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Zone à défendre (ZAD): Notre-Dame-de-Landes

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Widerstand seit den 60er-/70er-Jahren Zone à défendre (ZAD): Notre-Dame-de-Landes

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Politik

Die Geschichte eines Kampfes gegen Verdrängung, Zerstörung der Natur und Kapitalinteressen und für ein solidarisches Miteinander, ökologisch-bewusstes Handeln und Kollektivität.

Das ZAD in Notre-Dame-des-Landes, Loire-Atantique.
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Das ZAD in Notre-Dame-des-Landes, Loire-Atantique. Foto: Llann Wé² (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

Datum 19. Oktober 2016
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Das «La ZAD»[1] ist heute ein von Menschen verschiedenster Gesinnung besetztes Gebiet, ca. 2000 Hektar gross, in der Gemeinde Notre-Dame-de-Landes, etwa 30 km nördlich von Nantes. Mittlerweile beherbergt das Gebiet 60 Wohnorte und hunderte von Hektar bewirtschaftetes Land. Es existiert eine selbstverwaltete und autonome, lokale Ökonomie, die hunderte Menschen vereint, auch wenn ihre politischen Ideen unterschiedlich sind.

Das Land wurde dem französischen Staat und Europas grösstem Baukonzern AGOVINCI abgerungen, welcher in einer einzigartigen Landschaft - den Bocages[2] - einen Flughafen errichten möchte und damit ca. 2000 Hektar Agrarland, unzählige Dörfer, Bauernhöfe und eine enorme Artenvielfalt zerstören würde. Es sei
erwähnt: die Stadt Nantes besitzt schon einen Flughafen im Süden der Stadt, dessen Vergrösserung und Erweiterung einen Bruchteil dessen kosten würde, was für
den neuen benötigt wird.

Widerstand seit den 60er-/70er-Jahren

1960 entstand das Bauprojekt des Flughafens in Notre-Dame-de-Landes und stiess im Grunde sofort auf den Widerstand der ansässigen Bauern und Bäuerinnen, die
dafür enteignet und vertrieben werden sollten. Dem Staat und den Baubehörden schwebte eine entvölkerte Zone vor, in der mensch jederzeit zu bauen beginnen könnte. Die Bauernorganisation ADECA (Vereinigung zur Verteidigung der vom Flughafen betroffenen Landwirt_innen) kämpfte von Beginn an gegen die Leerung
des Landes und dafür, dass die Bewirtschaftung weitergeführt werden konnte.

Aus der Zone à deménage[3] wurde die Zone d'aménagement différé[4] von 1650 Hektar geschaffen, die dann aber in den 1980er Jahren überflüssig wurde, da das Projekt eingestellt wurde.

Jahr 2000 – Das Projekt ist wieder da und auch der Widerstand

Im Jahr 2000 wurde das Projekt wieder aus den Schubladen geholt und unmittelbar darauf gründete sich die ACIPA (Interkommunale Bürger_innenvereinigung der
vom Flughafen betroffenen Bevölkerung), die bis heute eine sehr wichtige Kraft im Widerstand ist. Die ACIPA führte jede Menge akribisch erarbeitete Gegengutachten
und Informationskampagnen durch,
um über das Projekt aufzuklären und die
Meinungshegemonie der am Bau beteiligten
Konzerne und Behörden zu durchbrechen.
2004 gründete sich dann durch diese
Vorarbeit und Mobilisierungstätigkeit
die Koordination der Gegner_innen des
Flughafenprojekts von Notre-Dame-de-
Landes, die heute aus über 50 Vereinen,
politischen Gruppierungen und Gewerkschaften besteht.
Beide Gruppen legen
regelmässig Rekurse ein und nehmen aktiv
an öffentlichen Diskussionen und Befragungen
teil. Trotz des Widerstands der
lokalen Bevölkerung und einem breiten
Bündnis aus verschiedensten Organisationen,
wurde das Projekt im Februar 2008
vom französischen Staat zu einem Bauprojekt
von öffentlichem Interesse erklärt.

Besetzt das Gebiet! VINCI DÉGAGE!

Danach begann eine neue Stufe der
Auseinandersetzung, die während des
internationalen-Klima-Aktionscamps
2009 das Fundament legte. Seit diesem
Camp bringen sich vermehrt radikalökologische
und antikapitalistische
Kreise in den Kampf ein, die einem Aufruf
einer Gruppe von Anwohner_innen
gefolgt sind. Diese wollten weitergehen,
als die ACIPA mit ihren legalen Wegen.
Die „Bewohner_innen im Widerstand“
riefen auf die „ZAD zu besetzen“. Es
wurde ein leerstehender Bauernhof nach
dem anderen besetzt und wiederbelebt.

Wieder andere bauten Hütten überall
im Gebiet. Die neuen Besetzer_innen
schlossen sich dem Kollektiv des 2007
als erstes im Gebiet eröffneten Squat
Rosiers an. Seitdem wächst die Anzahl
der Bewohner_innen stetig an und die
kulturellen und landwirtschaftlichen Aktivitäten
nehmen zu.

Das Land den Bäuer_innen und nichts den Konzernen!

Im Mai 2011 zogen tausende Menschen
mit Heugabeln durch die Zone und besetzten
eine Ackerfläche und bereiteten
diese für den Gartenbau für das Gemüseanbauprojekt
Sabot vor. In diesem Jahr
ging der Bauauftrag an den schon durch
Menschenrechtsverletzungen und Korruption
bekannt gewordenen multinationalen
Baukonzern VINCI. Durch die
andauernde Präsenz von Besetzer_innen
und Aktivist_innen nahmen die Widerstandsaktionen
zu, und vermehrt wurden
Sabotageaktionen gegen kooperierende
Unternehmen durchgeführt. Im Frühling
2012 wurden eine ganze Reihe von Prozessen
gegen Besetzer_innen und ihre
Unterkünfte geführt. Die Besetzer_innen
und Bäuer_innen wurden massiv unter
Druck gesetzt, es kam zu Enteignungen
und Kaufangebote wurden unterbreitet.

Einige am Widerstand Beteiligte knickten
ein und verkauften oder gaben auf. Doch
am 24. März 2012 zogen 10.000 Menschen
und 200 Traktoren durch Nantes und liessen
Erde aus der ZAD in der Stadt. Ein paar
Wochen später beginnen Flughafengegner_
innen einen Hungerstreik, den sie bis zur
Präsidentschaftswahl durchhielten. So erreichten
sie, dass die Regierung versprach,
die legalen Bewohner_innen und Bäuer_innen
nicht zu räumen, bevor die Gerichtsverhandlungen
abgeschlossen sind.

Cäsar kam, sah und verlor!

Im Oktober/November 2012 spitzte sich
die Lage schnell zu, denn der französische
Staat, die Stadt Nantes und VINCI hatten
beschlossen das Gebiet zu räumen.
Am 16. Oktober 2012 begann die Polizeioperation
Operation Cäsar.

Während mehrerer Wochen waren 2000
Polizist_innen und Spezialeinsatzkräfte
mit der Räumung beschäftigt. Es wurden
zehn besetzte Häuser und Hütten zerstört,
wobei die Besetzer_innen erbitterten Widerstand
leisteten und sich auf dem Gelände
aufhielten. In ganz Frankreich begann
eine Solidaritätswelle. Es wurden über 200
Unterstützungskomitees gegründet und am
17. November zog eine Demonstration zur
Wiederbesetzung (Operation Asterix) mit
40.000 Teilnehmer_innen ins Gebiet.

Sie errichtete innerhalb von zwei Tagen neue
Hütten für den Widerstand: die sogenannte
Chat-teigne[5]. Am 23. und 24. November
startete die Polizei einen Eroberungsversuch
der Chat-teigne und versuchte Hütten
zu räumen. Daraufhin wurden alle grossen
Strassen blockiert und tausende Menschen
kämpften gegen die Polizei, im Rohanne-
Wald und in den Strassen Nantes. Am 17.
November erklärte die Regierung die Operation
für beendet und kündigte eine Dialog-
Kommission an.

Am darauf folgenden
Tag zogen Bauern eine Reihe zusammen
geketteter Traktoren um die Chat-teigne
und drohten mit Blockaden von Nantes,
falls die Polizei die Traktoren anfassen
würde. Gleichzeitig besetzte die Polizei
alle Kreuzungen der ZAD, an denen sie die
nächsten fünf Monate bleiben würden, um
den Verkehr in die ZAD und aus der ZAD
heraus zu kontrollieren Es liessen sich aufs Neue viele Menschen in
der ZAD nieder.

Sème ta ZAD! Säe dein ZAD! Der Widerstand schlägt Wurzeln.

Im Januar 2013 besetzte die Gruppe COPAIN
(Bäuer_Innenorganisation zur Unterstützung
der Landwirtschaftlichen
Besetzungen) den Hof Bellevue und die
umliegenden Felder. Im April verkündete
die „Dialog-Kommission“ zu niemandes
Überraschung, dass der Flughafen nnn gebaut
werden könne. Zwei Tage später zieht
die Polizei ihre Besetzung der Kreuzungen
ab, da diese finanziell und für die Öffentlichkeit
nicht mehr tragbar sei.
Die Kampagne Sème ta ZAD (Säe dein
ZAD) wird geboren und lanciert ein Dutzend
neuer Landwirtschaftsprojekte im
Gebiet. Es folgen Konzerte, Picknicks und
grosse Menschenketten.
Die Ohnmacht der Behörden, der Präfektur
und VINCIs wurden gut sichtbar, denn richterliche
Entscheide wurden systematisch
ignoriert und Bauarbeiten überall, wo es nur
ging sabotiert.

Im Winter 2014/2015 unternahmen die Behörden
einen erneuten Versuch und wollten
die im Gebiet lebenden geschützten Arten
umsiedeln und mit dem Bau beginnen, was
Rodungen usw. zur Folge gehabt hätte. Am
22. Februar 2015 zogen erneut 60'000
Menschen und 500 Traktoren durch Nantes
und lieferte sich unzählige Auseinandersetzungen
mit der Polizei, die den Zugang
zum Stadtzentrum versperrte.

Es wurden zahlreiche Unternehmen mit
Farbe und Steinen angegriffen und Büros
und Baumaschinen zerstört. Die Medien
hetzten gegen die Bewegung und ihre „Gewalt“, doch die Bewegung bewies Zusammenhalt
und niemand distanzierte sich von
den Angriffen. Die Regierung zog sich ein
weiteres Mal aufgrund des Widerstands zurück
und verschob den Baubeginn erneut.
In der Zwischenzeit entstanden in ganz
Frankreich Besetzungen, die sich am Beispiel
Notre-Dame-de-Landes orientierten,
so gegen die LEO[6] in Avignon, gegen
den Barrage de Sivens[7] im Tested, gegen
ein Center-Parks-Projekt[8] im Roybon, ein
Ökoviertel[9] in Dijon, gegen den Bau eines
grossen Einkaufcenters bei Agen usw.

Während der Wiederbesetzungsdemonstration
des Tals im ZAD de Tested 40 km nördlich
von Toulouse vom 13.11.2014 wurde der
21-jährige Student und Naturschützer
Rémi Fraisse von der Polizei getötet. Die
Polizei weiss sofort, wie später herauskommt,
dass Rémi durch Polizisten getötet
wurde. Sie versuchte es jedoch, wie
erwartet, zu vertuschen und noch bevor
Rémis Identität und die Autopsieberichte
vorlagen, ihn als Casseur[10] zu brandmarken
und somit ihren Mord zu relativieren.
Rémi wurde durch eine Offensivgranate der Polizei getötet, die in Kopfhöhe geworfen
wurde und direkt hinter seinem
Kopf explodierte.

Daraufhin kam es in ganz Frankreich zu
Demonstrationen und Strassenschlachten.
Es wird auf die Polizeigewalt der
letzten Jahre reagiert, bei der zahllose
Menschen schwer verletzt wurden,
nur um Konzern- und Machtinteressen
durchzusetzen. Die Polizei reagierte unheimlich
repressiv – zahllose Demonstrationen
werden von Beginn an im
Tränengas erstickt und Schlägertrupps
der Polizei in Zivil mischen sich unter
die Demonstrationsteilnehmer_innen,
verhaften, verprügeln und entglasen
vermummt kleine Gewerbetreibendenläden,
um die Anwohner_innen gegen
die Demonstrationen aufzubringen (im
Laufe der Demonstrationen wurden einige
Zivilpolizisten in flagranti dabei
enttarnt).

Im ZAD de Tested arbeiteten
Spezialeinheiten der Polizei (CRS, Garde
mobile) eng mit faschistischen Schlägertrupps
zusammen, die auf eigene
Faust Strassenkontrollen durchführten,
Menschen bedrohten oder bewaffnet angegriffen.
Es kam zu mehreren Schwerverletzten
und diverse Autos, Rucksäcke,
Zelte usw. wurden durch rechte
Schläger verbrannt.

ZAD partout! Überall ein ZAD!

Durch den Mechanismus des Kapitalismus,
sich Raum anzueignen und ihn dann
auszubeuten und zu zerstören, multiplizieren
sich die Möglichkeiten von Besetzungen
und eine ZAD nach der anderen
spriesst aus dem Boden.
Auf der anderen Seite organisieren sich die
Unternehmer_innen und Politiker_innen
im Schulterschluss mit Organisationen wie
der FNSEA (faschistische und grossbäuerliche
Bauernorganisation), die seit den Terroranschlägen
vom 7. Januar 2015 noch
mehr Aufwind bekommen haben.

Im Januar 2016 gab es eine Frankreichweite
Mobilisierung nach Nantes, um verschiedenste
Demonstrationen und Aktionen
durchzuführen. Eine besonders schöne war
die Opération Escargot (Operation Schnecke),
die im Vorfeld der Gerichtsverhandlungen[11]
zeigen wollte, was passieren kann,
falls geräumnt werden sollte, um damit den
Druck auf die Behörden aufrecht zu erhalten.
Opération Escargot war ein voller
Erfolg.

Für mehrere Tage blockierten Tausende
von Menschen zu Fuss, mit Traktoren Fahrrädern und langsam fahrenden Autos
die Peripherie von Nantes. Sie blockierten
die Zufahrten zum alten, noch existenten
Flughafen von Nantes und errichteten ein
Camp auf der wichtigsten und meist befahrenen
Autobahnbrücke der Region. Die
Polizei räumte die Brücke über Nacht mit
massivem Einsatz von Tränengas. Die Bauern
lösten daraufhin die Besetzung der Brücke
auf, weil die Polizei sonst vermutlich
ihre Traktoren zerstört hätte.

Anfang Februar kam es dann zu den Verhandlungen
bezüglich der ausstehenden
Räumungen der noch legalen Bäuer_innen
und Anwohner_innen vor einem Gericht in
Nantes. Die Bauern und Bäuerinnen verloren
und Vinci wurde der Baubeginn genehmigt.
Die ersten Rodungen sollten Anfang
März beginnen und die Bauern sollten ihre
sich noch in Betrieb befindlichen Höfe bis
Ende März räumen. Den Räumungen des
Gebietes wurde vom Gericht in vollem Umfang
statt gegeben.

Warten auf Tag X!

Bisher ist auf Behördenseite nichts weiter passiert. Alle warten ab und das ZADMouvement mobilisiert. Sollte die Polizei mit Räumungen beginnen, wird das Gebiet verteidigt!

ZAD PARTOUT! (ZAD ÜBERALL!)

jhs / di schwarzi chatz 42

Fussnoten:

[1] ZAD = Zone à defendre – zu verteidigende Zone (andere Übersetzungen Zone der definitiven Autonomie... etc.)

[2] Durch viele Hecken und Bäume

[3] Gebiet das umziehen muss

[4] Zeitlich verzögerte Bauzone

[5] Wortspiel aus Katze (chat) und sich sträubt (teigne), also „Die sich sträubende Katze“ und dem Kastanienbaum (Chataigne).

[6] Autobahnumgehung südlich von Avignon (zerstört eine uralte Agrarlandschaft an den Ufern der Durance).

[7] Staudammprojekt welches ein ganzes Tal zerstören wird und nur wenigen Grossbauern und der Agrarindustrie vorbehalten ist.

[8] Künstlich angelegter „Natur-Ferienpark“ für die Mittelschicht von Paris.

[9] „Ökoviertel“ welches eine ca. 10 Hektar grosse Gartenfläche und mehrere Besetzungen und Wohnhäuser zerstören wird, um der Öko-Mittelschicht Wohnraum zu bieten. Als vorangegangenes Projekt war ein TGVBahnhof gedacht.

[10] Chaot, Randalierer, Krawalltourist, Person

[11] Gegen die letzten legalen, verbliebenen Bauernfamilien und Bewohner_innen im ZAD um einen Räumungstermin gegen diese durchzusetzen und sie mit horrenden Strafzahlungen zu belegen.