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Der Putsch in Chile | Untergrund-Blättle

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Hintergründe und Dokumente Der Putsch in Chile

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Vor dreissig Jahren, am 24. Oktober 1970, bestätigte der chilenische Kongress die Wahl von Salvador Allende zum Staatspräsidenten. Das war nur noch ein formaler Akt, aber er machte die Sensation perfekt.

Museum zur Erinnerung an den Militärputsch gegen die Regierung von Salvador Allende in Santiago de Chile.
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Bild: Museum zur Erinnerung an den Militärputsch gegen die Regierung von Salvador Allende in Santiago de Chile. / Unknown (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

27. Juli 2011

27. Jul. 2011

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Das chilenische Volk hatte in allgemeinen freien Wahlen mehrheitlich einem Sozialisten die Stimme gegeben, dazu einem Kandidaten des Bündnisses Unidad Popular, das zur Wahl mit einem revolutionären Programm angetreten war: »... die Macht der Imperialisten, Monopole, der Grossgrundbesitzer wird zerschlagen. Wir werden mit dem Aufbau des Sozialismus in Chile beginnen.«

Mit sozialistischen Parolen waren in Lateinamerika bis dahin schon öfter Präsidentschaftskandidaten gewählt worden. Einmal im Amt, hatten sie diese schnell vergessen.

Allende und die Unidad Popular aber verstanden die Präsidentschaft nicht als Pfründe, für sie war die politische Macht das notwendige Werkzeug, um die ökonomischen Macht derer zu brechen, die Schuld daran waren, dass ein Viertel aller Chilenen in Not und Armut lebten. Sie wollten die Grundlagen beseitigen, auf denen die Klassengesellschaft errichtet war.

Wie ernst Allende das meinte, machte er am 3. November 1970 bei seinem Einzug in den Präsidentenpalast La Moneda deutlich. Wie im Wahlkampf versprochen, betrat zum ersten Mal in der Geschichte ein Präsident diesen Palast gemeinsam mit dem Volk. Allende nahm seinen Amtssitz zusammen mit gut 3 000 Personen in Besitz.

Ihn begleiteten Politiker linker Parteien und der Bauernorganisationen, Aktivisten der Jugend- und Studentenverbände, Künstler, Intellektuelle, Publizisten.

Und während Allende seine Gäste zu einem grossen Festessen einlud, fand auf den Strassen Santiagos ein Volksfest statt. Die Menschen tanzten und sangen, u. a. das Lied der Gruppe Quilapayun: »Dieses Mal geht es nicht um einen Präsidentenwechsel, sondern um den Aufbau eines ganz anderen Chile«.

1.000 Tage später war der nach Kuba zweite grosse sozialistische Versuch in Amerika in einem Blutbad erstickt. Wie konnte es dazu kommen? Welche Erfahrungen vermittelt der chilenische Aufbruch vor 30 Jahren für künftige revolutionäre Bewegungen?

Die Voraussetzungen für die Linke schienen Ende 1970 günstig. Nach dem 3. November befanden sich die herrschenden Kreise und Klassen in der Defensive. Alle ihre Versuche, mit antikommunistischer Hetze und Provokationen den Wahlsieg Allendes zu verhindern, waren gescheitert. Die Rechte hatte sich gespalten, ihre Politiker beschäftigten sich mit gegenseitigen Schuldzuweisungen wegen der Niederlage.

Doppelherrschaft

Die Linke übernahm mit der Präsidentschaft die Regierungsgewalt. Sie konnte sich auf eine kampfkräftige Volksbewegung mit einem hohen Organisationsgrad in Parteien und Massenbewegungen stützen. Die Armen und Unterprivilegierten der chilenischen Gesellschaft fühlten sich durch den Wahlsieg ermutigt.

Sie waren entschlossen, endlich ihre Forderungen durchzusetzen: Arbeit für jeden und ein Dach über dem Kopf, Schulbildung und ausreichendes Essen für alle Kinder, ärztliche Betreuung, unabhängig vom Geldbeutel.

Mit dem Wahlsieg entstand in Chile eine Doppelherrschaft. Während die Unidad Popular über die Präsidialmacht und die Ministerien die Verwirklichung ihres Programms in Angriff nehmen konnte, verfügte die Rechte mit ihrer Mehrheitskontrolle im Parlament und mit ihrer Dominanz in den Massenmedien über gefährliche Machtpositionen.

Der Justizapparat befand sich in der Hand konservativer Richter. Die Armee war gespalten - ein Spiegelbild der chilenischen Gesellschaft.

Oft dienten in ein- und derselben Einheit streng antikommunistisch orientierte Offiziere und entschlossene Anhänger der Unidad Popular. In der Generalsjunta sassen nebeneinander Carlos Prats, der als Oberkommandierender später der Volksbewegung auch in den schwersten Stunden zur Seite stand, und Gustavo Leigh, der seinen Hass auf die neue Regierung kaum verhüllte und 1973 zu einem Führer der Konterrevolution wurde.

Monopole enteignet

Allende und die Volksregierung begannen unverzüglich mit der Umsetzung des Wahlprogramms. Kinder bis 15 Jahre erhielten unentgeltlich einen halben Liter Milch, die Löhne der Arbeiter und Angestellten wurden entsprechend der Inflationsrate erhöht, die Mindestlöhne verdoppelt. Preise für Strom und Haushaltsgas, sowie die Transporttarife wurden eingefroren. Die Regierung nahm ein Programm zum Bau von 100 000 Wohnungen in Angriff. Es begann die unentgeltliche Behandlung in Krankenhäusern und Polikliniken.

Das erste Jahr gestaltete sich für die Volksbewegung als Jahr der Offensive. Schritt für Schritt wurde das Wahlprogramm realisiert. 1971 wurden die wichtigsten Zweige der Volkswirtschaft verstaatlicht: der Kupferbergbau, die metallurgische, die Kohle-, die Eisenerz-, die Salpeter-, Erdöl- und die Zementindustrie, die Elektroenergiewirtschaft sowie das Fernsprechnetz.

Mit Aktienkäufen erwarb die Regierung die Mehrheit in den führenden Privatbanken. Damit erhielt die Volksregierung die Kontrolle über wichtige Sektoren der Volkswirtschaft und schuf eine solide Grundlage für ihre Sozialprogramme.
Kampf um das Regierungsgebäude in Santiago de Chile, 29. Juni 1973.

Bild: Kampf um das Regierungsgebäude in Santiago de Chile, 29. Juni 1973. / Revista Argentina Siete Dias (PD)

Die politische Doppelherrschaft blieb jedoch bestehen. Aus der Sicht der Rechten hatte die Regierung sich eines Sakrilegs schuldig gemacht: Sie hatte sich am Grosskapital vergriffen.

Aus heute verfügbaren Dokumenten wird ersichtlich, wie schnell und in welch hohem Masse gerade diese politische Konsequenz der revolutionären Regierung die Rechte einigte.

Sie nahm den Kampf gegen die Unidad Popular an allen Fronten auf: mit einer zunehmenden Hetze in den Medien, mit Sabotage der Produktion, mit bewaffneten Anschlägen faschistischer Gruppen.

Offensive der Reaktion

Die reaktionäre Mehrheit im Parlament blockierte alle Gesetzesinitiativen der Regierung, die Gerichte liessen faschistische Gewalttäter laufen und überzogen Aktivisten der Volksbewegung mit Prozessen. Die Wirtschaft des Landes wurde zum Hauptangriffspunkt. Vor allem die Versorgung der Bevölkerung mit lebensnotwendigen Gütern sollte gestört werden. Ziel war die Schaffung eines Klimas der Unzufriedenheit mit der Volksregierung.

Die Konterrevolution im Land wurde international durch einen Wirtschaftskrieg der USA unterstützt. Die chilenische Regierung erhielt von IWF und Weltbank keine Kredite mehr, der Weltmarktpreis von Kupfer - aus dem Chile 85 Prozent seiner Deviseneinkünfte erhielt - wurde künstlich gedrückt.

Symptomatisch für die neue Phase der Auseinandersetzung war der sogenannte »Marsch der leeren Kochtöpfe« am 5. Dezember 1971 in Santiago. Mehrere hundert Frauen aus reichen Vororten zogen mit Töpfen klappernd stundenlang durch die Innenstadt, um gegen die angebliche Misswirtschaft der Regierung zu protestieren. Eine grosse Gruppe vermummter Schläger eskortierte sie.

Mit Stahlrohren und Fahrradketten wurde zusammengeschlagen, wer sein Missfallen über dieses Provokation zu erkennen gab. Im Zentrum steckten sie Regierungsfahrzeuge in Brand, verwüsteten Einrichtungen der Unidad Popular. Die Volksregierung verzichtete auf einen Polizeieinsatz gegen die Randale. Die Volksbewegung rief aber auch nicht zu einer Gegendemo auf, mit welcher der Spuk von der Strasse gefegt worden wäre. Nur einige junge Leute der linksradikalen MIR stellten sich dem Mob entgegen.

Die Unidad Popular war mit dem Ziel eines friedlichen Übergangs zum Sozialismus angetreten unter strenger Respektierung bürgerlich-demokratischer Freiheiten und Rechte. Sie wollte erklärtermassen einen Bürgerkrieg vermeiden. Allende und die meisten Führer der Unidad Popular hofften, unter den internationalen Bedingungen Anfang der siebziger Jahre einen Weg mit weniger Blut und Gewalt in die ausbeutungsfreie Gesellschaft zu finden, als das in der Sowjetunion, China und Kuba möglich gewesen war. Aber die Reaktion hatte den Bürgerkrieg bereits eröffnet. Der Verzicht der Volksregierung auf Repressionsmassnahmen, der Grossmut der Volksbewegung im Umgang mit ihren Feinden wurden als Schwäche gedeutet.

Die politische Initiative ging in die Hände der Reaktion über. Diese startete im Oktober 1972 einen Generalangriff über die Gremien. Die meisten dieser gewerkschaftsähnlichen Verbände der Kleinunternehmer, freien Berufe und Angestellten waren in den Monaten zuvor unter die Kontrolle der extremen Rechten geraten. Den Anfang machte ein unbefristeter Streik der Fuhrunternehmer, dessen Vorsitzender sich als bekennender Faschist outete. Den Fuhrunternehmern schlossen sich die Händler und Ärzte an.

Streikunwillige wurden terrorisiert, ihre Lkw, Lager und Einrichtungen zerstört. Das ganze Land drohte ins Chaos zu stürzen.

Selbstschutzkomitees

Die Reaktion hatte allerdings nicht mit der Massenbasis der Unidad Popular gerechnet. Während die Regierung wenig handlungsfähig erschien, stellten sich Zehntausende dem Streik entgegen. In den Wohngebieten entstanden Selbstverwaltungsorgane, welche eine Grundversorgung mit Lebensmitteln sicherstellten, mutige Schwestern und Ärzte sicherten in den Krankenhäusern und Polikliniken eine Notversorgung, Angestellte von Elektrizitäts- und Wasserwerken gründeten Selbstschutzkomitees gegen Sabotage- und Terroranschläge.

Die Jugendverbände organisierten freiwillige Arbeitseinsätze, Künstler führten Aktionen zu deren Unterstützung durch. Unter den Bedingungen des Widerstandes gegen die reaktionäre Gewalt wuchsen in Chile Keimzellen einer neuen Gesellschaft. Nach drei Wochen mussten die Rechten den Streik abblasen. Sie konnten ihr Ziel nicht erreichen, das Land zu paralysieren. Zwei Wochen nach Streikbeginn hatten sich Teile der Armee auf die Seite der Regierung gestellt. So wagte die Konterrevolution keine weitere Eskalation mit einem für sie ungewissen Ausgang.

Es gelang der chilenischen Volksrevolution jedoch nicht, diesen Sieg auszubauen. Die Schuldigen am Streik wurden nicht bestraft, obwohl seine Führer, aber auch die Besitzer von Massenmedien mit ihren Boykottaufrufen und die Richter mit ihrer Untätigkeit sich massenhafter Gesetzesverletzungen schuldig gemacht hatten. Die Chance, wichtige Machtpositionen der Konterrevolution zu zerschlagen, wurde nicht genutzt. Die sich an der Basis herausbildenden Selbstverwaltungsorgane wurden nicht institutionalisiert.

Die Oktoberereignisse 1972 wiesen auf eine extreme Polarisierung der chilenischen Gesellschaft hin. Während sich die Arbeiter und Angestellten mehrheitliche als eine stabile Basis der Revolution erwiesen, waren die Mittelschichten zum grossen Teil unter den Einfluss der Konterrevolution geraten. Der dreiwöchige Boykott durch die Berufsverbände hatte dem Land schweren Schaden zugefügt. Der Wirtschaftskrieg der USA und die Sabotageaktionen gingen weiter. Die Folgen für die Chilenen waren eine galoppierende Inflation, die Verknappung aller Versorgungsgüter, unregelmässig funktionierende öffentliche Dienste. Die reaktionären Massenmedien suggerierten jeden Tag, dass die Allende- Regierung dafür die Schuld trage.

Trotz alledem war das Fenster zum Sozialismus noch offen. Das zeigte sich bei den Parlamentswahlen im Frühjahr 1973. Sie endeten mit einem überraschenden Ergebnis: Die Unidad Popular erhielt acht Prozent mehr Stimmen als 1970, fast jeder zweite Chilene gab mit seiner Stimme der Allende-Regierung sein Vertrauen. Die Hoffnung der unteren Schichten auf ein besseres Lebens waren fest verbunden mit dieser Regierung und den in ihr vertretenen linken Parteien.

Putsch des Militärs

Nun war es den chilenischen Oberschichten klar, dass ohne eine aktive Beteiligung der bewaffneten Kräfte die Revolution nicht aufzuhalten war. Es dauerte aber noch ein halbes Jahr, ehe dafür die Voraussetzungen geschaffen waren. Linke Militärs wurden aus Schlüsselpositionen entfernt oder aus der Armee gemobbt. Das Feuer konzentrierte sich insbesondere auf den Oberkommandierenden Carlos Prats. Prats war die wichtigste Stütze der Unidad Popular in der Armee.

Seine demonstrative Rückendeckung für die Allende-Regierung während des Fuhrunternehmerstreiks hatte wesentlich zur Beendigung dieser Boykottkampagne beigetragen. Jetzt erhielt Prats kaum Rückendeckung von der Volksbewegung und gab auf. Sein Nachfolger wurde Pinochet. Anfang September »säuberte« die Konterrevolution die Armee: Hunderte linke Militärs wurden erschossen oder eingesperrt.

Salvador Allende erfuhr davon am Wochenende des 8./9. September. Er liess seine Umgebung wissen, dass er am 11. September 1973 ein Referendum über seine Politik vorschlagen werde. Darauf entschlossen sich die Militärs, sofort loszuschlagen. Vieles musste improvisiert werden. Die Koordination der Truppen am Tag des Staatsstreiches war streckenweise chaotisch. So bombardierte zum Beispiel ein Kampfflugzeug statt des Präsidentenpalastes das Militärkrankenhaus. Die Militärs trafen ausser bei den mutigen Verteidigern der Moneda kaum auf organisierten Widerstand. Zwar waren Zeitungen der Unidad Popular gerade noch mit der Schlagzeile erschienen: »Jeder auf seinen Kampfplatz!« Aber am 11. September standen nur wenige UP-Führer an der Seite ihrer Anhänger zur Abwehr der Konterrevolution. So hatten die Militärs das Land nach nur zwölf Stunden in der Hand.

Es hat in der chilenischen Linken kaum eine gründliche Diskussion über die Lehren dieser Revolution gegeben, über ihre Stärken und Schwächen, über die Ursachen des Scheiterns. Am Vorabend des 30. Jahrestages wird die politische Diskussion zwischen den heute wieder aktiven Parteien der damaligen Volksbewegung von kleinlichem Gezänk bestimmt, mit gegenseitigen Schuldzuweisungen für die Niederlage.

Der chilenische Versuch einer sozialistischen Revolution 1970-1973 besticht durch die Konsequenz und die Ehrlichkeit, mit der Allende und die Parteien der Unidad Popular ihr Wahlversprechen einlösten. In einer historisch kurzen Zeit wurden die Strukturen des Landes umgekrempelt, um soziale Gerechtigkeit und nationale Souveränität zu erreichen. Die Gewinner dieser drei Jahre waren die vormals Unterprivilegierten. Erstmals war ihnen ein Leben in Würde und bescheidenem Wohlstand möglich.

Die Erfolge der chilenischen Revolution und ihr Überleben in krisenhaften Zeiten konnte nur möglich werden dank der Begeisterung, der Zähigkeit und der Opferbereitschaft der Volksmassen. Erstmals in der Geschichte Chiles nahmen die einfachen Menschen die Gestaltung der Gesellschaft in die eigenen Hände. Der chilenische Revolution sind die Menschen nicht weggelaufen. Sie ist der Übermacht und der Brutalität der Konterrevolution zum Opfer gefallen. Die chilenische Revolution nutzte nach dem Wahlsieg nicht die sich bietenden Gelegenheiten, die politischen Machtpositionen der Bourgeoisie zu brechen.

Sie fand nicht den Weg, die Doppelherrschaft zu ihren Gunsten zu überwinden. Möglicherweise wurde ihr der zutiefst humanistische Wunsch zum Verhängnis, die neue Welt auch auf neuen Wegen zu errichten: auf den Wegen der Respektierung der Freiheit und der Gewährleistung des gesellschaftlichen Friedens.

Dokumentiert: Die letzte Ansprache von Salvador Allende

Liebe Freunde! Dies ist die letzte Möglichkeit, mich an Sie zu wenden. Die Luftwaffe hat die Sendetürme von Radio Portales und Radio Corporacion bombardiert. Meine Worten enthalten keine Bitterkeit, jedoch Enttäuschung.

Sie werden die moralische Strafe sein für diejenigen, die ihren Schwur verraten haben. chilenische Militärs, gerade erst ernannte Oberbefehlshaber, Admiral Merino, der sich selbst ernannt hat. Und der Herr Mendoza, dieser niederträchtige General, der noch gestern der Regierung seine Treue und Ergebenheit bekundete und sich ebenfalls heute zum General der Carabineros ernannt hat.

Angesichts dieser Tatsachen bleibt mir nichts anderes, als den Werktätigen zu sagen: Ich werde nicht zurücktreten! In eine historische Übergangsperiode gestellt, werde ich die Treue des Volkes mit meinem Leben bezahlen. Und ich sage Ihnen: Ich habe die Gewissheit, dass die Saat, die wir in das würdige Bewusstsein von Tausenden und Abertausenden Chilenen gepflanzt haben, niemals ganz herausgerissen werden kann. Sie haben die Gewalt. Sie können uns unterwerfen. Aber die gesellschaftlichen Prozesse kann man weder mit Verbrechen noch mit Gewalt aufhalten. Die Geschichte ist unser, sie wird von den Völkern gemacht.

Werktätige meines Vaterlandes: Ich möchte Ihnen für die Treue danken, die Sie stets gezeigt haben, und für das Vertrauen, das Sie in einen Mann gesetzt haben, der nur Vollstrecker der grossen Sehnsucht nach Gerechtigkeit war, der sein Wort gab, die Verfassung und das Gesetz zu achten und der das tat. In diesem entscheidenden Moment, wahrscheinlich dem letzten, in dem ich mich an Sie wenden kann, möchte ich, dass Sie die Lektion beherzigen: Das Auslandskapital, der Imperialismus vereint mit der Reaktion, schuf das Klima, in dem die Streitkräfte mit ihrer Tradition brachen, die sie General Schneider gelehrt und Major Araya bekräftigt hatte. Beide wurden Opfer des gleichen sozialen Sektors, der heute in seinen Häusern darauf wartet, mit fremden Händen die Macht zurückzuerobern, um so seine Besitztümer und Privilegien zu verteidigen.

Ich wende mich vor allem an die einfache Frau unseres Vaterlandes, an die Bäuerin, die an uns glaubte, an die Arbeiterin, die mehr arbeitete, an die Mutter, die von unserer Sorge um die Kinder wusste.

Ich wende mich an die Intelligenz des Vaterlandes, an die patriotische Intelligenz und die Selbständigen, die seit Tagen sich der Verschwörung widersetzten, welche unter der Schirmherrschaft der Berufsverbände stand - dieser Klassenverbände, die auch jene Vorteile verteidigen, welche die kapitalistische Gesellschaft einigen wenigen einräumt. Ich wende mich an die Jugend, an die, die sangen, die ihre Fröhlichkeit und ihren Kampfgeist einsetzten. Ich wende mich an den Chilenen, an den Arbeiter, den Bauern, den Intellektuellen, an diejenigen, die verfolgt sein werden. Denn in unserem Land ist der Faschismus schon seit vielen Stunden da: mit terroristischen Attentaten, mit Brückensprengungen, mit Blockierungen von Eisenbahnlinien, mit der Zerstörung von Öl- und Gasleitungen. Demgegenüber stand das Schweigen von denen, die verpflichtet waren, dagegen vorzugehen: Sie waren darin verwickelt. Die Geschichte wird sie richten.

Sicherlich wird Radio Magallanes zum Schweigen gebracht, und der ruhige Klang meiner Stimme wird Sie nicht erreichen. Das macht nichts. Sie werden mich weiter hören. Immer werde ich mit Ihnen sein. Zumindest die Erinnerung an mich: die Erinnerung an einen würdevollen Mann, der die Treue der Werktätigen mit seiner Treue beantwortet hat.

Das Volk soll sich verteidigen, aber es soll sich nicht opfern. Das Volk darf sich nicht unterjochen, nicht quälen lassen, es darf sich aber auch nicht erniedrigen lassen. Werktätige meines Vaterlandes! Ich glaube an Chile und seine Zukunft. Andere Menschen werden diese dunklen und bitteren Momente überwinden, in denen der Verrat versucht sich durchzusetzen.

Glauben Sie weiter daran, dass eher früher als später sich die breiten Strassen wieder öffnen werden, durch die die freien Menschen gehen werden, um eine bessere Gesellschaft aufzubauen. Es lebe Chile! Es lebe das Volk! Es leben die Werktätigen! Das sind meine letzten Worte und ich bin sicher, dass mein Opfer nicht umsonst sein wird. Ich habe die Gewissheit, dass es zumindest eine moralische Lektion ist, die den Treuebruch, die Feigheit und den Verrat strafen wird.

Am 11. September 1973 wurde Allende um fünf Uhr morgens geweckt. Am Telefon war der stellvertretende Polizeichef General Urrutia.

Er teilte mit, dass chilenische Marineverbände die Hafenstadt Valparaiso besetzt haben.

Allende wies ihn an, mit den ihm zur Verfügung stehenden Kräften die Strasse zwischen der Hauptstadt Santiago und Valparaiso zu sperren.

Der Putsch

Unmittelbar nach dem Gespräch liess Allende sich mit dem Polizeichef General Sepulveda verbinden und befahl ihm, die Wachen am Präsidentenpalast La Moneda zu verstärken. Allende ging zu dieser Zeit davon aus, dass es sich in Valparaiso um eine isolierte Aktion handelt.

In Wirklichkeit hatte der zu den Verschwörern zählende Admiral Merino in der Nacht vom 10. zum 11. September den Oberbefehlshaber der Marine abgesetzt, das Kommando über die im Hafen liegenden Kriegsschiffe und die Marineinfanterie übernommen. Allende konnte auch nicht wissen, dass die Putschisten die regierungstreuen Urrutia und Sepulveda von der Kommunikation mit ihren Einheiten abgeschnitten und durch General Mendoza ersetzt hatten.

So hatte die Konterrevolution in den Morgenstunden die letzten Stützen der Unidad Popular in den bewaffneten Kräften beiseite geräumt. Allende versuchte von zu Hause aus, eine telefonische Verbindung mit dem 18 Tage zuvor ernannten Oberbefehlshaber der Armee, General Pinochet, herzustellen. Ans Telefon ging sein Adjutant und teilte mit: »Mein General steht unter der Dusche.«

Gegen sieben Uhr liess sich Allende in den Präsidentenpalast fahren. Dort sammelte sich der Kreis seiner engsten Mitarbeiter: sechs Minister der Regierung, seine Ärzte, seine beiden Töchter, seine persönliche Sekretärin, sein Kanzleichef sowie einige Journalisten, mit denen Allende schon seit Jahren zusammenarbeitete. Dazu kamen rund 30 Genossen der Präsidentenleibwache, junge Männer der Kommunistischen und der Sozialistischen Partei Chiles, die für diese Aufgabe in Kuba eine Ausbildung erhalten hatten.

Um acht Uhr war die Lage noch immer konfus. Von den Parteiführern der Unidad Popular liess nur Altamirano, der Vorsitzende der Sozialistischen Partei, von sich hören. Er schlug Allende vor, in ein Versteck zu gehen. Allende lehnte ab: »Der Präsident gehört in die Moneda - da hat ihn das Volk hingeschickt!« Eine halbe Stunde später war alles klar: Die Militärführung gab sich über Radio zu erkennen. Sie sei zum äussersten Kampf gegen »die schwerste Krise in Wirtschaft und Moral, die das Land erschüttert«, entschlossen. Unter Androhung von Gewalt vom Boden und aus der Luft forderte sie Allende auf, abzudanken und die Macht der Militärjunta zu übergeben.

Allende reagierte sofort: Er liess sich mit der Radiostation Magallanes verbinden, einem kleinen von der KP betriebenen Sender: »Ich gebe meine unwiderrufliche Entscheidung bekannt, Chile in seinem Ansehen, seiner Tradition in seiner Gesetzlichkeit und seiner Verfassung weiter zu verteidigen.«

Den darauf folgenden Vorschlag der Putschisten, ihn und seine Familie sofort in ein Land seiner Wahl auszufliegen, lehnte Allende ab. Er versammelte die im Präsidentenpalast befindlichen Personen und sagte: »Sie werden bombardieren.« Die Moneda war inzwischen von Kampftruppen und Panzern umstellt, Kampfflugzeuge rasten im Tiefflug über das Gebäude. Allende entschloss sich zu einer letzten Rede an das Volk. Radio Magallanes war die letzte linke Radiostation auf Sendung.

Er hielt die Rede zwischen 9.30 und 10 Uhr. Anschliessend versuchte Allende alle, die nicht kämpfen konnten oder wollten, zum Verlassen der Moneda zu bewegen. Kurz nach 10 Uhr begannen die Putschisten, mit Panzern und Maschinengewehren den Präsidentenpalast zu beschiessen. Um zwölf Uhr griff die Luftwaffe an und feuerte 18 Raketen ab, die alle den Präsidentenpalast trafen. Trotzdem setzten sich die Verteidiger der Moneda noch weitere zwei Stunden zur Wehr. Sie wurden von Genossen aus den umliegenden Ministerien unterstützt, die die angreifenden Truppen beschossen.

Gegen 15 Uhr war der Widerstand gebrochen. Die letzten Verteidiger verliessen den zerstörten Präsidentenpalast. Truppen drangen in das Gebäude ein. Sie fanden den Präsidenten in seinem Arbeitszimmer auf einem Sessel, eine Maschinenpistole zwischen den Knien, der Schädel zerschmettert. Die Umstände des Todes von Allende sind bis heute nicht eindeutig geklärt. Pinochet wird gemeldet: »Der Präsident hat Selbstmord begangen«.

Johnny Norden

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