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Die eigene Geschichte wird verdrängt! Fremdenhass in Ungarn

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Das Propagieren von Fremdenfeindlichkeit ist der sicherste Weg zum politischen Erfolg. Immer und überall. Ein Blick nach Ungarn.

Viktor Orbán am Wahlabend in Budapest, April 2018.
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Bild: Viktor Orbán am Wahlabend in Budapest, April 2018. / Elekes Andor (CC BY-SA 4.0 cropped)

10. April 2018

10. 04. 2018

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Ungarn: Nicht viele Länder Europas haben eine so wechselvolle Geschichte wie Ungarn. Schon dass die ungarische Sprache keine indogermanische Sprache ist – sie unterscheidet sich nicht nur in den Wortstämmen von den meisten anderen europäischen Sprachen, sondern auch in der Grammatik – ist ein Hinweis darauf, dass die Magyaren relativ spät eingewandert sind – vermutlich aus dem Gebiet des Urals, auf alle Fälle aus dem Osten. In den 1930er Jahren sympathisierten die Ungarn zunehmend mit Hitler-Deutschland, traten 1941 an der Seite von Deutschland in den Krieg gegen die Sowjetunion ein und wurden – nicht zuletzt als Folge der Parteinahme für Hitler-Deutschland – aufgrund des Vertrages von Jalta Anfang 1945 dem Einfluss- und Herrschaftsgebiet der Sowjetunion zugeteilt.

1956 kam es in Ungarn zum Aufstand gegen die Sowjetunion. Es wurde eine neue Regierung eingesetzt. Das wiederum wurde von Moskau nicht toleriert, die sowjetischen Truppen rückten an, es kam zu heftigen Kämpfen. Der Aufstand der Ungarn wurde innerhalb weniger Tage mit Waffengewalt total niedergewalzt, die Zahl der Toten – beidseitig – wird auf über 3000 geschätzt. Die Anführer des Aufstandes und viele Andere wurden hingerichtet. Und nicht zu vergessen: Über 200'000 der damals etwa 10 Millionen Ungarn flüchteten nach Österreich und weiter nach Westen in andere europäische Länder, zum Teil auch weiter in die USA.

Der Schweizer Historiker Andreas Oplatka, dessen eigene Familie 1956 als Flüchtlinge in die Schweiz kam, sagte in einem Interview mit swissinfo im Jahr 2006 wörtlich: «Die Schweizer Bevölkerung hat 1956 die Flüchtlinge aus Ungarn und 1968 die Tschechen grosszügig aufgenommen. Daher haben sie sich so gut integriert. Erleichtert wurde die Integration auch durch das hohe Bildungsniveau der Flüchtlinge. Obwohl es gewisse Mentalitätsunterschiede gibt, teilen wir weitgehend die humanitären und kulturellen Werte Westeuropas.»

Die «humanitären Werte Westeuropas» – und heute?

Tempi passati. Am Wochenende hat der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán mit seiner nationalistischen und fremdenfeindlichen Fidesz-Partei die Wahlen in Ungarn haushoch gewonnen. Und warum denn das? Orbán hat im Wahlkampf auch diesmal klar auf eine Karte gesetzt: auf den Fremdenhass, auf die Zustimmung zur Schliessung der Grenzen gegen Osten, auf die Zustimmung der ungarischen Politik, sich an der Aufnahme von Flüchtlingen aus dem Krieg in Syrien nicht zu beteiligen, zusammen mit Polen, Tschechien und der Slowakei – die sogenannten Visegrad-Staaten – jede Flüchtlingsaufnahme zu verweigern, entgegen allen Forderungen, Empfehlungen und Bitten aus Brüssel, einen angemessenen Anteil zu übernehmen.

Soll man da einfach zuschauen?

Ungarn ist als Reiseland bei vielen Westeuropäern beliebt – aus einem ganz einfachen Grund: Für einen Euro erhält man in Ungarn fast doppelt so viel wie in Italien und gut dreimal so viel wie in der Schweiz.

Also nix wie los nach Ungarn! Auch der ungarische Wein ist so schlecht ja nicht und der ungarische Salami ist sogar über die ungarischen Grenzen hinaus bekannt. Schützen- und andere Männer-Vereine wussten es sogar schon vor 1990, dass Budapest eine Reise wert war, auch die Prostitution war in diesem Land immer preiswert – und Ungarisch musste man dazu ja nicht sprechen können … Der Tourismus, in all seinen Formen und Facetten, in Budapest, am Plattensee, in der Puszta, ist für Ungarns Wirtschaft heute wie schon seit vielen Jahren extrem wichtig.

Die Europäer hätten es in ihrer Hand

Spätestens nach den neusten Wahlresultaten wäre ein Fingerzeig an die Adresse der ungarischen Bevölkerung fällig. 1956 haben wir – die europäischen Länder, inklusive die Schweiz – die über 200'000 Flüchtlinge aus Ungarn «grosszügig aufgenommen» (Zitat Oplatka). Und wie verhält sich jetzt Ungarn selbst gegenüber den Flüchtlingen aus dem Osten?

Nein, nicht «Brüssel» muss reagieren, die Europäer, inklusive die Schweizer, sollten ihre persönlichen Urlaubspläne für einmal überdenken. Soll man einem solchen Land wirklich immer mehr Geld bringen? Einem Land, das bei rekordhoher Wahlbeteiligung mit 50 Prozent der Stimmbürgerinnen und Stimmbürger einem Ministerpräsidenten die Stimme gibt, der sich bewusst und offen über die Fremdenfeindlichkeit profiliert und verkauft? Einem Land, in dem über diese 50 Prozent hinaus weitere 20 Prozent der Stimmen an die rechtsnationalistische Jobbik-Partei gingen?

Niemand verlangt von Ungarn die Öffnung aller Grenzen. Eine angemessene Beteiligung am Flüchtlings-Verteilprogramm der EU aber ist überfällig. Die Ungarn sollen endlich zeigen, dass sie «die humanitären und kulturellen Werte Westeuropas weitgehend teilen.» Noch sind sie den Beweis dafür schuldig.

Christian Müller / Infosperber

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