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Patriotistische Strömungen in Polen, Ungarn und der Türkei Hier gedeiht Nationalismus besonders gut

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Nicht alle Länder sind in gleichem Masse von nationalistischen Bewegungen bedroht. Ein Blick in die Geschichte liefert Erklärungen.

Jaroslaw Kaczynski, heimlichunheimlicher Regisseur des polnischen Nationalismus.
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Bild: Jaroslaw Kaczynski, heimlich-unheimlicher Regisseur des polnischen Nationalismus. / Piotr Drabik (CC BY 2.0 cropped)

8. Mai 2017

08. 05. 2017

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Auch wir in der Schweiz wissen es: Patriotismus – oder eben Nationalismus, was so ziemlich das gleiche ist – gedeiht dort am besten, wo der politische Acker mit Helden-Mythen gedüngt wird. Es ist kein Zufall, dass SVP-Vordenker Christoph Blocher sich immer wieder die Zeit nimmt, vor seinen Verehrern und Geistesverwandten Vorträge über bekannte – manchmal auch weniger bekannte – Persönlichkeiten der Schweizer Geschichte zu halten. Das hilft ihm, unser Land als Verwirklichung einer siebenhundert Jahre alten Unabhängigkeitsidee erscheinen zu lassen und verherrlichen zu können – unbeachtet der Tatsache, dass die Schweiz meist total fremdbestimmt war. Es sind nicht zuletzt Geschichtsmythen und daraus abgeleitete Gebiets- und/oder Unabhängigkeitsansprüche, die im harmloseren Fall zu Nationalismus, im dramatischeren Fall zu kriegerischen Auseinandersetzungen führen. Die Ukraine etwa, China und auch Israel sind anschauliche Beispiele.

Besonders anfällig für Nationalismus sind jene Länder, die einmal gross und mächtig waren, jetzt aber geopolitisch kaum mehr eine Rolle spielen. Polen zum Beispiel war in guten Zeiten ein grosses Reich, ein echtes Imperium.

Und was ist Polen heute?

Oder Ungarn. Das Königreich Ungarn war innerhalb der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn bis 1914 gut und gerne dreimal grösser als das heutige Ungarn. Und was ist Ungarn heute? Nur gut doppelt so gross wie die Schweiz, knapp 10 Millionen Einwohner und eine Wirtschaft, die vor allem dank AUDI, Mercedes und Opel und einer massiven Abwertung des Forint noch einigermassen funktioniert.

Oder noch ein Beispiel: die Türkei! Das Osmanische Reich reichte einmal von Wiens Stadtrand im Westen bis nach Persien im Osten, von Podolien in der Ukraine im Norden bis zur heutigen Grenze Ägypten/Sudan im Süden.
Jaroslaw Kaczynski, heimlichunheimlicher Regisseur des polnischen Nationalismus.

Bild: Das Osmanische Reich zur Zeit seiner grössten Ausdehnung im 17. Jahrhundert. / André Koehne (CC BY-SA 2.0)

Und was ist die Türkei heute? Selbst die der Türkei direkt vorgelagerten Inseln Lesbos, Chios, Samos, Kos und Rhodos gehören heute zu Griechenland. Ein geeignetes Thema für einen Autokraten, um nationalistisch Stimmung zu machen!

Der Blick zurück hilft

Dass vergangene Zeiten, vor allem Zeiten der kulturellen Hochblüte und der maximalen politisch-geographischen Ausdehnung, nicht so leicht vergessen gehen und zumindest im kollektiven Unterbewusstsein der Bevölkerung noch über Jahrhunderte nachwirken können, wird gerade heute wieder offensichtlich. Dass Europas Länder seit mehr als einem halben Jahrhundert fixe Grenzen haben, ist denn auch ein recht neues Phänomen.

Der historische Blick zurück hilft, das Entstehen von nationalistischen Strömungen besser zu verstehen. Wobei «verstehen» nicht heisst, dass diese nationalistischen Strömungen damit auch gutgeheissen werden müssen. Sie basieren vielerorts auf dem Treiben machthungriger Politiker, sind oft hoch emotional und gefährden gerade deshalb das friedliche Miteinander innerhalb des Landes, aber auch den Frieden mit den Nachbarländern. Der jetzige Friede in Europa ist keine Selbstverständlichkeit!

WIE sich Europa in den letzten Jahrhunderten verändert hat, WIE sich die Grenzen verschoben haben, das zeigt (seit dem Jahr 700 n.Chr.) diese lebendige Karte. Eine höchst anschauliche, informative und kurze Lektion (Zeitaufwand weniger als 200 Sekunden)!

Christian Müller / Infosperber

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