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Autonomia Operaia: Die 77er-Bewegung | Untergrund-Blättle

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Politik

Entstehung und Zerfall Autonomia Operaia: Die 77er-Bewegung

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Im Jahre 1977 entwickelte sich in Italien eine zweite massenhafte Bewegung der Autonomia.

Graffiti in Rom, Italien, 1977.
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Bild: Graffiti in Rom, Italien, 1977. / Magica (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

8. Oktober 2009

8. Okt. 2009

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Sie bezog sich jedoch in ihren Subjekten nicht mehr auf die Fabrikarbeiter, sondern auf das marginale Proletariat von Studenten, jugendlichen Arbeitslosen, prekär Beschäftigten und alten politischen Kernen der Autonomia aus den 60er Jahren. Im Unterschied zur »alten« autonomen Klassenbewegung, die auf einen Bruch zwischen der Basis der traditionellen Arbeiterorganisationen zu deren Führung abzielte, war diese Bewegung zugleich strikt antiinstitutionell und antikommunistisch gegen die Politik der PCI gerichtet.

Die neue Bewegung drückte sich im Jahre 1977 in einer ungeheuren Intensität von kreativen und militanten Formen des Protests und Widerstands gegen den Staat aus. Zentren der Revolte waren die Universitäten und die norditalienischen Grossstädte.

Die Bewegung bestand im wesentlichen aus zwei Strömungen: Ein Zweig war die »Autonomia creativa«, sozusagen die Spontis, die gegen die herkömmlichen Formen der Machtkämpfe mit dem Staat waren und konventionelle Organisationsstrukturen sowie kontinuierliche politische Arbeit ablehnten und den Strassenkampf mehr als Happening denn als politische Aktion begriffen.

Daneben existierten auch weiterhin die Gruppen der »Autonomia operaia«, die versuchten, die verschiedenen Teile der Bewegung zu organisieren, um die spontane Revolte zu einem kontinuierlichen Angriff auf das kapitalistische System umzuwandeln.

Innerhalb der »Autonomia creativa« fanden sich vor allem zwei wesentliche Ausdrucksformen: die »Circoli del proletario giovanile« und die »Indiani Metropolitani«. Erstere entwickelten sich seit 1975 als spontane und lockere Organisation von Jugendlichen in den am meisten von der ökonomischen Marginalisierung betroffenen Vororten der Grossstädte.

Sie propagierten die Politik der unmittelbaren Wiederaneignung des eigenen Lebens (Politica di riappropriazone), die im scharfen Widerspruch zu der von der PCI damals unterstützten Austeritätspolitik, des Programms der moralischen Strenge und des ökonomischen Verzichts, stand.

Dagegen setzten die »Circoli« ihre eigene Praxis, die u.a. darin bestand, massenhaft in Supermärkten »proletarisch« einzukaufen, d.h. zu plündern, Jugendzentren als kollektiven Treffpunkt zu besetzen, die Zerstörung der eigenen sozialen Strukturen durch Heroinkonsum zu bekämpfen, indem man Heroindealer überfiel und verprügelte, sich den kostenlosen Eintritt zu Musikkonzerten zu verschaffen, sowie umsonst die öffentlichen Verkehrsmittel und Kinos zu benutzen.

Über das Selbstverständnis der »Circoli« nachfolgend ein Zitat aus dem »Communiqué 1« zur Stürmung des Umbria Jazz Festivals im Sommer 1975: »Die Waffe der Musik kann die Musik der Waffen nicht ersetzen. Umbria Jazz. Die Musik als Spektakel ist der Versuch, jedes Moment der Kollektivierung auf Frei/Zeit zu reduzieren.

Zwischen den Organisatoren des Konzerts und den Massen der proletarischen Jugendlichen gibt es einen objektiven Widerspruch; das ist nicht einfach eine Frage der Leitung, es geht nicht nur darum, wer an der Musik verdient.

Das Problem ist nicht, selbstverwaltete Konzerte zu machen. Das Problem ist, dass uns das Konzert die Musik als Spektakel vorsetzt, wie uns die ritualisierten Demos und Kundgebungen die Politik als Spektakel vorsetzen. Wir müssen uns in jedem Fall auf Zuschauer, auf Publikum reduzieren. In diesen Momenten der Konzentration dagegen können Spannungen explodieren, die die Bedürfnisse und Potenzen des jugendlichen Proletariats repräsentieren« (A/traverso, Juni ’75).

Aus den Reihen dieser Autonomiaströmung wird im Dezember 1976 auch der Sturm von mehreren tausend proletarischen Jugendlichen auf die Mailänder Scala organisiert, der mit einer Plünderung von Luxusgeschäften in der Innenstadt endet. Die »Indiani Metropolitani« wirkten hauptsächlich im Umkreis der Universitätsstädte und drückten in ihren Gesten ihre Verbundenheit mit »Naturvölkern« als radikale Negation der grossstädtischen und kapitalistischen Lebensweise aus.

In der Autonomiarevolte ’77 waren sie vor allem die Träger der alternativen Werte (Ökologie, alternative Ernährung, sexuelle Befreiung), die jegliche instrumentelle Vernunft ablehnten und u.a. das befreiende Potential des Haschischkonsums propagierten.

Aus dem »Manifest der ›Indiani Metropolitani‹« von Rom: »10, 100, 1.000 Hände haben sich überall geballt, um das Kriegsbeil zu erheben!

Die Zeit der Sonne und der tausend Farben ist angebrochen ... Es ist die Zeit, dass das Volk der Menschen in die grünen Täler hinabsteigt, um sich die Welt zurückzuholen, die ihm gehört. Die Truppen der Bleichgesichter mit ihren blauen Jacken haben all das zerstört, was einst Leben war, sie haben mit Stahl und Beton den Atem der Natur erstickt. Sie haben eine Wüste des Todes geschaffen und haben sie ›Fortschritt‹ genannt. Aber das Volk der Menschen hat zurückgefunden zu sich selbst, zu seiner Kraft, seiner Freude und zu seinem Willen zu siegen, und lauter denn je schreit es mit Freude und Verzweiflung, mit Liebe und Hass: Krieg!!!« (»Lotta Continua«, 1.3.1977).

Die »Autonomia creativa« fand zu jener Zeit ihren reichhaltigen Ausdruck in hunderten von alternativen Presseorganen und über 50 linksradikalen Radiostationen, von denen »Radio Alice« in Bologna das bekannteste wurde.

Es gab eine Vielfalt von Wandmalereien, Strassentheatern und Massenfestivals. Zentraler politischer Inhalt dieser Strömung ist die Politik der Freiräume, in denen die alltäglichen Bedürfnisse politisiert und in kollektiven und selbstbestimmten Formen ausgelebt werden. Insbesondere die Figur des »Stadtindianers« wird 1977 in der bundesdeutschen Spontiszene begeistert aufgenommen.

Demgegenüber versucht der andere Hauptstrang der 77er-Bewegung, die »Autonomia operaia organizzata«, weniger die Flucht aus dem System als vielmehr dessen bedingungslose Zerstörung zu praktizieren.

Sie setzte sich aus einer Vielzahl von locker koordinierten Komitees, Zirkeln und Kollektiven zusammen, in denen auch die Reste der verschiedenen 69er-Basiskomitees aus den italienischen Fabriken mitarbeiteten, so z.B. auch viele Mitglieder von »Potere operaio«, die sich im Jahre 1973 in die Bewegung ausserhalb der Fabriken aufgelöst hatten.

Im Frühjahr 1977 explodierte die neue Bewegung in einem ungeahnten Ausmass: Ausgelöst durch die Abschaffung einiger Feiertage sowie durch ein geplantes Gesetz zur Universitätsreform, begannen Studenten in Palermo, Catania und Neapel mit Universitätsbesetzungen. Die Bewegung breitete sich schnell über ganz Italien aus. Nach einem bewaffneten faschistischen Überfall auf eine Vollversammlung der Universität in Rom am 1. Februar kam es am Tag danach zu einer Demonstration von tausenden von Studenten, die von den Bullen mit Pistolen und Maschinengewehren angegriffen wurde.

Erstmals machten dabei auch Demonstranten von der Schusswaffe Gebrauch. Bei den folgenden militanten Autonomendemonstrationen kam es in Italien immer häufiger zur Anwendung von Schusswaffen seitens der Demonstranten; die »P 38« wurde zu einem Erkennungsmerkmal der Bewegung.

Nach der Demonstration in Rom wurde die Universität von den Studenten besetzt. Dort kam es auch am 17. Februar zu einem Ereignis, das symbolisch den Bruch zwischen der organisierten Arbeiterklasse und der 77er-Bewegung der italienischen Autonomia demonstrierte: Bei dem Versuch des Vorsitzenden der kommunistischen Gewerkschaft, Lama, in der Universität eine Rede zu den Problemen der Studenten zu halten, wird dieser von vier- bis fünftausend StudentInnen und Jugendlichen empfangen, die sein Ebenbild als grosse Puppe schwenken und ihn mit Spottversen überhäufen.

Zwischen dem herbeigekarrten gewerkschaftlich-kommunistischen Ordnungsdienst und den StudentInnen kam es dabei während der Rede Lamas zu Schlägereien, als dieser an die Adresse der Studenten die klassischen Angriffe der »Wohlfahrtsideologie« und des »Parasitismus auf Kosten der produktiven Arbeit« richtete, die angesichts der realen sozialen Situation der Studenten von diesen als glatter Hohn empfunden wurden.

Den autonomen Studenten gelang es im Laufe einer Massenprügelei, den »superbonzo« Lama vom Universitätsgelände zu vertreiben, was von ihnen als »la Piazza Statuto dell’operaio sociale« gefeiert wurde.

In der Folgezeit überstürzten sich die Ereignisse. Nachdem es in Bologna, in der Musterstadt einer kommunistischen Kommunalverwaltung, schon den ganzen Winter zu Hausbesetzungen, Plünderungen von Restaurants, Besetzungen von Kinos usw. gekommen war, eskalierte die Situation am 11. März. Während eines Bulleneinsatzes auf dem Unicampus wurde ein Autonomer erschossen. Daraufhin kam es zu tagelangen schweren Strassenschlachten, in deren Verlauf eine Waffenhandlung geplündert wurde.

Es gelang den StudentInnen in der verwinkelten Altstadt Bolognas mit Barrikaden drei Tage lang ein bullenfreies Gebiet zu halten, bevor das Gelände mit Militäreinheiten geräumt werden konnte.

Am 12. März kam es in Rom zu einer Demonstration von über 50.000 Menschen gegen die Verurteilung eines Anarchisten. Diese Demonstration eskalierte in eine der grössten Strassenschlachten, die die italienische Hauptstadt jemals erlebt hatte. Dabei praktizierten Gruppen aus dem Strang der »Autonomia operaia organizzata« das von ihnen zuvor propagierte »neue Niveau der Auseinandersetzung«, die bewaffnete Aktion.

Während der Demonstration wurden zwei Waffengeschäfte geplündert, unzählige Geschäfte, Cafés und Hotels verwüstet, hunderte von Autos und viele Busse umgestürzt und verbrannt.

Büros und Zeitungen der regierenden Christdemokratischen Partei (DC) wurden mit Benzinbomben angegriffen. Der Ablauf dieser Demonstration markierte jedoch einen Wendepunkt in der weiteren Entwicklung der italienischen Autonomia. Viele DemonstrationsteilnehmerInnen fühlten sich durch die Dimension der Militanz überrumpelt und funktionalisiert, dies umso mehr, als der Grossteil von ihnen dem militärischen Auftreten der Polizei und deren Racheaktionen nach Ende der Demonstration relativ unvorbereitet und hilflos gegenüberstand.

Die Entwicklung spitzte sich schliesslich am 14. Mai bei einer Demonstration in Mailand zu. Gruppen von mit Knarren bewaffneten Jugendlichen griffen die Bullen an und töteten einen.

Die Ereignisse führen zu einer verschärften Isolation der organisierten »Autonomia operaia« innerhalb der italienischen Linken. Mit einer zunehmenden Entsolidarisierung und einer massiven staatlichen Repression ging zugleich ein Zerfall des kreativen Strangs der Autonomia einher, der sich, durch staatliche Zugeständnisse begünstigt, in die Drogensubkultur der Grossstädte, auf das Land oder in die Radikale Partei (in etwa vergleichbar mit den Grünen) zurückzog.

Unter massgeblicher Mithilfe der PCI, die in ihren Zeitungen die Namen von »Rädelsführern« der Autonomia abdruckte, wurden bis zum Sommer 1977 über 300 Autonome vom italienischen Staat in den Knast gesteckt, »Radio Alice« in Bologna wurde verboten und dessen Sendeeinrichtungen beschlagnahmt. Die staatliche Repression richtete sich gezielt gegen die Strukturen der Bewegung, wie z.B. Buchläden, Verlage, Zeitungsredaktionen usw.

Vorwand aller Massnahmen war die Konstruktion einer »subversiven Vereinigung«, die ein Komplott gegen den italienischen Staat vorbereitet haben sollte.

Weite Teile der Aktivisten aus dem Umfeld der »Autonomia operaia« versuchten, den Zerfall der Bewegung durch eine Steigerung der klandestinen Massengewalt (»Guerilla diffusa«) aufzuhalten und sahen nur noch in der militärischen Konfrontation mit dem Staatsapparat die Möglichkeit zur Entfaltung eines revolutionären Prozesses. »Ganze Vollversammlungen gehen in den Untergrund.«

Diese Linie konnte jedoch die schwindende soziale Verankerung der politischen Bewegungen nicht mehr ersetzen. Am 7. April 1979 kam es schliesslich zu hunderten von Verhaftungen (darunter auch Negri) gegen die »Autonomia operaia«. Von den 4.000 politischen Gefangenen des Jahres 1981 in Italien gehörten weit über 1.000 dieser Gruppierung an.

Die Ereignisse vom 7. April 1979 wurden so zu einer strategischen Niederlage der italienischen »Autonomia operaia«, von der sie sich in den 80er Jahren nicht wieder erholt hat.

Dessen ungeachtet spielte und spielt die Rezeption des operaistischen Theorieansatzes für die bundesdeutsche autonome Linke in ihrem eigenen Selbstverständnis eine grosse Rolle. Bis zum Ende der 70er Jahre wurden so gut wie alle wichtigen Schriften aus dieser marxistischen Strömung ins Deutsche übersetzt.

Die Schwierigkeiten der Vermittlung dieses Ansatzes in eine politische Praxis von linksradikalen Gruppierungen in der BRD werden in den nachfolgenden Kapiteln immer wieder von neuem gestreift.

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