formationen, wie etwa des IS. Einer der Gründe, warum sich die kapitalistischen Urheber erneut durch die Folgen der von ihnen betriebenen innovativen Lebenszerstörung bedroht, ja zum Krieg gedrängt sehen.

Auch in der Ukraine und in Südosteuropa verfällt das Arbeitswertaufkommen bei steigender sozialer Unruhe. Die Zerstörungsprozesse in den afrikanischen Subsahara-Regionen (von Ländern kann man vielfach nicht mehr reden) sind nach der Änderung der sogenannten „Entwicklungshilfe“ seit dem 70ern nun unter der Peitsche der Innovationsoffensive intensiviert worden. Zunehmend fürchten Menschen vor dieser Zerstörung und Entwertung und suchen, von kapitalistischer Gewalt vertrieben, ihre Lebenschancen in den Metropolen, aus der die Gewalt der Zerstörung und Entwertung gegen sie entfesselt worden war.

Der Widerstand gegen die Gewalt der Innovationsoffensive regt sich bis in die Metropolen hinein, bis an das Herz der Bestie heran. Eine seiner Formen ist der Kampf gegen Vertreibung aus den Kernen des technologischen Angriffs. Wie etwa in San Francisco. Grossverdiener in Silicon Valley, der weltweit mächtigsten Zusammenballung („Cluster“) von Unternehmen auf dem Sektor der Informationstechnologien und Anwenderindustrien, mästen sich aus ihrem Einkommen fett und treiben die Mieten des Umfelds in die Höhe. Sie verdrängen die neuen Service-Sklaven, die von der sozialen Zerstörung ihres Angriffs produziert

worden waren. Das Bild ist in hunderten derartiger „Cluster“ weltweit das gleiche. Charles Maier, einer der besten Analytiker der fordistischen Innovations-offensive, stellt den Abbruch fordistischer hierarchischer sozialer Pyramiden und den Umbruch zu neuen sozialräumlichen Geographien fest. Er charakterisiert sie plastisch so: „Heute sehen wir die Elite und Masse in konzentrischen Kreisen arrangiert, nicht mehr in zugespitzten Pyramiden. Wir gebrauchen die Sprache von Zentrum und Peripherie: die neue Elite im Zentrum erntet die Früchte für ihre Fertigkeiten in transnationaler Kontrolle von Information und Symbolen. Das neue Proletariat verrichtet niedere Dienste: es reinigt Krankenhauskorridore oder Strassen, es kümmert sich um unsere Häuser und Kinder.“ Der Widerstand gegen die Vertreibung unter dem Druck aus den Zentren informationstechnologischer Gewalt wächst auch hier, die sozialen Spannungen nehmen zu .

Dieser grössere Rahmen sollte uns drängen, uns darüber Gedanken zu machen, wie wir Kämpfe gegen Vertreibung, Flüchtlingspolitik, Entwertungsrassismus, Kriegspolitik miteinander verbinden können.

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