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Vertrauliche Runden mit den Mächtigen Journalisten und Eliten: eine heikle Liaison

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Das richtige Mass von Nähe und Distanz zwischen Medienschaffenden und Eliten ist wichtig. Eine neue Studie zeigt es einmal mehr.

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Bild: Werbung für die FAZ im Hauptbahnhof von Frankfurt am Main. / Vysotsky (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

3. März 2014

3. Mär. 2014

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Theoretisch ist die Rollenverteilung klar: Politikerinnen und Politiker kämpfen für ihre Wähler- und Interessengruppen, häufig auch für das «öffentliche Wohl», immer aber um Mehrheiten. Den Journalistinnen und Journalisten dagegen geht es um richtige und wichtige Informationen, um zutreffende Sachverhalte, um Hintergründe, manchmal auch um das Aufdecken unangenehmer Tatbestände, möglicherweise solche, die Politiker eher unter dem Deckel halten möchten. Gleichzeitig sind beide aufeinander angewiesen – Politiker, Wirtschaftsvertreter etc. auf der einen, Journalisten auf der anderen Seite.

Sowohl professionelle Nähe wie auch Distanz sind für beide Seiten unerlässlich. Nur wer Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens gut kennt, kann sie richtig einschätzen. Distanz ist nötig für die unvoreingenommene, unabhängige Berichterstattung und für die Funktion der Medien als Kontrollinstanz der Mächtigen. Mit anderen Worten: Das richtige Mass von Nähe und Distanz zwischen Medienschaffenden und Eliten ist in einer Demokratie von entscheidender Bedeutung.

Aufwändige Netzwerkanalyse

Doch es ist eben nicht immer einfach, das richtige Mass zu finden. Das zeigt eine soeben erschienene deutsche Studie. Sie untersucht die Nähe von Medienschaffenden zur politischen und wirtschaftlichen Elite mit quantitativen Angaben. Verfasst hat die Studie mit dem Titel «Meinungsmacht» (Angaben zum Buch im Link unten) Uwe Krüger vom Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig. Krüger hat nicht wie bisher üblich mit Befragungen der Akteure gearbeitet, sondern einen neuen Ansatz gewählt: Er hat mit Hilfe öffentlich zugänglicher Daten über mehrere Jahre hinweg eine aufwändige Netzwerkanalyse für 219 leitende Redaktoren wichtiger deutscher Medien erstellt. Darunter ist eine Art Landkarte von Organisationen und Veranstaltungen zu verstehen, bei denen Eliten aus Politik und Wirtschaft sowie führende deutsche Journalisten involviert waren, mit dabei auch das Weltwirtschaftsforum in Davos, die Münchner Sicherheitskonferenz und hochkarätige informelle Treffen in Berlin.

Vertrauliche Runden mit den Mächtigen

Insgesamt hat Uwe Krüger 82 Elite-Organisationen erfasst, bei denen regelmässig ein Kreis von 64 Journalisten zugegen waren – und zwar «ausserhalb ihrer direkten beruflichen Pflichten wie Recherchen und Interviews», wie Krüger in einem Interview mit der Online-Plattform «Telepolis» (Link siehe unten) sagt. Gemäss Krüger deuten seine Daten «darauf hin, dass sich Journalisten vielerorts in vertraulichen Runden mit den Mächtigen treffen. Und das steht in einem klaren Gegensatz zu der demokratietheoretisch begründeten Erwartung, Journalisten sollten Distanz zu den Mächtigen halten, um sie kritisieren und kontrollieren zu können.»

Journalisten verwenden «Propagandatechniken»

Am auffälligsten ist für den Autor der Studie, dass vier leitende Redaktoren der «Süddeutschen Zeitung», der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung», der «Welt» und der «Zeit» «stark in US- und Nato-affinen Strukturen eingebunden waren.» Er spricht von «kognitiver Vereinnahmung». Die Journalisten lägen ganz auf der Linie der Eliten und benutzten sogar «klassische Propagandatechniken». Illustriert wird der Vorwurf am Beispiel der Münchner Sicherheitskonferenz. Alle vier hätten daran teilgenommen, «und alle vier haben die Gegner der Konferenz, die Demonstranten und die Organisatoren der Münchner Friedenskonferenz in ihren Artikeln verschwiegen, marginalisiert oder delegitimiert.» Es sei also eine weitgehende Konformität dieser Journalisten mit ihren Bezugsgruppen festzustellen. Zudem wirft Krüger den vier Journalisten Intransparenz vor. Sie hätten sich geweigert, auf seine Befunde in der Studie einzugehen und diese zu kommentieren.

Dominierende Sicht der Mächtigen

Krüger unterstellt diesen Journalisten nicht, dass sie sich einfach beeinflussen liessen und ihnen gewissermassen fremde Hände die Feder führen. Es sei sogar eher denkbar, dass Journalisten, die ohnehin ähnliche Positionen vertreten wie die Eliten, leichteren Zugang zu diesen Milieus finden. Die «Einbindung in das Elitenmilieu verstärkt dann über die Zeit hinweg die Konformität.» Die Sicht der Macht dominiert, andere Zugänge und Perspektiven werden vernachlässigt, der Mainstream-Effekt wird verstärkt.

Journalisten als Berater

Definitiv heikel wird es, wenn Journalisten in politischen oder wirtschaftlichen Organisationen Einsitz nehmen. Krüger spricht von einem «Aussenpolitik-Ressortleiter, der im Präsidium der Deutschen Atlantischen Gesellschaft sass, einem Lobbyverein für die Nato. Und es gab Aussenpolitik-Ressortleiter und einen ZDF-Hauptstadtstudioleiter, die im Beirat der Bundesakademie für Sicherheitspolitik sassen und dort die Bundesregierung in Sicherheitsfragen berieten. Wenn das nicht mehr ginge, wenn solche Ehrenämter für Journalisten zum Tabu erklärt würden, dann wäre schon viel gewonnen.»

Anderswo ist diese Frage klar geregelt. Die New York Times Company, die rund 40 Druckmedien herausgibt, darunter mit der «New York Times» eine der einflussreichsten Zeitungen der Welt und jene mit den meisten Pulitzer-Preisen, legt in ihrer «Policy on Ethics in Journalism» fest: «Journalists should stand apart from institutions that make news. Staff members may not serve on government boards or commissions paid or unpaid. They may not join boards of trustees, advisory committees or similar groups except those serving journalistic organizations or otherwise promoting journalism educations.»

Presserat: Doppelfunktionen vermeiden

Auch in der Schweiz sind derartige Doppelfunktionen eher verpönt. Zahlreiche Redaktionsstatute und Weisungen von Medienhäusern enthalten eine Melde- oder gar Bewilligungspflicht, wenn Journalisten exponierte Positionen in Wirtschaft, Politik oder Zivilgesellschaft einnehmen möchten. In einer Richtlinie des Schweizer Presserats, der Beschwerdeinstanz für medienethische Fragen, heisst es: «Der Beruf des Journalisten ist grundsätzlich nicht mit dem Ausüben einer öffentlichen Funktion vereinbar. Nimmt er aufgrund besonderer Umstände ausnahmsweise eine politische Tätigkeit wahr, trennt er die Funktionen strikt. Dies gilt auch für andere Tätigkeiten, die sich mit der Informationstätigkeit überschneiden können.»

Martin Künzi, Sekretär des Schweizer Presserats, fasst die gängige Praxis seiner Institution wie folgt zusammen: «Der Grundansatz ist nach wie vor ein pragmatischer: Doppelfunktionen sind zwar nicht empfehlenswert, in der kleinräumigen Schweiz aber nicht verboten. In derartigen Ausnahmefällen ist es aber unabdingbar, Transparenz herzustellen und bei möglichen Interessenkonflikten in den Ausstand zu treten.» Zur Frage der Nähe zwischen Journalisten und Eliten, wie sie in der Studie von Uwe Krüger diskutiert wird, gib es keine offizielle Haltung des Presserates. Dieser habe sich «bisher wohlweislich gehütet, Journalistinnen und Journalisten im konkreten Einzelfall Weisungen zu erteilen, wie viel 'Nähe' zu gesellschaftlichen Akteuren erlaubt ist», sagt Künzi.

Die Falle lauert immer

Dies wäre in der Tat ein schwieriges Unterfangen. Denn was heisst «Nähe» im Journalismus? Und wann wird Nähe zu Kumpanei? Darf ein Journalist grundsätzlich keine Einladung eines Politikers zu einem Bier oder zu einem Essen annehmen? Oder ist es nicht vielmehr seine Pflicht, eine gewisse Nähe zu suchen, um hinter die Fassade des Politikers zu blicken? Solche Fragen können nicht schematisch geklärt werden, hier ist professionelle Selbstverantwortung gefragt. Kritische Distanz ist als Prinzip richtig. Aber klinisch sterile Beziehungen zwischen Medienschaffenden und gesellschaftlichen Akteuren sind weder realistisch noch erstrebenswert. Wer beispielsweise nur schon ein tiefgründiges Porträt schreiben will, kann sich nicht allein mit offiziellen Begegnungen bei Interviews oder an Medienkonferenzen begnügen, er muss eine Persönlichkeit auch einmal in nicht-offiziellem Rahmen erleben können. Geschieht das jedoch zu häufig, kann die «Beisshemmung» abnehmen, die Bereitschaft also, sein Gegenüber mit distanziert-kritischem Blick zu betrachten und dies gegebenenfalls auch so zu Papier zu bringen.

Das Nähe- und Distanzproblem ist für jede Journalistin und jeden Journalisten eine potenzielle Falle. Niemand ist davor geschützt. Aber die Medienschaffenden müssen sich immer wieder kritisch hinterfragen. Das Buch von Uwe Krüger kann dabei helfen.

Jürg Müller-Muralt / Infosperber

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