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Ein Vorreiter des Bürgerjournalismus Die Geschichte von Indymedia

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Seit Entstehung 1999 hat sich das unabhängige Internetportal Indymedia über die ganze Welt verbreitet. Ein Überblick über die Entstehungsgeschichte und warum sowohl Linke als auch Kriminalpolizisten die Plattform schätzen.

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Bild: Indymedia Logo / Seattle Municipal Archives (CC BY 2.0 cropped)

28. August 2017

28. 08. 2017

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Das unabhängige Internetportal linksunten.indymedia.org wurde am Freitag überraschend vom Bundesinnenministerium verboten. Die Seite ist momentan offline. Innenminister Thomas de Maizière begründete das Verbot damit, dass sich die Seite gegen die verfassungsmässige Ordnung richte. Doch was ist Indymedia eigentlich für ein Projekt? Und welche Rolle spielte Indymedia für den Bürgerjournalismus, also die alternative Berichterstattung von unten?

Ursprung in globalisierungskritischen Protesten

Indymedia, kurz für Independent Media Center, entstand im Herbst 1999 anlässlich der globalisierungskritischen Proteste gegen das Treffen der Welthandelsorganisation in Seattle. Aktivistinnen und Aktivisten publizierten ihre eigenen Texte, Bilder und Videos von den Blockaden auf einer von ihnen selbst betriebenen Seite – und gestalteten so eine eigene Erzählung der Proteste. Mit ihren Berichten direkt von der Strasse entlarvten die Aktivisten zahlreiche Falschmeldungen der Behörden und schufen eine Gegenöffentlichkeit zu den etablierten Medien, in denen sie nur selten zur Wort kamen.

Anfang 2001 entstand der erste deutsche Ableger des dezentralen Medienprojekts unter de.indymedia.org. Herzstück der Seite war der „Open-Posting“-Bereich, in dem jede und jeder anonym schreiben konnte. Ein kleiner Kreis von ehrenamtlichen Mitarbeitern sichtete die eingereichten Beiträge und stellte ausgewählte an prominenter Stelle auf die Startseite.

Das globale Indymedia-Netzwerk

Über die Jahre gründeten sich Hunderte lokale Indymedia-Ausgaben auf der ganzen Welt. Die Plattform wurde zur grössten Seite für Bürgerjournalismus, bei dem Bürger anstelle von professionellen Journalisten selbst recherchierte oder erlebte Ereignisse mit der Öffentlichkeit teilten. Eine wichtige Rolle kam Indymedia 2001 bei den Gipfelprotesten von Genua zu, wo die Berichte die Sichtweise der Aktivistinnen und Aktivsten zeichneten und so Einfluss auf die Berichterstattung in klassischen Medien nahmen. Mit dem Aufkommen von Blogs und Social Media verloren viele lokale Indymedia-Seiten jedoch an Bedeutung.

Auch in Deutschland war Indymedia lange Zeit die wichtigste Plattform der ausserparlamentarischen Linken. Nach dem Niedergang von de.indymedia.org die 2008 gegründete (und jetzt verbotene) Abspaltung linksunten.indymedia.org, auf der zuerst Beiträge aus Süddeutschland und später aus ganz Deutschland erschienen. Einzelpersonen und linke Gruppen schrieben Berichte über Demonstrationen und Protestkampagnen, sammelten Presseberichte und lieferten sich hitzige Diskussionen in den Kommentaren. Egal ob Castor-Proteste, Israel-Debatten oder Veranstaltungen – die Informationen fanden sich auf Indymedia. Mittlerweile haben sich viele dieser Debatten in die werbefinanzierten sozialen Netzwerke, wie Facebook und Twitter, verschoben.

Recherchen über rechte Strukturen

Indymedia und auch der Ableger linksunten.indymedia waren immer auch Plattformen für fundierte Recherchen über die rechtsradikale Szene, beispielsweise über das Umfeld des Nationalsozialistischen Untergrunds, aber auch über militante Rechtsextremisten, die im Nachgang der Berichterstattung auf Linksunten u.a. wegen dem Fund von Rohrbomben verhaftet wurden.

Daneben gab es auch Aufrufe zu Gewalt und Bekennerschreiben auf der Seite, was Indymedia auch für Polizei und Verfassungsschutz interessant machte. Mit vertrauter Regelmässigkeit widmete sich der Verfassungsschutzbericht dem Internetportal und prangerte die strafrechtlich relevanten Beiträge dort an.

„Verbot ist Wahlkampf-Symbolik“

Jetz, infolge der G-20-Proteste und vor dem Bundestagswahlkampf, greift das Innenministerium ein. Kritik daran kommt auch von ungewohnter Seite: Das Verbot sei „mehr Wahlkampf-Symbolik als sinnvoller Kampf gegen Linksradikale“ heisst es aus dem Bund Deutscher Kriminalbeamter. Die Plattform sei „polizeitaktisch sogar wichtig, um die Szene, ihre Pläne und Bekennerschreiben zu beobachten. Das fehlt den Polizisten nun in Zukunft“.

Simon Rebiger
netzpolitik.org

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 4.0) Lizenz.

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