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Proteste in Berkeley verhindern Auftritt eines Breitbart-Redakteurs | Untergrund-Blättle

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Über die Gewaltdebatte in den USA und einen etwas tollpatschigen Trotzkisten mit alternativen Fakten Proteste in Berkeley verhindern den Auftritt des Breitbart-Redakteurs Milo Yiannopoulos

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Debatte über die zum Teil gewalttätigen Proteste gegen den Auftritt vom Redakteur des rechtsextremen Nachrichtenportals „Breitbart News” Milo Yiannopoulos an der Berkeley Universität.

Keine Redefreiheit für den rechtskonservativen BreitbartRedakteur Milo Yiannopoulos in Kaliforniensein Auftritt musste wegen heftiger Proteste kurzfristig abgesagt werden.
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Bild: Keine Redefreiheit für den rechtskonservativen Breitbart-Redakteur Milo Yiannopoulos in Kalifornien - sein Auftritt musste wegen heftiger Proteste kurzfristig abgesagt werden. / NEXTConf (CC BY 2.0 cropped)

13. Februar 2017

13. Feb. 2017

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Ja, die „Alternative Fakten“ haben die Runde gemacht, nicht nur Verschwörungstheoretiker oder rechtspopulistische Diskurse machen von dieser Wunderwaffe Gebrauch sondern mittlerweile auch einzelne Individuen innerhalb des trotzkistischen Spektrums, allen voran Billy Van Auken von der Socialist Equality Party (SEP). Die Mehrheit der Kommunisten und Anarchisten werden wahrscheinlich noch nie von ihm gehört haben, wieso auch? Dennoch will ich einen kleinen Ausschnitt aus dem politischen Leben dieses Herrn erläutern: Van Auken, 1950 geboren, trat im Jahr 2006 als Kandidat der SEP für die US-Präsidentschaftswahl an und scheiterte kläglich. Der trotzkistische Widerstand innerhalb der bürgerliche Demokratie, angeführt durch Van Auken, schaffte es gerade mal auf 1,857 Stimmen (0,0015%!) während der republikanische Kandidat Georg W. Bush mit 62.040.610 Stimmen (50,73%) wiedergewählt wurde. Dennoch, danke für den heroischen Kampf für die Arbeiterklasse Billy!

Mittlerweile schreibt Von Auken regelmässig für die von der SEP betriebenen World Socialist Website. Genau auf dieser Plattform ist ihm anfangs Februar der nächste Meisterstreich gelungen: In einem Artikel Namens „Warum unterstützt die New York Times den Schwarzen Block?“, in dem er über die Proteste gegen den Auftritt vom Redakteur des rechtsextremen Nachrichtenportals „Breitbart News” Milo Yiannopoulos schreibt, stellt er zunächst fest, dass die New York Times Sympathien für die Anarchisten hegt: “Es ist klar, dass sie (die Reporterin Fahra Stockman) und die Times entschieden haben, ihre Unterstützung für diese „Verlockung“ anzubieten.“ Mit „dieser Verlockung“ meint er die militanten Aktionsformen die am 2. Februar 2017 an der Universität Berkeley in Kalifornien von einer Gruppe von ca. 150 Vermummten angewendet wurden, um die Rede von Yianno-Whogivesafuck zu verhindern.

Die bürgerlichen Medien berichteten über die erfolgreiche Aktion und sowohl Trump als auch andere rechtsorientierte Scharlatane konnten nicht fassen, dass viele Leute menschenverachtende Inhalte nicht tolerieren und empörten sich über die mangelnde Einhaltung der „Meinungsfreiheit“. Angespornt durch das Medienspektakel, verfielen anscheinend auch einige trotzkistische Rädelsführer in Panik und entschlossen sich klar von den „Vandalen“ zu distanzieren. Das altbekannte Konstrukt bürgerlichen Denkens, bzw. die „Teile-und-Herrsche-Strategie“, sprich die Spaltung einer Protestbewegung in willkürliche Schemen wie „gut“ bzw. „friedlich“ und „böse“ bzw. „gewalttätig“, zeigt, umhüllt in klassenkämpferischer Rhetorik, wiedereinmal seine Zähne: Ohne zu zögern spricht Von Auken dem von ihm als „Antifa-Trupp“ bezeichneten Block jeglichen politischen Inhalt ab.

In seinen Augen verwandelten die Vandalen „den Massenprotest in eine Polizeiprovokation“, was letztlich, laut Von Auken, nur den Rechten in die Hände spielt, denn jetzt hat Trump einen Vorwand um härter gegen Streiks und „wirkliche Proteste“ vorzugehen. Sind diese „wirklichen“ oder man könnte auch sagen „wahren“ Proteste diejenigen die unter der SEP Fahne marschieren und ein nach den Massstäben der trotzkistischen Führung adäquates Bewusstsein über die Arbeiterklasse und ihrer historischen Rolle haben? Wahrscheinlich schon, denn jegliche Form des Widerstands die sich nicht dem Dogma der Partei unterordnet ist ja Reaktionär nicht wahr?

Die Vermummten des 2. Februars an der Universität Berkeley ziehen für den Politiker (oder ex-Politiker?) und Ultraproletarier Von Auken nur „demoralisierte und desorientierte Elemente aus der Mittelklasse“ an, wie auch zahlreiche „Polizeiprovokateure, die hinter Kapuzen und Masken versteckt, zur Gewalt anstacheln, um einen Vorwand für Repressionen zu liefern“. Ersteres hört man seit geraumer Zeit vor allem von Leninisten, aber hie und da bedienen sich auch die Trotzkisten der selben Argumentation, dennoch: von einer determinierten sozioökonomischen Homogenität einer bestimmten Methode (schwarzer Block) auszugehen ist nicht besonders reflektiert.

Der zweite Teil über angebliche „Agent Provokateurs“ ist völlig absurd und zeigt wieder was für bürgerliche Gedanken seine “Analyse“ prägen: Er kann gar nicht nachvollziehen, dass tatsächlich Menschen die nicht vom Staat kontrolliert werden, sich entscheiden, durch militante Mittel eine rechtsextreme Rede zu verhindern. Es scheint fast so als ob er Gewalt an sich vollkommen ablehnt, oder irre ich mich da vielleicht? Möglicherweise befürwortet er die Gewalt wenn sie in seinen Augen über ein angemessenes Bewusstsein verfügt und der Sache der Arbeiterklasse dient? Ansonsten sind alles Bullen und verdienen keine Solidarität? Einen Blick in die Statuten oder das Programm der SEP würde an diesem Punkt wahrscheinlich weiterhelfen, doch Billy, denkst du ernsthaft dass nach all deinen herbeigezauberten „Argumenten“ irgendjemand sich noch tiefgreifender mit eurer Theorie auseinandersetzen möchte? Vielleicht ein anderes Mal wer weiss... so nachtragend bin ich jetzt auch wieder nicht.

Natürlich muss man in Bezug auf mögliche Bullenspitzel klar betonen, dass sie in vielen linken, anarchistischen oder sonstigen kämpferischen Bewegungen höchstwahrscheinlich aktiv sind, doch sie müssen nicht aus eigener Kraft eine Eskalation herbeiführen, wütende Leute gibt es genug. Ausserdem beschränkt sich die Aktivität von Spitzel wahrscheinlich nicht nur auf gewaltbereite Gruppierungen, auch friedlich oder demokratische Kräfte können unterwandert werden um Informationen über Aktive Mitglieder und Kommunikationsnetzwerke zu sammeln.

Doch für Herrn Von Auke geht es letztlich nicht um Polizeiprovokateure, dies ist nur ein Vorwand um militante Aktionsformen zu diskreditieren, was er wirklich über die Vermummten des 2. Februars denkt, teilt er uns in folgendem Zitat mit: „Für jene, die an wirklichen politischen Aktionen gegen den Staat und das von diesem verteidigte kapitalistische System interessiert sind, ist es wichtig, die Provokateure zu erkennen und aus den Demonstrationen rauszuschmeissen, bevor sie ihre schmutzige Arbeit verrichten können.“

Man sieht wie aus einer anfänglichen Kritik an angeblichen Polizeiprovokateure, ein konkreter Aufruf zur physischen Gewalt gegen kämpferische GenossInnen wird. Der Begriff der Provokateure dehnt sich in diesem Sinne auf die gesamten „gewalttätigen Vandalen“ aus die aus den Demonstrationen rausgeschmissen werden müssen. Die Frage, wieso bestimmte Leute sich für eine direkte Aktionsform entschlossen haben und wie sich diese mit anderen Aktionsformen verbinden lässt stellt Von Auke nie.

Seine Schlussfolgerung: Jegliche Form des physischen Angriffs gegen die staatliche Autorität, gegen Symbolen der kapitalistischen Wirtschaft und gegen Rechte Kräften dienen dem Staat, und ausserdem - jetzt kommts - unterwerfen sich all diejenigen die solche Angriffe ausführen der demokratischen Partei und sind treue Diener des kapitalistischen Systems! Danke für diese wunderbare Aufklärungsarbeit! Es hat sicher Jahre des Studiums der marxschen und trotzkistischen Werke gedauert um auf diese grandiose Idee zu kommen: Die Anarchisten und die Demokratische Partei stehen eigentlich unter eine Decke! Wenn es so weitergeht kreierst du irgendwann ein Info-War Portal der trotzkistischen Linke mein lieber Billy.

Abschliessend würde ich noch gerne betonen, dass Kritik für eine revolutionäre Perspektive unumgänglich ist, nichts ist heilig, alles darf kritisiert werden. Jede Aktionsform sollte zudem konstant reflektiert werden, auch die Taktik des schwarzen Blocks kann und soll hinterfragt werden. Die Gewaltausübung, sowie auch der Pazifismus sollen und müssen ebenfalls kritisiert werden, kritisiert im Sinne, dass ein Dialog entsteht, ein Dialog der auf die Erweiterung und Stärkung der praktischen Handlungshorizonte einer revolutionärer und anti-kapitalistischer Perspektive zielt. Gewalt sollte auf keinen Fall romantisiert werden und auch nicht per se als revolutionäre Aktionsform idealisiert werden.

Die Kohärenz der Mittel und Ziele stehen im Zentrum der revolutionären Reflexion, selbstverwaltete und autonome Kämpfe sollten m.E. versuchen, einen möglichst grossen Konfliktualitätsradius zu erreichen, sprich die gesellschaftliche Trennung durchbrechen um als kollektive, aber bewusste Kraft zu agieren, die jegliche Partei und Delegation verwirft und versucht, grenzübergreifende Netzwerke aufzubauen. Was uns jedoch Herrn Von Auken in seinem Artikel geboten hat, ist trotz aller politischer Differenzen keine Dialoggrundlage, sondern nur sektiererisches Verhalten dass auf Spaltung abzielt und nicht um eine solidarische und revolutionäre Perspektive bemüht ist.

Solidarische Grüsse

Ein Kommunist, Anarchist und Sozialist

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