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Dramatische Folgen für Mensch und Umwelt Elektro-Müll: Jobmaschine oder Gefahr für Umwelt und Gesundheit?

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Jährlich entstehen in Nigeria rund 1,1 Millionen Tonnen Elektroschrott – ein Grossteil stammt aus Lagos. Die Folgen des Elektro-Recyclings für Menschen und Umwelt sind dramatisch.

Broad Street, Lagos, Nigeria.
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Bild: Broad Street, Lagos, Nigeria. / satanoid (CC BY 2.0 cropped)

22. Juni 2015

22. Jun. 2015

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Lagos ist die bevölkerungsreichste Stadt Nigerias und das Wirtschaftszentrum des Landes. Doch die Stadt steht vor grossen Herausforderungen: Die grossflächige Urbanisierung und Industrialisierung haben die Region bereits sichtlich und nicht zu ihrem Vorteil verändert. Mit dem Wirtschaftswachstum und den stark steigenden Einwohnerzahlen steigt auch der Ressourcenverbrauch immens – und mit ihm die Umweltverschmutzung durch die Industrie. Besonders schnell wachsen die Müllberge, vor allem der durch Elektroschrott. Schätzungen zufolge wird Afrika im Jahr 2017 mehr Elektronikmüll produzieren als die Europäische Union.

Nigeria ist hier trauriger Spitzenreiter: Jährlich entstehen rund 1,1 Millionen Tonnen Elektroschrott. Tendenz: steigend – und zwar um weitere acht Prozent pro Jahr. Ein Grossteil der entsorgten Geräte kommt aus Lagos selbst. Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) errechnete, dass 85 Prozent des Elektroschrotts in Nigeria auf den heimischen Verbrauch zurückzuführen sind. Rund 91 Prozent der importierten Elektrogeräte werden hingegen wiederverwendet. Doch das Elektro-Recycling muss reguliert werden. Die Belastungen durch chemische und toxische Stoffe sind schon jetzt besorgniserregend.

Dramatische Folgen für Mensch und Umwelt

Auch in Nigeria haben immer mehr Menschen Zugang zu Informations- und Kommunikationstechnologien, und so sind Mobiltelefone, Fernseher, Computer und Generatoren in die Haushalte vieler Nigerianer/innen eingezogen. Im Februar 2014 waren rund 167 Millionen Handys im Umlauf, damit belegt das Land Platz 7 in der Weltrangliste der meisten Mobilfunknutzer.

So viele Vorteile, wie der Zugang zu den neuen Technologien auch bringt: Die Folgen für die Menschen und die Umwelt sind gravierend. Über 20 Schwermetalle finden sich teilweise in den Elektroabfällen. Vier davon sind besonders gefährlich: Blei, Cadmium, Quecksilber und anorganisches Arsen. Sie sind hochgiftig und können schon in sehr kleinen Mengen erhebliche Schäden anrichten.

Weil man beim Recycling der Elektroabfälle versucht, wertvolle Seltene Erden und Edelmetalle herauszulösen, dringen Schadstoffe ungefiltert nach aussen. Die meisten Menschen, die mit den Altgeräten hantieren, sind nicht aufgeklärt oder geschult und kennen deswegen nicht die Gefahren, die ihre Arbeit mit sich bringt. Für Kinder und Jugendliche ist die Situation besonders schlimm. Eine unabhängige Untersuchung des nigerianischen Umweltschützers Olayemi Adesanya im Auftrag von Greenpeace, dem Basler Aktionsnetzwerk, der BBC und CNN ergab, dass die meisten Menschen, die in Lagos mit Elektroschrott zu tun haben, gerade einmal zwischen 10 und 19 Jahren alt sind. Fast alle (92 Prozent) wissen nichts über die Gefahren von Elektroabfällen für die Gesundheit. Und 84 Prozent nutzen sogar die offene Verbrennung bei der Gewinnung von Wertstoffen aus Elektroabfällen; dabei werden toxische Dämpfe freigesetzt, die besonders gesundheitsschädigend sind.

Die Baseler Konvention

Damit die Industrieländer ein umweltgerechtes Abfallmanagement einführen und ihren Giftmüll nicht einfach nach Osteuropa oder in die Dritte Welt verschiffen, wurde 1989 die Basler Konvention verabschiedet. Sie trat im Mai 1992 in Kraft. Darauf folgte 1998 ein Verbot des Handels mit Giftmüll als "Wertstoff zum Recyceln". Laut Abkommen ist der grenzüberschreitende "Mülltourismus" lediglich dann erlaubt, wenn die Import- und Transitländer damit einverstanden sind. Ziel ist es, dass der gesundheitsgefährdende Müll in speziellen Einrichtungen entsorgt wird. Auf Wunsch vieler afrikanischer Länder setzte sich 1995 die UN-Menschenrechtskommission dafür ein, einen Sonderberichterstatter für Giftmüll einzusetzen. Mittlerweile haben 176 Länder die Basler Konvention unterzeichnet, darunter auch die wichtigsten Industriestaaten – ausser den USA. Das ist besonders problematisch, denn die Vereinigten Staaten exportieren 80 Prozent ihres Elektromülls; 2014 produzierten sie 7,9 Millionen Tonnen. Für ein Drittel der weltweit anfallenden Elektroabfälle sind übrigens die USA und China verantwortlich.

Schadstoffe gelangen in die Nahrungskette

Doch nicht nur im direkten Umgang mit Elektromüll lauern Gefahren. Die Gifte gelangen auch in die Nahrungskette: beispielsweise wenn Gemüse in der Nähe von Mülldeponien angebaut wird, verseuchte Wasserquellen genutzt oder Tiere verzehrt werden, die sich auf Müllhalden ernährt haben. Es ist daher unabdingbar, dass weitreichende Untersuchungen zur Belastung durch Schwermetalle im Grundwasser und den in der Umgebung angebauten Nahrungsmitteln durchgeführt werden. Wenn das Recycling ein Teil der Schattenwirtschaft bleibt, wird es schwer, Aufklärungsarbeit zu leisten oder Arbeitsschutzgesetze auf den Weg zu bringen.

Die Behörde für Abfallentsorgung (LAWMA) in Lagos scheint mit alldem überfordert zu sein: In der Megacity wird der Müll immer noch nicht flächendeckend nach Wertstoffen getrennt oder effizient gesammelt. Ob organischer Abfall, recyclingfähiger oder toxischer Müll – alles landet zusammen auf den Mülldeponien. Um das Abfallmanagement zu verbessern, müsste die Entsorgung zunächst strukturell an die Anforderungen angepasst und in Sparten diversifiziert werden. Es gibt kleine Fortschritte, etwa bei der Wiederverwertung von Plastik und Fahrzeugreifen. Doch die Recycling-Industrie Nigerias steckt noch in den Kinderschuhen und vielerorts fehlt es an Investitionen.

Potenziale der Kreislaufwirtschaft nutzen

Dabei würde ein nachhaltiges Abfallmanagement und Ressourceneffizienz nicht nur die Umweltverschmutzung bremsen, sondern auch bei der Anpassung an die Folgen des Klimawandels helfen. Das ökonomische Potenzial, das in der Müllvermeidung und Werkstoffrückgewinnung liegt, ist gewaltig. Auf dem Gipfel des Weltwirtschaftsforums 2013 in Davos wurde der Bericht "Towards the circular economy: Accelerating the scale-up across global supply chains" (Volume 3) vorgestellt, um eine Kreislaufwirtschaft medienwirksam in das Zentrum der Aufmerksamkeit zu stellen. Diesem Bericht der Ellen MacArthur Foundation zufolge könnte dieses Wirtschaftsmodell bis zum Jahr 2025 mehr als eine Billion US-Dollar weltweit erwirtschaften.

Mit dem Begriff "Kreislaufwirtschaft" (engl. "circular economy") wird ein Industriemodell bezeichnet, bei dem die Güterproduktion so ausgerichtet ist, dass die eingesetzten Rohstoffe einen Lebenszyklus überdauern und wiederverwendbar sind. Das derzeitige lineare Modell funktioniert nach dem Motto "take, make and dispose" ("herstellen, nutzen und wegwerfen") und geht mit Rohstoffen nicht verantwortungsbewusst und intelligent um. Gerade weil wirtschaftliche Aktivitäten zunehmen und die Bedürfnisse von immer mehr Menschen mit Konsumgütern befriedigt werden müssen, ist ein Umstieg auf ökologisch nachhaltige Geschäftsmodelle unabdingbar. Der CEO des Geräteherstellers Phillips, Frans Houten, prophezeite in seiner Rede auf dem Weltwirtschaftsgipfel sogar, es sei "mittlerweile mehr Gold in Elektroabfällen zu finden als in Minen". Für Lagos heisst dies, dass Umwelt und Wirtschaft von der Lösung des Problems mit Elektroschrott durchaus profitieren könnten.

Elektro-Recycling in Handarbeit liefert mehr Wertstoffe

Die ersten Weichen in eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft will das Sozialunternehmen Green Cycle legen. Es hat sich zum Ziel gesetzt, das erste grüne Recycling-Unternehmen von Elektronikabfällen in Nigeria zu werden. Gelingt es, einen umweltfreundlichen und rentablen Wirtschaftszweig zu etablieren, könnte sich so eine vielversprechende Zukunftsindustrie in Nigeria entwickeln. Denn derzeit ist ein Grossteil des Recycling-Prozesses in den Entwicklungsländern noch ineffizient, teuer und energieintensiv.

Ein Blick ins Recycling-Geschäft der Industrieländer zeigt dagegen, dass die Arbeitskosten etwa in den Vereinigten Staaten und Europa bei weitem höher sind als in den Entwicklungsländern, weil kapitalintensive Maschinen die Arbeit übernehmen, bevor die Wiederaufbereitung erfolgt. Dort werde Elektroabfälle zunächst zerkleinert und geschreddert. Danach filtern Magnete und Lasersensoren die begehrten Materialien wieder heraus. Mit diesem Verfahren wird eine Rückgewinnungsrate von weniger als 60 Prozent erreicht. In den Entwicklungsländern, wo die Zerteilung des Materials in Handarbeit erfolgt, ist die Rückgewinnungsrate mit fast 90 Prozent weitaus höher. Weil bei diesem Recycling keine teuren Maschinen notwendig sind, werden auch die Anschaffungskosten gespart. Wenn in Nigeria von dem "Das-Beste-aus-2-Welten"-Modell gesprochen wird, dann geht es auch um die Potenziale der Entwicklungsländer beim Recycling, wenn die Verwertung der Elektrogeräte umweltverträglich gestaltet und der Gesundheitsschutz eingehalten wird. Es wäre eine Chance für Nigerias Industrie. Lokales Abfallmanagement für mehr Beschäftigung

Eine noch viel grössere Herausforderung beim Elektroabfall bleibt jedoch: Noch immer werden Altgeräte nicht flächendeckend gesammelt und landen oftmals auf der nächsten Müllkippe. Ein einheitliches Entsorgungsmanagement für Hausgemeinschaften in Lagos oder ganz Nigeria wäre tatsächlich kostspielig und angesichts der schlechten Infrastruktur nur schwer zu realisieren. Lokale und unabhängige Entsorgungseinheiten, die über zivilgesellschaftliche Berufs- oder Jugendverbände in den Kommunen organisiert werden, könnten ein gangbarer Weg sein, um Sondermüll fachgerecht, effizient und kostengünstig zu entsorgen. Wenn diese Aufgaben über die Kommunen organisiert würden, bestünde auch die Chance, über die Risken von Sondermüll aufzuklären. Dazu gehört dann auch, dass Abfall zunehmend als Ressource wahrgenommen wird. Letztlich werden mit den Elektroabfällen auch Rohstoffe importiert, die der nigerianischen Wirtschaft nutzen könnten.

Ein vielversprechendes Projekt baut Green Cycle derzeit mit der Orile Iganmu Progressive Association auf, einem Verbund in der Gemeinde von Orile Iganmu. Das Projekt bietet neben seiner Aufklärungsarbeit im Bereich Recycling auch Weiterbildungen im IT-Bereich und Webdesign an. Besonders junge Menschen ohne Ausbildung oder Berufserfahrung sollen mit den Schulungen eine Chance auf Beschäftigung bekommen. Die Arbeitslosigkeit unter den jungen Menschen ist gross: 35 Prozent der unter 30-Jährigen haben keinen Job.

Ein solides Know-how in den Informations- und Kommunikationstechnologien könnte die Basis für die Beschäftigung einer ganzen Generation werden und die Lebensbedingungen vieler entscheidend verbessern. Professor Margarete Baynes, eine führende internationale Expertin (Leiterin der Entsorgungswirtschaft, Universität Northampton), bringt es so auf den Punkt: „Die Informations- und Kommunikationstechnologie könnte eine entscheidende Rolle in der Entwicklung Afrikas einnehmen. Besonders die Geringverdiener brauchen einen Zugang zu den Möglichkeiten der digitalen Wirtschaft. Sie müssen von den Vorteilen profitierten, anstatt unter ihren negativen Folgen zu leiden. Die westlichen Staaten haben lange genug Elektroabfälle produziert. Nun sollten sie sich darauf konzentrieren, nachhaltige Lösungen für die Probleme mit dem Müll zu finden.“

George Richards
boell.de

Der Originaltext stammt aus der Publikation "Lagos – A Climate Resilient Megacity" und wurde von Jelena Nikolic aus dem Englischen übersetzt und aufbereitet.

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-SA 3.0) Lizenz.

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