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Stevia: Ein klassischer Fall von Biopiraterie Guaraní gegen Grosskonzerne

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Für Grosskonzerne wird Stevia, der gesunde Zuckerersatz, zu einem immer grösseren Geschäft. Die Guaraní, die die Pflanze entdeckt haben, gehen leer aus. Jetzt haben sie sich entschieden, für ihr Recht zu kämpfen.

Die Guaraní Kaiowá in Brasilien leben heute in kleinen Gemeinschaften, eingeschlossen zwischen riesigen Haciendas und Soja oder Zuckerrohrfeldern.
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Bild: Die Guaraní Kaiowá in Brasilien leben heute in kleinen Gemeinschaften, eingeschlossen zwischen riesigen Haciendas und Soja- oder Zuckerrohrfeldern. Da man sie ihres Jagd-, Fisch- und Sammelgebiets beraubt hat, bleibt ihnen oft keine andere Wahl, als ihre Arbeitskraft unter prekärsten Bedingungen zu verkaufen. / Romerito Pontes (CC BY 2.0 cropped)

16. Januar 2017

16. 01. 2017

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Stevia boomt: Die aus der Pflanze gewonnenen Süssstoffe sind bis zu 300 mal süsser als Zucker und fördern weder Diabetes noch Karies. Softdrinks, Schokolade, Bonbons – ständig kommen neue Produkte auf den Markt, welche mit Steviolglycosiden aus der Steviapflanze gesüsst sind; Coca-Cola Life ist nur das bekannteste. Die Pflanze, die die Guaraní im Grenzgebiet von Brasilien und Paraguay seit Jahrhunderten nutzen, erobert als gesunde Zuckeralternative den Lebensmittelmarkt. Was für eine Erfolgsgeschichte! Tatsächlich?

Bittersüsser Stevia-Boom

Mit dem Bericht «Der bittersüsse Geschmack von Stevia» hat Public Eye (ehem. Erklärung von Bern) die bitteren Seiten des Geschäfts mit dem süssen Stoff aufgedeckt: Die Kommerzialisierung von Stevia ist ein klassischer Fall von Biopiraterie.

Die indigenen Guaraní –die Kaiowa aus Brasilien und die Paî Tavyterâ aus Paraguay – nutzen die Pflanze Stevia, die sie Ka’a he’ê („süsses Kraut“) nennen, seit über 1500 Jahren – zur Süssung ihres Matés, als Heilpflanze oder bei heiligen Zeremonien. Ihr traditionelles Wissen ist die Grundlage der Stevia-Kommerzialisierung. Und damit hätten sie Anrecht auf eine faire Beteiligung am Gewinn, der durch die Kommerzialisierung von Stevia erzielt wird.

Die UNO-Biodiversitätskonvention und das Nagoya-Protokoll verlangen nämlich, dass traditionelle Gemeinden einer kommerziellen Nutzung ihrer Ressourcen und ihres traditionellen Wissens zustimmen müssen und am Geschäft damit gerecht beteiligt werden. Doch während Nahrungsmittelfirmen mit „Stevia“-Produkten ein immer grösseres Geschäft machen, ist das Leben der Guaraní geprägt von Diskriminierung, Verarmung und Vertreibung von ihrem Land.

Die Guaraní – vertrieben und verarmt

Die etwa 46'000 Guaraní Kaiowá auf der brasilianischen und die rund 15'000 Guaraní Paî Tavyterâ auf der paraguayanischen Seite der Grenze bewohnen nur noch einen winzigen Teil ihres ursprünglichen Territoriums, das früher hauptsächlich aus Wäldern bestand. Die Entwaldungsrate Paraguays gehört zu den höchsten weltweit: Innert 40 Jahren hat das Land mehr als die Hälfte seines Waldbestands verloren – vor allem auf Kosten von Weideland. Die extensive Rinderzucht beansprucht 31 der 40 Millionen Hektar des Landes.

Wälder weichen Gentech-Soja und Massentierhaltung

Die Guaraní leben heute in kleinen Gemeinschaften, eingeschlossen zwischen riesigen Haciendas und Soja- oder Zuckerrohrfeldern. Da man sie ihres Jagd-, Fisch- und Sammelgebiets beraubt hat, bleibt ihnen oft keine andere Wahl, als ihre Arbeitskraft unter prekärsten Bedingungen zu verkaufen. Doch jetzt haben die Guaraní beschlossen, für eine Beteiligung an diesem Geschäft zu kämpfen.

Die Guaraní mobilisieren sich

Die paraguayanischen Pai Tavytera und die Kaiowa aus Brasilien sind zwar durch familiäre Beziehungen miteinander verbunden, aber durch die Landesgrenze getrennt führen sie normalerweise keine gemeinsamen politischen Aktionen durch. Nun aber haben sie sich versammelt, um zu diskutieren, wie sie ihr Recht geltend machen können: Das Recht auf eine gerechte und ausgewogene Beteiligung am Profit aus der Kommerzialisierung ihres Wissens zu Stevia.

Die Forderung nach Land

Die Guaraní wollen nicht mehr länger dulden, dass Coca Cola, Pepsi oder Nestea mit „ihrer“ Pflanze Profit machen, während sie verarmen und von ihren Ländereien vertrieben werden. Sie zeigen sich entschlossen, ihre Rechte als Trägerinnen und Träger des traditionellen Wissens über die Stevia-Pflanze geltend zu machen – und ihr Stück am süssen Kuchen einzufordern.

Eigentlich hätten die Guaraní gemäss der UNO-Biodiversitätskonvention und des Nagoya-Protokolls ihr Einverständnis zur kommerziellen Nutzung ihres Wissens zu Stevia geben müssen. Doch sie wissen, dass sie die riesigen Landwirtschafts- und Nahrungsmittelkonzerne nicht mehr daran hindern können, Stevia zu kommerzialisieren. Dafür ist es zu spät. Aber sie erwarten zumindest eine Entschädigung – und zwar am liebsten in Form von Land. Sie wollen im Falle einer Vereinbarung einen Teil des Stevia-Ursprungsgebiets zurückerhalten.

Die Erklärung

Als erstes Ergebnis der Grossversammlung halten die Guaraní in einer gemeinsamen Deklaration fest: „Wir verurteilen, dass multinationale Firmen unser Wissen und unsere Biodiversität ausnutzen, indem sie Ka’a he’ê (steviarebaudiana) nutzen, kommerzialisieren und davon profitieren, ohne dass wir, die wahren Eigentümer, die Paî Tavyterâ und die Kaiowa, konsultiert wurden.“

Die Guaraní fordern in ihrer Erklärung grundsätzlich die Respektierung ihrer Gebiete, ihrer Weltanschauung, ihrer Autonomie und ihrer Autoritäten. Und spezifisch eine „ausgewogene und gerechte Aufteilung der Vorteile, die sich aus der Nutzung unseres traditionellen Wissens zu Stevia ergeben“. Darüber hinaus beschliessen sie, eine ständige Versammlung einzurichten, um den Prozess weiter zu verfolgen.

Ein erster Schritt ist getan. Doch trotz ihrer in der UNO-Biodiversitätskonvention und dem Nagoya-Protokoll zugesicherten Rechte liegt noch ein weiter Weg vor den Guaraní. Das Ziel ist es, dass sie in einem Jahr konkrete Verhandlungen mit Konzernen über eine faire Entschädigung und Gewinnbeteiligung aufnehmen können.

Public Eye hat nach der Publikation des Stevia-Berichts Gespräche mit den Hauptproduzenten und -verwendern von Stevia-basierten Süssstoffen, den Steviolglykosiden, gesucht. Manche Zeichen sind ermutigend: Einige Firmen schweigen zwar und andere zögern, aber mehrere Unternehmen zeigen sich bereit, im Rahmen von Verhandlungen mit den Guaraní gemäss Biodiversitäskonvention auf eine gerechte und ausgewogene Aufteilung der Vorteile, die sich aus der Nutzung von Stevia ergeben, hinzuarbeiten.

Die Basler Firma Evolva etwa, die Migros und auch Nestlé bekennen sich klar zum Prinzip des Vorteilsausgleich, wie der eben erschienen Follow-Up-Bericht zeigt. Andere Firmen – Coca Cola etwa– haben die Fragen von Public Eye nicht beantwortet.

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