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Die Dinger heissen Soft Skills und sind so eine Art Bakterium. Wer von ihm befallen ist, der hat entweder Glück oder Pech. Falls diese Mikrobe soziale Kompetenz angesagt ist, hat er oder sie Glück.

Angela Merkel neben dem Reichstag in Berlin.  Αντώνης Σαμαράς Πρωθυπουργός της Ελλάδας
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Bild: Angela Merkel neben dem Reichstag in Berlin. / Αντώνης Σαμαράς Πρωθυπουργός της Ελλάδας (CC BY-SA 2.0 cropped)

28. Januar 2015

28. Jan. 2015

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Wo soziale Kompetenz eher unerwünscht ist, hat sie oder er Pech. Vermutlich würde kein Chef, keine Institution, keine Verwaltung, kein Verantwortlicher laut und fröhlich tröten, dass er/sie auf soziale Kompetenz kote. Wir leben in Zeiten, in denen jeder sich für jeden verantwortlich fühlt, jeder für jeden einsteht, jeder für jeden in die Bresche springt oder auf die Barrikade geht; wir leben in wahrhaft idyllischen Zeiten.

Wer über Soft Skills nicht verfügt -, für den gibt es Coaches, Kurse, Seminare u. a. Versammlungen Gleichgesinnter und –sehnsüchtiger. An einer Spritze, mit der Soft Skills verabreicht werden, wird gearbeitet. Die pharmazeutische Industrie arbeitet an einer Tablette mit dem Arbeitsnamen Kompisozon. Wenn die auf den Markt kommt und eingenommen wird von jedermann und –frau, wird es ringsum nur noch tanzendes Volk geben.

Auch die Kanzlerin wird dann anders wahrgenommen -, falls die Spritze oder Pille noch während ihrer Amtszeit wirksam wird. Niemand wird mehr schreiben können, dass sie empathiearm, zombiehaft-nüchtern, knallhart-naturwissenschaftlich sei. Es wird auch niemand mehr schreiben können, dass sie ganz anders sei, im Privaten, hinter den Kulissen oder in der uckermärkischen Küche. So am Topf mit der köchelnden Linsensuppe und in Erwartung ihres Gatten, der fröhlich Löwenzahn rupft. Indessen sie an einer neckischen Bemerkung arbeitet, rührend im Topfe, die sie ihm sagen will, wenn er, der kleine Dreckspatz, in die Küche tritt. Ich weiss, dass in jedem Menschen viele Menschen stecken. Warum nicht auch in Angela Merkel?

Mir ist es übrigens piepegal, wie Frau Merkel ist. Ich habe an ihr kein Interesse, fühle mich ihr nicht sozial kompetent verpflichtet oder verbunden. Ich bin mir auch sicher, dass sie meine Soft Skills nicht braucht. Sowieso: Ob sie diese Positiv-Seuche hat oder nicht hat, kann nur für ihren engeren Kreis wichtig sein, weil der sich natürlich danach richten muss: ob die Chefin mit dem linken oder rechten Bein zuerst aufgestanden ist, ob sie genügend Schlaf hatte, ob die Kaffeemaschine streikt. Oder es ist an ihr, dem einen über den Haarschopf zu streichen, einer anderen zu sagen: Ach, komm, vergiss den Idioten, der dich grad verlassen hat! Oder auch mal spontan eine Flasche Sekt öffnen zu lassen, wenn jemand Mutti oder Vati geworden ist.

Sie ist die Chefin des Landes, in dem ich lebe, sie ist gewählt. Ich kann sie lieben oder hassen. Ich kann sie unverständlich finden oder ihr vertrauen. Meine Fähigkeiten und Fertigkeiten zur sozialen Interaktion beschränken sich auf meine Familie und ein paar Leute, mit denen ich zu tun habe. Das ist anstrengend genug, und ich mache jede Menge Fehler beim Interagieren.

Zu glauben, die Chefin eines Landes mit über 80 Millionen Menschen könne Soft Skills für alle haben, als wäre sie Bully, der Gummibärchen übers Land streut, hätte fast was Religiöses. Und Religiöses, möglicherweise auch ein Soft Skill oder doch ein Hard Kill?, ist mir fremder als Nutella es einem Menschenfresser auf Papua-Guinea ist. Der verfügt zudem möglicherweise über die Empathie, den zu loben, den er verspeist, und über die Emphase, mit der er geniesst, auch.

Und Empathie, so ein Soft Skill?, ist moralisch. Politiker predigen Moral und saufen Pragmatismus. Das ist nicht mal ein Gegensatz. So wie im Wein Wasser ist, so kann im Pragmatismus auch Moral sein. Sie muss halt nützen. Wer menscheln möchte, ist selber schuld und ein Opfer der GB (Globale Boulevardisierung).

Die meisten Menschen vermissen an Politikern nicht die Empathie, die man ihnen glauben kann oder nicht, sondern die Glaubwürdigkeit insgesamt und überhaupt. Das Paket an Soft Skills stimmt irgendwie nicht. Auch wenn es immer wieder einen Hype gibt, wenn einer auf einem Deich rumklettert und Sandsäcke in die Flut schmeisst. Oder jemand beim Lauf zu sich selbst diätisch Kilogramme abnimmt. Oder auf die Knie fällt vor einem Mahnmal. Oder seine Hand in die Hand eines anderen Staatsmannes legt. Und es kullern die Tränen und löschen die Weltbrände der Vergangenheit. Das ist so schön. Das brauchen wir Idioten: so Zeichen, so Symbole, so Hinweise darauf, dass Politiker auch Menschen sind. Nur wie wir. Also Idioten wie wir. Das kuschelt uns zusammen.

Politiker sollten wirklich nicht nach ihrer Moral, von der wir meisten und meistens nichts Genaues wissen, beurteilt werden. Sondern nach den Entscheidungen, die sie fällen, nach den Gesetzen, denen sie auf den Weg helfen.

Es gab, ist auch schon wieder zwei, drei Jahre her? einen Film, der als Komödie über die Laufbahn des Herrn Guttenberg gedreht wurde. Darin sagt Katharina Thalbach als Murkel/Merkel, während sie sich beim Frühstücken eine zusammengerollte Wurstscheibe in den Mund schiebt: „Es gibt Dinge, von denen die Menschen nicht wissen wollen, wie sie gemacht werden. Dazu gehören Gesetze, Krieg und Wurst.“ Schlüssiger geht’s nimmer.

Eckhard Mieder

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