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Rehabilitierung des Faschismus Erinnerungsakkumulation: Wie identitäre Geschenke ökonomischen Raub vergessen machen sollen

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Der Glaube, dass Nationalismus für “uns” die Erfüllung aller Sehnsüchte und für “die anderen” Tod und Verderben bedeuten kann, ist in westlichen Diskursen verbreitet.

Besuch des US-amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan am 5.
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Bild: Besuch des US-amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan am 5. Mai 1985 auf der Kriegsgräberstätte Bitburg-Kolmeshöhe (49 der 2.000 deutschen Soldaten, die auf dem Friedhof begraben sind, waren Mitglieder der Waffen-SS) in Bitburg, zusammen mit Bundeskanzler Helmut Kohl. Demonstrant mit einem Schild mit dem Text „Warum Mr. Präsisent? Warum besuchen Sie einen Friedhof, auf dem Mitglieder der SS begraben sind?“ / Elke Wetzig (CC BY 2.0 cropped)

26. Juli 2021
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Entsprechend werden die Bilder jubelnder Menschen angesichts der “deutschen Einheit” und Bilder des Krieges vom im Zerfall begriffenen Jugoslawien gegenübergestellt. Dabei wird der gemeinsame Nenner dieser Bilder unterschlagen: nach der Auflösung des Ostblocks war die Expansion des Neoliberalismus – ob in Berlin oder Belgrad – nur durch die Vereinnahmung des Gedenkens durch völkische Narrative möglich. Der politische Theoretiker Gal Kirn zeigt, dass “der Feind” emanzipativer Politiken keine Grenzen kennt, obwohl er fortwährend damit beschäftigt ist, (identitäre) Grenzen zu markieren:

30 Jahre sind vergangen, seitdem die Folgen des Mauerfalls auch Jugoslawien erreichten: Was bis dahin als enthusiastische Welle der Demokratisierung und der friedlichen Demontage des Sozialismus angesehen wurde, hat im ehemaligen Jugoslawien eine viel unruhigere und undurchsichtigere Dynamik. 1990/1991 wurden in allen Republiken demokratische Wahlen abgehalten, und die siegreichen politischen Parteien machten sich nicht nur den Nationalismus der entstehenden neuen Staaten zu eigen, sondern mobilisierten ihre Bevölkerungen auch zu ethnischen Kriegen. An die Stelle der Bilder von der Berliner Mauer traten bald die Zerstörung der alten Brücke in Mostar, die belagerte Stadt Sarajevo sowie eine Reihe von Konzentrationslagern und Völkermorden. Der Sozialismus, und schliesslich auch Jugoslawien, waren aus der Welt.

Viele kritische Forscher*innen waren sich über die grausamen Seiten des Übergangsprozesses einig. Je nach Methodik und politischer Zugehörigkeit teilten sie ihre theoretische Arbeit auf zwei Herangehensweisen auf. Der erste theoretische Ansatz konzentrierte sich auf die Analyse und Kritik der nationalistischen Ideologie, der Instrumentalisierung von Medien und Staat und forderte den Schutz von Menschenrechten und Minderheiten. Der zweite Ansatz hingegen konzentrierte sich vor allem auf die Kritik des Übergangs zum Kapitalismus und verwies auf Formen der wirtschaftlichen Enteignung, den Abbau des sozialistischen Wohlfahrtsstaates und die Re-Peripherisierung grosser Teile des ehemaligen Jugoslawiens, die im europäischen Integrationsprozess noch verstärkt wurde.

Existenzgrundlagen rauben, identitäre Grenzen schenken

Die politische Hypothese, die darauf abzielt, diese beiden Ansätze zu vereinen, lautet: Je mehr die ehemaligen jugoslawischen Länder in die Prozesse der wirtschaftlichen Enteignung und Krise gerieten, desto mehr bestand für die herrschende Klasse die Notwendigkeit, sich an der Neuerfindung der nationalen Tradition und der Wiederaneignung der nationalistischen Vergangenheit zu beteiligen. Während die Zukunft an ausländische Direktinvestitor*innen und Finanzspekulant*innen verkauft wurde, musste die Aufmerksamkeit der neuen Nationalstaaten auf ein anderes Gebiet der Spekulation gelenkt werden: auf die Erfindung ihrer glorreichen Vergangenheit.

Eine erweiterte theoretische Hypothese, die das Ökonomische und das Ideologische zusammenliest, erweitert Karl Marx’ Konzept der “ursprünglichen Akkumulation des Kapitals”, das er in den allerletzten Kapiteln seines Hauptwerks “Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie” (1867-1883) einführte. Hier demontiert Marx den bürgerlichen Mythos vom Ursprung des Kapitalismus, der in der Unternehmerfigur des Robinson Crusoe oder in Adam Smiths “unsichtbarer Hand” des Marktes verortet ist. Dann zeigt er, dass im Gegensatz dazu eine Reihe von historischen Voraussetzungen den Aufstieg der kapitalistischen Produktionsweise ermöglicht hat. Was Marx uns also zu denken gibt, ist, dass sich die kritische Forschung weniger mit einer “reinen ökonomischen Genese” befassen sollte, als vielmehr mit einer Analyse der nicht-ökonomischen Zwänge, einschliesslich der Rechtspolitik (z.B. die Enteignung von kommunalem Land), der Formen staatlicher Gewalt und des Kolonialismus (z.B. die Ausdehnung des Marktes und die Garantierung von Ressourcen).

Wenn all dies unter dem Begriff “ursprüngliche Kapitalakkumulation” subsumiert wird, dann ist dieses Konzept nicht nur für die historische Bewertung der “Ursprünge” der kapitalistischen Produktionsweise nützlich. Es ermöglicht uns auch die Beobachtung sich wiederholender “ursprünglicher” Muster der Kapitalakkumulation im Zusammenhang mit sehr gewaltsamen Massnahmen innerhalb jedes Zyklus von Systemkrisen.

Im post-jugoslawischen Kontext lässt sich Folgendes beobachten: Während die “ursprüngliche Akkumulation” des Kapitals einen neuen Anlauf nimmt, nimmt ein Prozess Gestalt an, den ich als “ursprüngliche Akkumulation der Erinnerung” durch den Staat bezeichne und der stark mobilisierende Kräfte entfaltet. Die “Akkumulation des Erinnerung” durch den Staat kann als der Einsatz verschiedener Grade symbolischer Gewalt in Bezug auf die Vergangenheit definiert werden.

Dies war beispielsweise mit der physischen Zerstörung von Partisan*innendenkmälern und Büchern aus der Zeit des Sozialismus verbunden, mit der Umbenennung von Strassen und Schulen und auch mit der Auslöschung von Ideen, die an blockfreie, modernistische, partisanische und sozialistische Figuren und Zeiten erinnerten. Verstärkt wurde dieser Prozess durch die ethnische und rechtliche Ausmusterung von Menschen, die nicht der dominanten Ausrichtung der neu imaginierten Nationalstaaten entsprachen – ein grosser konservativer Backlash, der nicht einzigartig war, sondern auf einer allgemeineren Welle des Geschichtsrevisionismus in den 1980er Jahren in Europa surfte.

Rehabilitierung des Faschismus

Da wir dies im deutschen Kontext diskutieren, ist es entscheidend zu erwähnen, dass die allerersten “heroischen” Impulse zur Gedenkstättenregression auf die nouveaux philosophes, die die französischen Debatten dominierten, und insbesondere auf den (west-)deutschen revisionistischen Historiker Ernst Nolte zurückzuführen sind. Die Position, die Nolte und seine Anhänger*innen im “Historikerstreit” vertraten, war, dass der Holocaust nicht einzigartig war und die Deutschen deshalb keine besondere Schuld an der “Endlösung der Judenfrage” tragen sollten.

Im politischen Geschehen geht diese Verschiebung in der Erinnerungspolitik, die den Faschismus am offensten rehabilitierte, auf die Bitburg-Kontroverse im Jahr 1985 zurück. Der westdeutsche Bundeskanzler Helmut Kohl organisierte einen Besuch und eine Gedenkveranstaltung auf dem Bitburger Friedhof mit US-Präsident Ronald Reagan. Der Besuch sollte dem 40. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs in Europa gedenken, rief aber erhebliche Kritik von jüdischen Gemeinden in den Vereinigten Staaten und weltweit hervor, als bekannt wurde, dass 49 der 2.000 deutschen Soldaten, die auf dem Friedhof begraben sind, Mitglieder der Waffen-SS waren – dem militärischen Arm der Schutzstaffel (SS) von Nazi-Deutschland.

Es spielte keine Rolle, dass Nolte und Co. im “Historikerstreit” der späten 1980er Jahre letztlich akademisch besiegt wurden. Wie bei der “Wiedervereinigung” Deutschlands und dem Untergang des Sozialismus wurde diese revisionistische Geschichtsschreibung bald in eines der mächtigsten Narrative der neuen Nationalstaaten im ehemaligen Osten und der jüngsten Musealisierung der Vergangenheit des sozialistischen Europas übersetzt. Daher kann der Aufstieg und die Ausbreitung des neoliberalen Kapitalismus in dieser Zeit als ein doppelter Angriff verstanden werden: einerseits als polit-ökonomischer Angriff auf den Wohlfahrtsstaat, andererseits als neokonservativer Angriff auf die emanzipatorischen Narrative der Vergangenheit.

Kriegskapitalismus

Dies vorausgeschickt, ist der Geschichtsrevisionismus eng mit einer Politik verbunden, die der “Erfindung der Tradition” (Hobsbawm) dient. Im postjugoslawischen Kontext fixierte eine solche Politik die Nation eindeutig auf ihre imaginäre vormoderne Authentizität und schmiedete ein untrennbares Band zwischen “Nation” und “Religion”. Der neu-alte double bind materialisierte sich in den folgenden Zuschreibungen: Kroatisch-Katholisch, Serbisch-Orthodox, Bosnisch-Muslimisch, Slowenisch-Katholisch usw. Die ursprüngliche Kapitalakkumulation wurde im Namen der Nation vollzogen und enteignete die Menschen ihrer Mittel der gesellschaftlichen Teilhabe; als solche war und ist sie untrennbar mit der Erinnerungsakkumulation durch den Staat verbunden.

Eines der Paradoxe des Übergangsprozesses besteht darin, dass die Erinnerungsakkumulation durch den Staat Gefühle des Nationalstolzes und des ethnischen Hasses verstärkte, während gleichzeitig die ursprüngliche Akkumulation des Kapitals in den neuen Nationalstaaten die Menschen ihres gesellschaftlichen Eigentums enteignete. Kurz gesagt: Die Entnationalisierung (wie sie vom globalen Kapital katalysiert wurde) beraubte die Menschen ihrer materiellen Basis und ihres “Nationalstolzes”, wie Rechtspopulisten trompeteten. Gleichzeitig waren es genau jene Kompradorenbourgeoisie, die – den strategischen Investitionen des ausländischen Kapitals entgegenkommend – am lautesten war, wenn es um die Verteidigung der nationalen Interessen und des wahren Patriotismus ging.

Im konventionellen Marxschen Verständnis ist es die ökonomische Instanz, die andere Instanzen (z.B. Politik, Ideologie, Kultur) bestimmt. Doch in den Bürgerkriegen der 1990er Jahre wurde das Wechselspiel zwischen diesen Instanzen durch die ” ursprüngliche Akkumulation des Gedächtnisses ” des Staates bestimmt. Diese wurde zur entscheidenden Voraussetzung für den neoliberalen Wirtschaftswandel.

In diesem Licht können die Kriege, die im ehemaligen Jugoslawien von 1991 bis 2001 geführt wurden, als die ultimative “Verausgabung” – Verschwendung und Zerstörung – von Menschen, aber auch von Ressourcen, Infrastruktur und Reichtum, die im Sozialismus akkumuliert worden waren, sowie als ein ununterbrochener massenhafter Braindrain aus der Region gesehen werden.

Dieser “Kriegskapitalismus” brachte enorme Mengen an De/Akkumulation des gesellschaftlichen Reichtums mit sich. In der Tat waren enorme Mengen an Gewalt nötig, um die sozialistische Selbstverwaltung zu demontieren. Eine solche bellizistische Ökonomie holte und rehabilitierte auch die besiegten Faschisten und lokalen Kollaborateure aus dem Zweiten Weltkrieg wieder hervor, die sich mancherorts sogar als die wahren Patrioten der jeweiligen Nationen feiern liessen. Diese besiegten Geister trugen alle Wappen und Slogans und wurden in diesen Kriegen und in diese “Phase des Übergangs” sehr lebendig: Die Tschetniks, Ustascha, Home Guards und andere erhielten neue Denkmäler, Bücher, Ausstellungen, Serien und Lieder.

Den unvollendeten Prozess affirmieren

Mit der jüngsten Verschärfung der kapitalistischen Krise, die mit einer allgemeinen Hinwendung zum Rechtspopulismus in ganz Europa im Zuge der sogenannten “Flüchtlingskrise” 2015 einhergeht, ist das Narrativ der offenen Rehabilitierung des Faschismus und des lokalen Kollaborationismus auf dem gesamten Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens wieder auf dem Vormarsch, wie Marina Gržinić und viele andere beobachten. Dies ist zweifelsohne eine düstere Landschaft, die keinen politischen Enthusiasmus, keine Hoffnung oder Inspiration für die unmittelbare Zukunft auslöst.

Doch allen Widrigkeiten und schwierigen Umständen zum Trotz gab es im letzten Jahrzehnt auch eine beeindruckende Menge an kritischer Theorie, politischen Initiativen, Kunstkollektiven und Werken, die sich mit alternativen politischen Vorstellungen beschäftigt haben. Aufstände gegen die korrupten (fast immer männlichen und weissen) Führer, die Vereinigung über ethnische Grenzen hinweg, die Neuvorstellung und Praxis von Arbeiter*innensolidarität mit oder ohne Gewerkschaften und vor allem eine starke Kritik an dem Übergangsmärchen, das Wohlstand und Demokratie bringen sollte.

Über das gesamte geokulturelle Spektrum des ehemaligen Jugoslawien hinweg gibt es in vielen Grossstädten beeindruckende urbane Kämpfe. Ausserdem treten die ersten politischen Parteien, die sich nicht scheuen, den Sozialismus zu bejahen, auf kommunaler oder nationaler Ebene an. Neue Generationen – unbelastet von den totalitären Gespenstern und der Dämonisierung des Sozialismus – wachsen heran. Für viele Leute wird die Mobilisierung von Teilen der parteilichen, bündnisfreien und selbstverwalteten Vergangenheit zu einem wichtigen Anker für die Intervention in gegenwärtige Kämpfe.

Trotz des rutschigen Feldes der Jugo-Nostalgie müssen die Unterdrückten, wie Walter Benjamin gut dargelegt hat, ihre Geschichte rekonstruieren und pflegen, sowohl die der Niederlagen als auch die der Siege. Vergangene Figuren wieder auferstehen zu lassen bedeutet, sie nicht in Marmor einzufrieren und zu idealisieren, sondern sie zu unseren – parteilichen – Zeitgenossen zu machen, zu imaginären Partner*innen beim Aufbau einer besseren Welt.

Gal Kirn
berlinergazette.de

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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