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Schlaflied und Weckruf - Chumbawamba: ABCDEFG | Untergrund-Blättle

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Review von Chumbawamba’s Album «ABCDEFG» Schlaflied und Weckruf

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Man darf Musik nicht essentialisieren. Was Musik ist und was sie bewirkt, hängt zum grössten Teil von ihren Kontexten ab. Lieder der deutschen Arbeiterbewegung, die der Befreiung verpflichtet sein sollten, konnten von den Nazis usurpiert und schamlos in den Dienst rassistischer Menschenverachtung gestellt werden.

Chumbawamba an einem Konzert im Jahr 2007.
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Bild: Chumbawamba an einem Konzert im Jahr 2007. / Snowdog (CC BY-SA 2.0)

21. Mai 2010

21. Mai. 2010

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Oder, bescheidener: Einige meiner Lieblingslieder aus der Geschichte des Rock'n'Roll schaffen es manchmal, mich zu weltzugewandter Aktivität aufzurütteln; manchmal, mich in melancholischem Selbstmitleid zerfliessen zu lassen.

Die neue CD von Chumbawamba bewahrheitet diese Einsicht in zweierlei Weise. Als ich sie zum ersten Mal hörte, während ich am Computer irgendeiner stupiden Arbeit folgte, war mein Eindruck in den Begriff zu fassen: "etwas blutleer".

Mit diesem Urteil stellte ich sie später einem Freund vor, traute dann aber meinen Ohren nicht: Was hier mit der von Chumbawamba inzwischen bekannten Zartheit, Subtilität vorgetragen wird, hat es faustdick hinter den Ohren!

Die Kontextabhängigkeit von Musik prägt andererseits auch den Inhalt vieler der insgesamt 17 Geschichten, die auf "ABCDEFG" (das ist die diatonische Tonleiter auf Englisch) rund um das Universum der Musik erzählt werden. Hier wird klar, dass dieses Kommunikationsuniversum der "Voices" noch komplexer ist als jenes der "Words", um das es beim vorigen Chumba-Album ging (dessen Titel sich gleichwohl bereits um die Musik drehte: The Boy Bands Have Won).

Mindestens fünf Dimensionen definieren dieses Musik-Universum.

Da ist erstens die Spannung zwischen der Produktion und dem Konsum von Musik. Etwas nostalgisch bemerken Chumbawamba, dass im Allgemeinen, z.B. in Kneipen, das Singen vom Zuhören abgelöst worden sei. Die Jukebox figuriert hier als Werkzeug einer passiv machenden Vereinzelung (Voices, that's all).

Aber die zweite Dimension: Individuum - Kollektiv steht quer zur ersten. Die unter Alzheimer leidende Operndiva, deren Lebensäusserungen sich auf das Singen immer derselben Phrasen aus "Madame Butterfly" beschränken (Puccini said), erscheint ebenso auf sich selbst zurückgeworfen wie der Teenager, der die Strasse hinuntergeht, verloren in der Welt seiner Kopfhörer (Missed). Und dann gibt es eben auch die individuelle Entdeckung einer "grösseren, besseren Welt im Dunkeln", mit dem Transistorradio unter der Teenager-Bettdecke, die uns in die 70er Jahre zurückführt (Underground).

Eine dritte Dimension ist die soziale, hier ist die Musik der Eliten von der Musik der Bevölkerung zu unterscheiden. Chumbawamba interessieren sich vor allem für die letztere.

Aber was soll man zu der Geschichte sagen, in der George Melly eine Bande Räuber in die Flucht schlägt, indem er Kurt Schwitters' dadaistische "Ursonate" rezitiert: "Fümms bö wö tää zää Uu, pögiff, kwii Ee" (Ratatatay)?

Ein besonderes Anliegen der Band ist, viertens, die Frage, wie mit dem musikalischen Erbe umzugehen sei. Hier entfalten sie die schon vom vorigen Album bekannte These, dass Musik nur überlebt, solange sie kreativ bleibt.

Das Streben nach möglichst originalgetreuer Wiedergabe alter Klänge macht aus Musik "Eingepökeltes" (Pickle).

Die Säulenheiligen der englischen Folk-Music-Traditionspflege werden überdies der Lächerlichkeit preisgegeben, weil das, was sie als "authentisches" traditionelles Liedgut aufzeichneten, von der Landbevölkerung oft ad hoc improvisiert wurde, um den ausgesetzten Shilling zu ergattern (The Song Collector).

Noch mehr Häme bekommt der Chef der faschistischen "British National Party", Nick Griffin, ab, der neuerdings die Parole ausgegeben hat, die Partei solle sich in lokale Folklore-Aktivitäten einklinken: "Sein Körper so steif wie kalte Lasagne / Denn alles, was er kennt, ist "Rule Brittannia" (Dance, Idiot, Dance).

Das berührt die fünfte hier zu erwähnende Dimension, die sich zwischen befreienden und unterdrückenden Wirkungen von Musik aufspannt. Am Empörendsten ist hier die Geschichte um James Hetfield, den Sänger der Heavy-Metal-Band Metallica, der die Verwendung von Songs der Band bei der Folterung irakischer Gefangener durch das US-Militär ausdrücklich begrüsste: "Wenn die Irakis nicht an Freiheit gewöhnt sind, dann bin ich stolz darauf, daran beteiligt zu sein, dass sie ihr ausgesetzt werden." In ihrem Lied hierzu drehen die Chumbas den Spiess gedanklich um, fesseln Hetfield und brechen schliesslich seinen Widerstand, indem sie ihm eine Scheibe mit "Chumbawambas Greatest Hits" vorspielen.

Neben der potenziellen Verwendung von Musik zu Zwecken der Unterdrückung ist Musik aber auch stets in Gefahr, selbst repressiven Massnahmen zum Opfer zu fallen.

Dies wird an einem Beispiel aus dem Mittelalter gezeigt: dem kirchlichen Verbot, den "Tritonus" zu verwenden, also die verminderte Quint als Intervall, worin sich die "Essenz des Bösen" äussere (The Devil's Interval). Auch wurde die denkwürdige Stellungnahme der DDR-Behörden im Jahre 1975 zu einem Lied verarbeitet, worin den Mitgliedern der Klaus Renft Combo angesichts ihrer kritischen Texte verkündet wurde, dass sie "nicht mehr existierten" (You don't exist).

Repression hat aber nicht das letzte Wort; gegen sie helfen Listen wie die Zweiteilung des kompositorischen Schaffens von Dimitri Shostakovich unter dem stalinistischen Kunst-Regime (Hammer, Stirrup & Anvil); oder es helfen Rasseln, wie sie ein KZ-Überlebender im Jahr 2000 erklingen liess, als zum ersten Mal ein Stück des notorischen Antisemiten Richard Wagner in Israel aufgeführt wurde (Wagner at the Opera).

Die Rassel, die ans Rasseln der Ketten und ans Rattern der Deportationszüge erinnert, wird in diesem Stück als Perkussionsinstrument eingesetzt. Der Tritonus wird im Devil's Interval ausgiebig demonstriert. Und mehrere Lieder integrieren O-Ton-Material.

Das ist schön an"schau"lich, um die Komplexität dieses fünfdimensionalen Kosmos auszuloten.

Aber mein "Missverständnis" beim ersten unaufmerksamen Hören der CD sollte ernst genommen werden. In den Arrangements von Chumbawamba ist nichts Raues mehr, nichts Verzerrtes, nichts Lautes.

Sie versagen sich einige Register, die durchaus von Wert wären. Im Refrain von Voices, that's all heisst es: "Stimmen sind alles - Schlaflied und Weckruf". Ein wenig mehr Weckruf hätte es schon sein dürfen.

Rüdiger Haude / Artikel aus: Graswurzelrevolution Nr. 349, Mai 2010, www.graswurzel.net

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