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Die Geschichte von Carlo Travaglini | Untergrund-Blättle

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Interview mit dem Historiker Luigi Borgomaneri Die Geschichte von Carlo Travaglini

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In Mailand-Lambrate trafen wir im April 2011 den Historiker Luigi Borgomaneri für ein Interview. Schon vor einigen Jahren erzählte er uns eine Geschichte über einen Mann, der innerhalb des antifaschistischen Widerstands Mailands Erstaunliches geleistet hatte.

Foto von Carlo Travaglini.
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Bild: Foto von Carlo Travaglini. / PD

19. September 2012

19. 09. 2012

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Dieser Mann, Carlo Travaglini, war Sohn eines Italieners und einer Deutschen und in Dortmund, unserer Nachbarstadt, aufgewachsen. Das interessierte uns: Ein Dortmunder im italienischen Partisanenkampf.

Wir hatten unser Antifa-Cafe in Bochum 1992 mit einem Vortrag des Edelweisspiraten Kurt Piehl eröffnet. 2005 trafen wir den jüdischen Widerstandskämpfer Kurt Goldstein, der als Kommunist im Spanischen Bürgerkrieg als Interbrigadist kämpfte und lange in Ausschwitz interniert war. Wir hatten einen mehr als netten small talk mit ihm in Leipzig-Connewitz. Denn auch er stammte aus dem Ruhrpott. Genau wie Kurt Piehl war er in Dortmund aufgewachsen.

Jetzt ein Ruhrpottler als italienischer Partisan, va bene! Am 23. April 2011 machten wir folgendes Interview mit Luigi Borgomaneri.

(Es ist noch einmal darauf hinzuweisen, dass wegen der Übersetzung einige Begriffe und Umgangsformulierungen „eingedeutscht“ wurden. Luigi Borgomaneri, der etwas Deutsch spricht, hat dies Interview deswegen noch einmal gegen gelesen.)

Azzoncao: Signore Borgomaneri, wir würden gerne etwas über Carlo Travaglini erfahren. Jenen Mann, der in Dortmund geboren wurde und später in Mailand als Partisan aktiv war.

Luigi Borgomaneri: Carlo Travaglini trug den „nom der guerre“ Luca.

Carlo Travaglini wuchs in Dortmund auf. Seine Mutter war eine Deutsche und sein Vater ein Italiener. Seine Mutter entstammt aus einer gut bürgerlichen Familie, wie man zu sagen pflegt. Sie hiess Hedwig Müller. Sein Vater war Offizier und Leiter einer deutschen Militärkapelle und hiess Vincenzo Travaglini. Ich habe einmal eine Fotografie aus den Jahren 1910 /1915 von ihm gesehen. Da standen sie alle einheitlich in Uniformen gekleidet.

Mit grosser Sicherheit kann man behaupten, dass Carlo Travaglini in einem sehr demokratischen Umfeld aufgewachsen ist. Vielleicht waren seine Eltern auch links orientiert. Das weiss man aber nicht so genau. Carlo Travaglini wurde auf jeden Fall in einem grossen Respekt für den Menschen an sich, für die Freiheit, für die Demokratie und einer Haltung gegen jegliche Ungerechtigkeit erzogen.

Azzoncao: Wann wurde Carlo Travaglini geboren?

Luigi Borgomaneri: Carlo Travaglini wurde am 21. November 1905 in Dortmund geboren.

Er machte seine Laurea in Journalismus und hatte 1933 an der philosophischen Fakultät der Universität Tübingen seinen Doktor in Literaturwissenschaft gemacht.

Er arbeitete als junger Journalist in einer Region namens Sauerland. Die Zeitung bei der er arbeitete kam aus Olpe und hiess „Sauerländisches Volksblatt“. Dort bekam er 1933 Streit mit einigen SA-Männern, weil er sich weigerte eine Nazi-Zeitung zu kaufen. Deswegen ging er aus dieser kleinen Stadt weg. Zuerst arbeitete er für die „Nordische Volkszeitung“ in München. Dann arbeitete er in Berlin als Journalist. Beim „Berliner Lokalanzeiger“.

1934 erschien sein Buch „Die Heiderhofs“. Die GeStaPo sah dieses Buch als staatsfeindlich an. Am 16. September 1934 wurde er das erste mal von der GeStaPo verhaftet. Er wurde bald wieder frei gelassen. Aber er verlor deswegen seine Arbeitsstelle. Damals muss er 29 Jahre alt gewesen sein. Total absurd. Das Buch ist eine Art Heimatroman und spielt in einer kleinen ländlichen Kommune vor ca. 500 Jahren. In diesem Buch werden die diversen Charaktere beschrieben. Auch ein jüdischer Mann. Und Carlo Travaglini spricht diesem jüdischen Mann in seinem Buch einen guten Charakter zu. Das ist alles.

Am 19. September 1936 wurde er subversiver Tätigkeiten verdächtigt und in ein Konzentrationslager gesperrt. Am 9. April 1937 wurde er dann auf Anordnung des Reichsführer Heinrich Himmler als unerwünschter Ausländer abgeschoben. Carlo Travaglini verfügte nämlich über zwei Staatsangehörigkeiten. Die Deutsche und die Italienische. Seine Ausweisung bedeutete seine Rettung.

Azzoncao: Als Autor des Buches steht auf dem Umschlag Karl Traulinger.

Luigi Borgomaneri: Er nutzte als Pseudonym seinen eingedeutschten Namen Karl Traulinger. Travaglini – Traulinger. Carlo – Karl. Carlo Travaglini – Karl Traulinger.

Azzoncao: Was passierte als er 1937 in Italien ankam?

Luigi Borgomaneri: In Italien absolvierte er seinen Militärdienst in Ravenna. Aber er erkrankte an Malaria. 1940 brach die Krankheit noch einmal aus. Als er zur Behandlung in einem Mailänder Hospital kam, lernte er die Krankenschwester Anna Ambrosetti kennen, die er 1942 heiratete.

Dann muss man sagen, dass er eine intelligente Person war. Er hatte einen Hochschulabschluss, sprach perfekt Deutsch. Er fand eine Arbeit. So arbeitete er für die Firma Magneti Marelli, einer grossen Industriefabrikation in der Comune Sesto San Giovanni. Diese stellte z.B. riesige Elektromotoren her. Enorm grosse Motoren.

Aber so genau lässt sich das nicht sagen, was er in den Jahren bis zur Besetzung Italiens durch die Deutsche Wehrmacht am 8. September 1943 machte.

An einem Vormittag im September 1943 überquerte Travaglini die Piazza Loreto. Heute steht dort eine grosse Bank. Zur damaligen Zeit stand dort die Albergo Titanus. Die Albergo Titanus war von der Wehrmacht requiriert worden und somit zu dem Sitz eines deutschen Kommandos geworden. Es ist nicht klar welches Kommando es war. Aber es muss sich um ein administratives Kommando gehandelt haben, dass über die industrielle Produktion und die ökonomische Situation in Mailand und Umland wachte. Travaglini ging also über den Platz und nahm vor der Albergo viele Frauen wahr, die dort Essen zubereiteten. Es waren Frauen, Schwester, Mütter oder Töchter von verhafteten und zwangsinternierten italienischen Arbeitern, die nach Deutschland deportiert werden sollten. Sie wollten ihren Männern, Söhnen, Vätern Lebensmittel zukommen lassen.

Man muss schon sagen, dass Travaglini sehr verwegen war. Was machte er? Er ging direkt durch die Frauen durch, auf die Eingangstür zu, die von zwei Wachhabenden bewacht wurde. Und man muss sagen, dass sich Travaglini mit der Psychologie von Militärs, noch dazu deutschen Militärs blendend auskannte. Vielleicht weil sein Vater Offizier gewesen war. Er trat in der Arroganz eines hochgestellten Nazis auf. In seinem blendenden Deutsch, mit akademischen Hochmut, und militärischer Arroganz behandelte er die Wachen und die Ordinanz. Er verlangte umgehend den Verantwortlichen der Dienststelle zu sehen. Sein Auftreten war so überzeugend, dass er sofort einen Termin erhielt. Er stellte sich als Deutscher vor, der in einer grossen und kriegswichtigen Mailänder Fabrik arbeiten würde. Er würde schon sehr lange in Mailand leben und hätte grosse Sympathien für Volk, Reich und Führer. Es sei sehr wichtig die Industrieproduktion und Ressourcen an italienischen Arbeitskräften für das Reich zu nutzen. Aber doch bitte in Italien und nicht im Reich. Die Italiener würden nur hier zu ihrer vollen Leistung motiviert werden können. Wo sie die Produktionsstätten kennen würden, die Materialien, Abläufe, etc.. Versorgt, verköstigt und untergebracht bei ihren Familien. All das läge im Reich nicht vor, müsste als Leistung erbracht werden. Dazu der Transport und die Bewachung der Arbeiter. Ressourcen, die die Wehrmacht anders einsetzen könne. Es sei dringendst von der Deportation abzuraten, dies sei unökonomisch und dem Reich dadurch schädlich. So sprach er mit dem Verantwortlichen.

Man muss wissen, dass in den ersten Wochen der Besetzung Italiens die deutsche Militäradministration noch keine klare Entscheidung getroffen hatte, wie sie in Italien, mit seiner Bevölkerung und der italienischen Wirtschaft umzugehen habe. Es gab, grob gesagt, zwei Linien. Eine die besagte, alle Maschinen, Produktionsgeräte und viele Arbeiter nach Deutschland zu bringen. Die andere Linie, die sich durchsetzte, auch um den sozialen Frieden zu wahren, war die, die Produktion in Italien zu erhalten und hier die Menschen für das Grossdeutsche Reich auszubeuten. Maschinen und Menschen sollten in Italien verbleiben. Das sei besser.

So bot Travaglini als Kenner der Mailänder Wirtschaft seine, mit deutscher Arroganz vorgetragene, Meinung, zu einem sehr aktuellen Thema dar. Man hörte ihn interessiert an. Aber es kam zu einer Unterbrechung des Gesprächs, bei dem der Verantwortliche aus dem Raum gerufen wurde. In dieser Zeit entwendete Travaglini einen sehr wertvollen Stempel aus dem Büro. Er steckte ihn einfach ein. Und als der Stabschef wieder zurück kam, führte er das unterbrochene Gespräch weiter fort. In dem Sinne, dass Arbeiter, die ihre Arbeit gut verrichten würden, in Italien zu belassen sind, usw. usf.

Als Travaglini die Albergo Titanus verliess sprach er mit den dort ausharrenden Frauen und machte mit ihnen einen Treffpunkt aus. In Sesto San Giovanni entwendete er eine grosse Anzahl von Blankopapieren mit den Schriftzug seiner Firma Marelli. Mittels dieser Papiere und dem Originalstempel der Nazi-Administration setzte er nur noch die Namen und Daten von zur Deportation inhaftierten Arbeitern ein. Damit gab es ein offizielles Ersuchen den Inhaftierten frei zu lassen, weil dieser unabdingbar an seinem italienischen Arbeitsplatz sei.

Und das klappte. Bei 10, 20, 30, 50, 70, 100, 200 und mehr Gefangenen. Marelli war eine Fabrik, die die Protektion der deutschen Besatzungsbehörden genoss. Und so entliess und befreite Travaglini wohl einige hundert zur Deportation Inhaftierte in den nächsten Monaten. So z. B. heisst es hier. Ein angeblicher Antrag des Personalbüros von Mantelli vom 28. September 1943: „Unterzeichnete Firma stellt hiermit Antrag an das Kommando der Deutschen Wehrmacht auf Freilassung seines ehemaligen Angestellten Pizzamiglio Constantino Sohn des Pietro geboren zu Codogne am 7/7/1924, welcher sich am 20. September 1943 im Konzentrationslager zu Trento befand. ...Für den regulären Ablauf unserer Arbeit ist es notwendig, die Wiedereinstellung des obengenannte Pizzamiglio in unser Werk. Ihrer wohlwollenden Aufnahme, Prüfung und Genehmigung unseres Antrags entgegensehend, zeichnen wir. Heil Hitler!“

Und bei diesem Mann, Pizzamiglio Constantino, handelte es sich sicherlich nicht um einen Arbeiter von Marelli. Sondern um einen Ex-Soldaten, der niemals bei der Firma Marelli gearbeitet hat. Im Institut habe ich noch sehr viele ähnlich Dokumente. Nicht nur diese hier. Diese hier sind schon kopiert und aus einer Dokumentation.

Natürlich war das eine Fälschung von Travaglini. Aber es funktionierte.

Man könnte Travaglini schon mit Schindler vergleichen, der in Polen über seine Einstellung von Jüdinnen in kriegswichtigen Produktionsstätten ganz bewusst versuchte hat diesen das Leben zu retten.

Dieses Dokument hier ist zum Beispiel eins von Travaglini selber. Eine Anweisung an die Verwandten, welche persönlichen Daten er braucht, um Anträge zur Entlassung stellen zu können. Namen, Familiennamen, wann geboren, die elterlichen Namen, wo er gewohnt hat, gearbeitet hat, erster Militärdienst, usw..

Im Oktober/November 1943 hat Travaglini angefangen für die Firma Ledoga-Lepetit zu arbeiten.

Er arbeitete dort als Übersetzer. Aus diesem Grund frequentierte er auch den Sitz des „Generalbeauftragten für Italien des Reichsministers für Rüstung und Kriegsproduktion“. Dort stahl er wieder einige Stempel, welche ihm gute Dienste bei der Erstellung und Glaubwürdigkeit der von ihm gefälschten Papiere und Dokumente leisteten. Papiere zur Freistellung, Bevollmächtigungen, zur Beschlagnahmung von Materialien, zur Vergabe von Rohstoffen, etc. p.p.. Zertifizierungen von Produkten, Fälschungen von Verantwortlichkeiten von Firmen, Papiere zur Freilassung inhaftierter Italiener in Deutschland oder das diese von der Deportation befreit werden, Passierscheine, um sich mit einem Fahrzeug frei bewegen und Dinge transportieren zu können, usw.. Ein Robin Hood der Stempel und Papiere.

Alles falsche Dokumente, wie man hier sehen kann. Dokumente, die Travaglini hergestellt hat.

Zu den Offiziellen der deutschen Stellen hielt Travaglini weiterhin Kontakt und verteilte an sie kleine Geschenke. Das fiel auch nicht weiter auf. Hier gab er sich als treuer Reichsdeutscher aus.

Azzoncao: Wie lange schaffte es Travaglini solche Dokumente zu erstellen, ohne entdeckt zu werden?

Luigi Borgomaneri: Er schaffte es bis ungefähr April/Mai 1944 als ein Mann mit den falschen Dokumenten aufflog. Dieser hatte einen Fehler gemacht. Ohne diesen Fehler wäre alles so weiter gegangen. Aber es flog alles auf. Die Deutschen verstanden sehr schnell, dass Travaglini sie reingelegt und sie ausgespielt hatte. Dass er ein Verräter war.

Azzoncao: Was passierte dann?

Luigi Borgomaneri: Travaglini hatte ein riesiges Glück. Er kam gerade in die Nähe seines Hauses, via Carlo Coldoni 44, als er beobachten konnte, dass bei ihnen eine Razzia stattfand und seine Frau von deutschen Polizisten, vermutlich Feldgendarmen, abgeführt wurde. Carlo lebte dort mit seiner Frau. Seine beiden kleinen Töchter woanders. Es wäre zu gefährlich für die Kinder gewesen. Als seine Frau aus dem Haus geführt wurde, wurde diese von einem Polizisten misshandelt und auf die Erde geschleudert. Travaglini merkte sich das Gesicht des Polizisten sehr genau. Er wusste wohin man seine Frau gebracht hatte und somit zu welcher Einheit der Polizist gehörte. Er umkreiste das Gebäude wo der Polizist arbeitete einige Tage und schaute und wartete die ganze Zeit. Eines Abends ging dieser Polizist in eine Milchbar in der Nähe, um etwas zu trinken. Als dieser im Dunkeln wieder herauskam und an einer einsamen Stelle an einen Holzzaun stand um zu pinkeln, stand Travaglini hinter ihm. Und man muss wissen, dass Travaglini von Gestalt eher schmächtig und klein war. Travaglini hatte irgendeinen Metallgegenstand in der Hand und schlug dem Polizisten die Schädeldecke ein. Das muss man wissen, wenn man wissen will was Travaglini für ein Mann war. Er schlug den Polizisten, der seine Frau misshandelt hatte, tot.

Azzoncao: Was passierte mit seiner Frau?

Luigi Borgomnari: Sie wurde nach einiger Zeit aus der Haft entlassen. Was sie dann tat, wohin sie ging, dazu kann ich nichts sagen. Ich vermute, das sie mit den beiden Kindern Milena und Monica wegging. Auf jeden Fall nicht mehr in dem Haus wohnte.

Azzoncao: Was passierte dann? Schliesslich war er ja jetzt in der Illegalität. Er wurde von Polizei und GeStaPo gesucht.

Luigi Borgomaneri: Travaglini verfügte über sehr viele Kontakte in fast alle antifaschistischen Bereiche. Mit Kommunisten, mit Mitgliedern der Partito Azione und auch Sozialisten. Aber er war ein Einzelgänger. Er war allein, gehörte zu niemanden. Das war sehr schwer für ihn. Und das macht die Geschichte zu Travaglini auch zu einer aussergewöhnlichen und schönen Geschichte. Um nur eins zu sagen: Er machte extrem gefährliche Unternehmungen.

Er hatte zu einem wichtigen Mann aus der Partito Azione Kontakt. Dieser arbeitet beim Corriere della Sera als Journalist. Sein nome della guerra war Federico. In Realität hiess er Giulio Alonzi. Er war Mitglied des ersten geheimen Militärrats in Mailand. Und er war der Inspektor der ersten Partisaneneinheit in den Bergen oberhalb von Lecco und Como. Wohin dann auch Travaglini ging, nachdem er für die Fälschungen mit dem gestohlenen Stempel gesucht wurde und es eine Hausdurchsuchung im Juli 1944 bei ihm gab.

Azzoncao: Wo kam er unmittelbar nach der Durchsuchung unter?

Luigi Borgomaneri: Das weiss ich nicht. Das kann ich nicht sagen. Aber er ging dann in die Berge zu den Partisanen.

Am 28. August 1944 wurde er in Gallerate von einem Feldgericht zum Tode durch Erschiessen verurteilt. Und zwar wegen Hochverrat und schwerer Sabotage an Anlagen der Deutschen Luftwaffe in Gallerate. Ein Anschlag am 14. Dezember 1943 mit zwei toten Wehrmachtsangehörigen und über 1 Millionen Reichsmark Sachschaden.

Azzoncao: Schwere Sabotage? Anschlag?

Luigi Borgomaneri: Ja, ich habe ja gesagt, dass er sehr viel Kontakte hatte. Nicht nur zu Kommunisten. Auch zu GAPisten. Er machte mal mit diesen, mal mit jenen Aktionen. Er war ein freier Geist, un spirito libero. Mit einem enormen Mut.

Azzoncao: Scusate, Signore Borgomaneri. Ähem, da war gerade von dieser Klitzekleinigkeit mit dem Attentat, den beiden toten Wehrmachtsangehörigen und dem kleinen Sachschaden in Höhe von über 1 Millionen Reichsmark die Rede. Könnten sie dazu etwas mehr sagen. Was hat Carlo Travaglini gemacht?

Luigi Borgomaneri: Ja. Ich denke, er hat es zusammen mit zwei GAPisten gemacht. Ich glaube auch die anderen beiden GAPisten zu kennen. Zwei junge kommunistische GAPisten. Einer davon war Sergio Bassi, ein Freund von Enzo Galasi, der an der via Imbonati 9 wohnte.

Travaglini stand auch in Kontakt mit GAPisten.

Azzoncao: Aber die GAPisten mit ihrem Zellensystem und ihren strengen Regeln. Wie war das möglich, dass jemand wie Travaglini GAPisten kannte?

Luigi Borgomaneri: Genau. Man muss dazu sagen, dass wir nicht präzise über die Organisation der GAP Bescheid wissen. Was wir über die Basis, den Aufbau und die Struktur der GAP wissen, wissen wir vor allem über das Buch von Giovanne Pesce „Senza Tregua“(dt. Titel: Ohne Schonzeit). Immer wenn es öffentliche Verlautbarungen zur GAP gab, seitens der kommunistischen Partei, oder sonst jemanden, wurde auf das Buch von Giovanni Pesce verwiesen. Pesce war einer der hervorragendsten Persönlichkeiten der GAP, aussergewöhnlich, hevorstechend. Aber vielleicht ist er deswegen auch nicht repräsentativ für diese Welt der GAPisten. Was Giovanni schrieb war quasi die Theorie des Kampfes der GAP. Giovanni war ein Kommandant der GAP. Er lebte quasi die Theorie der GAP. Aber die anderen GAPisten waren nicht so. Man könnte sagen, er war ein Shaolin-Mönch der GAP. Er war so zu sagen die Perfektion des GAPismus. So ist die ganze Geschichte zur GAP, die ganze Mythologie zur GAP, inspiriert von seinem Buch. Und so dachte man lange Zeit, dass alle GAPisten diesem Bild entsprochen hätten. Aber das ist nicht wahr.

Wie Travaglini einen Kontakt zu den GAPisten bekam, weiss man nicht. Diese GAPisten wurden auf jeden Fall im Februar/März 1944 verhaftet.

Um das alles zu verstehen, muss man auf jeden Fall Eines wissen. In den ersten Monaten, in der ersten Zeit der Resistenza, gab es ein Netz kleiner Organisationen. Aber sie kannten sich untereinander und unterstützten sich gegenseitig. Es gab nicht jene Rigidität und Rigorosität der späteren Zeit, als man nichts miteinander zu tun haben wollte. Z.B. die GAPisten mit keiner anderen Gruppe Kontakte haben wollten. In dieser ersten Zeit arbeiteten die Aktionisten z.B. etwas mit den Kommunisten zusammen. Und es waren private Kontakte. Keine offiziellen Partei- und Organisationskontakte.

So können die Kontakte zu Travaglini entstanden sein. Später dann war jeder private Kontakt für einen GAPisten lebensgefährlich. Und auch für die Person, die Kontakt zu den GAPisten hatte. Travaglini mit seinem Temperament wäre ehedem als Kontakt für einen GAPisten ausgeschieden. Aber das war alles in der Anfangszeit der Resistenza. Und Travaglini selbst war über seine Fähigkeiten und Möglichkeiten ein interessanter Kontakt für GAPisten.

Aber man muss noch mal sagen, dass alle Organisationen in ihrer Anfangszeit sich sehr davon unterschieden wie sie sich später entwickelten und arbeiteten.

Und was ich noch zu Travaglini sagen kann ist, dass ich nie in irgendwelchen Dokumenten zur GAP seinen Namen erwähnt fand. Keine Art der Erinnerung. Vielleicht waren die beiden GAPisten, die Einzigen die mit ihm Kontakt hatten. Der eine wurde im Mai in den Bergen erschossen. Der andere starb sehr wahrscheinlich am Flugplatz Linate.

Aber es gab da noch eine weitere Geschichte mit Carlo Travaglini und einem der GAPisten. Eine weitere aussergewöhnliche Geschichte des Widerstands. Am 18. Dezember 1943 richtete die GAP den Sekretär der faschistischen Federation der Provinz von Mailand, Aldo Resega, hin. Vier GAPisten aus Sesto San Giovanni führten das Attentat aus, als Aldo Resega auf dem Weg zu seinem Büro war.

Die Faschisten hatten anlässlich der Beerdigung riesige Demonstrationen organisiert. Torino, Genova, etc.p.p. In Mailand fand diese Demonstration auf der Piazza del Duomo statt. Auf der Piazza und den anliegenden Strassen waren überall Faschisten und faschistische Organisationen zur Demonstration erschienen. Eine grosse Propagandashow, die die Kraft des Faschismus demonstrieren sollte.

Bei dieser Beerdigung am 20. Dezember wurde von einem Dach gegenüber dem Duomo zwei-, dreimal geschossen. Und alle flohen von dem Platz. Die Sargträger flohen in den Duomo und liessen den Sarg fallen. Niemand wusste woher die Schüssen kamen. Und so feuerten die Faschisten einige Minuten auf die Fenster und Dächer der umliegenden Gebäuden. Ungefähr 5.000 Schüsse wurden abgegeben. In den Zeitungen erschien Nichts von dem Überfall. Das hätte ja besagt, dass Mitten in Mailand, drei Monate nach der Besetzung, es bewaffneten Widerstand gäbe. Aber ein Polizeiprotokoll hat das festgehalten und auch die Anzahl der Schüsse.

Geschossen wurde von dem Dach eines Palazzo, dessen Rückseite zur Piazza Mercanti herausging. Dort gab es ein kleines Fotografiegeschäft, wo man Fotoapparate, optische Geräte und Instrumente und Dergleichen kaufen konnte. Das Geschäft wurde auch von deutschen Soldaten frequentiert. Diese hatten Bedarf an allem Möglichen und so wurden dort auch Schwarzmarktgeschäfte gemacht. Travaglini war ein Freund des Ladenbesitzers. Eines Tages kommt ein deutscher Militär in den Laden und nutzt eine passende Gelegenheit sich nach Zivilkleidern zu erkundigen. Entweder erzählte man das Travaglini oder er war zur gleichen Zeit anwesend. Für ihn war klar, dass ein Soldat der Zivilkleider benötigt, sich auf eine Desertation, eine Flucht, vorbereitet. Er sollte seine Kleidung bekommen. Aber Travaglini wollte kein Geld dafür. Sondern ein deutsches Mausergewehr. Der Soldat kam und brachte das Gewehr. Und er bekam die Kleidung. Das Mausergewehr wurde in dem Laden des Fotografen versteckt. Dies muss vor der Beerdigung Resegas gewesen sein. Wann kann ich nicht genau sagen. Die Mauser war aber im Laden vor der Demonstration am 20. Dezember 1943.

An diesem Tag war der Laden geschlossen. Wie alle Läden in der Innenstadt. Ein Tag der nationalen Trauer. Aber Carlo Travaglini und der GAPist Sergio Bassi hatten sich in dem Geschäft einschliessen lassen. Hinter dem Geschäft gab es eine Treppe, die bis hinauf zum Dach führte. Beide stiegen diese Treppe hinauf. Und Sergio Bassi schoss. Travaglini war nämlich kurzsichtig. Die Schüsse waren auch keine gezielten Schüsse. Sie sollten etwas Anderes bewirken. Was sie auch taten. Sergio Bassi schoss nur zwei-, dreimal. Es musste schnell gehen. Niemand durfte wissen woher die Schüsse kamen. Dann stiegen sie wieder die Treppe hinab, versteckten die Mauser und warteten bis zum nächsten Morgen, um den Laden zu verlassen. Denn nach der Schiesserei durchkämmten natürlich die Faschisten die Strassen. Aber diese fanden niemanden. Auch als Sergio Bassi verhaftet wurde, fanden sie nicht heraus, dass er geschossen hatte. Unter all den massiven Vorwürfen, die man gegen Sergio Bassi erhob, war dieser nicht zu finden.

Die Zeitungen brachten, wie schon gesagt, Nichts. Absolut Nichts. Nur der Polizeibericht für das Innenministerium berichtet detailliert über diesen Angriff.

Ich glaube, das Travaglini Kontakt zu zwei GAPisten hatte. Der eine kann Elio Sammarchi („Eliot“), ein Freund von Sergio Bassi, gewesen sein. Ich denke, dass es Sammarchi war, weil Travaglini zu einem Partisan mal erwähnte, dass der Kampfname des Einen „Venezia“ war. Elio hiess mit Nachnamen Sammarchi. Der Löwe von San Marco ist das Symbol für Venezia, Venedig. Deswegen denke ich, dass der eine Partisan Elio Sammarchi gewesen sein muss. Und das Travaglini auch nach dem Attentat auf dem Flughafen noch Kontakt zu Sergio Bassi hielt. Wie gesagt, Travaglini hatten eine Menge Kontakte zu vielen Leuten. Auch zur GAP.

Die Aktion am Duomo kann man aber nicht als Aktion der GAP ansehen. Es war eine spontane Aktion zum Beginn der ersten Phase des Widerstands. Es gab die Gelegenheit, also los, lass es uns machen. Es gab noch keine Struktur, keine Organisation, kein Kommando. Die Regeln der Sicherheit wurden sicherlich nicht respektiert.

Azzoncao: Generell war Travaglini aber auf sich allein gestellt? Und wollte dies auch so?

Luigi Borgomaneri: Ja, man könnte sagen er war ein „Steppenwolf“.

Azzoncao: Noch mal zur Hausdurchsuchung im Juni 1944. Er tauchte danach unter. Was passierte dann?

Luigi Borgomaneri: Er ging in die Berge. Ich denke über seinen Kontakt zu dem Journalisten Julio Alonzi vom Corriere delle Sera, dem Inspektor der ersten Partisanengruppe in den Bergen, konnte er ins Valsassina zu den Partisanen kommen. In einem kleinen Tal neben dem Val Sassina, das Val d´ Era heisst. Dort hielt sich diese Gruppe von Partisanen in mehreren kleinen Behausungen auf.

Aber Travaglini landete bei einer Partisanengruppe, die kein Glück hatte. Es war ein Gruppe die praktisch nur sehr wenig unternahm.

Wir haben in Italien die Mythologie, dass alle Garibaldi – Partisaneneinheiten so waren wie die in Valsesia oder Valdossola. Mit einer hohen politischen Moral, Disziplin, Mut, vielen Kampferfahrungen, usw.. Aber es war nicht so. Natürlich gab es solche Brigaden. Aber es gab auch andere. Jede Brigade hatte ihre eigene Geschichte. Unterschiedlich zu der der anderen Brigaden. Abhängig in welcher Zone sie eingesetzt war, welche Umstände sie vorfanden, welche ökonomische Situation in dem Gebiet herrschte, der Präsenz von Bürgertum versus ArbeiterInnen. Abhängig von Faktoren, wie der Kapazität des Kommandanten, des politischen Kommissars.

Die Brigade, wo Travaglini war, war massgeblich von jungen Männern aus den umliegenden Dörfern gegründet worden. Dort wo die Brigade lag hatte man einen fantastischen Blick über die ganze Gegend, bis runter zum See. Um den Unterstand der Brigade zu erreichen hätte man sehr lange gebraucht. Aber sie wollten eigentlich nicht in diesem Gebiet kämpfen. Denn hätten sie einen Militärlaster der Deutschen angegriffen, oder etwas Ähnliches unternommen, hätte die Repression der Deutschen die nächsten Dörfer, ihre Dörfer, getroffen. Ihre Frauen, Schwestern, Eltern, Verwandte, Bekannte, etc.. Den Preis für ihren Angriff hätten diese bezahlt. Davor hatten sie Angst.

Viele der jungen Männer waren in die Berge gegangen, um nicht deportiert zu werden oder für die Republik von Salò Militärdienst zu leisten. Die Berge waren für die Partisanen auch ein Zufluchtsort, ein Refugium. Es gab durchaus die Einstellung, dass wenn die Deutschen oder die Faschisten dich suchen, dann musst du leider schiessen. Aber wenn sie nicht kommen, um uns zu holen, dann bleiben wir hier, und warten das Ende des Krieges ab.

So war Travaglini in eine Brigade geraten, die sehr wenig unternahm. Obendrein wurde die Brigade finanziell von den Besitzern der Firma Moto Guzzi unterstützt. In dem Gebiet der Partisanen lag Mandello Lario. Dort gab es die Fabrik von Moto Guzzi. Wie heute immer noch. Die Familie Guzzi machte eine interessante Politik. Sie entsprang einer reichen Familie aus Genua und machte es so. Einer aus der Familie hielt den Kontakt zu den Deutschen Besatzern. Ein Anderer zu den Partisanen. Die Produktion in der Fabrik lief gut. Die Familie machte Gewinn. Man arbeitete für die Deutschen. Die Deutschen zogen aus der gut funktionierenden Produktion Gewinn. Und die Partisanen hatten eben auch Interesse, dass die Produktion ungestört lief. Sie verhielten sich also brav und ruhig.

Dazu muss man noch Folgendes erzählen. Im Parterre der Firma wurde also ungestört produziert. In der ersten Etage sassen, die Deutschen, die die Produktion überwachten. Und wer und was sass im 2.Stock? Ein illegaler Sender der Alliierten, die von dort aus sendeten. Er wurde nie gefunden. Was auch kein Wunder ist. Denn es gab ja auch nie irgendeine Aufregung.

Und ein weiterer Faktor. Das Befreiungskomitee (CLN) aus Lecco, also die politische Direktion des Widerstandskampfes in dieser Region, ernannte einen Militärkommandant für die ganze Zone. Und zwar einen Ex-Collonello, einen Ex-Militär. Mit Sicherheit eine korrekte Person, ein Antifaschist. Jemand, der gegen die Deutschen kämpfen wollte. Aber er hatte den Kopf eines Militärs. Nicht den eines Guerillakämpfers. Er vertrat die Position, sich ruhig zu verhalten, zu organisieren und abzuwarten, wann der richtige Moment gekommen ist, etwas zu unternehmen.

Es war eine Brigade im Stillstand, im Abwarten. Warten das Hilfe kam, das die Amerikaner kommen, etc.. Man kann sich vorstellen, was das für einen Menschen wie Travaglini hat heissen müssen. Travaglini wollte agieren, kämpfen.

Travaglinis Haltung störte in der Brigade. Sehr. Eines Nachts schoss man auf Travaglini. Nicht die Faschisten. Jemand aus der Brigade. Man weiss es nicht genau. Es war klar, dass sich jemand Travaglinis entledigen wollte. Ein anderes Mal stellte man Travaglini ein Falle, um der faschistischen Polizei zu ermöglichen ihn zu verhaften. Aber das schlug auch fehl. Travaglini hatte grosse Probleme in der Brigade. Er störte ihr ruhiges Auskommen in den Bergen. Im Oktober 1944 gab es eine grosse Aktion der Deutschen und der Faschisten. Sie durchkämmten die gesamte Region nach PartisanInnen. Die Partisanen-Brigade löste sich auf. Einige kehrten zu ihren Häusern zurück, andere ergaben sich den Faschisten. Nur wenige setzten sich in die Berge ab, um weiter Widerstand zu leisten.

Azzoncao: Was passierte mit Carlo Travaglini?

Luigi Borgomaneri: Carlo Travaglini kehrte nach Mailand zurück. Es dürfte der November/Dezember 1944 gewesen sein.

Er begann mit einigen jungen Partisanen Waffen zu organisieren. Darüber hinaus trieben sie Propaganda, klebten Plakate, verteilten Flugblätter. Dreist wie Travaglini war, zogen sie in seine alte Wohnung ein. Er sagte, dass die GeStaPo hier schon mal gewesen sei und ihn deshalb hier auch nicht mehr suchen würde. Für so dreist würden sie ihn nicht halten. Also wohnten sie vier Monate in diesem Haus.

Aber da muss ich noch mal den Charakter von Travaglini beschreiben. Jede Gruppe oder Brigade schrieb nach dem Krieg die Verdienste ihrer Mitglieder auf. Um die Leistungen zu bestätigen, zu würdigen, ein Zeugnis zu geben. So z. B., der oder die hat am soundsovielten diese Aktion gemacht usw. usf.. Auch diese Gruppe erstellte Zeugnisse über ihre Taten. Und es war Travaglini, der diese Zeugnisse ausstellte. Ich habe von ihm unterschriebene Zeugnisse gesehen. Aber angesichts der Liste „verdienstvoller“ Mitkämpfer notierte er auf Listen Kommentare wie. „Diesen habe ich nie im Widerstand gesehen“. Oder: „Dieser will Partisan gewesen sein? Na, wohl bei sich zu Hause.“ Etc.. Er war sehr rigoros.

Dazu muss man wissen, dass in der ersten Monaten nach der Befreiung am 25. April, also in den Monaten Mai und Juni alle politischen Parteien ihre Brigaden mit angeblichen Mitgliedern aufblähten. Auch die Kommunisten. Obwohl diese etwas weniger als die Anderen. Die Christdemokraten, die Sozialisten, alle wollten mehr darstellen, als sie gewesen waren. Allein Travaglini akzeptierte dieses Vorgehen nicht. Er war kein Opportunist. Seine Moral war zu hoch, um sich an diesen Machtspielen zu beteiligen.

Er hatte die Nazis und Faschisten nicht im Namen einer Partei bekämpft. Er hatte sie allein aus der Tatsache bekämpft, dass diese Freiheit, Respekt, Toleranz und Demokratie negierten.

Travaglini brauchte für seinen Widerstand nicht eine Partei in seinem Rücken. Er machte es aus sich heraus und übernahm alle Verantwortung dafür selbst.

Und als der Krieg zu Ende war – basta! Er kehrte nach Hause zurück.

Es wäre für ihn ein Leichtes gewesen, eine politische Karriere einzuschlagen, Posten zu erreichen, etc.. Aber nein. Er ging nach Hause.

Er war eine phantastische Person des Widerstands.

Azzoncao: Also im November war er wieder in Mailand?

Luigi Borgomaneri: Ja. Mit Sicherheit kann man dies sagen. Was er am 11. November tat ist genauestens dokumentiert. Er besuchte das GeStaPo – Hauptquartier, die Allbergo Regina.

Azzoncao: Was machte er?

Luigi Borgomaneri: Er ging in das GeStaPo – Hauptquartier von Mailand.

Man hatte den Ingenieur Roberto Lepetit verhaftet. Einen leitenden Ingenieur und Chef der Firma Ledoga – Lepetit. Ein Antifaschist. Er wurde über das Lager Fossoli in Bozen deportiert. Nach Mauthausen. Er starb am 4. Mai 1945 in einem Lager in Ebensee. Kurz vor dem Kriegsende.

Lepetit war ein sehr guter Freund von Travaglini, nicht nur ein Kampfgefährte.

Als Travaglini von der Verhaftung seines Freundes erfuhr machte er Folgendes. Er wollte wissen, wo sein Freund inhaftiert war. Ob er schon nach Deutschland deportiert war. Usw.. Er brauchte Informationen. Und wo bekommt man diese? Bei der GeStaPo! Schau hier.

Azzoncao: Das ist ein Passierschein.

Luigi Borgomaneri: Ja, ein Passierschein des Hauptquartiers der GeStaPo von Mailand. Mit Datum und Uhrzeit. Und ausgestellt auf welchen Namen? Travaglini!

Carlo Travaglini, der zum Tode wegen Sabotage und Hochverrat verurteilt ist und von der GeStaPo und der Feldgendamerie gesucht wird, besucht das Hauptquartier der GeStaPo um Informationen über einen verhafteten Freund zu erfragen. Was für eine Tat. Und er nutzt nicht einmal einen fremden Namen. Was für eine Kaltblütigkeit. Was für ein Mut. Es war sehr verwegen, so etwas zu machen.

Azzoncao: Was ist das für ein Foto?

Luigi Borgomaneri: Das Bild entstand keine 200 Meter vor dem Hotel Regina, kurz bevor er hineinging. Diese Geschichte habe ich von einem der jungen Partisanen erzählt bekommen, die mit ihm damals zusammengearbeitet hat. Ohne diese Dokumente hätte ich diese Geschichte aber auch nicht geglaubt.

Travaglini dokumentierte auch seine Aktionen. Eine sehr gefährliche Sache. Aber deswegen wissen wir auch so viel von ihm. Ich denke, er wollte dokumentieren, wie er die GeStaPo an der Nase herumgeführt hat. Wie sagt ihr auf Deutsch „verarscht“ hat? Auf jeden Fall, dass man über die GeStaPo lacht. Ein Husarenstück, wie in dem Film von Ernst Lubitsch „Sein oder Nichtsein“.

Aber, wie gesagt, seinen Widerstand unter solchen Bedingungen zu dokumentieren war sehr gefährlich.

Eine andere Geschichte, die einer der jungen Partisanen erzählte, war die. Sie waren nach Mailand wegen einiger Waffen gekommen. Sie hatten eine Verabredung hier vorne an dem Bahnhof von Lambrate. Aber etwas stimmte nicht. Sie merkten, dass sie sich besser entfernen sollten. Die Faschisten hatten den Kontaktmann verhaftet. Sie begaben sich zum Hauptbahnhof und wollten nach Como fahren. Sehr viele Menschen wollten mit dem Zug fahren. Der junge Partisan war verzweifelt, ob sie noch mitfahren könnten und fragte Travaglini, was sie jetzt machen könnten. Worauf Travaglini ihn aufforderte mitzukommen. Es gab ein für die Wehrmacht reserviertes Abteil. Travaglini legte einen grossen Auftritt hin und stieg ein. Dort sass schon ein Offizieller der italienischen Faschistenpartei. Diesen schmiss Travaglini, auf Deutsch kommandierend, einfach raus. Aber der Zug war total überfüllt. Leute standen auf den Gängen. Auch vor dem Abteil wo die beiden Partisanen sassen. Was machte Travaglini? Die ganze Fahrt nach Como hatte er seine P 38 in der Hand und spielte damit herum.

Der junge Partisan hatte sehr viel Angst und meinte sie würden entdeckt und sterben. Travaglini meinte nur, nein, dass würde nicht passieren. Und spielte gut sichtbar für alle auf den Gang mit seiner Wehrmachtspistole.

Und, allen Ernstes, würdest du einen aggressiven Vertreter einer Besatzungsmacht, der die ganze Zeit mit einem Mordinstrument spielt, wagen zu stören oder sonst etwas machen?

Azzoncao: Es ist nichts passiert?

Luigi Borgomaneri: Nein. Sie hatten obendrein gut gefälschte deutsche Papiere, im Falle einer Kontrolle. Travaglini sprach blendendes Deutsch. Die offizielle Amtssprache, Militärunterhaltung, herrisches Auftreten. Alles das konnte er perfekt.

Aber dennoch, was für ein Vorgehen. Was für Nerven Travaglini hatte. Sangue freddo – kaltblütig. Er war erst drei Monate zuvor von einem Militärtribunal zum Tode verurteilt worden.

Er geht ins Hotel Regina. Dazu nicht unter einem falschen Namen. Nein, unter seinem Richtigen, Carlo Travaglini.

Ich kann es mir auch nur vorstellen, dass er ein enormes psychologisches Gespür und Vorkenntnisse militärischen Verhaltens besass. Das sah man ja schon 1943 an der Episode an der Piazza Loreto.

Ich denke dabei immer an seinen Vater, der ja Militäroffizier war.

Wisst Ihr woher er die P 38 hatte? Er hatte sie gestohlen. Und wisst ihr wo? Einem Nazi hat er sie gestohlen. In seinem Büro. Und nicht irgendeinem Nazi. Nein, sondern dem General Leyers.

SS-Brigadeführer Hans Leyers war der Repräsentant der RUK in Italien. Der Rüstungs- und Kriegsproduktion.

Travaglini war auch in seinem Büro, zwei-, dreimal. Bei seinen Besuchen auf den Kommandaturstellen, Kontaktaufnahmen, Geschenküberreichungen, usw.. Und Leyers musste während einer Unterhaltung mal kurz aus seinem Büro. Da hat Travaglini ihm aus der Koppel, die an der Wand hing, die P 38 entwendet. Auch hier wieder diese Kaltblütigkeit, diese Verwegenheit.

Azzoncao: Das klingt aber doch nach Aktivitäten in der Zeit seiner Rückkehr.

Luigi Borgomaneri: Ja, aber doch verhältnismässig wenigen.

Azzoncao: Hier sind aber noch Fotografien zu sehen, die Carlo Travaglini anscheinend selber gemacht hat. Und zwar von den Leichnamen von Mussolini und weiteren hochrangigen Faschisten, die von Partisanen kopfüber auf der Piazza Loreto aufgehängt wurden.

Luigi Borgomaneri: Ach ja. Es gibt viele Fotos von dieser Situation. Aber die meisten, die gemacht wurden, sind von einer gewissen Perspektive aus. Von vorne, von den Zuschauern. Travaglini muss den ein oder anderen Partisanenkommandanten gekannt haben, der ihm ermöglichte, aus der grossen Menge der Zuschauer zu treten und von einer anderen Perspektive Aufnahmen machen zu können.

Azzoncao: Kann man diese Aufnahmen als letzten Beitrag Travaglinis zum Partisanenkampf bezeichnen?

Luigi Borgomaneri: Nein, da gibt es noch eine andere Geschichte. Eine merkwürdige Geschichte mit einem faschistischen Kommandanten der GNR, Guardia nazionale Republicana. Travaglini und seine jungen Partisanen hatten ihn gefangen genommen. Lamberto war dabei. Der, der mir die Geschichte erzählte.

Das Oberkommando zur Befreiung CLN, Comitato di Liberazione Nazionale, intervenierte und der faschistische Colonello wurde auf freien Fuss gesetzt. Travaglini wurde verhaftet und ins Gefängnis gesteckt. Das muss so am 28./29. April 1945 gewesen sein.

Ein Skandal. Ein verhafteter Faschist wird freigelassen. Und ein Partisan, der ihn festgesetzt hatte, inhaftiert. Travaglini war bald wieder frei.

Eine delikate Geschichte. Der Faschist muss eine Protektion aus den höchsten Kreisen der CLN, des Befreiungskommitees erhalten haben. Und das war nicht der einzige Fall in dieser Zeit.

Für die betroffenen Partisanen war das ein schwerer Schlag. Z.B. der junge, 17 jährige Partisan da Lamberto, er verstand die Welt nicht mehr. Mit seinen Hoffnungen und Erwartungen. Ein faschistischer Kommandant wird in die Freiheit entlassen. Sie verhaftet. Wofür hatten sie gekämpft? Wofür waren die anderen Partisanen gestorben? Welche schmutzigen Geschäfte laufen hinter dem öffentlichen Gesicht unserer Befreiungskommandantur ab?

Welch eine hässliche Geschichte zur Geburt der Republik.

Azzoncao: Und Travaglini? Was machte er nach dem Krieg?

Luigi Borgomaneri: Er kehrte zu seiner Familie und seiner Arbeit zurück. Widmete sich nur diesen Dingen. Er lebte eine völlig normales Leben. Und verstarb in den 70iger Jahren.

Azzoncao: Vielen Dank für das Interview. Es war sehr interessant.

Luigi Borgomaneri: Volentieri – gern geschehen.

Azzoncao, ein Polit-Cafe

Luigi Borgomaneri entstammt einer Partisanenfamilie. Sein Grossvater, Vater und Onkel waren Partisanen. In den letzten Kriegstagen wurde sein Vater bei einem Gefecht mit abrückenden deutschen Truppenteilen getötet. Seine Mutter heiratete noch einmal. Wieder einen Partisanen. Diesmal aber einen Italiener, der bei den griechischen Partisanen mitgekämpft hatte.

Luigi Borgomaneri wuchs so im Nachkriegsitalien im Umfeld der Ex-PartisanInnen auf. Ein Umstand, der ihm einen vorzüglichen Zugang zu der Geschichte der Partisanen ermöglichte.

Als Lehrer und Historiker arbeitete er jahrelang am Fondazione Istituto per la storia della età contemporanea (ISEC) in Sesto San Giovanni. Er verfasste mehrere Bücher über die Partisanenbewegung und war/ist als Wissenschaftler gefragter Referent und Berater.

Ende der 90ziger Jahre verfasste er das Buch „Hitler a Milano - i crimini de Theodor Saevecke“ über den ehemaligen GeStaPo-Chef Mailands, der in Turin als Kriegsverbrecher angeklagt war. Die Karriere als Menschenjäger ging für Saevecke nach dem Krieg weiter. Erst für den amerikanischen, dann für den deutschen Geheimdienst. Erst Ende der 90ziger wurde er in Italien angeklagt. Luigi Borgomaneri fungierte als historischer Beirat der Staatsanwaltschaft.

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