UB-Logo Online MagazinUntergrund-Blättle

Kriege im Namen des Guten | Untergrund-Blättle

729

Antimilitarismus Kriege im Namen des Guten

Politik

Durch die Jahrhunderte hindurch führt der Westen Krieg auf Krieg und rechtfertigt ihn. Egal wie viel Blut man an den Händen hat, man erfindet sich jedes mal neu als die Guten, die gegen das Böse kämpfen.

US-Soldat in Afghanistan.
Mehr Artikel
Mehr Artikel
Bild ansehen

Bild: US-Soldat in Afghanistan. / Michael J. MacLeod (PD)

17. November 2013
0
0
7 min.
Drucken
Korrektur
So wird Deutschland auch nach zwei Weltkriegen von deutschem Boden aus am Hindukusch verteidigt!

Die Inszenierung des Guten

Wie schafft man es, Millionen Soldaten in einen Angriffskrieg zu schicken, die Bevölkerung hinter sich zu bringen? Wie schafft man es, das Politiker die Hände für den Krieg bei Abstimmungen heben? Hierzu sind mehrere Faktoren notwendig:

Erstens, indem man ihn moralisch begründet als notwendiges Mittel, zur Abwehr von Bedrohungen und Gräueltaten, zur Verhinderung des eigenen Untergangs, zur Verteidigung, zur Stabilisierung, zum Schutz von humanitären Hilfsorganisationen, für Kinder und Mädchen, für die Bildung der Armen oder zur Sicherung der wirtschaftliche Existenz. Kurz zusammengefasst dient der Krieg zur Abwehr des Bösen, Verteidigung des Lebens und zur Hervorbringung des Guten.

Ausserdem ist es natürlich wichtig, dass diese Botschaften von oben kommen. Also von Autoritäten in Amt und Würden, früher von Kaisern und Päpsten, heute von Präsidenten, Politikern unterstützt von Experten, Journalisten und Moderatoren. Sie bieten sich auch durch manchmal kritische Töne als Projektionsfläche für die Wünsche, Sorgen, Hoffnungen und Kritik der kleinen Leute an, die den Krieg unterstützen und/oder Soldaten stellen sollen. Und drittens wird die Bevölkerung über die jeweils verfügbaren Medien erreicht und eingenordet, während Abweichler gezielt gesucht und sanktioniert werden.

Beispiel Christentum

Historisch wird dies in Mitteleuropa besonders im Christentum deutlich. Es gilt bis heute als das moralisch-ethische Fundament der abendländischen Zivilisation und definiert sich selbst als tolerant und gewaltfrei. Doch bereits die Einführung des Christentums in Westeuropa erfolgte durch Krieg der Christen gegen die "Heiden" und war mit der vollständigen Zerstörung ihrer Kultur, Spiritualität und Naturdenkmäler begleitet. Als durch den Papst wirkende Wort Gottes wurden später die Kreuzzüge verkündet und quasi als europäisches Projekt durchgeführt. Bereits beim Aufmarsch zum ersten Kreuzzug unter Papst Urban II. kam es zu Pogromen und dann nach der Befreiung Jerusalems zur Tötung aller Einwohner durch die Christen. Später war die Deutungshoheit des heiligen Stuhls über die christliche Lehre und damit zentrale Steuerung über Sitte, Moral und Gewissen der Bevölkerung durch unabhängige christliche Strömungen wie die Katharer und Albiginenser bedroht. Sie wurden durch die eigens dafür gegründete Inquisition bis in den letzten Winkel Europas verfolgt. Schliesslich folgten die grossen Kriege zwischen Protestanten und Katholiken.

Luther als verehrter und heiliger Rebell und Gründer der Protestanten lehnte Gewalt von oben nicht ab, als er etwa über die aufständigen Fronbauern schimpfte: "Diese treulosen Hunde, man müsste sie alle totschlagen". Es ist demnach nicht verwunderlich, dass dieser Tradition folgend auch der Krieg in Afghanistan gerechtfertigt wird. So sagt der EKD-Vorsitzende Nikolaus Schneider: "Staatsmänner müssen militärische Gewalt einsetzen, wenn sie mit dem Bösen in der Welt konfrontiert sind und auf andere Weise nicht weiterkommen." (http://www.welt.de/print/wams/politik/article13372546/Mit-solchen-Feinde...).

Auch in dem evangelisches Wort zu Krieg und Frieden in Afghanistan heisst es unter dem Titel "Aus Gottes Frieden leben – für gerechten Frieden sorgen": "Eine Intervention mit militärischen Zwangsmitteln wie in Afghanistan muss von einer Politik getragen werden, die über klare Strategien und Ziele verfügt, Erfolgsaussichten nüchtern veranschlagt und von Anfang an bedenkt und darlegt, wie eine solche Intervention auch wieder beendet werden kann." Wer über klare Strategien und Ziele verfügt, darf in Afghanistan töten, so lautet die Botschaft. Doch schauen wir uns mal dieses Böse in der Welt genauer an.

Die Taliban als das Böse

"Die Taliban in Afghanistan schnitten ihr die Nase ab", so Bild am 25.05.2012 mit der Abbildung einer afghanischen Frau, der die Nase abgeschnitten wurde (http://www.bild.de/politik/ausland/bibi-aisha/afghanistan-bibi-aisha-das...). Ich erinnere mich, das NDR-Fernsehfrau Inka Schneider zu dieser Tat im öffentlich-rechtlichen einen Beitrag mit den Worten "Dafür stehen deutsche Soldaten mit der Waffe in der Hand" (damit dies nicht wieder geschieht) anmoderierte. Blick.ch titelt ähnlich: "So sind die Taliban: Ihr Ehemann schnitt Aisha Nasen und Ohren ab".

Der Inhalt dieser Botschaften ist, dass die Taliban Taten von ungeheurer Grausamkeit an ihren Frauen begehen und deutsche Soldaten mit der Waffe in der Hand notwendig sind, um sie zu zwingen, dies nicht mehr zu tun. Aber warum bombardieren wir dann nicht mit gleicher Rechtfertigung auch Albanien? Denn ein Albaner hat mit der Kettensäge seiner Frau Arme und Beine abgetrennt (http://www.ksta.de/panorama/mit-kettensaege-wuetender-mann-verstuemmelt-...).

Oder Deutschland. Denn Mütter werfen hier Neugeborene in die Mülltonne. Dies findet offensichtlich mehrmals im Jahr an unterschiedlichen Orten in Deutschland statt (http://www.sueddeutsche.de/panorama/rheinland-pfalz-mutter-wirft-baby-in...), http://www.express.de/panorama/babyleiche-in-muelltonne-mutter-gesteht--...).

Was ich aufzeigen will, dass der Fall der armen afghanischen Frau für die Propaganda der USA/Nato ausgeschlachtet wird und auch das deutsche öffentlich-rechtliche Fernsehen in die psychologische Kriegsführung eingebettet ist. Natürlich ist es wohl so gewesen, dass ein Taliban ein Verbrechen an seiner Ehefrau begangen hat, doch damit "die Taliban" kollektiv als Verbrecher zu dämonisieren, die sich gegenüber den westlichen guten Soldaten durch besondere Grausamkeit auszeichnen würden, ist reine Zweckpropaganda. Umgekehrt lassen Guantanamo, Abu Graib und die offshore-Gefängnisse auf US-Kriegsschiffen grüssen. Angeklagte dürfen sich vor US-Richtern nicht mehr über Folter in Prozessen äussern und bei Verhandlungen werden Aussagen über Mikrofon zeitverzögert im Gerichtssaal übertragen, damit Äusserungen von Angeklagten über Folter herausgefiltert werden (http://rt.com/usa/torture-gitmo-pohl-ksm-578/). Dies ist allerdings ein verbrecherisches System. Hierzu gibt es keine Resonanz der deutschen Qualitätsmedien.

Terroristen: von den Taliban bis zu Nelson Mandela

Die Tötung eines Talibanführers letzte Woche wird ohne Begründung als Erfolg im Krieg gegen den Terrorismus in den deutschen Medien durchgereicht. Jeder weiss: für Terroristen gelten andere Massstäbe, keine Rechte als Kriegsgefangene, ja keine Menschenrechte. Und Folter ist faktisch erlaubt. Man erinnert sich gar nicht mehr, wie der Vorwurf des Terrorismus gegenüber den Taliban begründet wurde und das soll man wohl auch nicht, denn es reicht als Rechtfertigung für die Tötung eines Menschen, ihn als "Terrorist" oder "Taliban" zu bezeichnen.

Hintergrund war der Vorwurf der USA gegenüber den Taliban, dass sie Osama Bin Laden als Hintermann der Anschläge des 11. September Unterschlupf und Unterstützung gewährten. Doch dies war genau genommen nicht der Fall. Denn Osama Bin Laden war ein Mann aus Saudi-Arabien, der mit milliardenschwerer Förderung durch die USA gegen die Sowjetunion einen Krieg führte und in Afghanistan nach dem Abzug der russischen Truppen verblieben war. Die Taliban boten den USA an, ihn beim Vorliegen von Beweisen vor Gericht zu stellen oder an ein neutrales Land auszuliefern.

Auf dieses Angebot ging J.W. Bush nicht ein, sondern befehligte den Angriff. Deutschland verkündete den Bündnisfall wegen der Angriffe auf das WTC und trat an der Seite der USA in den Krieg ein. Angesichts dieser Fakten muss man im Ländervergleich "USA - Afghanistan", wenn es um die Förderung und Unterstützung von Terroristen wie Osama Bin Laden geht, doch die USA zuerst nennen. Konsequenz? Jahre später erklärte Dick Cheney, dass man praktisch keine Beweise für die Beteiligung am 11. September durch Osama hätte. Aber da hatte sich der Begriff Terrorist schon für jeden Taliban verselbständigt.

Im Rahmen ihres s.g. "Krieges gegen den Terrorismus" haben die USA und die EU so genannte Terrorlisten veröffentlicht. Durch ein geheim gehaltenes Verfahren wird bestimmt, wer auf diese Liste gesetzt wird und somit letztlich als vogelfrei erklärt wird. Klagen dagegen kann man nicht. Die USA haben Nelson Mandela bis 2010 noch als Terrorist auf ihrer Liste geführt. Dies zeigt, dass es gar nicht um Terrorismus sondern um ein Machtinstrument geht, jeden beliebigen Menschen fertig zu machen. Unsere Politiker waren mit dieser Vorgehensweise einverstanden, natürlich nicht mit Mandela auf der Liste. Schliesslich wollen sie solange er noch lebt, Fotos mit ihm machen, um sich wie am Anfang gesagt, moralisch zu legitimieren, am besten als Fast-Freiheitskämpfer Arm in Arm mit Mandela. Ein Besuch von Obama mit dem dann unweigerlichen gemeinsamen Foto hat Mandela abgelehnt.

Dschugan Rosenberg

Mehr zum Thema...
Kipprotor Truppentransporter der US-Luftwaffe (V-22 Osprey) im Landeanflug.
AntimilitarismusKrieg gegen Terror - Krieg ums Öl

25.10.2001

- Rund ums Kaspische Meer (nordwestlich von Afghanistan, in den ehemaligen Sowjetrepubliken, befinden sich Riesenmengen von Erdöl und Erdgas, die Ausbeute steigt von Tag zu Tag.

mehr...
B-1B Lancer Bomber starten am 7.
Opereation «Enduring Freedom»Kampf dem kapitalistischen Krieg

12.10.2001

- Am Sonntag, den 7. Oktober 2001, hat der zu erwartende Krieg gegen den Terrorismus begonnen. Mittels Bomben und Raketen soll der westliche Frieden wieder hergestellt werden.

mehr...
Ingenieure der US-Streitkräfte erhalten 2013 die Collier-Trophy für die Konstruktion der Northrop Grumman X-47B Drohne.
Todesurteil ohne Anfechtbarkeit«Mit den Drohnen rekrutieren wir Terroristen»

24.11.2015

- Ehemalige US-Drohnenpiloten warnen Präsident Obama in einem offenen Brief, dass der Drohnenkrieg Terroristen hervorrufe.

mehr...
Mandela doch kein Terrorist ? !!

23.07.2008 - Nelson Mandela und der ANC werden von der „Liste terrorverdächtiger Personen und Institutionen“ der US-Administration per ...

Liquidation Osama Bin Ladens: Sieg der Gerechtigkeit

17.05.2011 - Obama erklärte: die Aktion sei ein Sieg der Gerechtigkeit gegen einen Terroristen, der „für den Mord an Tausenden von unschuldigen Männern, Frauen ...

Dossier: Drohnen
Peter D.
Propaganda
Bush - Wanted

Aktueller Termin in Leipzig

Buchvorstellung | Brasilien über alles - Bolsonaro und die rechte Revolte

translib

Montag, 27. Juni 2022 - 19:00 Uhr

translib, Goetzstraße 7, 04177 Leipzig

Event in Mainz

Attila the Stockbroker

Montag, 27. Juni 2022
- 21:00 -

Hafeneck

Frauenlobstraße 93

55118 Mainz

Mehr auf UB online...

Aktion gegen Greenwashing in Berlin, November 2021.
Vorheriger Artikel

Ernst Lohoff, Norbert Trenkle (Hg.): Shutdown

Notbremsung vor der Naturschranke

Ukrainische Soldaten bei Mariupol, März 2022.
Nächster Artikel

Völkerrechtsbruch: Messen mit zweierlei Mass?

Die wunderbare „regelbasierte Weltordnung“

Untergrund-Blättle