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Die seltsame Geschichte des Helmut „Helle“ Hirsch | Untergrund-Blättle

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Erinnerung an den Nationalsozialismus in Stuttgart Die seltsame Geschichte des Helmut „Helle“ Hirsch

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In Stuttgart wurde, wie in der ganzen Bundesrepublik, die Erinnerung an den Nationalsozialismus lange Zeit nicht gerne gesehen. Wer nicht vergessen wollte was die Nachbarn und Kollegen früher gemacht haben, wurde als Nestbeschmutzer denunziert.

Stolperstein in Stuttgart an der Seestrasse 89.
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Bild: Stolperstein in Stuttgart an der Seestrasse 89. / Zinnmann (CC BY-SA 4.0 multiple)

30. Mai 2017

30. 05. 2017

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Umgekehrt war daher klar: Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus war praktische Subversion gegen das Bestehende. Während die Nation am Volkstrauertag des verlorenen Krieges gedachte, feierten Antifaschisten am 8. Mai den „Tag der Befreiung“. Was aber ist Erinnerung an den deutschen Faschismus in einer Zeit, wo er längst staatliches Programm geworden ist? Das lässt sich besonders deutlich machen an einem Stuttgarter Juden und an seiner Lebensgeschichte: Helmut „Helle“ Hirsch, der vor nunmehr 80 Jahren von den Nazis hingerichtet wurde.

Das Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus am Stuttgarter Karlsplatz wurde 1970 nur nach jahrelangen Engagement von Antifaschisten aufgestellt, insbesondere von Eugen Eberle, dem ehemaligen KZ-Häftling und langjährigen linken Gemeinderat (1948 - 1984). Viel Gegenwind hat es damals gegeben gegen ein solches „Schandmal“ in der Mitte Stuttgarts, obwohl der damalige Oberbürgermeister es schon früh versprochen hatte. Der Gedenkstein für Lilo Herrmann am Stuttgarter Campus musste sogar in der Nacht des 20. Juni 1988 gelegt werden. Prof. Eberhard Jäckel, damals Inhaber des Lehrstuhls für Neuere Geschichte, riet davon ab, für Lilo Herrmann ein Denkmal zu errichten.

Er hob damals besonders die kommunistische Gesinnung Lilo Herrmanns hervor, die Freiheit und Menschenreche unterdrücke – als Vorbild für die Universität Stuttgart sei sie nicht geeignet. Jäckel konnte und wollte den Widerstand Liselotte Herrmanns gegen den Nationalsozialismus nicht entpolitisieren: Für ihn war ihr Antifaschismus nicht zu trennen von ihrer Arbeit bei der illegalen KPD. Er unterschied damit in einen guten, Patriotischen und einen schlechten kommunistischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Damit war er nicht allein.

„Gegen das Vergessen“

Diejenige Generation von Bürgermeistern, Stadträten und Bürokraten, die den Faschismus selbst erlebt hatten zerfiel in zwei Gruppen: diejenigen, welche schon unter dem Nationalsozialismus solche oder ähnliche Funktionen eingenommen hatten - dass diese ihre eigene Geschichte nicht aufgearbeitet wissen wollten, ist selbsterklärend, und es waren nicht wenige: Unter Adenauer gab es mehr ehemalige NSDAP-Mitglieder im Auswärtigen Amt als 1939 im selben Amt aktive Parteimitglieder - so wie diejenigen „unbelasteten“ wie der Stuttgarter Bürgermeister Klett und ein kleiner Teil an Widerständlern und ehemaligen KZ-Häftlingen. Sie kämpften um die Erinnerung an ihre Erfahrungen unter dem Faschismus. In dieser Tradition sehen sich auch heute noch viele Antifaschisten, die an den deutschen Faschismus erinnern wollen: „Gegen das Vergessen“ wird dem Schicksal von Einzelpersonen gedacht, um in der individuellen Biographie der Widerstandskämpfer das grosse Ganze sichtbar zu machen.

Nestbeschmutzer und Patrioten

Wer dabei das Verdikt „Widerstandskämpfer“ verdient hatte, und wer dagegen als „Vaterlandsverräter“ galt, war selbst wieder Gegenstand grosser Debatten. Der fraktionslose Abgeordnete Thadden, der später bekannt werden sollte als Begründer der NPD, definierte im deutschen Bundestag unter Zustimmung anderer Abgeordneter, dass den Anspruch Widerstandskämpfer zu sein „nur derjenige erheben [kann], der aus idealer Gesinnung und im Interesse des deutschen Volkes gehandelt hat, aber nicht derjenige, der […] dem System der Gewalt Widerstand geleistet hat, um ein anderes System an seine Stelle zu setzen.“

Kein Wunder also, dass sich die Antifaschisten gegen diese Art von Unterscheidung in „gute“ und „schlechte“ Widerständer stellten: Als genuin linke Position galt daher immer die Anerkennung aller, und das meinte eben vor allem auch kommunistischer Kämpfer gegen den deutschen Faschismus. Auch Stuttgarter Antifaschisten wie Hans Gasparitsch, der nicht nur zeitweise im Hotel Silber, der Württembergischen Gestapo-Zentrale, sondern fast zehn Jahre seines Lebens in Gefängnissen und Konzentrationslagern der Nationalsozialisten verbracht hat, betonte Zeit seines Lebens, „dass der Widerstand nicht in einem „guten“ (heute politisch genehmen) und einen „schlechten“ (weil beispielsweise kommunistisch motivierten) geteilt werden kann“ – so schrieb er es auch in seinem Nachwort des Buches Hanna, Kolka, Ast und Andere – Stuttgarter Jugend gegen Hitler.

Während in der BRD als Lehre aus dem dritten Reich ein Antitotalitarismus gezogen wurde, der gegen Links- wie Rechtsextremismus gerichtet war, kämpften die Linken und Kommunistischen Antifaschisten um ihre Anerkennung als Gegner des Nationalsozialismus. Das hatte oft genug auch eine sehr materielle Seite: Machte es doch einen Unterschied, ob man offiziell als verfolgt gelten durfte oder als Krimineller eingestuft wurde.

Wie sich die Erinnerungskultur verändert hat

Dieser ehemals linke Standpunkt gegen die von rechts vorgenommene Unterscheidung in Widerstandskämpfer, die für ein besseres Deutschland gekämpft haben und Nestbeschmutzer, die gegen Deutschland kämpften, ist heute die dominierende. Die „Gedenkstätte Deutscher Widerstand“ in Berlin erinnert wie die meisten Institutionen an alle, die gegen den deutschen Faschismus kämpften – so auch an die Kommunisten. Das ist einer ganz anderen Gedenkkultur zu verdanken, für die sich Deutschland international rühmt „Aufarbeitungsweltmeister“ zu sein. Wie kam es dazu?

Adorno beschrieb noch den Zeitgeist der 60er Jahre mit den Worten: „Unterdessen gilt bereits an Auschwitz zu erinnern als langweiliges Ressentiment. Keiner gibt mehr etwas fürs Vergangene.“ In der deutschen Politik war es so lange Zeit Usus, dass die Erinnerung an die NS-Zeit Deutschland und seiner jungen Demokratie schade. Als es in der Weihnachtsnacht 1959 an der damals neu eingeweihte Kölner Synagoge zu Hakenkreuzschmierereien kam, vertrat der damalige Innenminister Schröder die These, dass die antisemitischen Ausschreitungen eine Folge eines unausgeglichenen Verhältnisses der deutschen zu ihrer Geschichte seien. Es solle also endlich Normalität einkehren – auch hier also noch die Forderung, Geschichte auch endlich Geschichte sein zu lassen und den Blick in die Zukunft zu richten.

Erst die Grünen schafften es in der Zeit ihres Einzugs ins Parlament 1982 bis zum Kosovokrieg 1999 aus der Erinnerung an den Nationalsozialismus eine moralische Legitimation der deutschen Nachkriegspolitik zu machen. Viele hatten es schon vorher versucht, aber Joschka Fischers Mobilisierungsrede zur Bombardierung Belgrads, damit ein neues Auschwitz verhindert wird, verwandelte den Nationalsozialismus endgültig von einem Schmutzfleck der deutschen Geschichte, der vergessen werden sollte, zur moralischen Katharsis einer Nation, die gerade durch ihre Geschichte den moralischen Imperativ geerbt hat, auf der ganzen Welt für Ordnung zu sorgen: Eben eine deutsche Verantwortung, die keine Schande mehr ist sondern Einspruchstitel für eine deutsche Politik vom Hindukusch bis Mali.

Helle Hirsch gegen den Nationalsozialismus…

Das ganze Paradox dieser neuen Erinnerungskultur kann an der Person Helle Hirschs deutlich gemacht werden. Diesem jungen Mann, der am 4. Juni 1937 in Berlin-Plötzensee von den Nationalsozialisten hingerichtet wurde, wurde in Stuttgart inzwischen auch ein Stolperstein gewidmet. Er liegt in der Seestrasse 89, jener Adresse, wo der junge Helle bis zu seiner Reifeprüfung am Dillmann-Gymnasium 1935 mit seiner Familie gelebt hat. Aktiv war er bei der Bewegung Deutscher Jungenschaft vom 1.11.1929, genannt d.j.1.11, die in Stuttgart gegründet wurde. Sie war Teil der bündischen Jugend, politisch eher indifferent und gegründet von dem Stuttgarter Eberhard Koebel. Dieser war bekannt unter seinem Spitznahmen Tusk (der Deutsche) und sympathisierte Zeitweise mit der KPD. Im Exil schrieb er später dazu in einem Brief an Helle Hirsch: „ich ging zur K.P. bloss weil ich die entscheidung kommen sah und dies als die einzige radikale anti-nazi-tat erkannte. Proletariat etc. ist mir natürlich wurscht“.

Er versuche allerdings schon kurze Zeit nach seinem Liebäugeln mit der KPD, bereits 1933, eine leitende Position in der Hitler-Jugend zu erhalten, was scheiterte. Im Frühjahr 1933 schloss sich diese Bewegung gesammelt der HJ an und der junge Helle Hirsch wurde so als Jude aus ihr entlassen. Sein Bombenattentat auf eine Säule des Nürnberger Reichsparteitagsgeländes, für das er zum Tode verurteilt wurde, konnte er wegen seiner Verhaftung nicht mehr durchführen. Interessant ist aber vor allem, in wessen Auftrag er handelte – den die d.j.1.11 war es nicht. Vielmehr stellte Koebel den Kontakt zwischen Helle Hirsch und Otto Strasser her, welchen er Helle Hirsch in einem Brief am 12. Oktober 1935 als einen Mann vorstellt, der allein „das vertrauen des wollenden d[eu]tschl[an]d verdienen“ kann. Wer war Otto Strasser?

…im Namen des Nationalsozialismus

Er war der Gründer der „Schwarzen Front“, jener Organisation, die kurz zuvor noch „Kampfgemeinschaft Revolutionärer Nationalsozialisten“ geheissen hatte. In der NSDAP sammelte Otto eine Gruppe Nationalsozialisten um sich, die sich in ihrer Interpretation des Sozialismus von Adolf Hitler abgrenzten und spaltete sich als eine eigene Kampfgemeinschaft ab. Fortan galten sie für die NSDAP als einer der Hauptfeinde der Bewegung. Zu ihrer Hochzeit hatte diese Bewegung ungefähr 10.000 Mitglieder. Ihr nationaler Sozialismus erhob den Anspruch, auf völkischer Grundlage eine Alternative zum Kommunismus zu bieten – der Klassenkampf sollte durch die Volksgemeinschaft ersetzt werden.

Helmut Helle Hirsch, selbst Jude, arbeitete mit revolutionären Nationalsozialisten zusammen gegen Hitler. Dass die schwarze Front sich offiziell vom Antisemitismus des dritten Reiches distanzierte, in der Zeit als Helle Hirsch auf sie traf sogar einen regelrechten Philosemitimus praktizierte, wird nicht nur von dem Historiker Patrik Moreau in seiner Dissertation zur Schwarzen Front als aus „rein taktischen Gründen“ beschrieben, in der Hoffnung, dass antifaschistische Kräfte in den USA ihre Organisation finanziell unterstützen würden. Dass die Schwarze Front es mit ihrer Abkehr vom Antisemitismus nicht allzu ernst gemeint haben, ist aus einer Aussage abzulesen, die man der Urteilsschrift entnehmen kann. Dort wird eine Aussage protokolliert, die Helle Hirsch im Verhör gemacht hat: „Strasser hat mich […] in meiner Absicht bestärkt und hat gesagt, von dem, was die Juden jetzt leisten, werde es abhängen, wie die «Schwarze Front» nach ihrer Machtergreifung in Deutschland sie behandele.“

Helle Hirsch schrieb in der Zeitschrift der Schwarzen Front auch einen Artikel. „Weg, Not und Zukunft der Jugend“ in der Nr. 12 der „Deutschen Revolution“ vom 12. April 1936. Dass er sich von der Schwarzen Front allerdings Verraten gefühlt hat geht klar aus einem Brief an seinen Vater hervor, den er, bereits auf seine Exekution wartend, geschrieben hat: „Lieber Vater, die Schuld trifft die Leute, die leichtsinnig und verantwortungslos die Bereitschaft eines saudummen Jungen ausgenützt haben und ihn endlich hundsgemein verraten haben, und mich selbst, weil ich im entscheidenden Augenblick nicht energisch genug: Nein gesagt habe […]“

Helle – ein Widerstandskämpfer?

Wie wird heute in Stuttgart diesem jungen Mann gedacht? Die Stolpersteininitiative ist auf ihrer Internetseite vorsichtig in ihrer Formulierung, weshalb Helle Hirsch einen Stolperstein erhalten habe: „Helle Hirsch war ein aufrechter und vielseitig begabter junger Mann mit einer aussergewöhnlichen und leider allzu kurzen Lebensgeschichte. Er ist ein Beispiel für eine Jugend zwischen freigeistigem Denken, dem Suchen nach Neuem und den politischen Wirrnissen der Zeit des Nationalsozialismus.“.

Auf der Internetseite des Hotel Silber findet sich der Hinweis: „Helmut Hirsch wurde am 27. Januar 1916 als amerikanischer Staatsbürger in Stuttgart geboren“ und „Er war damit der erste von den Nationalsozialisten hingerichtete US-Bürger“. Das ist so richtig, allerdings war Helmut Hirsch die meiste Zeit seines Lebens staatenlos. Erst als er von der Gestapo verhaftet wurde und hingerichtet werden sollte, bemühte sich die amerikanische Botschaft um seine Freilassung. Dass Helles Eltern einmal Amerikaner waren – ihnen allerdings die Staatsangehörigkeit aberkannt wurde – nutzte der amerikanische Diplomat, um Helle einen amerikanischen Pass auszustellen. Genutzt hat es dennoch nichts, und so war Helle zwar tatsächlich der erste von den Nazis hingerichtete US-Bürger, aber die Erinnerung an ihn als hingerichteten Amerikaner wird seiner Person in zweifacher Hinsicht nicht gerecht: Erstens wurde er nicht hingerichtet, nicht, weil sondern trotz seiner amerikanischen Staatsbürgerschaft und zweitens war er die allermeiste Zeit seines Lebens ein staatenloser Jude.

Aber die Frage, wie man Helle Hirsch gedenken soll, stellt sich noch grundsätzlicher: Die Haltung des Stuttgarter Kommunisten und Antifaschisten Hans Gasparitsch war im Zusammenhang mit den Widerstandskämpfern gegen den Nationalsozialismus noch, dass man die Trennung in „Gute“ und „Schlechte“ Kämpfer nicht mitmachen wollte. Gerichtet war dieses Statement gegen die oben dargestellte Ausgrenzung der Kommunisten in der bundesdeutschen Erinnerungskultur. Nun begegnet uns dieser Satz wieder, unter neuen Vorzeichen: Ist deswegen auch ein Attentäter, der im Auftrag von dissidenten Nationalsozialisten handelt, unumwunden ein Widerstandskämpfer?

Die Entpolitisierung des Widerstandes

Das heute Namen wie Helle Hirsch, Hans Gasparitsch und Lilo Herrmann zusammen als „Opfer des Nationalsozialismus“ genannt werden können zeigt die Kehrseite eines Antifaschismus, der von bürgerlicher Seite anerkannt werden will. Tatsächlich ist die Ehrung Lilo Herrmanns durch die Institutionen einer bürgerlichen Demokratie wie die BRD, die einen weltweit agierenden Kapitalismus eingerichtet hat, nur dadurch zu haben, dass ihr Widerstand entpolitisiert wird. Ihr Kampf gegen den deutschen Faschismus galt eben nicht der Einrichtung von dem, was die BRD heute ist – und auch nicht einfach einem „Antifaschismus“: Sie war Kommunistin und in einer Partei aktiv, in der auch die Stuttgarter Sektion Kontakt mit der Sowjetunion hatte – dem Vorbild dieser Männer und Frauen.

Stuttgarter Antifaschisten haben so lange um die Anerkennung von Menschen wie Lilo Herrmann gekämpft, dass man sich nun fragen muss: Was von ihrem Kampf ist übrig, wenn sie nun als Antifaschistin gilt, die gegen den Faschismus gekämpft hat, wegen der eigenen Erinnerungspolitischen Maxime, den Widerstand nicht in gut und schlecht zu teilen, allerdings in einem Atemzug genannt wird mit Männern wie Hirsch oder Stauffenberg, der bekanntlich ebenfalls einen Teil seines Lebens in Stuttgart verbracht hat?

Erinnerungskultur als Rechtfertigung des Bestehenden

Diese Gleichstellung aller Widerstandskämpfer gegen das dritte Reich kommt nicht von Ungefähr. Die offizielle Politik, die mit der der besonderen „deutschen Verantwortung“ im Rücken heute der Türkei erklärt, wie sie von Deutschland als „Erinnerungsweltmeister“ lernen kann, mit ihrem Völkermord umzugehen, beweist: Deutschland ist wieder wer – und das nicht mehr trotz – sondern wegen Auschwitz.

Damit wird ein Grundproblem linker Erinnerung an den Nationalsozialismus deutlich. Hans Gasparitsch hat in seiner Zeit dafür gekämpft, dass sein Widerstand und der seiner Genossinnen und Genossen von der Gesellschaft anerkannt wird. Heute wird die Kehrseite dieser Anerkennung sichtbar: Als Individuen mit völlig unterschiedlichen Programmen werden sie alle für dieselbe Sache in Anspruch genommen: Das gute Deutschland, das seine Vergangenheit so rücksichtslos erinnert, dass es dafür international zum ideellen Richter der Vergangenheitsbewältigung wird. Als Kämpfer gegen den Nationalsozialismus werden sie in Beschlag genommen für das heutige, das bessere Deutschland. Und so wundert es nicht, dass von den Zielen und Motivationen der Individuen so wenig übrig bleibt, dass so unterschiedliche Stuttgarter wie Hans Gasparitsch, Lilo Herrmann und Helle Hirsch gemeinsam genannt werden können.

Diese pauschale Erinnerung an jeden Widerstand stellt sich ignorant gegen die Programme der KPD einer Lilo Hermann, der Gruppe „G“ eines Hans Gasparitsch und das Programm der „Kampfgemeinschaft Revolutionärer Nationalsozialisten“ eines Helle Hirsch. Macht man sich die Mühe, diesen Gruppen nachzuspüren und ihre Programme zu studieren, dann würde es einem wohl ebenso schwer fallen, sich positiv auf einen Helle Hirsch zu beziehen, wie es seltsam erscheint, für die Anerkennung der Lilo Herrmann durch die BRD einzutreten. Denn erinnern wir uns noch einmal dieser Kommunistin, mit der dieser Artikel begann:

Ihr Gedenkstein wird regelmässig geschändet, und erst im Juli 2016 wurde er wieder renoviert, dieses Mal bezahlt von der Universität. Allerdings darf man sich nicht wundern, wenn eine Institution der BRD nicht der Kommunistin, sondern der Widerstandskämpferin gegen den Faschismus gedenkt, und in diesem Sinne die Schändung ihres Gedenksteines auch als Angriff gegen sich nimmt und nicht als Ausdruck eines Antikommunismus, den sie selbst betreibt.

Vielleicht hat sich ja eine Linke, die sich darüber freut, dass ihre Kämpfer endlich anerkannt werden, damit selbst einen Bärendienst erwiesen, wenn ihre Antifaschistischen Vorbilder nun in einer Reihe mit Hitlergegnern wie Helle Hirsch stehen. Und so seltsam es auch erscheinen mag: Prof. Eberhard Jäckel hat mit seiner Weigerung, Lilo zu ehren, ihre politische Arbeit ex negativo mehr gewürdigt, als jene Antifaschisten, die sie als reine Gegnerin des dritten Reichens entpolitisieren wollen. Das seltsame Leben des Helmut „Helle“ Hirsch kann hier hilfreich sein um zu verstehen, dass gegen Hitler zu sein vielleicht ausreicht, um in einer Stuttgarter Erinnerungskultur als Beispiel für ein besseres Deutschland herzuhalten – wenn eine Linke aber noch mehr sein will, als das bessere Deutschland, dann hätte sie sich an einer Kritik dieser Gedenkkultur zu üben, statt darin ihrem Platz einzufordern.

Berthold Beimler

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