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Graue Wölfe | Untergrund-Blättle

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Rechtsnationalistische Einstellungen unter Türkeistämmigen in Deutschland Graue Wölfe

Politik

Seit sechs Jahrzehnten existiert in der Türkei eine extrem rechte, ultranationalistische und rassistische Bewegung, deren Traditionen weit in die Geschichte zurückreichen.

Symbole der Grauen Wölfe auf der Motorhaube eines Autos in München, Juli 2019.
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Bild: Symbole der Grauen Wölfe auf der Motorhaube eines Autos in München, Juli 2019. / Henning Schlottmann (CC BY-SA 4.0 cropped)

29. November 2021
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Mit zahlreichen Vereinen und mehreren Dachverbänden ist diese Bewegung auch in Deutschland präsent. Die sogenannten „Grauen Wölfe“ verstärken Spannungen unter türkeistämmigen Menschen und richten sich gegen das Prinzip der Menschenwürde – in den vergangenen Jahren haben sie ihre Aktivitäten verstärkt.

In der Türkei besteht seit sechs Jahrzehnten eine ultranationalistische, rassistische und extrem rechte Bewegung, die auch mit zahlreichen Vereinen und mehreren Dachverbänden in Deutschland aktiv ist. Sie nennen sich selbst „Ülkücü“-Anhänger, ins Deutsche übertragen bedeutet das Wort „Ülkücü“ so viel wie „Idealismus“. Ihr Symbol ist der „Graue Wolf“ (Bozkurt), der aus einem alttürkischen Mythos stammt und Stärke, Militanz und Aggressivität der Bewegung symbolisieren soll. Sie propagieren einen „ethnischen Nationalismus“, ihr grosses Ideal ist „Turan“, ein grosstürkisches Reich, sowie die Eliminierung der politischen Gegner.

Die Rede ist von der extrem rechten, türkisch-nationalistischen Bewegung, die seit Jahrzehnten auch in Deutschland existiert. Sie ist unter anderem in hunderten lokalen Vereinen organisiert sowie in Dachverbänden wie der Türk Federasyon, ATIB (Union der Türkisch-Islamischen Kulturvereine in Europa e.V.) oder ATB (Verband der türkischen Kulturvereine in Europa). Die „Grauen Wölfe“ überhöhen die türkische Nation und betonen angeblich vermeintlich islamische Werte.

Sie hetzen gegen tatsächliche oder vermeintliche Linke und alle Nicht-Türken, wozu sie auch Armenier*innen, Kurd*innen, Jüd*innen, Alevit*innen u.a. zählen, selbst wenn diese die türkische Staatsbürgerschaft besitzen. Sie tragen „importierte“ Konflikte aus der Türkei auch in Deutschland aus. Mit schätzungsweise mehr als 18.000 Mitgliedern dürfte sie die stärkste rechtsextreme Organisation hierzulande in Deutschland sein – zahlenmässig mehr als dreimal so gross wie aktuell die NPD.

Die Utopie vom grosstürkischen Reich – Vorläufer und Ursprung der „Grauen Wölfe“

Die ideologische und geschichtliche Basis des türkischen Rechtsextremismus – und damit auch der Grauen Wölfe – bilden der türkische Nationalismus und Turanismus, der bereits im 19. Jahrhundert in der letzten Periode des Osmanischen Reiches entstand. Deren Vordenker sind unter anderem Ziya Gökalp, Hüseyin Nihal Atsız, Fethi Tevetoğlu, Reha Oğuz Türkkan und Alparslan Türkeş. Sie stellen die ideologische und historische Grundlage des türkischen Rechtsextremismus dar. Die Ideologie des Panturkismus und Turanismus behauptet die rassistische, historische und moralische Einheit und die Überlegenheit aller Turkvölker, von China über Afghanistan bis zum Südostzipfel des Balkans.

Die Bezeichnung „Turan“ als grosstürkische und rassistische Machtutopie bezeichnet ein fiktives Grossreich, in dem alle Türken und Turkvölker zusammenleben sollen. Die Ideologie des Turanismus und des Panturkismus strebt daher die Vereinigung dieser Völker in einem grosstürkischen Reich unter türkischer Vorherrschaft an. Die turanistische bzw. panturkistische Idee schliesst die Gleichberechtigung der verschiedenen Nationalitäten und Religionen von vornherein aus.

In der Endphase des Osmanischen Reiches hatte die sogenannte jungtürkische Regierung den Panturkismus und Turanismus zur Staatsdoktrin erhoben. Sie versuchte, erfolglos, den bereits zerfallenden Vielvölkerstaat auf rein türkisch-nationalistischer und islamischer Grundlage wiederaufzubauen. Dies äusserte sich unter anderem in entfesselter Gewalt gegen die armenische Bevölkerungsgruppe und schliesslich in dem Genozid an den Armeniern.

Im Laufe des Zweiten Weltkrieges erstarkten auch in der Türkei faschistische Bewegungen. Kurz nachdem die Nationalsozialisten 1933 in Deutschland an die Macht kamen, begann eine neue Phase der deutsch-türkischen Beziehungen. Obwohl die Türkei offiziell neutral blieb, intensivierte sie ihre Beziehungen zu Deutschland immer mehr. Das Hitler-Regime setzte die Politik des „Drangs nach Osten“ fort. Beispielsweise gehörte die Türkei ab den 1930er Jahren zu einem der wichtigsten Lieferanten von Chromerz, das ein wichtiger Rohstoff für die deutsche Kriegsindustrie war. Mit Unterstützung Nazi-Deutschlands blühte ab den 1930er Jahren der Turanismus erneut auf, deren Anhänger damals insbesondere in der Vereinigung Türk Ocağı (Heim der Türken) organisiert waren. Bereits 1934 kam es in der Türkei auch zu Pogromen gegen Juden.

Im Zuge des Zweiten Weltkrieges tauchte erstmals Alparslan Türkeş auf der politischen Bühne auf, der spätere Anführer der „Grauen Wölfe“. Trotz seines damals jungen Alters (Jahrgang 1917) war der Hitler-Sympathisant ein wichtiger Akteur in der turanistischen Bewegung. 1944, als der Sieg der Alliierten in Sichtweite rückte, liess die türkische Regierung 23 führende politische Persönlichkeiten des Turkismus und Turanismus verhaften und verurteilen, unter ihnen Türkeş.

Türkeş und seine Gesinnungsfreunde wurden in erster Instanz im sogenannten „Rassismus-Turanismus-Verfahren“ zu unterschiedlich langen Freiheitsstrafen verurteilt, er selbst bekam zehn Jahre, wurde später aber freigesprochen. Aus Sorge vor einem wachsenden Einfluss der Sowjetunion und des Kommunismus wandte sich die Türkei in der zweiten Hälfte der vierziger Jahre mehr und mehr dem Westen zu, Linke und Kommunisten wurden stärker verfolgt als Turkisten und Ultranationalisten. Das war historisch betrachtet der Beginn einer Neuformierung des türkischen Rechtsextremismus.

Die „Eroberung der Strasse“ – „Ülkücü“-Bewegung in der Türkei

Innerhalb der „Ülkücü“-Bewegung kann man gegenwärtig drei Hauptströmungen unterscheiden: die um die „Partei der Nationalistischen Bewegung“ (MHP – Milliyetçi Hareket Partisi) sowie jene rund um die „Grosse Einheitspartei“ (BBP – Büyük Birlik Partisi). Beide Strömungen sind in der Türkei selbst ebenso wie auch in Europa jeweils durch zwei Parteien, eigene Massenorganisationen, zahlreiche Vereine und Moscheegemeinden vertreten. Eine neue Abspaltung aus der MHP ist die „Gute Partei“ (İyi Parti), deren Vorsitzende Meral Akşener einen neuen rechtspopulistischen Kurs nach dem Vorbild von Marine Le Pen eingeschlagen hat. Die MHP ist eine extrem nationalistische Partei, die zugleich auch das grösste Sammelbecken der rechtsextremistischen Bewegung in der Türkei darstellt. Ihre Jugendorganisation „Ülkücü Gençlik“, was so viel bedeutet wie „idealistische Jugend“, ist auch in Deutschland aktiv.

Die MHP als faschistoide Massen- und Aktionspartei entstand während der 1960er Jahren aus ihrer Vorgängerpartei, der Republikanischen Nationalen Bauernpartei (CKMP – Cumhuriyetçi Köylü Millet Partisi). Mitte der 1960er Jahre schied der damalige Oberst Alparslan Türkeş aus dem Militärdienst aus und trat im März 1964 der CKMP bei. Er und seine Anhängerschaft gewannen in der Partei schnell an Einfluss und setzten 1969 ihre Umbenennung in Nationalistische Bewegungspartei (MHP) durch. Die Fahne der Partei wurde in drei auf den Rücken gekehrte Halbmonde auf rotem Hintergrund geändert. Das Zeichen der drei Halbmonde, der offiziellen Flagge des einst mächtigen Osmanischen Reiches, sollte dazu dienen, weitere nationalkonservative und islamisch orientierte Wählerschichten anzusprechen.

In den 1960er und 1970er Jahren radikalisierte sich die Bewegung. Türkeş hatte die sogenannte Strategie der drei Stufen ausgegeben und sie in der MHP-nahen Zeitung Devlet (Der Staat) formuliert: Die Eroberung der Strasse, die Eroberung des Staates und die Eroberung des Parlaments. Unter dem Namen „Graue Wölfe“ wurden militante Jugendgruppen gebildet und paramilitärische Kommandos aufgebaut, die mit Terror und Gewalt für die Eroberung der Strasse sorgen sollten.

Diese Gruppen verübten in den 1960er, 1970er, 1980er und 1990er Jahren in der Türkei zahlreiche, teils paramilitärische Mordanschläge gegen Sozialist*innen, Gewerkschafter*innen, Studentenanführer, fortschrittliche Lehrkräfte, Pädagog*innen und Journalist*innen, kurdische Politiker*innen, weiterhin Pogrome gegen Alevit*innen, etwa in Kahramanmaraş, Çorum, Sivas, Gazi und Ümraniye, die von den 1960er bis in die 1990er Jahre in der Türkei verübt wurden. Auch Mehmet Ali Ağca, der 1981 auf dem Petersplatz in Rom das Attentat auf Papst Johannes Paul II. verübte, war Anhänger der Grauen Wölfe. Ihr Ziel bestand darin, in der Türkei einen Bürgerkriegszustand zu schaffen, deren Forderung nach dem „starken Mann“ laut werden zu lassen und letztendlich damit schliesslich die MHP an die Macht zu bringen.

In jener Zeit verzeichnete die MHP auch ausserdem Erfolge bei den Parlamentswahlen. Bei Wahlen erhielt sie bis zu 6,8 Prozent der Wählerstimmen und beteiligte sich in den 1970er Jahren an zwei Mitte-Rechts-Regierungen, der sogenannten „Nationalistischen Front“. Die MHP verstand sich dabei stets als militanter und radikaler Flügel des Staatsnationalismus. Nach einem weiteren Militärputsch am 12. September 1980 wurden zunächst alle Parteien verboten und 1982 eine neue Verfassung verabschiedet, die u.a. eine Zehn-Prozent-Sperrklausel bei den Parlamentswahlen beinhaltete.

1993 spaltete sich von der MHP die „Grosse Einheitspartei“ (BBP) als extrem nationalistische und zugleich gleichzeitig stark am Islam ausgerichtete Partei ab. Sie verfügte über eine Jugendorganisation namens „Alperen Ocakları“, die ebenso eine radikale Linie vertrat. Die Morde am armenischen Journalisten Hrant Dink 2007 sowie an christlichen Geistlichen in Trabzon und Malatya werden dem Umfeld der BBP zugeordnet. Der Führer der BBP war Muhsin Yazıcıoğlu, langjähriger Berater und Weggefährte von Türkeş. Nach dem Militärputsch 1980 sass er mehrere Jahre in Gefängnishaft, bevor er die BBP gründete. Im März 2009 starb er bei einem ungeklärten Hubschrauberabsturz.

Die Kurden-Frage als Mobilisierungsfaktor für den türkischen Rechtsextremismus

Der Konflikt um Minderheitenrechte für die Kurden und die Auseinandersetzung mit der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) trugen seit den 1990er Jahren dazu bei, dass sich der ohnehin starke nationalistische Ton der gesamten türkischen Politik weiter verschärfte. Insbesondere nach der Verhaftung des PKK-Führers Abdullah Öcalan erreichte die nationalistische Stimmung 1998 einen Höhepunkt. In dieser Zeit übernahm die MHP eine wichtige Schlüsselrolle in der türkischen Politik. Nach dem Tod ihres Führers Türkeş (1997) entschied sich die MHP unter dem neuen Vorsitzenden Devlet Bahçeli für ein etwas moderateres Massenauftreten. Strassengewalt wurde von der Partei nun nicht mehr offen propagiert. So vergrösserte die MHP über die Jahre ihre Anhängerschaft weiter und konnte bei den Parlamentswahlen eine starke Kraft werden.

Nach anfänglichen Abgrenzungen ist sie gegenwärtig wichtiger strategischer Verbündeter der AKP-Regierung unter Recep Tayyip Erdoğan, insbesondere im Krieg gegen die kurdische Bevölkerung. Im Zuge des gegenwärtigen ideologisch-politischen Bündnisses zwischen der AKP unter Erdogan und der MHP unter Bahceli kann stärker beobachtet werden, dass die AKP in ihrem Kurs extrem nationalistischer und die MHP extrem islamistischer geworden ist. Dies ist auch an dem aktuellen politischen Kurs in der Türkei stark zu erkennen. In diesem Lichte hat sich auch die Staatspolitik gewandelt.

Die Ideologie der Grauen Wölfe

Die Ideologie und Gesinnung des türkischen Rechtsextremismus und der Grauen Wölfe stützt sich auf ein Konglomerat verschiedener Diskurse und Grundpfeiler. Dazu zählen neben Rassismus auch Sexismus, Homophobie, Antisemitismus und andere Ungleichwertigkeitsvorstellungen sowie Autoritarismus, Führerkult und Gewaltakzeptanz etc. Autoritäre Strukturen und unhinterfragbare Gefolgschaft spielen bei Grauen Wölfen ebenso eine wichtige Rolle. Parteigründer Türkeş wird auch lange nach seinem Tod als „Führer“ (Başbuğ) verehrt. Sein Foto hängt in allen Lokalitäten der Grauen Wölfe (auch in Deutschland) oder wird auf Grossveranstaltungen gezeigt. Die Biografie von Türkeş ist auf allen Homepages der Bewegung zu finden. Seine Prinzipien werden von der Anhängerschaft der Grauen Wölfe wie ein Befehl befolgt.

Nationalismus und „Idealismus“ („Ülkücülük“)

Den Ausgangspunkt der politischen Ideologie der türkischen Rechtsextremisten bildet der sogenannte vermeintliche „idealistische Nationalismus“. Dieser beinhaltet einen ausgeprägten starken Nationalismus und Rassismus gegenüber allen (im ethnischen Sinne) nicht-türkischen Bevölkerungsteilen.

Rassismus

Auch wenn innerhalb der Grauen Wölfe aus taktischen Gründen eine offene rassistische Position ausgeblendet oder häufig geleugnet wird, bildet der Rassismus dennoch einen zentralen Pfeiler der MHP-Ideologie. Er richtet sich vor allem gegen Armenier, Kurden und Juden. Nihal Atsız, ein Vordenker der Grauen Wölfe, hat die wichtigsten Elemente des Turkismus vor mehr als 60 Jahren wie folgt formuliert: „Ein Türke glaubt an die Überlegenheit der türkischen Rasse, schätzt deren nationale Vergangenheit und ist bereit, sich für die Ideale des Türkentums zu opfern, besonders gegen Moskau [also die damalige kommunistische Sowjetunion], den erbitterten Feind.“

Nicht zuletzt zeigt sich der Rassismus von MHP und Grauen Wölfen auch in der kurdenfeindlichen Positionierung, etwa der drohenden Aussage von Türkeş: „Wenn ihr Kurden weiterhin eure primitive Sprache sprecht (…), werdet ihr von den Türken auf die gleiche Weise ausgerottet, wie man schon Georgier, die Armenier und die Griechen [auf türkischem Boden] bis auf die Wurzeln ausgerottet hat.“

Neun-Lichter-Doktrin (Dokuz Işık)

Im Zentrum der MHP-Politik steht die sogenannte Neun-Lichter-Doktrin von Alparslan Türkeş, der einen übersteigerten, extremen Nationalismus mit islamischer Frömmigkeit verbindet. Die neun Eckpunkte der MHP-Ideologie sind laut Türkeş: Nationalismus, Idealismus, Ehrgefühl, Soziabilität, Wissenschaft, Einheit, Bauernschaft, Freiheit und Selbstständigkeit. Das Wichtigste an der Neun-Lichter-Doktrin ist jedoch weniger ihr Inhalt, sondern vielmehr dass durch sie Autorität als Ideologiestifter auf Dauer begründet und permanent gefestigt wurde. Die Politikwissenschaftler Karl Binswanger und Fethi Sipahioğlu stellen in diesem Sinne fest, dass „Diktion und Inhalt (…) an Hitlers ‚Mein Kampf‘ erinnern“.

Islamischer Nationalismus und Türkisch-Islamische Synthese

Zwar steht ein „idealistischer“ türkischer Nationalismus im Zentrum der MHP-Ideologie, doch auch dem Islam wird eine relativ starke Bedeutung zugeschrieben. Im Laufe der Geschichte der MHP wurde der Islam verschieden akzentuiert. Die Bezugnahme auf den Islam diente und dient im Rahmen des gesellschaftlichen Diskurses als Gegenpol zum Einfluss säkularer, liberaler, fortschrittlicher und oft meist pluralistischer Ideen, wie etwa Minderheitenrechte und Gleichstellung. Die MHP hat damit einen aktiven Beitrag dazu geleistet, dass die „Türkisch-Islamische Synthese“ zu einem Kernideologem des türkischen Rechtsnationalismus geworden ist.

Die zentrale Implikation dieser „Synthese“ ist die geschichtliche Vorstellung der Untrennbarkeit von türkisch-nationalen und islamischen Bestandteilen. Zugleich dient die Betonung des Islam durch die MHP dazu, breitere islamisch geprägte Bevölkerungsgruppen stärker beeinflussen und leichter rekrutieren zu können. Dies gilt derzeit nicht allein für die MHP, sondern für alle konservativ-nationalistischen Parteien und islamischen Bewegungen in der Türkei.

Mobilisierung des „Europäischen Türkentums“

Im Zuge der polarisierenden migrationspolitischen Debatten der 1990er Jahre in Deutschland prägte der damalige MHP-Vorsitzende Türkeş 1995 auf einer Jahreshauptversammlung der Türk Federasyon in Essen den Begriff des „Europäischen Türkentums“ (Avrupa Türklüğü) als Sammelbegriff für die türkisch-nationalistische Identität von Anhängern ausserhalb der türkischen Landesgrenzen. Damit sind türkeistämmige Menschen gemeint, die zwar ihren Lebensmittelpunkt in (West-)Europa haben, aber dennoch ihre türkisch-nationalistische Identität weiterverbreiten sollen.

Dieser Logik entspricht auch der Slogan „Werde Deutscher, bleibe Türke!“, mit dem nahezu alle türkisch-rechtsextremistischen Organisationen in Deutschland ihre Mitglieder auffordern, zwar die deutsche Staatsangehörigkeit zu erwerben und doch diese dann für angeblich türkisch-nationale Interessen und die Bildung einer starken türkisch-nationalistischen Lobby in Deutschland zu nutzen. In erster Linie geht es dabei um die Rekrutierung türkischsprachiger Jugendlicher der dritten oder vierten Einwanderer-Generation, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, aber häufig in Identitätsschwierigkeiten stecken. Sie sollen politisiert und für die türkisch-rechtsextremen Organisationsstrukturen mobilisiert werden.

Organisationen und Aktivitäten der Grauen Wölfe in Deutschland

Bereits seit der sogenannten Gastarbeiter-Einwanderung in den 1960er und 1970er Jahren wurde in der Bundesrepublik eine Vielzahl türkisch-rechtsextremer Vereine gegründet. Viele von ihnen schlossen sich 1978 im Dachverband ADÜTDF (Türkische Föderation der Idealistenvereine in Deutschland, heute bekannt als Türk Federasyon) zusammen. Die Türk Fedarasyon ist als eingetragener Verein mit Sitz in Frankfurt/Main juristisch selbstständig, inhaltlich und ideologisch aber kann sie als Tochterorganisation der MHP bezeichnet werden. Ähnlich der Türk Fedarasyon gibt es Dachverbände für MHP-Anhänger in zahlreichen weiteren westeuropäischen Ländern (etwa in Belgien, Dänemark, Frankreich, Grossbritannien, Österreich oder in der Schweiz), aber zum Beispiel auch in Australien und den USA.

Im Zuge interner Auseinandersetzungen spalteten sich von der Türk Federasyon die ATB (Europäisch-Türkische Union) und ATIB (Türkisch Islamische Union Europa) ab, die sich mehr als islamisch orientierter Flügel der Szene der „Grauen Wölfe“ verstehen. Bundesweit unterhalten Türk Federasyon, ATIB und ATB gemeinsam ungefähr rund 300 lokale Vereine und Zweigstellen und lassen mit geschätzt mehr als 18.000 Mitgliedern beispielsweise die NPD weit hinter sich.

Die Namen der lokalen Mitgliedsorganisationen lassen bisweilen auf die Zugehörigkeit zur Szene der Grauen Wölfe schliessen, sie lauten beispielsweise „Türkischer Idealistenverein [Ortsname] e.V.“. Häufig klingen die Namen aber auch völlig unpolitisch, etwa „Türkisch-Deutscher Freundschaftsverein“, „Türkisches Kulturzentrum“, „Verein türkischer Arbeitnehmer“ oder „Türkisch-Deutscher Freundschaftsverein“. Ein Grund für die Verbreitung der drei Dachverbände ist, dass sich ihre lokalen Mitgliedsvereine häufig als türkische Selbsthilfeorganisationen und Moscheegemeinden etablieren konnten.

So haben Türk Federasyon, ATIB und ATB Einfluss auf zahlreiche Kultur- und Elternvereine, Unternehmerverbände, Jugendgruppen, Fussballclubs und Moscheen – und damit auf das soziale Leben vieler türkeistämmiger Menschen in Deutschland. Ebenso wirken sie aktiv in Integrationsräten mit, teilweise treten sie hier auch in Bündnislisten mit islamischen Vereinigungen auf. Zudem gibt es Bestrebungen von Funktionären und Anhängern der Grauen Wölfe, in deutsche Parteien (z.B. CDU, CSU, SPD, Grüne) einzutreten und aktiv mitzuarbeiten, um ihre ideologisch-politischen Inhalte dort an dieser Stelle zu vertreten.

Auf den gescheiterten Putsch vom Juli 2016 in der Türkei hat die Erdoğan-Regierung mit der Wiederbelebung ihrer Repressionspolitik in den kurdischen Regionen und mit einer regelrechten Hetzjagd auf tatsächliche Kritiker*innen reagiert, beispielsweise auf Anhänger*innen der sogenannten Gülen-Bewegung, die von der türkischen Regierung für den Putschversuch verantwortlich gemacht wird. Diese Mobilisierung und die innertürkische Polarisierung hat zu einem stärkeren Auftreten der Grauen Wölfe auch in Deutschland geführt: Beispielsweise folgten am 31. Juli 2016 in Köln tausende Menschen einem Demonstrationsaufruf von Erdoğan und anderen AKP-Politikern, darunter zahlreiche Fahnen und Symbole der Grauen Wölfe.

Extrem Rechte und (Ultra-)Nationalistische Türkische Rockerclubs

Einen neuen Typus an Organisationsform innerhalb von Jugendgruppen bilden türkische ultra-nationalistische Rockerclubs, die in den letzten Jahren vermehrt für Öffentlichkeit gesorgt haben. Der inzwischen verbotene Boxclub „Osmanen Germania“ hatte sich 2015 in Deutschland als türkisch-nationalistische Rockergruppe gegründet, deren Name eine Assoziation zwischen Nation und Macht herstellte. In Internetbotschaften ging es grösstenteils um Macht, Blut, Nation, Ehre und Gewalt. Nach eigenen Angaben verfügten sie in Deutschland über ca. 2.500 (weltweit 3.500) Mitglieder. Bekannt war, dass die Anhänger der „Osmanen Germania“ auch als Ordner auf Demonstrationen der Grauen Wölfe, aber auch auf Pro-Erdoğan- Demonstrationen aufgetreten sind.

Vom Muster her lehnt sich diese Gruppe an die Tradition der „Osmanlı Ocakları“ (Heim der Osmanen) in der Türkei, die auch teilweise bewaffnet sind und nationalistisch-islamische Einstellungen vertreten. Öffentlich bekannt wurde, dass sich die Spitze der „Osmanen Germania“ auch mit AKP-Politikern getroffen hatte. 2016 nahm die Polizei in Hessen, Nordrhein-Westfalen und im Saarland zahlreiche Anhänger (darunter auch den Vizepräsidenten) dieser nationalistischen Rockergruppe fest. Da durch die „Osmanen Germania“ eine „schwerwiegende Gefährdung“ ausgehe, hat Innenminister Horst Seehofer im Juli 2018 den Box- und Rockerclub „Osmanen Germania“ verboten und ihm jede Tätigkeit untersagt.

Der insbesondere im bayrischen Raum aktive Motorrad-Rockerclub „Turkos MC“ ist eine weitere Rockergruppe, die dem Umfeld der Grauen Wölfe zuzurechnen ist. Die drei halb-Monde, die den Rockerclub kennzeichnen, erinnern an das Parteiabzeichen der MHP. Am 19. Oktober 2014 rief der ultra-nationalistische Rockerclub „Turkos MC“, der sich massgeblich aus Unterstützern der rechtsextremen „Grauen Wölfe“ und des berüchtigten Rockerclubs „Hells Angels“ zusammensetzt, zu einem Grossaufmarsch in der bayerischen Landeshauptstadt auf. Alleine auf der offiziellen Facebook-Seite zur Veranstaltung meldeten rasch ca. 1.000 Personen ihre Teilnahme an. In München wurde ein Macht-Demonstration mit Motorrädern initiiert.

Die Rockergruppe „TURAN e.V.“ steht ideologisch ebenso der rechtsextremen MHP nahe und ist bundesweit vernetzt. Die Bezeichnung „Turan“ als grosstürkische und rassistische Machtutopie ist ein zentraler Begriff der Ülkücü-Ideologie und bezeichnet ein fiktives Grossreich, in dem alle Türken und Turkvölker zusammenleben sollen. Diese Gruppe ist seit 2015 aktiv und hat ihren Aktivitätsschwerpunkt insbesondere in Nordrhein-Westfalen. Auch Rockerclubs wie die „Gremium MC Nomads Bosporus Türkiye“ agieren im Sinne der (ultra-)nationalistischen Mobilisierung.

Nähe zwischen deutschen und türkischen Rechtsextremisten

Der Rassismus deutscher Rechtsextremisten und die Zunahme rassistisch motivierter Gewalt ab Ende der 1970er Jahre brachten die türkeistämmigen Rechtsextremisten in eine paradoxe Situation: Bei ihren gewalttätigen Aktionen gegen türkische oder kurdische Linke in der Bundesrepublik Deutschland sahen sie die hiesigen Neonazis als Verbündete und fühlten sich von der allgemeinen antikommunistischen Stimmung der 1970er und 1980er Jahre in der Bundesrepublik bestärkt. Aufgrund dieser ideologischen Verwandtschaft fiel es militanten Grauen Wölfen schwer, gegen fremden- bzw. türkenfeindliche Aktionen der deutschen Rechtsextremisten eine klare Position zu entwickeln.

In einem Rundschreiben von 1977 betonte Alparslan Türkeş die ideologische Nähe zwischen der MHP und NPD sogar ausdrücklich: „… um die vorgesehenen Ziele zu erreichen, sind unbedingt die Aktionseinheit unserer Partei und der NPD sowie deren Erfahrung und Arbeitsmethoden auszunutzen. Der von der Zentralleitung der MHP entsandten Anweisung ist dabei Folge zu leisten“. Umgekehrt bekundeten deutsche Neonazis offene Sympathie: So erklärte Michael Kühnen von der militanten „Aktionsfront Nationaler Sozialisten“ (ANS) 1978 in einem Interview: „Wir haben zu allen entsprechenden Organisationen im In- und Ausland sehr gute Kontakte. Wir kennen die Leute – wir achten sie. Die Grauen Wölfe sind praktisch eine Art Entsprechung, wenn auch auf der nationalen Tradition in der Türkei, und wir haben grosse Sympathie für ihre Zielsetzung.“

Diese wechselseitige Wertschätzung hält bereits seit Jahrzehnten an. So fand der damalige NPD-Landeschef von Hessen, Jörg Krebs, im Jahr 2009 lobende Worte für die MHP: „Bei den jüngsten Parlamentswahlen am 22. Juli 2007 schaffte es die einzige ernstzunehmende nationale türkische Partei, die uns deutschen nationalen Aktivisten sehr wohl bekannte MHP (Partei der Nationalistischen Bewegung – Graue Wölfe), mit atemberaubenden 14,29 Prozent zurück ins türkische Parlament. 70 MHP-Abgeordnete vertreten nunmehr konsequent eine Politik, die sich in erster Linie an den Interessen des eigenen Volkes orientiert und die daher einen Beitritt der Türkei zur „Melting Pot‘‘ EU kategorisch ablehnt. Damit ist die MHP natürliche Verbündete aller nationaldenkenden Deutschen, die einen EU-Beitritt der Türkei ebenfalls ablehnen.

Dieses gilt es aus meiner persönlichen Sicht in Zukunft auch im Hinblick auf den Umgang mit nationalistischen Türken in der Bundesrepublik viel stärker zu bedenken. (…) Denn ein Grundsatz gilt heute mehr denn je: ‚Der Feind meines Feindes ist mein Freund‘“. Doch trotz dieser teils grossen ideologischen Verbindung kam es über die Jahrzehnte bisher kaum zu einer wahrnehmbaren, tatsächlichen Kooperation zwischen deutschen Rechtsextremen und Grauen Wölfen. Ereignisse wie im April 2016 in Nürnberg dürften deshalb eher die Ausnahme bleiben: Dort demonstrierten im April 2016 Graue Wölfe Seite an Seite gemeinsam mit Aktivisten der neonazistischen Partei „Die Rechte“ gegen die kurdische PKK.

Kemal Bozay
telegraph.cc

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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