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Interview mit Christof Wackernagel Global oder gar nicht: Was von der RAF bleibt

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C.W. drehte 1967 im Alter von 15 Jahren seine erste Hauptrolle in dem preisgekrönten Film »Tätowierung«, schloss sich 1977 der RAF an, wurde nach 6 Wochen verhaftet, sass 10 Jahre im Gefängnis, arbeitet seitdem wieder als Schauspieler und Schriftsteller und lebte von 2003 bis 2013 in Mali.

Bombenanschlag der RAF am 11.
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Bild: Bombenanschlag der RAF am 11. Mai 1972 auf das Offizierskasino im IG-Farben Haus in Frankfurt am Main. In jenem Gebäudekomplex war damals das Hauptquartier des V. Korps der US-Armee, das United States European Command und das Hauptquartier der Central Intelligence Agency (CIA) in Deutschland untergebracht. / US Army (PD)

29. April 2020

29. 04. 2020

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UB: Sie sind Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe und Ulrike Meinhof 1975 im Stammheimer Prozess als Anwaltsassistent begegnet. Welchen Einfluss hatten diese Bekanntschaften auf Sie?

CW: Keinen. Ich erfuhr sie als eine politische Gruppe, die meinen Vorstellungen von Kollektivität entsprach, wie ich sie zusammen mit meinen Freundinnen und Freunden seit 1970 in unserem Druckerei-, Musik- und Videokollektiv entwickelt hatte: angenehme, starke Persönlichkeiten mit ausgeprägten, sich zum Teil scharf widersprechenden klaren Vorstellungen, die sich nur in einem einig waren: dass es so nicht weitergehen konnte, wie es war. »Die« RAF hat es nie gegeben, sondern eine Gruppe von intensiven Individuen, die kompromisslos um den richtigen Weg zur Beendigung von Herrschaft von Menschen über Menschen kämpften.

An erster Stelle untereinander: die oft zitierten scharfen Auseinandersetzungen zwischen Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin waren Ausdruck von Verbindlichkeit, Vertrauen und, ich scheue mich nicht, es so auszudrücken, Liebe. Ausdruck eines ans Religiöse grenzenden Glaubens an – im Blochschen Sinne ausgedrückt – die »reale Möglichkeit« der Utopie eines menschenwürdigen Zusammenlebens. Daraus speiste sich die Wut und die grenzenlose Trauer über die herrschenden Machtverhältnisse, in denen zwei Drittel der Menschheit nicht einmal Zugang zu Trinkwasser hat. Daraus ergab sich aber auch die Notwendigkeit, sich nicht zu schonen, sondern sich gegenseitig dabei zu helfen, die eigene Verstrickung in diese Strukturen aufzulösen.

Keine andere der nach dem Zerfall der Studentenbewegung entstehenden Gruppen hat diese Qualität von Kollektivität erreicht. Das macht ihre einzigartige Qualität aus, und das ist einer der Gründe, warum selbst 50 Jahre nach ihrer Gründungsaktion so erbittert um sie gestritten wird. Deshalb wird sie noch heute von der linken Bewegung, als deren Teil sie sich verstand, oft härter verurteilt als von der Bundesanwaltschaft. Leider trifft diese Beschreibung aber nur auf den kleinen Kreis der Gründungsmitglieder zu, die damit ihrem Anspruch gerecht wurden, Focus der neuen Gesellschaft zu sein, im Kleinen die zwischenmenschlichen Strukturen zu praktizieren, nach denen eine menschengerechte Gesellschaft sich entfalten könnte.

Schon in der Ur-RAF, vor allem aber zunehmend in den Folgegruppen, gab es kaum noch Köpfe, die die entsprechenden menschlichen wie intellektuellen Kapazitäten hatten, so dass das Gegenteil von Kollektivität, nämlich Gruppendruck, Unterordnung und Hierarchie wieder Oberhand gewinnen konnten und zu dieser furchtbaren Endlosschleife führten, die erst Ende der 90-er Jahre ihr unrühmliches Ende fand. Ich persönlich glaube, dass Ulrike Meinhof vor allem daran verzweifelte: sie suchte Kollektivität und fand Opportunismus.

UB: Der Schriftsteller Wolfgang Pohrt hat für Gert Schneider und Sie während der Haft eine entscheidende Rolle gespielt.

CW: Pohrt schrieb in seinem 1977 erschienenen Artikel »Stammheim/Mogadischu«: »Es ist – ohne alle Ironie – beunruhigend, in einem Staat zu leben, der jeglicher Gewalt nichts anderes entgegenzusetzen hat als seine sprachlose eigene. … Ein Staat, der eine nur zu logische und von den Behörden schliesslich auch erwartete Aktion als Irrsinnstat wahnsinniger Fanatiker deklarieren muss, …, ist vom Wahnsinn nicht mehr weit entfernt.« Begeistert nahmen wir Kontakt zu ihm auf – und er zerpflückte uns genauso wie den Staat, den wir bekämpft hatten. Aus derselben Haltung heraus, die ich oben beschrieb: um uns zu helfen, nicht um uns nieder zu machen.

Er legte uns den Königsweg aus der RAF heraus zu Füssen: die Commune sei auch gescheitert, es falle uns keine Perle aus der Krone, unser Scheitern einzugestehen. Wir seien trotzdem achtenswerte Menschen. Als er in diesem Jahr starb, wurde mir bewusst, wie unendlich dankbar ich ihm dafür bin. Dank ihm konnte ich mich vom Mittel der Gewalt hoch erhobenen Kopfes verabschieden, weiter in den Spiegel sehen und darüber nachdenken, mit welchen Mitteln ich weiter meiner Erwartung herrschaftsfreier Beziehungen gerecht werden konnte. Ich spreche hier nicht von den Qualen der seelisch-psychischen Lösung von einem Weg, auf dem nicht nur zu Feinden erklärte Menschen und Unschuldige, sondern auch die besten eigenen Freunde zu Tode kamen, während ich selbst fast unerklärbar ein heftiges Feuergefecht überlebte.

Das ist nicht vermittelbar, die Einzelheiten gehen niemanden etwas an, sind härter als jeder Gefängnisaufenthalt und hätte man sie nicht, wäre man wirklich der skrupellose Verbrecher, den auf die RAF zu projizieren ihre Verurteilung so leicht macht. Auch wenn es nicht seine Aufgabe oder Verpflichtung war, hat Wolfgang Pohrt auch bei diesem Prozess Hilfestellung geleistet. Seiner Radikalität im politischen Denken entsprach analog eine Unbedingtheit menschlichen Empfindens. Das macht seine Nähe, fast Verwandtschaft mit Ulrike Meinhof aus. Und die Übereinstimmung seiner politischen Grundhaltung mit der der RAF: die Hungernden sind Massstab politischen Denkens, nicht die Satten.

UB: Hat Pohrt auch für uns heute etwas zu sagen?

CW: »Die Leute sagen mir, was sie tun und ich sage ihnen, was sie falsch machen« - er würde auch dieses Interview auseinandernehmen und ich könnte daraus etwas lernen. Die Gesamtausgabe seiner Schriften erscheint derzeit bei Tiamat, Berlin. Pflichtlektüre für jeden kritisch denkenden Menschen.

UB: In letzter Zeit wird immer wieder gefordert, dass die RAF in Zeiten der AfD und des Rechtspopulismus als Gegengewicht und Korrektiv nötiger denn je sei.

CW: Dummes Geschwätz, linksradikales Feuilleton, das Locken auf einer Glatze dreht, wie Karl Kraus das nannte. Ausdruck der intellektuellen Verwahrlosung der einst radikalen Linken, die damit ins Affirmative degeneriert. Gemütliche, Hartz 4 abgesicherte Wichtigtuerei, dicke Ärmchen von Pantoffelhelden. Als Punk Song -»wo bleibt die RAF, wenn man sie braucht« ganz witzig, aber auch mit langem Bart.

UB: Die Ex-RAFler Ernst-Volker Staub, Daniela Klette und Burkhard Garweg geniessen z.B. in der Hamburger alternativen Szene nach wie vor grosses Ansehen und jeder ihrer neuen Raubüberfälle wird dort nicht nur klammheimlich gutgeheissen.

CW: Das Drama der Verwechslung von Mittel und Ziel begann schon in den 80er Jahren in der sogenannten »Antiimp« Szene. Völlig bewusstlos reproduzierte sie das Diktum der Bundesanwaltschaft, wie es auch mir vorgeworfen wurde: »Ziel der RAF ist es, Morde und Anschläge zu verüben.« Das war aber ihr Mittel, und auch wenn es sich als Schuss nach hinten erwiesen hat, ändert das nichts daran, dass das Ziel der RAF eine vom Profitdiktat befreite Gesellschaft war. Ende der 80-erJahre gab es antiamerikanische Anschläge, die entsprechenden linksradikalen Kreise jubelten – bis sich herausstellte, dass Nazis dahinterstanden. Folge radikaler Begriffslosigkeit. Die oben erwähnten Personen kenne ich aus meiner Zeit nicht mal aus Sympathisantenkreisen.

Sie können sich im obigen Sinne natürlich RAF nennen, wer sollte es ihnen verbieten. Mit den Inhalten und Zielen der RAF, wie sie als Ausläufer der Studentenbewegung entstand, haben sie nichts zu tun. An der RAF war nie die Anwendung von Gewalt das Entscheidende, sondern ihre Analyse der Verhältnisse, ihre Kriterien und Massstäbe politischen Handelns. Wie Gudrun Ensslin sinngemäss in Stammheim sagte: was können wir mit unseren paar Waffen schon gegen B52 Bomber ausrichten. Nicht die Anwendung von Gewalt, sondern die Unbedingtheit ihres Denkens machte die RAF aus, und damit ist sie einzigartig und unerreicht bis heute. Eine Szene, die sich alternativ versteht und sich nicht daran orientiert, sondern an Geldbeschaffungsaktionen, leistet damit ihren politischen Offenbarungseid.

UB: Sie haben lange Zeit in Bamako/Mali gelebt. Wie bewerten Sie die Situation dort heute? Ist der nachwirkende imperialistische Kapitalismus durch europäische »Schutztruppen« bedrohlicher als der Einfluss des Islamischen Staats (IS)?

CW: Die Frage drückt sehr schön in Formeln ersticktes Denken aus. Erstarrte Abstraktion. Wenn eine Frau vergewaltigt wird, trete ich rein und hole die Polizei. Das heisst nicht, dass ich Polizei und Justiz gut finde, wenn sie Bankdirektoren frei rumlaufen lässt, deswegen gar der Frau nicht helfe. So verhält es sich mit Mali. Die Bevölkerung hat ein halbes Jahr diskutiert, bis ein offizielles Hilfeersuchen an die Uno gerichtet wurdeii. Ich wurde damals von Anne Will eingeladen und sagte: »Bitte liebe Bundeswehr hilf uns.« Wer eine Sängerin und Tänzerin gesehen hat, der Hände und Füsse abgehackt und die Zunge herausgeschnitten wurde, und nicht die NATO zu Hilfe ruft, wenn er kann, ist dasselbe Dreckschwein wie diese kaltblütigen Machtpolitiker, die Allah als Deckmantel für Uran-, Kokain- und Menschenhandel nehmen.

Ich wollte mich an Weihnachten zusammen mit meinem 7-jährigen malisch-deutschen Sohn bei den Soldatinnen und Soldaten in Mali bedanken, denn so sehr man die gewaltsame Durchsetzung wirtschaftlicher Interessen in Afghanistan und Irak abzulehnen hat, so sehr hat die liebenswerte, offenherzige, tolerante malische Bevölkerung es verdient, dass man ihrem Hilfeersuchen nachkommt, aber die Bundeswehr wollte keine »Privatbesuche«. Ich hatte bei Anne Will allerdings auch gesagt, dass Waffenexporte verfassungsrechtlich verboten werden sollten und deutsche Soldaten in Mali Gefahr laufen von nach Qatar gelieferten Leopard Panzern erschossen zu werden, vielleicht war das der Grund für die Ablehnung einer Motivationsstärkung von Menschen, die nicht einmal Informationen darüber bekommen, wen sie dort verteidigen.

UB: Sie sprechen immer wieder von der „Diktatur des Profits“. Sind das nicht alte Phrasen der 68er-Bewegung und müsste man nicht neue Denkschablonen finden?

CW: Mit Phrasen dreschen bekommt man in der Tat keine Bewegung in Gang und Schablonen sind Denksärge. 10 000 Arbeiter bei Audi müssen nicht entlassen werden, weil andernfalls die Menschen in der Bundesrepublik dem Hungertod ausgeliefert werden, sondern weil die arbeitslosen Audi-Aktienbesitzer den Hals nicht voll kriegen. Dass sie entlassen werden müssen, es da nichts zu diskutieren gibt, gar demokratisch im Bundestag abzustimmen, ist ein Diktat, wenn Worte noch irgendeinen Sinn haben sollen. Wenn eine ganze Gesellschaft so funktioniert, handelt es sich um eine Diktatur, alles andere ist Augenwischerei. Die Welt wird vom DAX Index regiert und nicht von den Parlamenten: das ist eine Diktatur.

Das Neue an dieser Diktatur ist, dass es keinen heiser schreienden Diktator gibt, der Volksmassen auf seinen Kurs bringt, sondern die Diktatoren still und heimlich auf den Chefsesseln der multinationalen Konzerne sitzen und sich ins Fäustchen lachen, weil sie niemanden auf Kurs bringen müssen, da ihre Diktatur sich längst (seit 1989 folgende) in den Köpfen der Menschen verinnerlicht hat, die Menschen ihr Sklavendasein trotzig lieben, der Hitlergruss durch den SUV ersetzt wurde und die demokratisch gewählten Regierungen alles rechtsstaatlich korrekt absegnen und gelegentliche allzu krasse Auswüchse ausbügeln. Und sich wundern, wenn einzelne plötzlich »Erlösung durch Vernichtung«, wie Heiner Müller es ausdrückte, suchen und in die zweitürmige Kommandozentrale der Diktatur des Profits fliegen. Charakteristisch für sie ist das Tabu und Denkverbot, die Verantwortlichen als solche zur Verantwortung zu ziehen und als das anzuklagen, was sie sind: Massenmörder.

Warum fordert die „Linke“ Fraktion nicht, die Chefs von Nestle und Evian wegen Völkermords in den Haag vor Gericht zu stellen? Sie hätte die materiellen Möglichkeiten dazu, die Beweise dafür zusammenzustellen. Auch wenn das nicht klappen würde, könnte damit Bewusstsein geschaffen werden. Warum sollen die Menschen weniger Burger essen und nicht Mc Donalds verboten werden? Warum sollen die Leute keine SUVs kaufen und nicht der private Autobesitz in öffentliches Car-Sharing umgewandelt werden, weil danach nur noch 10 % so viel Autos produziert werden wie jetzt?

Der übermässige Produktionsdruck, unter dem der arbeitende Teil der Weltbevölkerung leidet, entsteht ja nicht, weil notwendige Bedürfnisse befriedigt werden müssen, sondern weil der nicht arbeitende, aber Aktien besitzende Teil der Weltbevölkerung gefüttert werden muss, bzw. deren alles verschlingende, Meeresstrudeln gleichende Bankkontenufer- und bodenlos nachgetankt werden müssen. Fiele der Arbeitsanteil weg, der nur dazu dient, weltweit die Parasitenbäuche arbeitsloser Milliardäre zu stopfen, müssten alle Menschen auf der Welt halb so viel arbeiten und hätten doppelt so viel Erlös daraus.

Menschen, die mehr Geld haben als sie brauchen und dies nicht nur nicht sozialisieren, sondern noch mehr wollen und dies mit Gewalt durchsetzen, sind Verbrecher gegen die Menschlichkeit. Das Gerede, »der Mensch« sei eben so, ist eine durchsichtige Lüge, die leider von den meisten geglaubt wird: es sind diese Alphatiere, die zur Befriedigung ihrer Gier über Leichen gehen, sonst niemand. Es gibt nur ein Mittel, die Diktatur des Profits zu beenden: Abschaffung von Zinsen, Aktien und Börsen. Man bräuchte keine Revolution, keinen Systemwandel, keine neue Staatsform, nur das eine: Keine Zinsen, keine Aktien, keine Börsen. Allein an dieser Forderung wird sofort klar, wer welche Interessen hat und sie wie vertritt.

Wie viele Menschen der Weltbevölkerung haben Aktien oder Bankguthaben, von deren Zinsen sie leben könne? Ein Minibruchteil. Damit sie parasitär vor sich hin faulenzen können, krepieren Millionen, alles andere ist Drumrumgerede und Ablenkung davon. Alle Religionen verurteilen Zinsen, Jesus Christus, das sanfte Lamm, schmiss die Tische der Geldhändler um, bis ins 14. Jahrhundert wurde man exkommuniziert, wenn man Zinsen nahm – als Johannes Paul der 1. Papst wurde, kündigte er eine Reform der Vatikanbank und lag 2 Wochen später tot im Bett. Geld kann nicht arbeiten, allein der Begriff ist Lüge. Zu denken bzw. sich einzubilden und auch noch gesellschaftlich sich darauf zu einigen, Geld könne Kinder kriegen ist krankes Denken. Zinsdenken ist die Krebskrankheit des Denkens. Aber es beherrscht die Welt und deswegen sieht sie so aus, wie wir sie jetzt vor uns haben. Die Diktatur des Profits ist die finale Zivilisationskrankheit.

UB: Wie stehen Sie zu den Bewegungen Fridays for Future und Extinction Rebellion? Steht das in der Tradition der 68er-Protestbewegungen oder ist das etwas völlig Neues?

CW: Das ist nicht mal alter Wein in neuen Schläuchen, das ist eine Besitzstandswahrungsbewegung auf Kosten der Ärmsten der Armen. Die Probleme der Jugend in den modernen Raubrittermetropolen interessieren mich nicht. Täglich bringt wirtschaftliche und oft sogar direkt militärische Gewalt unzählige Menschen im Rest der Welt um, damit sie hier vegan und im Einklang mit der Natur leben können, und dann beschweren sie sich darüber, dass dabei Dreck entsteht. Massenmord stinkt immer, auch wenn er nicht mehr direkt durch Vergasen exekutiert wird. Die Babys auf den Rücken der Mütter in Mali, Bangladesh und Peru sind Massstab politischen Handelns, nicht die Profiteure dieses Elends.

Das war die Moral und politische Orientierung der RAF und das gilt heute noch und damit steht sie heute noch allein da. Solange fff nicht die Forderung von 800 Wissenschaftlern übernimmt, die Autoproduktion weltweit heute noch zu beenden – als ob es nicht mehr als genug von diesen Drecksdingern gäbe -, wobei dadurch der CO2 Wert nur nicht erhöht, nicht mal gesenkt würde, solange fff nicht das sofortige Verbot industrieller Rindfleischproduktion weltweit fordert, wodurch am meisten CO2 entsteht, solange fff nicht generell die Beendigung der Überflussgesellschaft fordert, sondern Steuererhöhungen, wird diese Bewegung zur Fusstruppe der Regierung und ist für mich komplett unglaubwürdig. Ich könnte heulen angesichts der Tatsache, dass es ein Traum ist, endlich wieder Junge auf der Strasse zu sehen und ein Albtraum, dass sie nur nachhaltig Party feiern wollen und nicht dafür kämpfen, dass alle Jungen auf der Welt genügend zu fressen und ein Dach über dem Kopf haben.

Diese Bewegung steht nicht nur nicht in der Nachfolge von 68, sondern ist ihr Gegenteil. Diese Grundbestimmung hatte die Bewegung damals schon vergessen und sie wurde nur von der RAF aufrechterhalten: es geht um die Ärmsten der Armen, und nur um sie. Es gibt keine nachhaltige und umweltgerechte Wegwerfgesellschaft, weil sie nur von Ausbeutung und Völkermord leben kann. Es gibt kein richtiges Leben im falschen, sagte Theodor W. Adorno. Das trifft auch auf fff zu: innerhalb und mit den bestehenden Macht – und Herrschaftsverhältniksen ist kein CO2 Abbau möglich. Der Philosoph Christoph Türcke hat es noch schärfer ausgedrückt: »Versöhnung mit den herrschenden Verhältnissen ist Verrat am Begriff der Versöhnung.«

UB: Sahra Wagenknecht von der Linken hat sich ausdrücklich gegen eine ungesteuerte Migration nach Deutschland ausgesprochen und die Interessen der deutschen Arbeiter*innen und sozial Schwachen hervorgehoben.

CW: Ich achte und bewundere Sarah Wagenknecht für ihre Gedankenschärfe, ihr glaubwürdiges Engagement und ihre grundsätzliche politische Haltung. Deswegen verstehe ich ihre politische Praxis überhaupt nicht. Nationalismus ist eine psychosoziale Zivilisationskrankheit. Mir kommt das vor wie wohlfeiler Schickimicki Stalinismus für Arme: erst die SU dann der Rest der Welt, übertragen auf die BRD. Als ob Sozialismus in einer Nation nicht schon grausam genug seine Fratze entblösst hätte: Nationalsozialismus. Jeder Obdachlose, der mit seinem Hund unter der Brücke sitzt, hat 60 Sklaven in der Welt, die seine guten Schuhe nähen, ihn wohl ernähren und die 10 € erarbeiten, die er sich bei der Bahnhofsmission abholen kann.

Gerade diese Frau könnte als Fraktionsvorsitzende einer im Bundestag vertretenen Partei internationale Kongresse organisieren, in denen dem Internationalismus der Konzerndiktatoren eine globale Alternative gegenübergestellt wird - und die noch vom Steuerzahler bezahlen lassen; sie bräuchte dafür keine Banken auszurauben wie die Rote Armee Fraktion. Diese Frau mit ihrem Weitblick könnte gerade als Parlamentarierin eine globale ausserparlamentarische Opposition in die Wege leiten, sie könnte wie keine andere alle linken Parteien der Welt zusammentrommeln.

Dieser Frau würde man zuhören, wenn sie den geistigen Krebscharakter des Zins-Wahnsinn erklärte, die Notwendigkeit der Abschaffung aller Zinsen weltweit evident machte und forderte. Sie könnte Steuergelder dazu benutzen, die Menschen darüber aufzuklären, dass Börsen terroristische Vereinigungen sind. Gerade diese Frau hat es nicht nötig, sich potentiellen AFD Wählern anzubieten, denn sie weiss am besten, dass jede Hartz IV Erhöhung hier unzähligen Menschen der Dritten Welt das Leben kostet. Sarah Wagenknecht ist so weit in ihrem Denken, dass sie nur noch einer an ihre eigenen Werte erinnern kann, Wolfgang Pohrt: »Wo einige hundert Millionen Satte von einigen Milliarden Hungrigen umlungert werden, konstituiert sich die Nation als Gemeinschaft von Privilegierten, die ausser dem gemeinsamen Willen, nichts mit Dritten zu teilen, herzlich wenig einigt…«

UB: Was würden Sie denn als konkrete Massnahmen fordern?

CW: 1. Ersatzlose Abschaffung von Zinsen, Aktien und Börsen. Niemand wird enteignet, jeder kann behalten, was er hat, egal wie brutal und ungerecht er sein Vermögen zusammengeraubt hat, die Quandts zum Beispiel, selbst Immobilien, Grundbesitz etc., aber es gibt kein arbeitsloses Geld mehr dafür. Auch nicht für Beteiligungen an Firmen, Finanzierungen etc – Geld gibt’s nur für Arbeit, egal ob körperliche oder geistige. Die einzigen, die sich neue Jobs suchen müssten, sind Börsianer, aber die sind clever genug, sich was einfallen zu lassen und werden am Ende noch dankbar dafür sein, dass sie endlich was Vernünftiges schaffen können.

2. Abschaffung des Erbes. Alles was persönliche Habseligkeiten übersteigt geht an die öffentliche Hand, die es sozial weiterverwenden muss. Dann regelt sich der ganze Quatsch mit dem Immobilienwahnsinn und Grundbesitz im Lauf der Zeit auf natürliche Weise. Die momentanen Immobilienhaie und Fürstenhäuser können noch den Rest ihres Lebens drauf wixen und dann ist aber auch gut. Auf deutsche Konten 6,3 Billionen Euro, inzwischen ist es viel mehr. Wieviel Kindergärten, Schulen, Universitäten, Spielplätze auch für Erwachsene, öffentliche Vergnügungszentren, Sportplätze, Eislaufbahnen und Räume zum Vögeln für Jugendliche könnten mit dem mit jeder Geldleiche frei werdenden Geld geschaffen werden. Ausserdem hätten diese Leute vorher noch die Gelegenheit, sich ein Beispiel an dem einzigen Mann auf der ganze Welt zu nehmen, der seinen Reichtum sinnvoll verwendet: Jan Philipp Reemtsma. Um bei der RAF zu bleiben: er hasst sie wie die Pest. Für ihn sind das nur blindwütige Mörder, was zu glauben sein gutes Recht ist. Trotzdem hat er neben all den anderen sinnvollen Dingen, die er finanziert, ein RAF Archiv möglich gemacht, in dem alles gesammelt wurde und wird, womit sich in 100 Jahren vielleicht ein Student seine Meinung bilden kann und zum gegenteiligen Ergebnis wie Reemtsma kommen könnte. Dieses Risiko geht er ein – diese Haltung ist unübertreffbar. Mit der Abschaffung des Erbes würden alle übermässig Besitzenden darauf gestossen, ihr Geld lieber vor dem Tod sinnvoll auszugeben.

3. Streng kontrolliertes Verbot jeglicher Werbung und Ersatz durch Information. Jeder der etwas produziert, hat seine Webseite, in der er sein Zeugs anpreist, wie auch immer er mag und ist durch Stichworte auffindbar für den der etwas sucht. Mit der heutigen IT Technologie ein Kinderspiel zu realisieren. Dann würde diese wunderbare Technik endlich mal für die Menschen eingesetzt und nicht gegen sie

4. Ersetzung des privaten Autoverkehrs durch öffentliches Car Sharing. Überall stehen kleine, mittlere und grosse Autos rum, die von der Verwaltung in Stand gehalten werden. Jeder, der einen Führerschein hat, kann sich mit seinem Personalausweis einloggen, von a na b fahren, sich wieder ausloggen und von seinem Konto wird ein gewisser Betrag abgebucht. Dazu bedarf es nur ein Bruchteil der momentan die Welt vollstinkenden Blechkisten. Mit Apps könnte man ständig schauen, wer auch von a nach b will, die Leute aufsammeln und mitnehmen bzw. sich vorher dazu verabreden. Für die rasersüchtigen gibt es genügend Nürburgringartige Slalomanlagen mit angeschlossenen Krankenhäusern, in denen sich zum Krüppel oder zu Tode rasen kann, wer will, aber weitab vom öffentlichen Verkehr, der als Fernverkehr sowieso mehr von Bahnen übernommen würde, so dass die mit Autobahnen zugepflasterte Landschaft nach und nach wieder aufgelöst werden könnte. Alles spielend möglich, wenn man nicht Milliardäre füttern muss, diese Kuckuckseiprodukte mit ihren weit aufgerissenen Mäulern.

5. Nach der Abschaffung der Diktatur des Profits Umwandlung von Amazon in ein weltweites Logistikzentrum. Ohne den Profit- und dadurch erzeugten Zeitdruck wäre das nämlich eine feine Sache. Wenn es nicht darum geht, ob REWE oder EDEKA Aktionäre mehr verdienen, sondern nur darum, wie das Gemüse von dem, der es produziert, zu dem der es braucht, kommt und jeder dabei so viel verdient, wie er dazu beigetragen hat, entsteht Nachhaltigkeit und CO2 Freiheit von alleine.

6. nach und nach Umwandlung der Politik in reine Verwaltung, Organisation der Bedürfnisbefriedigung von unten nach oben per elektronischer Abstimmung der jeweils Betroffenen. Demokratie nach griechischem Ur-Vorbild auf Basis des Los-Verfahrens.

7. mittelfristig Aufhebung der Staatsgrenzen.

All das ist im Zeitalter der IT Technologie spielend möglich. Einzig und allein die brutale Raffgier eines Bruchteils der Menschheit ist dafür verantwortlich, dass wir, anstatt in diesem real möglichen Paradies, in der Hölle leben.

UB: Sie sagen, dass Sie Gewalt ablehnen, aber die Inhalte und Ziele der RAF weiter vertreten und versuchen, daran weiter zu arbeiten.

CW: Man kann die Welt nicht ändern, aber man kann etwas dafür tun, dass die Welt sich ändert: Bewusstsein schaffen. Auch dass die RAF das Bewusstsein des globalen Zusammenhangs weitergetragen hat und die politische Grund-Orientierung an den Untersten der Unteren ist dabei irrelevant und heute nur Thema, weil nach 50 Jahren an ihre Gründungsaktion erinnert wird: es geht um den Inhalt. Als ein Beispiel möchte ich nur meinen Vorschlag eines Jahres des Trinkwassersiii anführen, weil es ein gutes Beispiel dafür ist, dass es Antworten auf die dringendsten Fragen nur im globalen Massstab geben kann.

Von allen angeschriebenen Politikern antwortete nur die stellvertretende SPD Franktionsvorsitzende Heinrich, dass sie diese Aktion für unnötig erachte, es werde genug getan und die Uno habe Trinkwasser für alle auf die Agenda für das Jahr 2030 gesetzt. Inzwischen verrecken täglich zigtausende von Kindern an verseuchtem Wasser. Ich weiss, wie sich das anfühlt, denn ich hatte auch mal Typhus davon bekommen und lag bei über 42 Grad Fieber, aber eben im Gegensatz zu den zigtausenden von Kindern hatte ich genug Geld für Medikamente. Man kann ja mal ausrechnen, wieviel bis zum Milleniumsziel der UNO 2030 deswegen keine fünf Jahre alt werden. Um die Jahrtausendwende versuchten wir in einer Gruppe von 12 Leuten eine Kulturkarawane aus zu je 50% Männern und Frauen aus allen Kulturen der Welt auf den Weg durch Afrika zu schicken, die das Bewusstsein für die Notwendigkeit von Trinkwasser für alle Welt in aller Welt vermitteln sollte.iv.

Der damalige Bundespräsident Johannes Rau, die Justizministerin Herta Däubler Gmelin und der Wirtschaftsminister Wolfgang Clement unterstützten das Vorhaben massiv, die Friedrich Ebert Stiftung ermöglichte uns ein Planungsseminar, das Goethe Institut organisierte eine Präsentation mit Künstlern aus 4 Kontinenten, Wolfgang Clement wollte mit mir die dazu nötigen 100 Millionen Euro in 10er Packs von der deutschen Industrie erfragen: verhindert wurde das vom damaligen Aussenminister Fischer, der die Karawane , die durch den Sudan ziehen sollte, scharf ablehnte und forderte, Friedenssoldaten dorthin zu schicken. Damals war der Sudan noch vereint, der Botschafter sprach im Goetheinstitutv von einer historischen Chance, die Rebellen signalisierten Waffenstillstandsbereitschaft solange die Karawane durchs Land ziehe – heute ist der Sudan auch dank der Fischerschen Politik gespalten und die Konflikte grösser denn je. Während ich damals auf meine Anfrage sofort von Johannes Rau nach Schloss Bellevue zum Gespräch eingeladen wurde und er jede moralische Unterstützung versprach, bekomme ich heute von Herrn Steinmeier nicht einmal eine Eingangsbestätigung. Aber »Der Kampf geht weiter«, wie Rudi Dutschke ultimativ verpflichtend für jeden am Grab von Holger Meins erklärte.

UB: Was von dem Denken der RAF gilt auch in unserer Zeit und wie kann man es weiterdenken?

CW: Die RAF hat sich nie als allein selig machende Lösung aller politischen Fragen gesehen, auch wenn sie von der Restlinken stets so denunziert wurde, was nichts als Projektion war. Dafür steht das »F« in ihrem Namen: Fraktion, Teil der Bewegung. Es gibt keinen Widerspruch zwischen parlamentarischer und ausserparlamentarischer Opposition, beide sind nötig. Aber gerade nachdem durch die RAF evident wurde, dass der bewaffnete Kampf in die Sackgasse führt, wird das Moment der ausserparlamentarischen Opposition umso wichtiger, nicht als Gegensatz zu parlamentarischer, sondern als das zweite Gesicht der Opposition. Heute geht es nicht mehr um eine APO – heute geht es um eine globale APO. Das radikale Denken der RAF ist das, was von ihr bleibt. Von der RAF lernen hiesse: Global denken und global handeln.

Interview: UB

Fussnoten:

i Seine Haltung dazu, damals und heute, seine Entwicklung dahin und die Beschreibung der Ziele und Utopien der RAF aus seiner Sicht, kann man in folgenden Büchern nachlesen: »Verlogen, dumm und unverschämt – Kulturindustrie von 1977 bis heute«, Oktober Verlag, Münster, 2015, »RAF oder Hollywood – Tagebuch einer gescheiterten Utopie«, und in literarischer Form »es – Traumtrilogie«, beides zuKlampen, Springe, 2017 bzw. 2001 nachlesen.

ii Näheres in meinen Buch: »reden statt schiessen – Kultur des Dialogs in Mali« zuKlampen, Springe 2019

iii https://www.softsecrets.com/de/nachrichten/international/das-trinkwasserjahr/ - danach auch ein Text zu fff

iv www.dialogderkulturen.de

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