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Trauer und Entsetzen, das Gefühl von Hilflosigkeit – und purer Wut Griechenland: Moria ist keine Tragödie

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Wie in vielen Städten Europas wurde nach dem Brand auf Lesbos auch in Münster spontan demonstriert. Wir dokumentieren hier einen leicht um den Teil, der sich nur auf Münster bezieht, gekürzten Redebeitrag des Bündnis gegen Abschiebungen Münster.

Alltagsszene im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos, Griechenland, September 2020.
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Bild: Alltagsszene im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos, Griechenland, September 2020. / Faktengebunden (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

13. September 2020

13. 09. 2020

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Als fühlende Menschen sind wir tief traurig angesichts einer solchen Flammenhölle, die tausenden entrechteten Menschen die allerletzten Ressourcen nimmt, ihnen höchstens noch das nackte Leben lässt. Wir sind auch entsetzt, dass sich solch ein Unheil im Jahr 2020 im vermeintlich aufgeklärten Europa ereignen kann. Schon hören wir die ersten Stimmen aus der grossen Politik: So etwas dürfe sich nie wiederholen. Dies sei die letzte Warnung gewesen, um zu einer – verzeiht, wenn ich kotze – „humanitären Flüchtlingspolitik“ überzugehen. Diese betäubenden Parolen hören wir seit endlosen Jahren.

Und wenn sich dann kurz das Gefühl einstellt, dass die Kämpfe, mit denen wir diese himmelschreiende, todbringende Ungerechtigkeit immer wieder beantwortet haben, dass diese Kämpfe zu nichts führen – gerade dann ist es notwendig, dass wir uns neu austauschen, dass wir uns gegenseitig versichern, vor allem auch von Münster aus kein Recht auf Resignation zu haben. Das wäre der einfache Ausweg – uns aber führt das Gefühl von Hilflosigkeit geradewegs zu jener tiefsitzenden Wut, die die Verhältnisse nicht weiter hinnimmt.

Und genau weil wir die Verhältnisse in der Tiefe hinterfragen, ist dies keine blinde Wut. Im Gegenteil, wir versuchen immer wieder neu zu verstehen, wie die Zahnräder der Entrechtung ineinander greifen. Dabei gehen wir vor allem auch über teils kritische aber am Ende dem Mythos Europa verfallene Analysen hinaus. „Das Feuer ist eine Tragödie und trifft die Schwächsten“, titeln bereits die grossen Zeitungen und fordern neue Finanz- und Kontingentangebote durch die Bundesregierung.

Dies ist zwar gut gemeint, hält aber am Ende den paternalistischen und neoliberalen Standortnationalismus unserer Zeit aufrecht. Denn erstens ist Moria keine „Tragödie“, kein tragischer Schicksalsschlag, sondern politisch provoziert und menschengemacht. Und zweitens ist die Bundesrepublik der wirtschaftliche und programmatische Motor der EU. Symbolische Hilfsangebote verbieten sich; universale Verantwortungsübernahme für das ungezählte Leid müsste das Gebot der Stunde sein.

Damit gehen wir davon aus, dass es sich bei Moria um das Resultat einer in erster Linie ökonomisch motivierten Politik handelt, die sich alles einverleiben soll und in dem Zuge eine umfassende rassistische Wirkweise entfacht – von der internationalen über die bundesdeutsche bis hin zur lokalen Ebene. Und dass diese Art der Politik über Leichen geht, kommt nicht von ungefähr, sondern ist historisch angelegt.

So ist die EU als Hort von Reichtum und Macht nicht vom Himmel gefallen, sondern basiert auf Jahrhunderten kolonialer Ressourcen-Plünderung und menschlicher Ausbeutung auf anderen Kontinenten. Allein schon die Geschichte müsste echte, grenzenlose Offenheit zum europäischen Prinzip machen, gegenüber all den Menschen, denen millionenfach Ungerechtigkeit und Schmerz zugefügt wurde. Doch das Gegenteil ist der Fall.

Die Union verhandelt heute mit afrikanischen Ländern über Freihandelsabkommen, die den EU-Mitgliedstaaten massenhaften Zugang zu neuen Märkten eröffnen und einheimischen Anbieter*innen ihre Existenzgrundlage nehmen. Weigern sich diese Länder, die ungleichen Bedingungen zu akzeptieren, wird mit Kürzung von Entwicklungshilfe gedroht. Das Primat des europäischen Wachstums lebt noch immer auf und von den Ruinen unterworfener Erdteile, wodurch Fluchtursachen niemals bekämpft sondern immer nur weiter geschaffen werden können. Doch in einem beispiellosen Akt des Verantwortungsentzugs beauftragt die EU mit Frontex eine unabhängige Grenzschutz-Agentur, um sich selbst weiter zum Saubermann zu stilisieren.

Neben einer hochgerüsteten Flotte und modernster Radar- und Waffentechnik unterhält Frontex auch eine eigene Geheimdienstabteilung, die mit den Geheimdiensten von 30 afrikanischen Staaten kooperiert, darunter sämtliche Regime, auf die landauf, landab mit dem Finger gezeigt wird – Libyen, Eritrea, Sudan, die Liste geht weiter. Heuchlerisches Outsourcing der Drecksarbeit – und feierliche Entgegennahme des Friedensnobelpreises.

Auf bundesdeutscher Ebene verlieren wir keine weiteren Worte über den Innenminister dieses Landes, das so unglaublich reich an kultureller Vielfalt ist – einen Innenminister aber, der Migration als „Mutter aller Probleme“ bezeichnet und so den Rassismus schürt. (…)

Eine Nobelpreisträgerin also, die mit den brutalsten Autokraten kooperiert; ein nationalistischer Innenminister; eine Friedensstadt, die auf ihrem Boden ein Lager errichtet hat. Wir müssen diese Elemente der breiteren autoritären Formierung in ihren Kontinuitäten verstehen und kritisieren – und dann erkennen wir auch: Moria ist keine griechische Tragödie! Moria ist ein Lehrstück des durchdringenden, gewaltvollen und gesamteuropäischen Zynismus, deren einzelne Glieder sich wechselseitig ergänzen und stabilisieren!

Redaktion
graswurzel.net

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