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Danke für Nichts! Wie Journalismus-NGOs die “Demokratisierung Rumäniens” gekappert haben | Untergrund-Blättle

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Politik

Verarbeitung kritischer Erkenntnisse Danke für Nichts! Wie Journalismus-NGOs die “Demokratisierung Rumäniens” gekappert haben

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Seitdem der Westen den ehemaligen Ostblock zu Demokratie erziehen will, sind mit westlichen Geldern geförderte Medien- und Journalismus-NGOs zu einem Job-Generator für weisse Männer aus dem Globalen Norden avanciert.

USAID-Mitarbeiter in Sierra Leone, November 2019.
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Bild: USAID-Mitarbeiter in Sierra Leone, November 2019. / Office of USAID Administrator (PD)

9. August 2021
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Derweil sind die prekären oder unbezahlten Jobs stets für die Osteuropäer*innen reserviert. Stefan Candea, investigativer Reporter aus Rumänien, war lange Zeit selbst Teil dieser Maschine – bis er es wagte, die Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse zu kritisieren:

Ich war einer von zwei weissen Typen in ihren späten 20ern, die nach Sierra Leone reisten. Wir wurden direkt aus Rumänien mit dem Fallschirm abgeworfen und landeten in der Dunkelheit nahe Freetown. All das, um einer globalen Sache zu dienen. Es war irgendwann in den späten 2000er Jahren, den Boomjahren der Globalisierung des gemeinnützigen grenzüberschreitenden investigativen Journalismus. Auf unserer Recherchereise untersuchten wir die Aktivitäten eines rumänischen Geschäftsmannes, der giftige Bergbauoperationen zum Leidwesen der lokalen Bevölkerung betrieb. Selbstverständlich wurden seine Tätigkeiten durch Offshore-Strukturen auf der ganzen Welt geschützt.

Der selbst ernannte US-amerikanische Redakteur unseres unbezahlten Auftrags war seinerzeit auch mit einem Fallschirm abgworfen worden – über Osteuropa. Man kann ihn als Teil eines globalen evangelikalen US-Wahrheitsverkünder*innen-Bataillons bezeichnen. Er investierte den grössten Teil der Vorbereitungsarbeit vor der Reise in imaginäre Bedrohungsszenarien, anstatt mit lokalen Reporter*innen und Aktivist*innen Kontakt aufzunehmen. Er folgte dem Playbook der Sicherheitsworkshops, die die Medienhilfsindustrie geschrieben hat.

Ein kleines Detail wurde vergessen: Zu dieser Zeit gab es kein Roaming und neuere Handytypen bekamen keinen Dienst im GSM-Band von Sierra Leone. Es gab mit unserem Redakteur eine Menge Sicherheitstheater, wie der Einfall, einen eigenen Personenschutzes anzuheuern. Doch seine Hauptidee war, dass wir ihm zweimal täglich per Telefon Updates über unseren Standort und die nächsten Schritte schicken sollten. Nur, dass unsere Telefone nicht funktionierten. Nach mehr als einem Tag bekamen wir lokale Nummern und setzten meine eigenen Telefone ein, das Äquivalent zu den heutigen Burner-Phones. Ich hatte sie mit dabei, obwohl sie nicht im Security-Skript vorgesehen waren. Als wir endlich eine telefonische Verbindung hatten, konnte ich trotzdem nicht viel von dem verstehen, was der Redakteur sagte. Und er auch nicht. Es stellte sich heraus, dass er eine kostenlose Skype-Verbindung nutzte.

Ergebnis für Ziel 1 “Sicherheitsplan entwerfen”: Check

Die Sicherheitsbedenken und -vorkehrungen erwiesen sich als Witz, da wir nach der Landung tatsächlich auf uns allein gestellt waren. Dennoch, als wir später in dieser Woche einen in Sierra Leone ansässigen US-Experten trafen, einen hochrangigen Mann in der UN, der Journalismusprogramme entwickelt, äusserte er den Wunsch, gemeinsam mit unserem Redakteur Sicherheitstrainingsprogramme für Journalist*innen in Mexiko zu entwerfen. Unsere Anwesenheit in Sierrea Leone sei die Bestätigung für den erfolgreichen US-amerikanischen Ansatz. Mit den Einzelheiten hielt er sich nicht auf.

Ergebnis für Ziel 2 “Verbesserung der Sicherheit”: Check

Ohne Sicherheitskräfte machten wir uns auf den Weg tief ins Innere von Sierra Leone, in Richtung des Diamantengebiets im Distrikt Kono. Die einzige Gefahr, die ich wahrnehmen konnte, war die Kombination aus schlechter Strassenqualität und der Geschwindigkeit einiger Autos – nicht unbedingt anders als das, was ich von zu Hause kannte.

Da es von unserer Reise durch Sierra Leone nicht besonders viel zu berichten gab,verspürte mein Kollege den Drang, die wenigen lokalen Journalist*innen oder NGO-Aktivist*innen darüber zu belehren, wie man “dem Geld folgt”. Dies geschah mit Hilfe des LexisNexis-Service. Kostenunkt 10.000 US Dollar pro Jahr und für lokale Reporter*innen nicht erschwinglich. Dazu kamen die schlechte Internetverbindung und Computer, die von einem Benzingenerator betrieben wurden. Der heroische Kampf, dem Geld zu folgen (wenn auch im Trainingsmodus), wurde von Zeit zu Zeit durch die Notwendigkeit unterbrochen, den Generator mit Benzin für ein paar Dollar aufzufüllen.

Ergebnis für Ziel 3 “Verbesserung der kollaborativen Ermittlungsbemühungen”: check

Zu Hause in Rumänien wurde keine der in Sierra Leone entstandenen Recherchen jemals dazu verwendet, eine Story zu produzieren und zu veröffentlichen. Trotz eines fast einjährig unbezahltem Hin und Her mit dem (fest angestellten, bezahlten) Redakteur brachten wir kein Veröffentlichungsformat zustande, das den mysteriösen (besser gesagt: nicht spezifizierten) US-Standards genügte. Ausserdem wurde entschieden, dass das Risiko zu hoch sei, für ein solches Thema in London verklagt zu werden. So lautete der Rat von US-amerikanischen und britischen Anwält*innen, die mit Medienentwicklungsgeldern bezahlt wurden, die eigentlich zu unserem Gunsten in Osteuropa ausgegeben werden sollten. Welchen besseren Schutz kannst du als Journalist*in bekommen, als nichts zu veröffentlichen und obendrein auch nicht bezahlt zu werden?

Naja, wie sich später herausstellte, war nicht alles umsonst. Denn der Zweck des Ganzen war, den Fluss von Medienentwicklungsgeldern, die von USAID kamen und für den Aufbau von Kapazitäten für investigativen Journalismus im osteuropäischen “postkommunistischen” Kontext bestimmt waren, zu verstecken. Die Gelder gingen an eine Firma, besser gesagt: deren Postfach, das einer US-Firma mit Sitz in Delaware gehörte. Im Grunde eine Offshore-Struktur.

Ohne, dass ich es damals wusste, endete unser unbezahlter Auftritt in Sierra Leone in reports an USAID, aufgelistet als eines von vielen erreichten objectives. Was wurde angeblich erreicht? Kapazitätsaufbau. Und das nur, weil wir Journalist*innen aus dem Land getroffen und mit ihnen gesprochen hatten. In selben Bericht wurde das durch unsere Aktionen gewonnene Sicherheits-“Fachwissen” erwähnt und wie es angeblich sogar Journalist*innen in Mexiko angetragen wurde. Eine solche Kette kann man nicht erfinden: Öffentliche Gelder der USA > Delaware > Osteuropa > Sierra Leone > Mexiko.

Ergebnis für Ziel 4 “Wissenstransfer”: check

Viele ähnliche Vorgänge ereigneten sich in den 2000er Jahren im In- und Ausland, nah und fern, mit grösseren oder kleineren Investitionen und absurden Ergebnissen. Ich bin sicher, dass noch viele weitere Hinweise in den USAID-Archiven vergraben sind. Das oben verlinkte Beispieldokument ist ein guter Anfang, um Behauptungen zu entlarven, die das Fundament des heutigen gemeinnützigen grenzüberschreitenden investigativen Journalismus bilden. Erstaunlich, aber nicht überraschend, lässt es der Bericht so klingen, als gab und gäbe es in diesem Bereich wirklich keine Aktivitäten in Ländern wie Rumänien, ungeachtet der Tatsache, dass zum Beispiel unser rumänisches Zentrum für investigativen Journalismus fast ein Jahrzehnt vor diesem Bericht gegründet wurde, grenzüberschreitende Geschichten machte und bereits das Globale Netzwerk für investigativen Journalismus mitgegründet hatte. Cristoforo-Colombo-Techniken.

Die hier von mir beschriebenen Vorgänge waren die Anfänge eines osteuropäischen investigativen “Netzwerks”, das sich schliesslich nach Mexiko ausdehnte, wie der UN-Hotshot vorhersagt hatte. Und er dehnte sich weiter in andere Teile Südamerikas sowie Kontinente wie Afrika und Asien aus. Ein “Netzwerk”, das sich heute als die “NSA des Volkes” und das “Uber oder AirBnB des Journalismus” bezeichnet. Sie werden nicht viel über diese Anfänge lesen können, weil die Geschichte umgeschrieben und spezifische osteuropäische Beiträge herausgekürzt wurden. Wenn man von aussen schaut, sieht man nur eine glänzende Black Box.

Dieses spezifische investigative Netzwerk, das für eine kurze Zeit in Osteuropa aktiv sein und sich dann auflösen sollte, sobald lokale investigative Zentren in der Region genug Stärke gewonnen hatte – dieses Netzwerk begann, sich in Richtung des globalen Südens auszudehnen, wie nach Mexiko, indem es die in Osteuropa geleistete Arbeit dort hin verpflanzte. Zu dieser Zeit stiegen ich und meine Kolleg*innen aus. Innerhalb weniger Tage wurde eine neue “rumänische Struktur” einschliesslich einer Website aufgebaut, mit Geldern aus dem internationalen Netzwerk, das mit öffentlichen US-Geldern betrieben wurde. Wir wurden ersetzt.

Gesamtziel Capacity Building: erreicht

Abgesehen von dem Drang, den anderen zu erklären, wie man US-Tools wie z. B. teure Datenbanken benutzt, dachte ich über die Verlockung nach, mich selbst für ein paar intensive Tage in ein fernes Land auf einem anderen Kontinent abzuseilen, anstatt einheimischen Forscher*innen bezahlte Gemeinschaftsarbeit zu übertragen. Mir wurde klar, dass ich damit begann, das zu reproduzieren, was uns zu Hause angetan wurde. Und mir wurde klar, dass ich als überzeugter Anhänger solcher Netzwerke alle meine journalistischen Kritikfähigkeiten ausser Kraft setzte.

Aber wenn ich mehr als ein Jahrzehnt später über diese Reise nachdenke, wird mir auch klar, wie wir als Agent*innen einer Expansion neoliberaler Journalismus-Netzwerke aus dem Globalen Norden agierten.

Ich erkenne nun, wie meine Rolle, die mir von den US-Netzwerkbürokraten vorgeschrieben wurde, nicht die eines unabhängigen Journalisten mit einem tiefen Verständnis für post-totalitäre Gesellschaften war, sondern die eines guten Lockvogels, eines Agenten und Rekrutierers von weiteren Körpern für die Sammlung. Und wie dieses Modell in anderen Bereichen immer wieder verwendet und wiederverwendet wurde, auch auf globaler Ebene (schauen Sie sich nur das Global Network for Investigative Journalism näher an – ein weiteres “Netzwerk”, an dessen Aufbau ich und andere Osteuropäer*innen in den frühen 2000er Jahren beteiligt waren).

Unser journalistischer Output war nur ein Nebenprodukt. Das Hauptprodukt waren die Interaktionen zwischen uns selbst und den anderen Journalist*innen, die wir weiter für dieses extraktive Modell des atlantischen Journalismus rekrutieren konnten, das von der Non-Profit-Industrie finanziert wurde.

Verarbeitung kritischer Erkenntnisse: work-in-progress

Wir wurden geködert – und wir köderten selbst andere – mit irgendeiner Gig-Arbeit, sei es Recherche oder Training, aber nie mit Vollzeit-Arbeitsverträgen. Daher waren wir jederzeit entbehrlich. Geködert wurden wir mit Referent*innenpositionen auf internationalen Konferenzen und Tagungen und sogar mit der Möglichkeit, uns mit der Non-Profit-Industrie in Kontakt zu bringen, indem wir einige kleine Zuschüsse erhielten und im Zuge dessen schliesslich begannen, das System zu reproduzieren.

Unsere unabhängigen Namen und Strukturen, die wir in jahrelanger Ermittlungsarbeit an vorderster Front aufgebaut hatten, wurden als Erkennungszeichen für Erfahrung benutzt, um die in Scharen kommenden “Expert*innen” abzuschirmen, die Osteuropäer*innen beraten und verwalten wollten; “Expert*innen”, die keine Erfahrung auf diesem Gebiet hatten, die lokale Sprache nicht sprachen, etc. – die meisten von ihnen tatsächlich eher am Ende ihrer journalistischen Laufbahn. Oder noch schlimmer: Einige hatten noch nicht einmal eine Karriere im grenzüberschreitenden investigativen Journalismus begonnen, bevor sie sich in investigative Netzwerk-Trainer*innen und Bürokrat*innen verwandelten, wie bei diesem Beispiel, bei dem “Stand up Comedy” relevante Erfahrung auszeichnet.

Ich frage mich, wie viele Missstände sich in solchen männergeführten Hierarchien verbergen, abgesehen vom unverhohlenen Rassismus, den ich erlebt habe. Mir wurde immer das Gefühl gegeben, dass es ein Geschenk sei, dass ich an den Tisch gelassen wurde – während wir in Wirklichkeit diesen Expert*innen, Trainer*innen und Bürokrat*innen jahrzehntelang ein festes Einkommen beschert haben, genau die Jahrzehnte, in denen in der journalistischen Industrie des Globalen Nordens zehntausende von Arbeitsplätzen verloren gingen. Als Beispiel: Das Gehalt für einen investigativen Non-Profit-Manager liegt zwischen 100.000 und 250.000 US-Dollar pro Jahr, bei den produktivsten Fundraising-Organisationen wie ICIJ, OCCRP oder GIJN.

All das war getarnt hinter einer ständigen Belehrung durch journalistische Evangelisten des Globalen Nordens, die behaupteten zu wissen, wohin wir, die “postkommunistischen” Nachzügler*innen, gehen sollten, und der ständigen Darstellung der Menschen in Osteuropa als romantische Wilde (sowohl die korrupte Führungsriege und ihre Schläger*innen als auch die mutigen Journalist*innen, die sie bekämpfen).

Das hatte in meiner Region einen grossen Einfluss auf die Generation von Journalist*innen, die in den 1980er Jahren hinter dem Eisernen Vorhang aufgewachsen ist. Wir verschwendeten unsere Zeit damit, anderen zu helfen, eine Karriere und Geschäftsmodell aufzubauen, das sich um die Ausbildung und das Management von “Wilden”, ihren Ideen und ihren Projekten drehte, um die Gewährung, Vergabe und Kuratierung von Bewerbungen, Preisen und Stipendien. All diese Aktivitäten übernahmen langsam, aber stetig die anfängliche Idee, sich über Grenzen hinweg mit Kolleg*innen zu verbinden, die mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben. Es bildeten sich Hierarchien heraus, aber auch Abhängigkeiten und schliesslich wurde die Kontrolle übernommen.

Ich wachte auf und stellte fest, dass ich auf einem neoliberalen Zug sass, der gerade dabei war, Journalismus und Dissens rund um den Globus zu verdrängen. In einem solchen Ausmass hat sich dieses Modell international verbreitet, dass andere Mächte begannen, es zu kopieren und ihm ihren eigenen politischen Dreh zu geben, was natürlich diesmal vom “ethischen Imperialismus” des Westens kritisch bewertet wurde.

Glücklicherweise ist es vor allem weissen, meist männlichen, englischen Muttersprachlern möglich, auf diesem Zug Karriere zu machen. Für deren Vertreter*innen gibt es nur wenige Plätze in dieser neuen Nomenklatura. Ich sage glücklicherweise, weil das bedeutet, dass es immer mehr Menschen aus den Rändern geben wird, die verstehen werden, dass die derzeitigen gemeinnützigen grenzüberschreitenden Investigativnetzwerke nichts anderes sind als ein hübsch gemachtes Schneeballsystem, das sich auf die ständig wachsende Flut von Angeboten, Bewerbungen, Projektvorschlägen, Zuschüssen, Auszeichnungen, Stipendien und Feldarbeit stützt, die die Existenz einer bürokratischen Oligarchie und einer Kohorte von globalen Expert*innen, Berater*innen und Ausbilder*innen rechtfertigen.

Es überrascht nicht, dass als Reaktion auf solche kritischen Überlegungen schnell die Ablehnung durch die internationalen grenzüberschreitenden journalistischen Machtstrukturen folgt. Nachdem ich Kritik geäussert hatte, wurde mein Zugang zu dem globalen Netzwerk, das ich mitgestaltet habe, eingeschränkt. Ich wurde nicht mehr als Redner eingeladen und konnte nicht mehr in den Konferenzkreis gelangen. Als ich weitere Kritik äusserte und Transparenz und Governance-Regeln forderte, wurde die gesamte Diskussionsgruppe der Global List abrupt auseinandergenommen und privatisiert. Seit letztem Jahr sollten die Teilnehmer*innen beim Beitritt zur Gruppe akzeptieren, dass die Gruppe “nicht ideologischen Diskussionen” dient, was Hand in Hand mit der Idee geht, dass “Geld am besten aussen vor bleibt” als Voraussetzung für die Teilnahme an grenzüberschreitenden Recherchen.

Aber die erschreckendste Erkenntnis, wie weitreichend diese unkritische Gehirnwäsche geworden ist, ist, wie wir uns selbst in eine Position der Abhängigkeit bringen. Als wir ein Projekt starteten, um unterbelichtete Geschichten aus der Schwarzmeerregion zu dokumentieren, entschieden wir uns als alleinige rumänische Initiator*innen dafür, die journalistische Website in englischer Sprache zu starten. Das machte uns sowohl von Muttersprachler*innen als Redakteur*innen als auch von internationalen Spender*innen abhängig, die uns finanzieren.

Den Kreislauf schliessen und neu anfangen: fertig und fertig

Diese bisherigen Überlegungen sollen einen Beitrag zu Black Box East leisten, indem sie die Gründe dafür beleuchten, dass drei Jahrzehnte und Hunderte von Millionen an Medienfördergeldern im “postkommunistischen” Raum Osteuropas eigentlich nichts bewirkt haben. Wenn man sich das Erstarken der extremen Rechten und der autoritären Führer ansieht, sieht es sicherlich so aus, als ob die Demokratie nicht wie versprochen und erwartet verpflanzt wurde. Es gibt auch keine wirklichen und starken unabhängige journalistische Institutionen in der realen Welt (heisst: ausserhalb der Papiere), die innerhalb der Blasen der Medienhilfsindustrie entstehen. Es gibt keine wirkliche Solidarität zwischen unabhängigen Gruppen von Journalist*innen, die grosse Mehrheit ist ausgebrannt durch das Schreiben von Anträgen, um irgendwelche Gig-Arbeiten oder Newsletter für Crowdfunding-Kampagnen machen zu dürfen.

Ebenso gibt es keine Solidarität zwischen Journalist*innen und osteuropäischen Menschen, die an den Rändern kämpfen, zu Hause oder im Ausland. Das war zu erwarten, denn das eigentliche Publikum für die Non-Profit-Medien sind nicht die Menschen. Menschen sind nur Datenpunkte für KPIs in irgendeiner Tabellenkalkulation, die in den Logical Framework Approach einfliesst. Andererseits, Journalist*innen oder nicht, die Menschen aus Osteuropa füttern die neoliberale Maschinerie der Globalisierung als billige, ausgelagerte Arbeiter*innen, die auf Feldern oder hinter Computerbildschirmen arbeiten.

Aber es gibt einen Silberstreifen am Horizont. Und der kommt aus Mexiko, ein Land, das noch heute von meinem grossartigen, in Sierra Leone erworbenen Fachwissen profitiert! Nach jahrzehntelangen Kämpfen, die durch das Aufbegehren gegen den globalisierten Neoliberalismus initiiert wurden, verliess eine Caravana Zapatista Mexiko, um nach Europa zu reisen. Sie sind eine Inspiration dafür, wie man den Spiess umdrehen kann, indem man sich den Kämpfen anderer anschliesst.

Nach Jahrzehnten des globalisierten Neoliberalismus im grenzüberschreitenden Journalismus müssen wir einfach unsere eigenen Geschichten erzählen und den Geschichten anderer Menschen zuhören, die das Innere des Mainstream-Narrativs des Globalen Nordens entlarven. Wäre meine Reise nach Sierra Leone von solchen Geschichten inspiriert gewesen, hätte ich sie ganz anders organisiert, wenn überhaupt. Seien Sie sicher, dass es keine Finanzierung für solchen Dissens geben wird. Stattdessen wird es eine Menge Widerstand dagegen geben. Die Nomenklatura des Globalen Nordens sollte einen Schritt zurücktreten, aber zu glauben, dass sie dies von heute auf morgen von selbst tun wird, wäre naiv.

Als ich anfing, dieses Feld für einen akademischen Output kritisch zu dokumentieren, bekam ich zu hören, dass ich, was die Chefs der wichtigsten investigativen Netzwerke betrifft, auf jedermanns Shit-Liste stünde. Ich bin stolz, dort zu sein! Sie werden mich dort auch antreffen, wenn sie denken, wir sollten unsere Geschichten unbedingt “zusammenführen”.

Stefan Candea
berlinergazette.de

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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