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Migration aus Zentral- und Südamerika Das mexikanische Trauma

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Entlang der Fluchtrouten hat sich Organisierte Kriminalität etabliert und macht mit der Not der Menschen gigantische Geschäfte. Wie brutal mit ihnen umgegangen wird, erfuhr die Öffentlichkeit, als 2012 ein Massengrab gefunden wurde. Vor allem die Zetas, eine Gruppe ehemaliger Elitesoldaten, haben Entführung und Erpressung als lukrative Einnahmequellen entdeckt.

Migranten auf einem Güterzug in Tenosique, Mexiko.
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Bild: Migranten auf einem Güterzug in Tenosique, Mexiko. / Marilyn Alvarado Leyva (CC BY-NC-SA 2.0 cropped)

29. Februar 2016

29. 02. 2016

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Spätestens, wenn sie die Südgrenze Mexikos überquert haben, beginnt für viele Migrantinnen und Migranten aus Zentral- und Südamerika eine Odyssee durch Korruption, Bedrohung und Gewalt, die manchmal mit dem Tod endet. Sie werden Opfer skrupelloser Banden, lokaler Polizisten und Funktionäre. Seit 2007 sind sie auch in das Visier der Drogenkartelle geraten. Vor allem die Zetas, eine Gruppe ehemaliger Elitesoldaten, haben Entführung und Erpressung als lukrative Einnahmequellen entdeckt. Aber auch andere Kartelle, wie das von Sinaloa, sind in dieses schmutzige Geschäft eingestiegen. Denn schon lange wird nicht mehr nur mit Drogen gehandelt, sondern mit allem, was Geld bringt – von Waffen, illegalen Gütern und Rohstoffen bis hin zu Menschen. Der Weg zum amerikanischen Traum wird für viele zum mexikanischen Trauma.

Das Risiko bei der Entführung von Migrantinnen und Migranten ist relativ gering, die Gewinne hingegen beträchtlich. Sie werden auf viele Millionen US-Dollar jährlich geschätzt. Migranten ohne Papiere erstatten aufgrund ihrer strukturellen Rechtlosigkeit nur selten Anzeige. Da sie versuchen müssen, möglichst unentdeckt durch das Land zu kommen, wird ihr Schicksal auch nur selten bekannt. Erst im August 2010 hat die breite Öffentlichkeit erfahren, wie grausam mit ihnen umgegangen wird.

Der Überlebende eines Massakers, ein 17-jähriger Ecuadorianer, führte die Sicherheitskräfte zu einem Massengrab auf einer Farm in San Fernando im Bundesstaat Tamaulipas, in dem 72 Migranten lagen, darunter 14 Frauen. Ihre Mörder gehörten den Zetas an, die sie zuvor entführt und erpresst hatten. Im Verlauf der Untersuchungen wurden in der Nähe weitere Massengräber gefunden.

Seitdem wird immer mehr bekannt, wie mit Migrantinnen und Migranten Geld gemacht wird. Die Reiseroute ohne gültige Papiere in die USA verläuft meistens durch Gebiete, die von den Kartellen kontrolliert werden und durch die auch Drogen, Waffen und andere illegale Güter transportiert werden. Auch die Wege der Schleuser führen hier entlang, sie zahlen dafür eine Abgabe an die Kartelle.

Niemand traut sich, bei der Polizei auszusagen

In diesen Gebieten werden immer wieder ganze Gruppen entführt. Die Busstationen von San Fernando, wo viele vor dem illegalen Grenzübertritt ankommen, sind besonders gefährliche Orte. Obwohl es viele Zeugen gibt, traut sich fast niemand, auszusagen. In geheimen Unterkünften werden die Menschen festgehalten. Sie werden gezwungen, die Telefonnummern von Verwandten in den USA oder ihrer Heimat preiszugeben, von denen dann Lösegeld erpresst wird. Doch auch wenn gezahlt wird, ist dies noch keine Garantie für die Freilassung der Geiseln, so dass sich viele Familien verschulden, ohne ihre Angehörigen wiederzusehen.

Wer niemanden hat, der für ihn zahlt, muss für die Kartelle arbeiten. Das umfasst einfache Aufgaben wie das Ausspähen – eine Aufgabe vor allem für Kinder und Jugendliche –, Drogentransporte in die USA, sexuelle Ausbeutung und Prostitution, die Bewachung und Versorgung von Entführungsopfern bis hin zu deren Folterung und Ermordung. Wer sich weigert, also überhaupt keinen „Nutzen“ bringt, wird umgebracht und in Massengräbern verscharrt, wie die 72 Migranten in Tamaulipas.

Geraten Frauen in die Hände der Kartelle, droht ihnen Zwangsarbeit und Prostitution

Frauen und Mädchen gehen ein besonderes Risiko ein, wenn sie sich für die gefährliche Reise in den Norden entscheiden. Sie laufen permanent Gefahr, Opfer von sexuellen Übergriffen und Vergewaltigungen zu werden. Zu den Tätern gehören nicht nur Kriminelle, sondern auch Polizisten und Funktionäre. Amnesty International schätzt, dass 6 von 10 Migrantinnen auf ihrer Reise Opfer sexueller Gewalt werden. Vielen Frauen ist dieses Risiko bewusst, weshalb sie sich noch zu Hause eine Dreimonatsspritze (Depo-Provera) geben lassen, um eine Schwangerschaft zu verhindern, von den Migrantinnen auch „Anti-Mexiko-Injektion“ genannt. Geraten sie in die Hände der Kartelle, droht ihnen Sklavenarbeit und Zwangsprostitution.

Das grosse Risiko, dem die Migrantinnen ausgesetzt sind, ist auch den Behörden bekannt. Immer wieder stossen sie auf geheime Orte, in denen Entführungsopfer festgehalten werden. Und immer wieder werden Massengräber entdeckt, deren Leichen nie identifiziert werden. Die Massnahmen der Behörden zum Schutz der Migrantinnen sind völlig unzureichend, wie unter anderem die Interamerikanische Menschenrechtskommission (CIDH) feststellt. Zurückzuführen ist dies auf eine fragile Institutionalität, ein hohes Mass an Korruption und Straflosigkeit, aber auch auf fehlenden politischen Willen – letzterer sicherlich auch mit Blick auf die USA.

Die CIDH kritisiert auch, dass die USA die Sicherheit dieser Menschen aufs Spiel setzen, da sie sie einfach nur in grenznahe Gebiete abschieben, wie zum Beispiel den besonders gefährlichen Bundesstaat Tamaulipas. Diese Aktionen laufen oft zu sehr frühen oder späten Uhrzeiten und ohne die mexikanischen Behörden vorab zu informieren. Die Migrantinnen und Migranten sind dann leichte Beute für die Kartelle. Damit steht für viele am Ende des amerikanischen Traums das mexikanische Trauma.

Ingrid Spiller
boell.de

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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