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„Das Ende der Pandemie“? Corona-Leugnung und Neue Rechte

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Man kämpft nicht mit Faschist*innen und Neonazis für die Freiheit. Das ist ein innerer Widerspruch, denn am Ende bestimmen diese Leute, was Freiheit sein soll. Leute, deren Ideologie zwangsläufig auf Ausgrenzung, Diskriminierung, Deportationen und schlimmeres hinaus läuft.

Demonstration von und Verschwörungsgläubigen und Rechtsextremen in Berlin, August 2020.
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Bild: Demonstration von und Verschwörungsgläubigen und Rechtsextremen in Berlin, August 2020. / Leonhard Lenz (PD)

28. September 2020

28. 09. 2020

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Corona ist wirklich. Das Schwer Akute Atemwegs-Syndrom Corona-Virus 2 (SARS CoVi 2) dringt in unsere Körper ein und macht etwas mit ihnen. Die derart Infizierten verbreiten das Virus, indem sie die Viren-Körper ausatmen.

Ich beginne mit diesen banalen Sätzen, um hervorzuheben, dass Corona etwas Materielles ist. Die Pandemie lässt sich nicht wegdenken, wegbeten, wegbeschwören. Eine Demonstration mit dem Titel „Das Ende der Pandemie – Tag der Freiheit“ wird die Wirkmächtigkeit der Fortpflanzung der Viren nicht einschränken.

Ebenso „idealistisch“ wie die Einschätzung, man könne durch eine Demo das Ende einer Pandemie deklarieren, war die Eigeneinschätzung der Teilnehmer*innen an der bundesweiten Demonstration. Es war die Rede von über einer Millionen Teilnehmer*innen, auf der Rechtsextremisten nicht zu erkennen waren. Tatsächlich waren auf der Demo am 1. August in Berlin ca. 18.000 Teilnehmer*innen. Es gibt Livemitschnitte von der gesamten Demo, man kann sie also zählen und wenn man sie gezählt hat, kann man darüber nicht unterschiedlicher Meinung sein.

Corona-Demo mit vielen Neonazis

Unter den Demonstra-tionsteilnehmer*innen waren zahlreiche Faschist*innen. Bei der sogenannten „Freiheitsdemo“ in Berlin nahmen bspw. Bundestagsabgeordnete der AfD und AfD-Kreisverbände aus dem Berliner Umland teil. Die NPD war u.a. mit Udo Voigt (langjähriger Bundesvorsitzender der NPD), dem Landesvorsitzenden der NPD, Funktionären der NPD aus Berlin und Hamburg und mit einem eigenen Banner vertreten.

Der antisemitische „Volkslehrer“ Nikolai Nerling und „Journalisten“ von der Deutschen Stimme marschierten mit. Neben Rüdiger Hoffmann (Staatenlosinfo) und Christian Bärthel fanden sich zahlreiche weitere „Reichsbürger“ ein. Gesehen wurden Kader der rechtsextremistischen Identitären Bewegung und T-Shirts mit der antisemitischen Aufschrift „FCK ZION / Lest die Protokolle“. Verschwörungsmythologien von der NWO bis QANON wurden auf Transparenten verbreitet. Einen Überblick gibt der am 9. August 2020 auf volksverpetzer.de veröffentlichte Artikel „Die rechtsextreme Corona-Demo. Corona-Demo: AfD, NPD, III. Weg, Antisemiten, Holocaustleugner, Neonazi-Kameradschaften“. (2)

In Berlin liefen auch bunt gekleidete Neohippies und Menschen mit Friedensfahnen mit. Dazu der „Volksverpetzer“ treffend und rhetorisch fragend: „Welche vermeintliche Friedensbewegung steht unwidersprochen neben Neonazis, deren geistige Vorbilder millionenfach einen industriellen Massenmord durchgeführt haben? Welche Friedensbewegung marschiert unwidersprochen zusammen mit der AfD, der NPD, dem III. Weg, Antisemit*innen, Holocaustleugner*innen und Neonazi-Kameradschaften zum Thema ‚Freiheit‘ auf?“ (Volksverpetzer)

Die sogenannte Neue Rechte ist in Lauerstellung. Martin Sellner, Kopf der Identitären Bewegung sieht in einem Artikel der extrem rechten Zeitschrift Sezession von Götz Kubitschek die Coronaleugnungs-Bewegung als Stellvertretungsmasse. Da die Forderung nach einer rassistischen Bevölkerungspolitik bewegungsmässig nicht mehr auf die Beine stelle als bestenfalls Pegida in Dresden, ginge es nun darum, den „BRD-Widerstand“ zunächst mit dem harmloseren Thema Corona zu mobilisieren.

Auch die AfD sei relativ harmlos gestartet, nur eine kleine antideutsche Elite habe erkannt, wohin sich diese Partei bewege. Als dann im Jahr 2015 die AfD stark genug war, konnte sie sich zu ihren eigentlichen Zielen bekennen. Lucke wurde nicht mehr gebraucht. Sellner nennt dies den „Lucke-Effekt“. Ähnlich müssten die Corona-Proteste betrachtet werden, die Mehrheit sehe die Migrationspolitik schon jetzt so wie die Neue Rechte, aber noch sei der Protest zu schwach für den „Lucke-Effekt“.

„Covidioten?“

Die Materialität von Corona sollte anerkannt werden, wir sollten materialistisch denken und handeln. Wenn von „Covidioten“ die Rede ist, so drückt sich darin eine Hilflosigkeit aus gegenüber den Menschen, die die Existenz bzw. Gefährlichkeit von Corona leugnen und sich entsprechend unverantwortlich verhalten. Das „Idiotische“ soll die Dummheit/Ignoranz aber auch die damit einhergehende Gefährdung anderer ausdrücken.

„Du Idiot!“ ist oftmals eine spontane, verärgerte Ansprache gegenüber Menschen, die etwas zum Nachteil anderer falsch gemacht haben – weil ihnen Wissen fehlte oder sie nicht richtig nachgedacht haben oder unaufmerksam waren. Allerdings besteht hier die Gefahr, dass sich weniger harmlose Bilder des Idiotismus mit Zuschreibungen gegenüber den sog. „Covidioten“ verbinden mit der Folge, das einerseits Menschen mit geringen Bildungsabschlüssen zu sehr in den Blick geraten und andererseits mit dem allzu laxen Umgang mit der negativen Zuschreibung „Idiot“ der Behindertenfeindlichkeit zugearbeitet wird.

Beleidigende Zuschreibungen wie „CovIdioten“ sind nicht nützlich und überzeugen keinen der Corona-Leugner*innen von der Existenz und Gefährlichkeit von Covid19. Wirkungsvoller sind vielleicht direkte Konfrontationen und Auseinandersetzungen, wie sie der extra3-Kabarettist Florian Schröder mit seinem Auftritt auf der Bühne der „Querdenker 711“-Kundgebung am 8. August 2020 in Stuttgart gewagt hat: „Ich bin hingegangen und habe in Stuttgart gesprochen. Über das Grundgesetz, Meinungsfreiheit und den Unterschied zwischen Freiheit und Verantwortungslosigkeit.“ (3)   

Skepsis gegenüber den „Göttern in Weiss“

Die weit verbreitete Skepsis gegenüber Medizinern (und Virologen) hat nicht nur irreale Hintergründe, sondern oft auch historische und nachvollziehbare.

Die vorherrschende Medizin mit ihren Vorläufern bezog sich auf Gott, in der Nazizeit auf völkische Rassenbiologie und Sozialeugenik und heute auf die „geheimen Kräfte des Marktes“ mit seinen Privatisierungen. Diese Medizin war männlich und patriarchalisch geprägt, Frauen galten von vornherein als krank und als solche waren sie Objekte und nicht Subjekte der etablierten Medizin. Vielleicht erklärt dies, warum verhältnismässig viele Frauen bei den Corona-Demos mitlaufen?

Die vorherrschende Medizin geht heute oft immer noch von „höheren Mächten“ aus, deren Sachwalter die „Götter in Weiss“ sind. Noch immer hat die Medizin Sexismus, Rassismus, Klassismus und Behindertenfeindlichkeit nicht gänzlich überwunden. Wenn ich von „Medizin“ spreche, meine ich damit den medizinisch-kapitalistischen Komplex, zu dem auch die Pharmaindustrie, die Krankenkassen oder Medizinkonzerne wie die Klinikunternehmen gehören – und auch ein sozial selektives Ausbildungssystem.

2017 forderte das Bundesverfassungsgericht, den Zugang zum Medizin-Studium zu erleichtern. Während Studierende ohne studiertes Elternteil immerhin die Hälfte der Studierenden ausmachen, sind es in Pharmazie und Medizin nur ein Drittel. Und unter den Arbeiter*innenkindern sind überproportional viele Migrant*innenkinder, die durch diesen Klassismus ebenfalls ausgegrenzt werden. Während nur 20 Prozent der Nicht-Akademikerkinder studieren, aber 80 Prozent der Akademikerkinder, sehen die Zahlen in Pharmazie und Medizin noch krasser aus. Es ist nicht nur der Numerus clausus (NC), der aussiebt, sondern auch die elitäre Fachkultur.

In Österreich wird mit einem Test ausgesiebt. Auch hier liegt vieles im Argen. Eine erste Testvariante wurde aus dem Verkehr gezogen, da sie überproportional viele Frauen vom Medizin-Studium abhielt. Der Entwickler jenes Tests, Titularprofessor Hänsgen, ist unter dem Namen Brainswiffer einer der aktivsten Antifeministen in Wikipedia. Die neueren Tests sind nun geschlechtergerechter, aber kostenpflichtig. Die Zweiklassenmedizin hat also auch eine Entsprechung in der Ausbildung zum Medizin-Studium.

Eine menschenfreundlich ausgerichtete Medizin müsste sich von neoliberalen Konstrukten wie der „unsichtbaren Hand des Marktes“ trennen, sie müsste noch sehr viel deutlicher die eigene NS-Geschichte aufarbeiten, dies müsste zwingend Thema im Medizin-Studium sein, wie der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung kurz vor Drucklegung dieses Artikels forderte.

Spirituelle Gesundheitsszene / Rubikon / NGFP

Es ist nicht einfach, über Menschen zu schreiben, die man kennt. Und ich kenne viele, die den Corona-Massnahmen ablehnend gegenüber stehen. Ich habe vor wenigen Jahren noch in den Räumlichkeiten der Neuen Gesellschaft für Psychologie (NGFP) einen Konferenzbeitrag zur Kritik der AfD gehalten. Vermittelt wurde mir diese Vortragsmöglichkeit durch Jens Wernicke, dem Herausgeber von Rubikon, mit dem ich damals noch mehr als nur gut bekannt war. Noch immer erhalte ich die Newsletter der NGFP, bzw. von Professor Klaus-Jürgen Bruder, der dann auch mit schönen Grüssen die jetzt oft verschwörungsmythologischen Beiträge von Rubikon teilt. Und aufgrund meiner Vergangenheit in der Kommune-Szene habe ich auch viele Bekannte aus dem ökologisch-spirituellen Übergangsfeld im Gesundheits- und Therapiebereich.

Ich kann verstehen, wenn diejenigen, die sich seit Jahren in den Bereichen von Tanztherapie bis vegane Ernährung für Gesundheit einsetzten, nun bei den krassen Gesundheitsmassnahmen in der Corona-Krise skeptisch werden. Zumal der medizinische Apparat mit seiner Klassen-Medizin, seinen Ausgrenzungen, seiner kapitalistischen Gewinn-Orientierung zur Skepsis Anlass bietet.

Aber es gibt in dieser Szene, die jetzt so ultra-„kritisch“ auftritt, seit Jahren schon einen Mangel an Kritik gegenüber Verschwörungsmythologien. Es wird nicht versucht, UFO-Gläubigen ihren Wahn mit Argumenten so lange zu widerlegen, bis sie endlich mit dem Quatsch aufhören. Es wird stattdessen gesagt: „Interessante Meinung.“ Und dasselbe gilt leider auch für antisemitische Verschwörungsmythologien. „Der Nationalsozialismus war ein Projekt der Juden? Interessante Meinung.“

Und wer diese Meinung nicht gelten lässt, ist gegen Meinungsfreiheit, also für Diktatur, also ein Faschist. Und entsprechend leicht fällt nun meinen Bekannten, die Zahl von „hunderttausenden Teilnehmer*innen“ zu behaupten. Verschwörungsmythologien sind oftmals Beschwörungsmythologien: Warum soll man zählen, wenn man beschwören kann?

Was also tun? Konfrontieren. Wenn sie behaupten, auf der Berlin-Demo am 1. August seien Hunderttausende gewesen, dann zähl nach und konfrontiere sie mit der richtigen Zahl. Und als Mensch, der von dem Guten im Menschen ausgeht, empfehle ich, künstliche Begrenzungen der Entwicklung des menschlichen Geistes einzustellen: Gutes bedingungsloses Grundeinkommen, Erbe für alle (ca. 120.000 Euro), eine Schule für alle, keine Zugangsvoraussetzungen für ein Studium und die Reproduktionszahl der Verschwörungsideologien sinkt unter 1.

Andreas Kemper / Artikel aus: Graswurzelrevolution Nr. 451, August 2020, www.graswurzel.net

Fussnoten:

1) https://www.volksverpetzer.de/aktuelles/corona-demo-rechtsextrem/

2) ebd.

3) Siehe: https://www.youtube.com/watch?v=vS2i_bRD0R0

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