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Das elementare Menschenrecht auf Leben Coronavirus: Über die Konjunktur der Heuchelei

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»Das Leben ist das höchste Gut« - erklang noch nie so einmütig aus aller Munde, und noch nie klang es so hohl wie in diesen Tagen.

Schwerer Zugang zu sauberem Trinkwasser.
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Bild: Schwerer Zugang zu sauberem Trinkwasser. Kenya, Juni 2018. / Kabukasteven (CC BY-SA 4.0 cropped)

17. April 2020

17. 04. 2020

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Die zeitlos weltumspannende Gültigkeit dieses Wertes verbietet jede Frage, und umso mehr Fragen tun sich auf.

Die mögliche Bedrohungssituation, dass ein Arzt zwischen zwei Menschenleben entscheiden muss, weil er nur ein Atemgerät hat[1], möglicherweise andere Menschen praktisch zum Tode verurteilen muss, lässt keinen Widerspruch zu – umso mehr Widersprüche tun sich auf. Gerade wenn sich angesichts der Alternative Tod oder Leben die Frage nach der Verhältnismässigkeit der Mittel verbietet, im Gegenteil, gerade wenn das Leben alter Menschen so wichtig geworden ist, dass Notstandsgesetze erlassen werden, wie man sie seit den Zeiten der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland nicht mehr kannte, gerade wenn das Bewusstsein für den »Wert des Lebens als höchstes Gut« sich weltweit durchgesetzt hat und selbst in Ländern, deren Infektionszahlen viel geringer sind, noch drastischere Einschränkungen des öffentlichen Lebens als bei uns vollstreckt werden, fragt sich umso dringender, wieso diese Handlungsweise allein für die Bedrohung durch Corona gilt.

Zehntausendfache von Menschen, vor allem Kinder, sterben täglich unter grauenhaften Qualen an von infiziertem Trinkwasser verursachter Diarrhöe oder Typhus. Eine weltweite Anstrengung, wie sie im Moment gerade wegen Corona stattfindet, könnte den zwei Dritteln der Menschheit, etwa 5 Milliarden Menschen, den Zugang zu sauberem Trinkwasser bringen, den sie jetzt nicht haben.[2] Ein solcher globaler Kraftakt wäre gesellschaftlich wie finanziell nicht ansatzweise so aufwändig wie der gegenwärtig wegen Corona gestemmte.

Die deutsche Bundesregierung und alle im Bundestag vertretenen Parteien, die in diesen Tagen vor »Millionen Toten« warnen, lehnten dies ausdrücklich ab und verwiesen auf das UNO-Milleniumsziel im Jahre 2030, das Trinkwasser für alle bis dahin plant. Wieviel Millionen Menschen bis dahin von vergiftetem Wasser getötet sein werden, lässt sich nicht annähernd berechnen. Obwohl ein von der internationalen Völkergemeinschaft ermöglichter Zugang zu Trinkwasser für alle Menschen auf diesem Planeten, im Vergleich zu den Coronamassnahmen ein Kinderspiel wäre, obwohl damit unvergleichlich viel mehr Menschen, vor allem Kindern, das Leben gerettet werden könnte, ist der Gedanke daran in einer Bevölkerung, die ihre Exkremente mit Trinkwasser wegspült, nicht ansatzweise durchsetzbar und alle meinungsbildenden Medien in Deutschland lehnen es auf Nachfrage ausdrücklich ab, den Gedanken auch nur zur Diskussion zu stellen.

Damit ein Arzt möglicherweise kein Todesurteil über einen von zweien seiner Patienten aussprechen muss, werden Notstandsgesetze erlassen. Es wird aber nicht einmal daran gedacht, etwas zu unternehmen, geschweige denn sich weltweit zusammen zu schliessen, wie es wegen Corona getan wird, damit täglich zehntausende von Todesurteilen nicht weiter tatsächlich vollstreckt werden – und zwar in der gleichen Weise, nämlich durch unterlassene Hilfeleistung.

In afrikanischen Krankenhäusern werden Menschen nicht an lebensrettende Geräte angeschlossen, weil sie sie nicht bezahlen können, selbst wenn genügend vorhanden sind. Niemand dachte je daran, deshalb den Notstand auszurufen. Keiner veröffentlicht sein Mitgefühl mit den Ärzten, die zusehen müssen, wie ihnen anvertraute Kranke sterben.

Welcher Mensch ist wann und warum wert in den Genuss des zeitlos weltweit gültigen Wertes »das Leben ist das höchste Gut« zu gelangen? Wie definiert sich der Unterschied? Wie wird er begründet? Wie ist er vereinbar mit den allgemeingültigen moralischen Massstäben in Politik und Gesellschaft?

Auf deutschen Autobahnen sterben jährlich 4000 Menschen. So viele wie in einem veritablen Bürgerkrieg. Einer grossen Menge von Opfern dieser täglichen Schlacht auf den Strassen wird der Kopf abgerissen, von den überlebenden bleiben unzählige querschnittgelähmt. Etwa die Hälfte wird unschuldig Opfer der Unfälle, weil die Verursacher unvernünftig und verantwortungslos fuhren. »Unvernunft und Verantwortungslosigkeit der Menschen« wird als Grund für das soziale Kontaktverbot zur Verhinderung von Corona Infektionen angegeben, um weitere Opfer zu verhindern.

Die logische Folge der Übertragung dieses Denkens, dieser Haltung zu den Opfern der Unvernunft und Verantwortungslosigkeit im Autoverkehr hiesse, den privaten Autoverkehr zu verbieten; und da es sich nicht um eine Infektion, sondern einen Dauerzustand handelt, ab sofort und bleibend.

Sind 4000 statistisch sichere Toten weniger wert als 4000 eventuell mögliche? Erfordern sie nicht eine noch höhere Anstrengung als jetzt, wenn man doch weiss, dass man sie verhindern könnte? Was gibt es heutzutage für andere Möglichkeiten des Verkehrs, individuelle Bedürfnisse zu befriedigen?

Was ist mit den legalen Süchten nach Tabak und Alkohol, deren weltweite Todesraten die von Corona erwarteten Millionen Toten weit übersteigen? Warum wird Tabakwerbung nicht verboten, sondern mit Bildern versehen, die abschrecken sollen, dies aber nicht tun, was wiederum die Verantwortungslosigkeit und Rücksichtslosigkeit deutlich macht, mit der jetzt soziale Distanzierung begründet wird? Warum wird nicht wenigstens die Werbung für Alkohol und Tabak verboten?

Die »salt industry« mordet weltweit nach Angaben der WHO Millionen Menschen durch Herz- oder Hirnschlag – warum werden ihr keine Grenzen gesetzt, obwohl die von ihr produzierten Todeszahlen nachweisbar sind? Weil niemand von einer Überwindung der Tabak-, Alkohol oder Salzsucht profitieren würde ausser die dadurch Überlebenden?

Was ist dann von der Rede vom »Leben als höchstes Gut« zu halten?

Ist es wirklich übertrieben, von einer »Diktatur des Profits« zu sprechen?

Unzählige Kinder sterben an einfachen Krankheiten, weil ihr Immunsystem dadurch geschwächt ist, dass ihren Müttern eingeredet wurde, Milchpulver sei besser als Muttermilch. Die Corona−Kriterien auf Nestlé angewandt, bedeuten eine Anklage gegen diese Firma wegen Völkermordes in Den Haag.

Wären vielleicht noch weitere Folgerungen zu ziehen, wenn man die aktuelle Sensibilität für das elementare Menschrecht auf Leben ernst nimmt?

Gibt es etwa noch weitere Aspekte, unter denen dieser hochgehaltene Anspruch zu scheppern anfängt?

Lauern im Verborgenen noch weitere Widersprüche, die aufzuheben die Aufhebung altgewohnter Denkweisen benötigt? Oder ertränken gerade Krokodilstränen nüchternes Denken:

»Das Leben ist das höchste Gut«:

der Zauberspruch zur totalitären Machtergreifung,

das Zauberwort, um denen, die nichts haben, noch den Rest aus der Tasche zu stehlen,

die Zauberformel, um Milliardengewinne zu machen.

Christof Wackernagel

Fussnoten:

[1] was das Los entscheiden könnte bzw müsste

[2] Z. B.: https://www.softsecrets.com/de/nachrichten/international/das-trinkwasserjahr/

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