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England: Aufstand der Underdogs | Untergrund-Blättle

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Unruhen in England Aufstand der Underdogs

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Ausgegrenzt: Sozialkürzungen, Perspektivlosigkeit und allgegenwärtiger Rassismus trugen zur Gewaltexplosion im Sommer 2011 in England bei.

West Croydon während den Unruhen in London 2011.
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Bild: West Croydon während den Unruhen in London 2011. / Peter Trimming (CC BY 2.0 cropped)

15. August 2011

15. 08. 2011

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Nachdem eine massive landesweite Polizeimobilisierung und Dauerregen den Ausschreitungen und Plünderungen in mehreren britischen Städten ein vorläufiges Ende gesetzt hatten, ging Premierminister David Cameron daran, seine Schlussfolgerungen aus den schwersten Unruhen zu ziehen, die Grossbritannien seit den 1980er Jahren erschütterten.

Der konservative Regierungschef kündigte eine Politik der harten Hand gegenüber den marginalisierten Bevölkerungsschichten in den Ghettos Grossbritanniens an, die mit einem »Gegenschlag« eingeleitet würde. »Teile unserer Gesellschaft sind nicht einfach nur kaputt, sondern krank«, dozierte Cameron am vergangenen Mittwoch.

Krankes System

Zu den Ursachen dieser »Krankheit« äusserte sich Hardliner Cameron lieber nicht. Sonst müsste auch seine bisherige Regierungspolitik einer kritischen Analyse unterzogen werden. Das Kabinett Cameron hat kurz nach Amtsantritt eines der schwersten Austeritätsprogramme der britischen Geschichte beschlossen. Es sieht Haushaltskürzungen in Höhe von 83 Milliarden Pfund (ca. 95 Milliarden Euro) bis 2015 vor.

Ein grosser Teil der Ausgabenkürzungen, mit denen das Haushaltsdefizit von mehr als zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) eines einzigen Jahres (2010) abgebaut werden soll, entfällt auf den Sozialsektor.

Diese Einschnitte – bei denen u.a. die Aufwendungen für Kindergeld, Jugendförderung oder Wohnzuschüsse gekürzt wurden – treffen die verarmten und unter hoher Arbeitslosigkeit leidenden Stadtteile und Regionen des Vereinigten Königreichs (offiziell: United Kingdom of Great Britain and Northern Ireland) besonders hart: »Es wird Unruhen geben«, warnte ein Jugendlicher aus dem Londoner Stadtteil Tottenham gegenüber dem Guardian schon im Juli.

Gerade waren nahezu alle Jugendclubs dort aus Geldmangel geschlossen worden. Von dem rabiaten Kahlschlag im öffentlichen Dienst, dem in den nächsten vier Jahren mehr als 400.000 Arbeitsplätze zum Opfer fallen sollen, sind landesweit Jugendhilfsprojekte überdurchschnittlich stark betroffen, beklagte der Gewerkschaftler Kerry Jenkins: »Jede vierte Einrichtung (»youth service«) in England sieht sich mit katastrophalen Kürzungen zwischen 21 bis 30 Prozent konfrontiert.« Dies sei dreimal höher als das sonstige Kürzungsniveau im Kommunalbereich. An die 3.000 Jugendbetreuer werden nicht mehr bezahlt und müssen gehen.

Es fehlte nicht an Warnungen: Noch am 2. August mahnte der Kriminologe John Pitts, der Kommunen bei Gewaltprävention berät, dass die Kürzungen zu einer Zunahme gewalttätiger Straftaten in »diesem Sommer« führen werden.

Der Vorsitzende des britischen Nationalen Kinderbüros, Sir Paul Ennals, prognostizierte, dass die Kombination aus grassierender Arbeitslosigkeit und Sozialkürzungen die Bindungen der marginalisierten Jugendlichen an ihre Stadtviertel »lösen« und zu einer grundlegenden »Entfremdung« führen werde.

Bild: Jugendliche beim Plündern in London 2011. / hughepaul (CC BY 2.0 cropped)

»Da draussen ist eine Generation ohne Hoffnung, ohne Inspirationen«, erläuterte die in Tottenham lebende Lara Oyedel unter Verweis auf die grassierende Jugendarbeitslosigkeit in diesem Ghetto diese Woche gegenüber Medienvertretern: »Diese Gesellschaft brütet eine ganze Generation von jungen Menschen aus, die nicht mehr erwarten können, irgendetwas Produktives in ihrem Leben erreichen zu können.«

Selbst der höchste Repräsentant der anglikanischen Kirche hatte das Kahlschlagsprogramm der Regierung scharf kritisiert. »Mit bemerkenswerter Geschwindigkeit entwirft sie eine radikale langfristige Politik, für die sie niemand gewählt hat«, schreibt Rowan Williams, Erzbischof von Canterbury, in einem Zeitschriftenaufsatz. Er verstehe, dass vielen Briten nicht mehr ganz klar sei, »was Demokratie in so einem Zusammenhang noch bedeuten kann«.

Leben von Sozialtransfers

Die Jugendlichen in den Ghettos, deren Vorfahren zumeist aus den Kolonien des ehemaligen Empire stammen und jetzt als britische Underdogs (stammt von »der unterlegene Hund«) gelten, konnten in den »Boomjahren« bis 2007 nichts gewinnen und sind nun am stärksten von der Krise betroffen. Die Jugendarbeitslosigkeit auf der Insel ist von 12,2 Prozent (2000) auf knapp 20 Prozent (2010) angestiegen. Die einer ethnischen Minderheit zugehörigen Bürger bilden auch den grössten Teil der britischen Unterschicht. In London gehören rund 70 Prozent der in »Einkommensarmut« lebenden Menschen dieser Gruppe an. In den Armutsbezirken der Städte lebt rund ein Drittel der Bevölkerung von den Sozialtransfers, die nun gekürzt werden.

Die Plünderungen bei den jüngsten Unruhen führte auch der Kriminologe Pitts auf die »soziale Exklusion« der überwiegend jugendlichen Täter zurück. Diese würden von frühester Jugend an mit »Werbung bombardiert«. Es handle sich um »junge Menschen, die nichts zu verlieren haben«. Hoffnung auf irgendeine Art von sozialem Aufstieg können sie sich kaum machen.

Laut einer Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) von 2010 weist Grossbritannien die niedrigste soziale Mobilitätsrate aller Mitgliedsstaaten auf. Die immer noch von Standesdünkel geprägte und in diversen altertümlichen Ritualen verhaftete britische Gesellschaft weist insbesondere in der Hauptstadt eine krasse soziale Spaltung auf. Die Bewohner der Hochhausgettos leben in Sichtweite der gläsernen Banktürme des Londoner Finanzdistrikts. Die reichsten zehn Prozent der Einwohner Londons besitzen 275mal mehr Vermögen als das ärmste Zehntel. In kaum einem anderen europäischen Staat ist die Kluft zwische arm und reich tiefer als in Grossbritannien.

Bild: London im Sommer 2011/ VOA TV (PD)

Das Anwachsen der Klasse von »Ausgestossenen« hat auch mit der schleichenden Deindustrialisierung des seinerzeit ersten entwickelten kapitalistischen Staates der Welt zu tun. Der Anteil der warenproduzierenden Industrie am BIP Grossbritanniens liegt gerade noch bei 16 Prozent.

Das entspricht in etwa dem Niveau der südeuropäischen Krisenländer Griechenland und Spanien. Bis zum Ausbruch der Finanzkrise konnte der britische Finanzsektor durch die gezielte Förderung einer Defizitkonjunktur die Wirtschaft des Vereinigten Königreichs anheizen.

Mit den nun eingeleiteten Haushaltskürzungen scheint der konjunkturelle Abwärtssog allerdings zuzunehmen: Die Anzahl offiziell registrierter Arbeitsloser soll Prognosen zufolge noch in diesem Jahr von 2,5 auf 2,7 Millionen Menschen anwachsen, während die Bank of England am vergangenen Mittwoch ihre Wachstumsprognose für 2011 von 1,75 auf magere 1,4 Prozent Zuwachs des BIP reduzieren musste.

Tomasz Konicz / jw

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