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Die Veränderungen innerhalb des kapitalistischen Systems Das Ende vom Ende der Geschichte

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Nach dem marktliberalen Rollback der 1980er Jahre schien es, als ob es spätestens seit den 90ern wirklich zum „Ende der Geschichte“ – jedenfalls in den Zentren des kapitalistischen Weltsystems – gekommen sei.

17. Juni 2015

17. 06. 2015

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Die neoliberale Parole „there is no alternative“ (tina), die durch Margaret Thatcher Berühmtheit erlangte, brannte sich tief in das Denken der meisten Menschen ein. Wenn es dennoch zum Aufbegehren kam, hatte dies meist defensiven Charakter, ob nun bei der linken Szene, die ihre vorher eroberten „Freiräume“ verteidigte, oder der Kampf der Lohnabhängigen gegen den Verlust des Arbeitsplatzes, zu dessen Gunsten sie deutliche Verschlechterungen ihrer Verhältnisse hinnahmen. Dieses – hier vielleicht etwas zu düster gemalte – Bild, hat sich aber in den letzten Jahren deutlich gewandelt. Der vorher so fest im Sattel sitzende Kapitalismus kämpft mit seiner schwersten Krise seit den 1930ern und hat bis heute kein Rezept zu deren Überwindung gefunden.

Die schlimmsten Auswirkungen auf die Wirtschaft konnten zwar durch eine bis dahin ungekannte Staatsverschuldung und die Senkung der Reproduktionskosten in weiten Teilen der Welt aufgeschoben werden, hatten aber zur Folge, dass ganze Staaten bankrottgingen bzw. zu gehen drohen und es zu einer massiven Verschlechterung der Verhältnisse weiter Teile der Lohnabhängigen kam. In diesem Kontext kam und kommt es zu einer Welle von Revolten und Unruhen. Diese weltweite Situation in der wir uns gerade befinden, zeichnet sich durch eine seit Jahrzehnten nicht mehr gekannte Gleichzeitigkeit von Bewegungen aus, die für ein besseres Leben kämpfen und nicht mehr nur den Status Quo verteidigen.

Trotz des Rollbacks in manchen Regionen (z.B. Ägypten), des Steckenbleibens einzelner Aufstände im Bürgerkrieg (z.B. Syrien) und des Aufkommens bzw. Erstarkens reaktionärere Bewegungen (z.B. Ungarn) scheinen wir uns in einer „Ära der Aufstände“ (Blaumachen) zu befinden. Obwohl die Zukunft wieder veränderbar und nicht nur als Wiederholung der Gegenwart erscheint, hinkt die linke Theorie den realen Erscheinungen hinterher. Dies drückt sich auch darin aus, dass bei aller Gleichzeitigkeit der Aufstände ein gemeinsamer Inhalt fehlt, ja sogar nur in den wenigsten Fällen wirklich konkret aufeinander Bezug genommen wird. So beschränken sich in Protestbewegungen wie „Occupy“ und den „Empörten“ die konkreten Inhalte auf basisdemokratische Verfahrensweise, Kritik am Finanzsystem und Forderungen nach „wahrer Demokratie“.

Eine Analyse der gegenwärtigen kapitalistischen Verhältnisse, abseits von verkürzter und oft personalisierter Pseudokritik, fehlt dahingegen fast gänzlich bzw. konnte sich nicht durchsetzen. Symptomatisch drückte sich dies u. a. darin aus, dass sogar Angela Merkel Sympathie für die Proteste empfand. Dabei wird von einzelnen Theoretiker_innen immer wieder der Versuch unternommen die linken Analysen zu aktualisieren. Grund genug für uns einen Blick in Form eines Diskussionszyklus auf die linke Theorieproduktion der letzten paar Jahre zu werfen. Um die 1970er Jahre herum kam es zu einem Wandel im kapitalistischen Produktionsregime, dessen Ergebnis zum Teil sehr unscharf und oberflächlich mit Begriffen wie Globalisierung, Finanzkapitalismus oder Postfordismus bezeichnet wird.

Diese Transformation – die bei all ihrer Tiefe nie über die kapitalistische Logik hinausging – kann auf mehreren Ebenen beobachtet werden. Auf der globalen Ebene endete mit dem Kalten Krieg nicht nur die Blockkonstellation, sondern auch die bisherige hegemoniale kapitalistische Weltmacht, die USA, verlor immer mehr an Bedeutung, ohne dass eine neue alle anderen überschattende Supermacht klar auszumachen ist.

Inwieweit es sich dabei um eine Deterritorialisierung des Kapitalismus, also um eine neue Art der Machtausübung, die ohne feste geographische Verortung auskommt, handelt, diskutiert der Weltsystemtheoretiker Giovanni Arrighi in seinem Text „Entwicklungslinien des Empire: Transformationen des Weltsystems“. In diesen Zusammenhang gehört auch die Verlagerung von grösseren Teilen – jedoch bei weiten nicht die Gesamtheit – der Produktion aus vormaligen Zentren in neue und aufsteigende Industrieregionen. Mittlerweile dominiert fast weltweit die kapitalistische Produktion die Lebensverhältnisse des überwiegenden Teils der Menschheit. Eine einheitlich agierende Weltarbeiter_innenklasse hat sich deshalb aber noch nicht herausgebildet.

Die beiden Autoren des „Kultbuchs“ der Antiglobalisierungsbewegung „Empire – die neue Weltordnung“ Michael Hardt und Antonio Negri haben in diesem Zusammenhang unter dem Stichwort der „Multitude“ den Versuch unternommen eine neue Klassentheorie aufzustellen, die wir auf Grundlage des Textes: „Eine ontologische Definition der Multitude“ diskutieren wollen. Die weltweite Durchsetzung kapitalistischer Verhältnisse hat auch zur Folge, dass die Bauernschaft zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit nicht mehr die Mehrheit der Weltbevölkerung stellt. Gerade aber diese noch nicht oder nur zum Teil kapitalisierten Regionen spielten in vielen linken Theorien, nicht zuletzt im Marxismus/Leninismus, eine zentrale Rolle, war doch deren Sozialismus faktisch nichts anderes als eine aufholende Industrialisierung.

Solchen Gedanken, die sich real meist in so genannten nationalen Befreiungsbewegungen ausdrückten, scheint also der Boden entzogen. Stellt sich uns also nun die Frage: „Was nach der Bauerninternationalen kommt?“, wie es im Text von Wildcat heisst. Auf der Ebene der Produktion ist die Epoche des tayloristischen Arbeitssystems, bei der riesige Fabriken mit meist un- oder angelernten Massenarbeiter_innen die Produktion dominierten, zumindest in den kapitalistischen Zentren zu Ende. Stattdessen ist die Produktion nun kleingliedriger und die typische Arbeitskraft ist nicht mehr der „Malocher“ sondern das gut ausgebildete Prekariat. Als solches ist der/die Lohnabhängige nicht mehr nur den vorgefundenen Hierarchien ausgesetzt, sondern übt sich vornehmlich in auferlegter Selbstkontrolle.

Diese neuen Herrschaftsmittel untersucht Detlef Hartmann in seinem Aufsatz "McKinsey - das Selbst - der Klassenkampf". Die Veränderungen innerhalb des kapitalistischen Systems beruhen unter anderem auf der Durchsetzung der Mikrochiptechnologie. Diese ist auch als Antwort auf die Krisenerscheinungen des fordistischen Produktionsregimes zu verstehen. Diese sogenannte „dritte industrielle Revolution“ erlaubte es dem Kapital die Profite, durch einen sprunghaften Anstieg an Automatisierung und Mechanisierung, zu erhöhen. Jedoch können diese Massnahmen die strukturelle Verwertungskrise, wie sie von Robert Kurz beschrieben wurde, nicht lösen und spitzten diese sogar zu, wie der weltweite Kriseneinbruch 2007 zu beweisen scheint.

In der Folge dieser Krise kam es weltweit zu erstaunlich vielen, nicht vorhersehbaren Protestbewegungen. Gerade gegen Regime, die in der Konstellation des kalten Krieges entstanden waren, wie etwa die unter Gaddafi und Mubarak, konnten sich die Revolten zu regelrechten Revolutionen ausweiten. In Europa und den USA waren die Proteste bei weitem weniger einflussreich, schafften es aber den Kampf für Alternativen wieder auf die Tagesordnung zu setzten. Dabei machte vor allem die sog. Occupy-Bewegung von sich reden. Der amerikanische Ethnologe und Anarchist David Graeber gilt in der Öffentlichkeit als einer deren Haupttheoretiker, unter anderem wegen seines Buches „Inside Occupy“.

Bereits einige Jahre zuvor erschütterten Aufstände in den ökonomisch abgehängten Vorstädten Frankreichs die bürgerliche Gesellschaft. Das Pamphlet "Der kommende Aufstand" eines sich Unsichtbares Komitee nennenden Autor_innenkollektivs wurde als der politisch-literarische Ausdruck dieser Unruhen angesehen und international zu einem viel diskutierten Bestseller.

La Banda Vaga

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