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Belarus: Hacker knacken den Server von Lukaschenkos Führung | Untergrund-Blättle

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Politik

Angriff auf das Innenministerium enttarnt Geheimdienstler und Informanten Belarus: Hacker knacken den Server von Lukaschenkos Führung

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Bei der Präsidentschaftswahl vor einem Jahr reklamierte der belarussische Machthaber Alexander Lukaschenko mehr als 80 Prozent der Stimmen für sich.

Proteste gegen Lukaschenko am 24.
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Bild: Proteste gegen Lukaschenko am 24. Oktober 2020 in Minsk, Belarus. / Jana Shnipelson (PD)

13. Oktober 2021
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Demonstrationen schlug das Regime danach mit aller Härte nieder. Gegen vermeintlich zentrale Figuren der Bewegung lässt sich Lukaschenko Ungewöhnliches einfallen: Eine zur Notlandung gezwungene, von Kamp ets nach Minsk begleitete Ryanair-Passagier-maschine bringt den Cyberaktivisten Roman Protasewitsch im Mai in Haft. Jetzt exakt ein Jahr nach Beginn der Proteste droht dem Regime ein politisches Desaster über den Hack zentraler Datenbanken des Innenministeriums.

Es ist der grösste Datenklau in der Geschichte von Belarus. Hacker der oppositionellen Gruppierung Cyber-Partisanen haben sich Zugang zu fast allen Personendaten im Land verschafft, darunter ihren Angaben nach auch zu „geheimen Einträgen“ über die Führung der Sicherheitsorgane, Personen aus dem Umfeld von Präsident Alexander Lukaschenko und KGB-Agenten.

Mitarbeiter des Geheimdienstes und der Geheimpolizei sind offenbar enttarnt. Die Anti-Regime-Aktivisten sollen auch Terabytes an abgehörten Telefongesprächen erbeutet haben. Veröffentlichte Bilder lassen überdies den Schluss zu, dass sich die Cyber-Partisanen Zugang zu Kameras auf Polizeistationen, in Gefängnissen und sogar zu Polizeidrohnen verschafften. Auszüge veröffentlichter Dokumente sollen beweisen, dass die gesamte Polizei-Datenbank gehackt worden ist. Die Hacker haben offenbar Zugriff «auf vertrauliche Informationen über den beruflichen Werdegang eines jeden Polizeibeamten (seine Fälle, begangene Straftaten usw.).

Insgesamt zwei Millionen Minuten Gesprächsmitschnitte werten die Cyberpartisanen nun aus. Die ersten kompromittierenden Beiträge haben sie bereits ins Netz gestellt.

In einem davon prahlt der stellvertretende Polizeichef von Minsk, Igor Podwoiski, unter Nutzung von reichlich Kraftausdrücken, dass er eine Frau, die aus Solidarität mit den Demonstranten gehupt habe, an den Haaren aus dem Auto gezerrt und dann getreten habe, während sie am Boden lag. In einem anderen Mitschnitt befiehlt der Chef der Minsker Sondereinheit Omon, Nikolai Maximowitsch, seinen Untergebenen, die Festnahmen mit maximaler Härte durchzuführen. „Wenn einer nur falsch schaut, wenden wir physische Gewalt und Spezialmittel an“, so Maximowitsch. Als Spezialmittel gelten bei der belarussischen Polizei unter anderem Gummiknüppel, Pfefferspray und Elektroschocker.

Das Pikante an den Enthüllungen ist nicht die Gewaltanwendung an sich. Dass die Polizei Demonstranten während der Proteste massiv misshandelt hat, um sie einzuschüchtern, ist bekannt und durch mehrere Tote, hunderte Verletzte in den Krankenhäusern und Aussagen tausender Festgenommener, die in den Untersuchungsgefängnissen gefoltert wurden, belegt. Doch nun lassen sich mithilfe der Polizeivideos die Folterer aus der Anonymität ziehen.

Die mitgeschnittenen Telefonate sollen zudem zeigen, dass der Staat Regimegegner und -unterstützer gleichermassen überwacht. Wie es scheint lässt Lukaschenko vom einfachen Polizeibeamten in der Provinz über KGB-Offziere bis zum Innenminister alle abhören.

«Mitarbeiter des Geheimdienstes, der Spionageabwehr und des KGB, die in ihren Pässen besondere Vermerke haben, sind völlig kompromittiert», sagte der ukrainische Hacker-Aktivist Andriy Baranovych gegenüber dem TV-Sender «Current Time». Menschen, die das Rückgrat des Lukaschenko-Regimes bilden, könnten sich nun nicht mehr sicher fühlen. Man wisse auch, welche Gebäude die KGB-Agenten nutzten, was bedeute, dass «sie alle Wohnungen austauschen müssen», so die Cyber-Partisanen.

Die Cyber-Partisanen haben bislang nur Auszüge der Daten veröffentlicht, halten die mutmasslich erbeuteten Datenbanken aber unter Verschluss. Man werde die Daten von Bürgern, welche nicht für das Regime arbeiten, nicht anrühren. «Wir speichern alles in einem ver-schlüsselten Format auf einem separaten Server, der vom Internet isoliert ist.»

Die Cyber-Partisanen sind seit Herbst 2020 aktiv. Als Folter und Gewalt der belarussischen Polizei gegen Anti-Lukaschenko-Demonstrierende bekannt wurde, hackten die Aktivisten die Webseite des staatlichen belarussischen Fernsehsenders und veröffentlichten online Aufnahmen von Festnahmen. Auf den gehackten Webseiten der Regierung forderten sie die Bürger auf, an den Protesten teilzunehmen.

„Unsere Freunde und Verwandten werden getötet, gefoltert und vergewaltigt. Niemand wird in der Lage sein, am Rande zu sitzen.“

Die Aktivisten bezeichnen sich selbst als «unpolitische» Hacker, die das «terroristische» Regime in Belarus beenden und gleiche Rechte für alle sicherstellen wollen. Die Gruppe bestehe aus einem «kleinen Kern von Administratoren und weiteren zehn bis 15 Freiwilligen» aus dem IT-Sektor.

Kleine Randnotiz: Unter anderem erbeuteten die Hacker auch die Sterbestatistik. Die Daten hält Minsk seit Juni 2020 unter Verschluss. Sie zeigt einen Anstieg der Übersterblichkeit zwischen Januar 2020 und März 2021 um 32.000. Wobei die Sterberaten zum Höhepunkt der Covid-19-Wellen je massiv ansteigen. Offiziell sind in Belarus bis Ende März 2.247 Personen an Covid-19 gestorben. Die Übersterblichkeit deutet darauf hin, dass die Angaben um das 14-Fache gesenkt wurden. Lukaschenko hat die Covid-19-Gefahr stets negiert.

Das Innenministerium kommentiert den Datenabfluss vom 10. August 2021 nicht. Die Behörden taten zunächst so, als sei nichts passiert. Gut eine Woche später reagierten sie mit einer Razzia gegen die unabhängige Nachrichtenagentur Belapan. Es habe am 18.8.21 Durchsuchungen bei mehreren Journalisten und Mitarbeitern gegeben, teilte das Menschenrechtszentrum Wesna in der Hauptstadt Minsk mit. Der Journalistenverband von Belarus dokumentierte in den vergangenen zwölf Monaten rund 140 Razzien bei Journalisten. 29 Medienvertreter seien aktuell in Haft.

anonym / ab

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