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Über Lebenszweck und Lebensart „Unsere Art zu leben wurde angegriffen“

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Auf der Trauerfeier für die Opfer der Anschläge vom 13. November verkündete Präsident Hollande: Die Anschläge „sind eine Aggression gegen unser Land, unsere Werte, unsere Jugend und unseren Lebensstil“. (1)

Französische Soldaten vor dem Louvre in Paris.
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Bild: Französische Soldaten vor dem Louvre in Paris. / Alex Proimos (CC BY 2.0 cropped)

8. Dezember 2015

08. 12. 2015

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130 überwiegend junge Leute fielen den Anschlägen zum Opfer. Der Präsident macht mehr draus, viel mehr: In Wahrheit seien nicht bloss die 130 Toten, sondern das ganze Land, seine Werte, die gesamte Jugend angegriffen worden. So reden Politiker immer, wenn sie aus solchen schrecklichen Ereignissen wie den Überfällen vom 13. November etwas ableiten wollen, was aus ihnen gar nicht folgt, nämlich einen Krieg. Krieg gegen eine Region im Nahen Osten, die die Organisation erobert hat, die sich für die Anschläge verantwortlich erklärt hat.

Für die Begründung, den Bombenkrieg gegen die Städte und Dörfer, die vom IS beherrscht werden, „gnadenlos“ (2) auszuweiten, kann das Opfer gar nicht gross genug definiert werden, um die Bombardements allen, wirklich allen, Franzosen als die angeblich selbstverständlichste Konsequenzen aus den Überfällen jenes Abends plausibel zu machen:

Aggression gegen:

– das ganze Land? – also auch gegen mich! – die Werte Frankreichs? – also gegen alles, was auch mir heilig sein sollte! – die französische Jugend? – also die Zukunft des ganzen Landes! Und dann noch gegen etwas ganz Fundamentales, wirklich jeden Franzosen Betreffendes: gegen „unseren Lebensstil“, „unsere Art zu leben“!

Was haben die IS-Terroristen da getroffen?

Nur weil die meisten von den Toten sich gerade auf einem Rockkonzert vergnügten, in Pariser Bistros zusammen sassen, Pastis oder sonst was süffelten, was junge Franzosen so am Feierabend trinken; dabei über Wichtiges oder Unwichtiges debattierten, sich über die Weltläufte und ihre grossen und kleinen Ärgernisse in ihrem Alltag ereiferten; über Gott und die Welt lästerten oder auch nur über gemeinsame Bekannte tratschten, kurz – weil die Toten das machten, was man halt einem Feierabend oder ein Wochenende lang für wichtig hält, wurde – glaubt man dem Präsidenten und den Medien – von den Todesschützen etwas angeblich für das Leben der Franzosen ganz Zentrales aufs Korn genommen, „ihre Art“ – der Inbegriff ihres Lebens.

Und worin besteht der? Wenn das, was sie in den paar Stunden zwischen Arbeitstag und Bettruhe treiben – wenn das das Eigentliche ihres Lebens sein soll, dann verbringen sie den Hauptteil ihres Tages bei Tätigkeiten und Aufgaben, die sie sich nicht selbst ausgesucht haben, deren Nutzen für sie fraglich ist, die im Grunde ihnen selbst und ihren Lebenszwecken fremd sind.

Verrät nicht Hollandes Lob ihrer Art zu leben, die erst am Abend beginnt, und die nun der Grund für wirklich alle Franzosen sein soll, dem Krieg Frankreichs gegen den „Islamischen Staat“ zuzustimmen, manches über den grossen Rest des Tages? Jedenfalls ist der kein Grund, sich für Frankreich stark zu machen. Über den Lebensstil, der da vom Normalfranzosen gefordert ist, redet der Staatschef bei der Trauerfeier, die er in einen Aufruf zu einem lang andauernden Krieg münden lässt, lieber nicht. Und über den Lebensstil, den der auf Jahre angekündigte Krieg gegen den Islamischen Staat und dessen menschliches Inventar erfordert, auch nicht.

Weil die Art der Franzosen zu leben zur Zielscheibe der IS-Attentäter geworden ist, soll denen einleuchten, dass Folgendes angesagt ist: Für die Verteidigung der Freiheit, abends nach Ende der Plackerei des Tages zu tun und zu lassen, was ihnen ihre freie Art zu leben so nahe legt, ist es erst mal für die nächste Zeit Schluss mit manchen Freiheiten, z. B. der, auf den Strassen in Demos öffentlich zu meckern, was einem im Staat von liberté, égalité et fraternité so alles nicht passt. Denn jetzt ist erst mal Ausnahmezustand: Die Verfolgung der Feinde des Lebensstils der Franzosen rechtfertigt alle Einschränkungen ebendieses Stils, die der Staat für die Verteidigung seiner Souveränität für unumgänglich erklärt.

Berthold Beimler

Fussnoten:

(1) http://www.welt.de/newsticker/dpa_nt/infoline_nt/thema_nt/article148910999/Hollande-will-UN-Sicherheitsrat-anrufen.html

(2) http://www.spiegel.de/politik/ausland/paris-francois-hollande-spricht-von-krieg-a-1062828.html

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