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Internationalismus und ökologische Revolution in Nordsyrien Rojava grün machen

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Während der Klimabewegung vorgeworfen wird, zu radikale Forderungen zu stellen, wagen Aktivist*innen in Rojava bereits das scheinbar Unmögliche: Den Aufbau einer basisdemokratischen, feministischen und ökologischen Gesellschaft – und das mitten im Krieg. Anlässlich seiner Rundreise durch die Schweiz haben wir mit dem Aktivist und Autor Anselm Schindler über das Projekt Make Rojava Green Again gesprochen.

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Bild: Make Rojava Green Again-Banner an den Fridays For Future-Protesten. / Make Rojava Green Again

6. Mai 2019

06. 05. 2019

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Internationalismus, Ökologie, die Revolution in Rojava – das passt doch nicht mit Donald Trump zusammen. Wieso adaptiert die Kampagne Make Rojava Green Again ausgerechnet Trumps chauvinistischen Kampagnenslogan?

Wir befinden uns in einer Phase, in der wir global einen autoritären Rollback und in gewissen Staaten gar eine zunehmende Faschisierung erleben. In dieser Phase greifen wir einen Slogan auf und drehen ihn ins Gegenteil, in dem wir ihn mit einer Perspektive verknüpfen, die sich gegen die Mächtigen richtet.

Was also ist Make Rojava Green Again?

Unser Projekt ist Teil der Internationalistischen Kommune in Rojava und unsere Kernaktivität ist die Wiederaufforstung. Schon seit einigen Jahren werden in der Region wieder Bäume gepflanzt, allerdings nur in kleinem Ausmass. Wir haben in der Nähe von Derik im Nordosten von Rojava eine Baumschule eingerichtet. Zusätzlich treiben wir in Europa Geld auf und bringen Expert*innenwissen in die Region. Während internationale Mächte für sich riesige Territorien beanspruchen und ihren Nationalstaat in den Vordergrund stellen, wollen wir den Fokus auf die Menschen, die Basisdemokratie und die Ökologie richten.

Wie arbeitet ihr als Internationalist*innen mit der lokalen Bevölkerung zusammen? Was unterscheidet euch von Projekten der sogenannten «Entwicklungshilfe»?

Als Internationalist*innen unterstützen wir nicht nur die Revolution vor Ort – in Rojava werden auch Dinge erprobt, von denen wir in Europa viel lernen können. Wir versuchen deshalb auch herauszufinden, was von diesem revolutionären Prozess auf die Verhältnisse in den Ländern, aus denen wir kommen, übertragbar ist. Das unterscheidet uns von einer Hilfsorganisation oder einer karitativen Einrichtung. Unsere Kampagne findet vor Ort auf Augenhöhe mit den Leuten statt und wir arbeiten eng mit den Ökologiekomitees des Rätesystems zusammen. Wir sind ja nicht die ersten die in Rojava die ökologische Frage stellen und versuchen, Antworten zu finden. Die Wiederaufforstung beispielsweise wurde bereits vor einigen Jahren gestartet.

Und dann wollen wir natürlich auch Brücken zwischen verschiedenen Bewegungen schlagen, zwischen verschiedenen sozialen und feministischen Kämpfen, ökologischen Gruppen und Protestbewegungen wie Fridays For Future und der kurdischen Freiheitsbewegung sowie den Organisationen, die in der Kurdistan-Solidaritätsarbeit aktiv sind. Es ist uns wichtig, in der europäischen Öffentlichkeit ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Kriege, verschiedene Formen kolonialistischer, feudalistischer und kapitalistischer Ausbeutung und ökologische Probleme eng miteinander verknüpft sind.

Das ist auch eines der Ziele der Internationalistischen Kommune. Sie bietet einen ersten Anlaufpunkt für Menschen mit verschiedensten Hintergründen, die nach Rojava kommen, um zu lernen und Teil der dortigen Bewegung zu werden. Dafür hat die Kommune eine Akademie in der Nähe der Kleinstadt Derik aufgebaut, die nach der gefallenen Internationalistin Hêlîn Qereçox (Anna Campbell) benannt ist. In der Akademie gibt es Sprachunterricht und es wird Wissen vermittelt, vor allem über die Geschichte der Region und des Befreiungskampfes in Kurdistan. Aber es gibt auf dem Gelände der Akademie eben auch die Möglichkeit, ganz konkret mit anzupacken und beim Aufbau unserer Baumschule für die Wideraufforstung zu helfen. Ausserdem haben wir in Zusammenarbeit mit dem Ökologiekomitee und den Bewohner*innen von Derik ein Flussbett gereinigt, in welchem zuvor über Jahre Abfall entsorgt wurde. Gemeinsam begrünen wir nun den Flusslauf und es sollen Terrassen für den Gemüseanbau angelegt werden.

Wie steht es denn um die Ökologie in der Region?

Im gesamten Nahen Osten und somit auch in den kurdischen Gebieten in Nordsyrien erleben wir seit vielen Jahren eine ökologische Krise. Zusätzlich zum Krieg, der zu grosser Verschmutzung und Zerstörung führt, gibt es in Rojava kaum Bäume. Das Assad-Regime verwendete viel Holz für die Bauwirtschaft und nutzte die nordsyrischen Gebiete über Jahrzehnte als Kornkammer. Die gesamte Region wurde entwaldet und mit Monokulturen ausgelaugt. Dies führte zur Austrocknung, weil die Wurzeln der Bäume das Wasser im Boden halten. Bäume sind auch für den Nährstoffhaushalt der Böden wichtig, weil sie Nährstoffe nach oben transportieren und den Boden wiederaufbereiten.

Die Veränderung der Bodenstruktur wirkte sich auf die Wassersituation und die Fruchtbarkeit aus. Es kam zu Versteppung, die Bewohner*innen leiden unter Wasserknappheit. Wegen des Krieges steht zudem ein grosser Teil der Infrastruktur still oder war nie vorhanden. Vielerorts gibt es keine Müllabfuhr, weshalb viel Abfall aufgeschüttet oder in Gewässer geleitet wird. Eines der grössten Probleme ist der Plastikmüll, der aus den Dörfern und Städten gefahren und auf den umliegenden Äckern verbrannt wird. Dadurch werden Luft und Boden verschmutzt und es entstehen gesundheitliche Risiken für die Bevölkerung.

Es gibt also nebst der Aufforstung eine ganze Menge Probleme zu lösen. Könnt ihr diesen beikommen?

Leider wurden unsere Arbeiten immer wieder von der sich ändernden militärischen und geopolitischen Situation behindert. Gegen Ende 2018 hat der angekündigte Truppenabzug der USA sehr viel Unruhe gestiftet und es war unklar, ob bald wieder ein Krieg losbricht. Die geopolitische Situation erschwert unsere Arbeit im Moment sehr. Dennoch versuchen wir nebst dem Aufziehen und Pflanzen von Bäumen an weiteren ökologischen Problematiken dranzubleiben. Wir versuchen beispielsweise Lösungsmodelle für ein dezentrales Recycling-System aufzubauen. Wir suchen nach Möglichkeiten, um Hartplastik einzuschmelzen und wiederzuverwenden und möchten möglichst kleinteilige Recyclinganlagen entwickeln, die in allen Kommunen nachgebaut werden können. Dafür gibt es bisher einige Entwürfe, Bauteile und Bauanleitungen aber es geht nur langsam voran. Weil es vor Ort einen Mangel an Technik und Know-How gibt, brauchen wir dafür auch Unterstützung aus Europa.

In Bezug auf die herrschende Wasserknappheit haben wir ein Modellprojekt zur Trennung von stark und schwach verschmutztem Abwasser entworfen, das wir in den Kommunen anwenden wollen. Oft stehen wir vor dem Problem fehlender Kläranlagen, weshalb das Abwasser in den nächsten Bach geleitet wird. Dadurch verbreiten sich in der Folge schnell Durchfallerkrankungen und Krankheitserreger. Eine Lösungsmöglichkeit sind Trockentoiletten. Dort werden Fäkalien vom restlichen Wasserkreislauf getrennt und können nach einer Aufbereitung als Düngemittel verwendet werden. Das gilt auch für das Wasser aus dem Sanitärbereich, das wir filtern und wiederaufbereiten. Danach kann es zwar nicht als Trinkwasser, jedoch zur Bewässerung und als Düngemittel eingesetzt werden. Die Änderung der Toiletten-Gewohnheiten sind nicht immer ganz einfach zu vermitteln. Das Ganze ist mit Intimität verbunden und muss mit entsprechender Zurückhaltung kommuniziert und realisiert werden.

Die Übernutzung der Böden durch Monokulturwirtschaft hängt auch mit kolonialen und kapitalistischen Besitzverhältnissen zusammen. Wie können diese Altlasten überwunden werden?

Was die Landwirtschaft betrifft, stellt sich natürlich die Eigentumsfrage. Ein Grossteil der Bevölkerung in den ländlichen Regionen von Rojava besteht aus landlosen Bäuer*innen, während die Äcker Grossgrundbesitzern gehören. Die Landwirtschaft findet also nicht in einem demokratischen Rahmen statt und die Leute können keine Subsistenzwirtschaft betreiben. Die Grossgrundbesitzer versuchen durch das Anlegen von Monokulturen, möglichst ertragreich zu wirtschaften und laugen damit die Böden aus. Um dieses Problem zu überwinden, muss die Eigentumsfrage gestellt werden.

Wird die Eigentumsfrage denn tatsächlich gestellt?

Es bestehen Bestrebungen, die Äcker zu enteignen und unter die demokratische Kontrolle von Kooperativen zu bringen. Dieser Prozess wird jedoch von anderen Widersprüchen überlagert. Durch die sogenannte Politik des Arabischen Gürtels, sprich der gezielten Umsiedlung arabischer Familien in mehrheitlich kurdisch besiedelte Gebiete, gehören viele Grossgrundbesitzer arabischen Clans an. Es wäre zwar eine konsequente Entscheidung, diese Familien nun alle auf einen Schlag zu enteignen, allerdings würde man damit die gesamte arabische Bevölkerung gegen sich aufbringen. In diesem Fall überlagert also ein ethnischer Widerspruch den Klassenwiderspruch. Die Revolution in Rojava will jedoch ethnische Widersprüche nicht verhärten, sondern auflösen.

Die Schaffung von Kooperativen ist ein zentrales Konzept der gemeinschaftlichen und ökologischen Wirtschaft. Derzeit werden lediglich zehn bis fünfzehn Prozent der wirtschaftlichen Leistung in Rojava von Kooperativen erbracht. Wie kann diese Zahl gesteigert werden?

In der Region gibt es nur einen sehr kleinen industriellen Sektor, deshalb wird die Frage von Eigentum und der wirtschaftlichen Ausbeutung vorerst insbesondere bezüglich des landwirtschaftlichen Sektors diskutiert. Die Idee ist natürlich schon, dass auf kommunaler Ebene alles kollektiviert wird. Eine demokratische Ökonomie bedeutet letztendlich auch eine Enteignung und demokratische Kontrolle der Produktionsmittel. Die Entscheidungsmacht über die Vorgehensweise wird jedoch nicht von oben herab getroffen, sondern an die Kommunen delegiert. Diese entscheiden, wie sie mit den Äckern in Grossgrundbesitz und den kleineren Betrieben umgehen.

In urbanen Regionen wird die Diskussion ungleich komplizierter, aber die Idee bleibt die gleiche. Die Revolution in Rojava will die Umgestaltung der Eigentumsverhältnisse primär durch die Schaffung eines revolutionären Bewusstseins erreichen. Es soll möglichst allen Leuten klar werden, wie eine demokratische Gesellschaft aussieht und dass Marktwirtschaft und Kapitalismus nicht demokratisch sein können. Man überlässt es den Kommunen, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Das Ziel ist, dass das Land in den Händen der Kommunen ist und dadurch angebunden an die Räte. Es soll also nicht wie in verschiedenen realsozialistischen Experimenten, die wir im Laufe der Geschichte gesehen haben, eine Enteignung von oben angeordnet werden. Es geht um den Aufbau einer demokratischen und sozialistischen Ökonomie durch einen von der Basis ausgestalteten und mitgetragenen Prozess. Das bringt natürlich das Problem mit sich, dass das Ganze lange dauert. Wenn ein Befehl von oben durchgesetzt wird, können Prozesse sehr schnell geschehen, aber es ist dann nicht nachhaltig, weil die Umgestaltung nicht aufgrund von eigenem Wirken und eigenen Erfahrungen geschieht. Es wird sich zeigen, wie erfolgreich diese Strategie im Umgang mit den vielen verschiedenen Widersprüchen sein wird.

Können die Internationalist*innen in die Umgestaltung der Eigentumsverhältnisse intervenieren?

Wir mischen uns nicht direkt ein, aber versuchen natürlich selbst auch kollektivistisch zu handeln. Das zeigt sich beispielsweise beim Aufbau der Baumschule, die nicht profitorientiert ist. Wir pflegen zudem auf dem Gelände der internationalistischen Kommune ebenfalls eine Art der kooperativen Wirtschaft und versuchen nach diesen Prinzipien zu funktionieren. In den Regionen, in welchen ich mich aufhielt, ist die Landwirtschaft und der Ackerbau bereits kollektiviert. Das heisst, der Landbesitz ist in den Händen der Kommune und dadurch angebunden an eine politische Struktur. Es herrscht also das Primat der Politik über jenes der Ökonomie und nicht andersrum wie im Kapitalismus, wo die Ökonomie das Leben diktiert.

Wie kann die ökologische Wende in Rojava weiter vorangetrieben werden?

Die Energieversorgung muss dezentralisiert werden. Im Moment ist ein Grossteil der Energieversorgung in Rojava durch Staudämme am Euphrat gewährleistet. Staudämme bringen ökologische Probleme mit sich und sind ausserdem etwas sehr Zentralistisches, weil ein bestimmter Punkt in der Region für die gesamte Stromversorgung verantwortlich ist. Wenn wir eine ökologische Wende anstreben, dann muss die Stromversorgung vergesellschaftet und dezentralisiert werden. Dafür braucht es passende Energiequellen. Windkraft wäre dafür ein Beispiel. Wir haben bereits einzelne Bauteile für ein erstes Windkraftwerk auf dem Gelände der Kommune, aber derzeit fehlt es an Geld und an Spezialwissen, um dieses zu realisieren. Wir hoffen aber, dass wir es bald hinbekommen. Meines Wissens wäre es das erste Windrad in der ganzen Region. Die ökologische Wende wird in Rojava und auf der ganzen Welt nur durch eine möglichst kleinteilige und basisdemokratisch ausgestaltete Produktion, Energieversorgung und Recycling möglich sein.

Ist es nicht etwas realitätsfern, sich mitten in einem mörderischen Krieg auf ökologische Probleme zu konzentrieren?

Hätten wir uns vor zehn Jahren überlegt, ob im Nahen Osten und speziell im nordsyrischen Teil von Kurdistan so etwas wie Rojava entstehen kann, dann wäre uns das auch realitätsfern erschienen. Ganz viel von dem, was dort schon Alltag ist, könnte man als realitätsfern bezeichnen. Und trotzdem findet es statt und zeigt auf, dass ein anderes Leben möglich ist. Dabei ist es wichtig, auch einen Fokus auf Ökologie zu legen. Auch wenn andere Fragen wichtiger erscheinen – ohne die Lösung der ökologischen Frage wird in der Region, aber auch in der restlichen Welt, kein Leben mehr möglich sein. Dann gäbe es nichts mehr zu verteidigen – keinen lebenswerten Boden, auf dem eine Revolution stattfinden könnte. Deswegen ist Ökologie einer der zentralen Punkte, mit dem wir uns befassen müssen. Ich würde die Ökologie weder hinter noch vor andere wichtige Faktoren stellen. Die militärische Verteidigung ist selbstverständlich zentral, ebenso die Frauenbewegung. Aber die Ökologie ist halt auch ein essentielles Thema.

Man kann Ökologie also nicht als separaten «Teilkampf» behandeln?

Nein. Ökologische Fragen bedingen ja auch ökonomische Probleme. Wenn wir etwa in Betracht ziehen, welchen Schaden Monokulturen in dieser Region angerichtet haben, dann sind das nicht nur Schäden, die die Natur betreffen. So werden Menschen durch Monokulturen in eine starke Abhängigkeit gebracht. Die Monokulturen gehen übrigens auf Assad zurück. Unter ihm war der Gemüse- und Obstanbau lange Zeit verboten, obwohl der Boden in Rojava dafür geeignet wäre. Man forcierte stattdessen allein den Weizenanbau. Das führte direkt zu wirtschaftlichen Problemen: Gemüse musste etwa aus anderen Regionen importiert werden. Die Dezentralisierung und der Aufbau von Autonomie in der Landwirtschaft löst deshalb nicht nur, aber auch, ein wirtschaftliches Problem.

Dezentralisierung, Autonomie, Ökologie… Inwiefern spiegeln sich die Theorien Abdullah Öcalans und Murray Bookchins in eurer Kampagne?

Ich würde sagen, sehr stark. Gerade was den ökologischen Aufbruch in Rojava betrifft, ist sehr viel von Bookchin dabei. Nur schon deshalb, weil Bookchin immer betont hat, dass seine Ideen nicht komplett neu sind, sondern eine Zusammenführung bestehender Konzepte. Bookchin verstand es ausgezeichnet, den Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen und ökologischen Problemen aufzuzeigen und mit einem Lösungsansatz zu verbinden. Auch wenn es darum geht, urbane Räume neu zu denken, kann man bei Bookchin wichtige Inputs finden.

Öcalan wiederum hat viele dieser Ideen adaptiert, so dass diese nun in unterschiedlicher Form ihren Weg nach Rojava gefunden haben. So werden im Sinne der Dezentralisierung auf allen Ebenen des Rätesystems Kommissionen für Ökologie aufgebaut. In diesem Prozess wird offensichtlich, dass nicht von oben nach unten verordnet wird. Viel mehr versuchen die Räte, an der Basis der Gesellschaft Strukturen zu schaffen, die sich mit der ökologischen Frage beschäftigen.

Zurück zum Krieg. In diesem wird Wasser ja gewissermassen als Waffe eingesetzt.

Ja, wie bereits seine Vorgänger plant auch der türkische Präsident Erdogan riesige Staudämme am Euphrat und am Tigris, die beide dem türkischen Teil Kurdistans entspringen. Der Euphrat ist der wichtigste Fluss, der von der Türkei aus durch Syrien und somit durch Rojava fliesst. Der Tigris wiederum schneidet Rojava nur im Osten und fliesst dann in den Irak und ist dort eine wichtige Quelle für Landwirtschaft und Trinkwasserversorgung.

Entlang beider Flüsse baut das türkische Regime an einem riesigen Infrastrukturprojekt, das zwanzig Staudämme umfasst. Werden diese tatsächlich realisiert, bedeutet das die Räumung und Überflutung etlicher Ortschaften. Betroffen ist zum Beispiel die 12‘000 Jahre alte, multikulturelle Stadt Hasankeyf. Diese Stadt ist nicht nur in historisch-archäologischer Hinsicht von Bedeutung. Sie ist auch ein Beispiel für ein funktionierendes Zusammenleben verschiedener Religionen und Ethnien ohne eine türkische Dominanz. Nun aber droht die Zwangsumsiedlung Tausender.

Als «Waffe» verwendet Erdogan das Wasser insofern, als dass er mit den Staudämmen ein Druckmittel gegen Syrien, den Irak und insbesondere gegen Rojava in der Hand hält. Am Drücker ist, wer wie die Türkei an der Quelle des Flusses sitzt. Auf die Regionen des unteren Flusslaufs kann die Türkei massiven Einfluss nehmen. Denn wenn der Wasserhahn zugedreht wird, wird dort das Leben schlicht unmöglich.

Wie hat die Türkei ihre Staudämme während des Krieges gegen den IS genutzt?

Wir haben Zahlen vom Tischrin-Staudamm ausgewertet. Das ist ein Staudamm am Euphrat in Rojava. Als der IS diese Gegend beherrschte und damit auch den Staudamm kontrollierte, floss das Wasser aus der Türkei in normalen Mengen ein. Als die Region Ende 2015 von der YPG/YPJ, respektive der SDF, mit US-Luftunterstützung eingenommen wurde, wechselte auch die Kontrolle über den Tischrin-Damm. Erdogan schloss darauf die Schleusen im türkischen Teil des Euphrats. Das Wasser verknappte sich. Auch hier zeigt sich, auf welcher Seite die türkische Regierung im Kampf gegen den IS wirklich steht.

Die im Krieg verwendeten Panzerabwehrraketen, etwa des Typs «Milan», verseuchen die Gegend radioaktiv. Wie gross ist das Ausmass der Zerstörung und wer verantwortet diese?

Alle Seiten setzten sowohl Brandkampfstoffe als auch Uranmunition ein. Auch von den US-Streitkräften oder der YPG im Kampf gegen den IS. Über gesundheitliche Folgeschäden dieser Waffengattung im syrischen Krieg gibt es noch kaum Zahlen. Wie sich etwa der Verlauf der Krebserkrankungen entwickelt, ist noch nicht bekannt. Aus dem Irak gibt es aber solche Zahlen. Dort ist die Krebsrate in der Nachkriegszeit deutlich angestiegen. Das hat verschiedene Ursachen, doch die Verseuchung der Böden durch Uranmunition war entscheidend. Besonders Kinder sind dadurch gefährdet.

Ähnliches gilt auch für Syrien. Im Bürgerkrieg und im Kampf gegen den IS setzten verschiedene Kampfverbände, inklusive die amerikanischen, auch weissen Phosphor ein. Das ist ein Brandkampfstoff, ähnlich wie Napalm, ist im Unterschied zu diesem aber toxisch. Giftige Phosphorbomben kamen etwa bei der Befreiung Raqqas von der IS-Herrschaft zum Einsatz.

Wer letztlich am meisten Brandkampfstoffe einsetzte, ist schwer zu sagen – die USA und das Assad-Regime haben sich sicherlich nicht zurückgehalten. Und auch der IS hat zu einer massiven ökologischen Zerstörung beigetragen, da er im Rahmen von Rückzügen immer systematisch alles niedergebrannt hat. Dabei zündeten IS-Kämpfer auch Ölfelder, Chemiefabriken und Landwirtschaftsflächen an. Die nachrückenden Kräfte sollten keine Infrastruktur, sondern bloss verbrannte Erde vorfinden. Auch setzte der IS riesige Plastikberge in Brand, um den Himmel zu verdunkeln und den US-Luftstreitkräften die Sicht zu nehmen.

Nordsyrien verfügt über beträchtliche Ölreserven. Werden die PYD und ihre Verbündeten an der Erdölförderung festhalten, wenn sie die Kontrolle über das Gebiet behalten können?

Nachdem der IS von den SDF besiegt worden ist, befindet sich heute etwa 50 bis 70 Prozent des syrischen Öls in den Händen der Selbstverwaltung. Derzeit gibt es eine eher undurchsichtige Form der Ölwirtschaft. Die ist ein stückweit zentralistisch, nach planwirtschaftlicher Logik organisiert und wird von TEV-DEM, der Verwaltungskoalition der autonomen Regionen, abgewickelt. Das ist gut, weil die Ölwirtschaft somit nicht der Marktwirtschaft unterworfen ist. Sowohl die Förderung, der Vertrieb wie auch die Preise werden durch die Koalition kontrolliert. Sie versucht auch, der Bevölkerung möglichst günstig Diesel und Benzin zur Verfügung zu stellen. Andererseits ist Ölförderung per se kritisch zu betrachten. Es werden aber schlichtweg noch immer massive finanzielle Mittel zu Verteidigungszwecken benötigt, weshalb die Ölförderung in ähnlichem Ausmass wie vorher weiterbetrieben wird.

Der Hauptadressat des gewonnenen Öls ist zwar die lokale Bevölkerung. Sie ist jedoch nicht der Hauptabnehmer. Gehandelt wird mit Assad, auch mit dem irakischen Staat und der Barzani-Regierung in Irakisch-Kurdistan. Das sind natürlich alles Gesellschaftssysteme, die den Idealen der PYD und des gesamten TEV-DEM widerstreben. Mehr steht man teils in einem offenen Konflikt zueinander. Die Selbstverwaltung ist sich der ökologischen und politischen Problematiken bewusst, kann aber derzeit nicht auf den Ölhandel verzichten.

Welche politischen Auswirkungen wünschst du dir von Make Rojava Green Again?

Verschiedene Kämpfe müssen zusammengeführt werden! Das wünsche ich mir und daran arbeiten wir auch. Wir wollen antikapitalistische Bewegungen, radikal oder nicht, mit ökologischen Bewegungen zusammenführen und dadurch die Zusammenhänge von Kapitalismus, Krieg und Naturzerstörung besser sichtbar machen. Davon erhoffen wir uns ein Zusammenwachsen der Bewegungen. Wir waren in den letzten Wochen auch immer wieder an den FridaysForFuture-Demos präsent und haben da versucht, eine Antikriegsthematik hineinzutragen. Wir wollen damit diese Botschaft vermitteln: «Wir stehen und kämpfen für dasselbe und haben ähnliche Ideen. Der Kampf gegen den Klimawandel und ökologische Zerstörung muss auch ein Kampf gegen Militarisierung und Krieg sein.» Wir wollen aber auch von anderen Bewegungen lernen und sehen unsere Vermittlung nicht als Einbahnstrasse. Ich wünsche mir also für die Zukunft eine Bewegung, die all diese Dinge auf dem Schirm hat und Probleme ganzheitlich angeht.

Und was wünschst du dir für Rojava?

Für Rojava ist ein Ausblick auf die geopolitische Situation fast unmöglich. Alle paar Wochen ändert sich die Situation. Niemand hätte etwa mit einem so schnellen Truppenabzug der USA gerechnet und niemand hätte gedacht, dass dieser kaum zwei Tage später implizit wieder zurückgenommen wird. Es lässt sich schlichtweg keine verlässliche Aussage zu Rojava treffen.

Es bleibt aber zu hoffen, dass Rojava seine relative Unabhängigkeit bewahren kann. Über die militärische Zusammenarbeit versuchen die USA natürlich immer wieder, auf das Projekt Einfluss zu nehmen und dieses von seinen ideologischen Wurzeln zu trennen. Das Pentagon wünscht sich einen kurdischen Protostaat unter amerikanischem Einfluss, analog zur kurdischen Region im Irak. Dagegen konnte sich TEV-DEM und die SDF bislang wehren, aber die Gefahr des Korrumpierens bleibt bestehen. Dieselbe Gefahr geht vom Assad-Regime aus. Sollte es zu einem Einmarsch der Türkei kommen, wird man sich auch auf Assads militärische Unterstützung verlassen müssen. Aber auch das birgt riesige Gefahren, weil Assad Gegenleistungen verlangen wird. Das ist das Spannungsfeld in dem sich Rojava bewegt.

Auf der einen Seite wird immer wieder signalisiert, dass Rojava nicht an Krieg mit irgendeiner Seite interessiert ist. Gleichzeitig wird auch stetig betont, wie wichtig die gewonnene Unabhängigkeit ist. Es ist erstaunlich, wie gut das die letzten Jahre funktioniert hat und ich hoffe, dass das weiterhin so bleibt. Die Ökologisierung der Region wird nur möglich, wenn diese auch weiterhin selbstverwaltet bleibt. Sobald wieder Krieg ausbricht, wird die ökologische Entwicklung darunter leiden. Da ist es auch an uns in Europa, gegen die drohende Offensive durch die Türkei zu mobilisieren und immer wieder die Rolle von Staaten wie der Schweiz oder Deutschland zu beleuchten und zu kritisieren – zum Beispiel im Bezug auf Waffenlieferungen oder sonstige Partnerschaften.

Louis Libertini
ajour-mag.ch

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