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Rezension zum Film von Rainer Werner Fassbinder Angst essen Seele auf

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Eines Morgens unterhält sich Emmi während einer Arbeitspause mit ihren Kolleginnen. Sie sprechen über die Gastarbeiter, die nach Deutschland geholt wurden und gerade in den 70er Jahren dort oft auf Ablehnung stiessen.

Rainer Werner Fassbinder am Filmfestival in Venedig.
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Bild: Rainer Werner Fassbinder am Filmfestival in Venedig. / Gorup de Besanez (CC BY-SA 4.0 cropped)

20. August 2011

20. 08. 2011

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So auch bei Emmis Kolleginnen, welche die Geschichte erzählen von einer alten Frau, die einen wesentlich jüngeren Ausländer geheiratet und sich damit zum Gespött der Gesellschaft gemacht hat. Ausgegrenzt werde sie nun, berichten die Putzfrauen, sie sei nun ganz alleine und habe keine Freunde mehr. Das, so wirft Emmi ein, sei doch aber gar nicht so schlimm, solange sie ihren Mann habe und mit ihm über alles reden könne. Illusionen seien das, ist die Antwort ihrer Kolleginnen.

Niemand könne glücklich sein, wenn er von allen ausgegrenzt werde. Einige Wochen später sitzt Emmi mit ihren Kolleginnen wieder dort, im selben Gebäude, wieder während der Pause. An diesem Tag muss sie merken, dass sie damals Unrecht hatte. Man kann nicht glücklich sein, wenn man von allen ausgegrenzt wird. Man zerbricht an der Einsamkeit, die einem auch die Liebe des Lebens nicht geben kann, wenn man von der Familie verlassen und von Freunden ignoriert wird. Nun ist es Emmi, die von den anderen Putzfrauen von oben herab behandelt wird, man beachtet sie nicht mehr, man behandelt sie wie den letzten Dreck, man macht ihr das Leben zur Hölle.

Dabei will die alte Frau nur glücklich sein und niemandem Schaden zufügen. Angefangen hat, in dem besten Film von Rainer Werner Fassbinder, alles an einem verregneten Abend in einer einsamen Kneipe. Emmi, dargestellt von einer brillanten Brigitte Mira, bestellt eine Cola, während im Hintergrund arabische Musik aus einer Jukebox ertönt. Die wenigen anderen Gäste starren sie aus weiter Entfernung fassungslos an. Schnell wird klar: sie passt nicht in dieses Milieu.

Einer von denen, die sie anstarren ist Ali (El Hedi ben Salem), der die Putzfrau schliesslich zum Tanz auffordert. Er ist Gastarbeiter und kennt die Situation, auch er wurde von anderen schief angesehen und fühlt sich noch immer als Aussenseiter. Langsam kommen sich Emmi und Ali, der gar nicht Ali heisst, sich aber bereitwillig von anderen so nennen lässt, weil das einfach auszusprechen ist, näher, weil sie nett zu ihm ist. Das tut ihm gut und er erwidert diese Freundlichkeit. Aus Dankbarkeit und Loyalität begleitet er die Putzfrau nach Hause, trinkt mit ihr einen Schnaps und da es spät geworden ist, lässt Emmi ihren Gast bei sich übernachten.

Die Hausbewohner tuscheln bereits hinter ihrem Rücken, was ein „stinkender Araber“ in diesem Mietshaus zu suchen habe. Emmi stört das nicht, sie bemerkt es anfangs nicht einmal. Doch sie schläft mit Ali und am nächsten Morgen bemerkt sie im Spiegel, wie alt sie eigentlich ist. Entgegen dieser Befürchtung, kann der Altersunterschied ihrer neuen Beziehung aber scheinbar nichts anhaben. Sie beschliessen zu heiraten, doch sie stossen auf eine Mauer des Hasses. Plötzlich gibt es niemanden, der ihre Partnerschaft toleriert, sie werden ausgegrenzt und sogar Emmis Kinder wenden sich gegen sie. Es ist die Geschichte einer unmöglichen Liebe…

El Hedi ben Salem war der Liebhaber des homosexuellen und drogenabhängigen Regisseurs Fassbinder. Ben Salem kam als junger Mann nach Deutschland, doch die hiesige Kultur befremdete ihn. Er griff zum Alkohol und stach in Berlin drei Menschen nieder. Er wurde daraufhin nach Frankreich, in ein Gefängnis abgeschoben, wo er sich schliesslich das Leben nahm. Manche sehen in „Angst essen Seele auf“ autobiographische Züge des Regisseurs, dessen Beziehung zum älteren Marokkaner abgelehnt wurde.

Es ist aber auch eine Neuverfilmung von „All That Heaven Allows“ des Amerikaners Douglas Sirk, der in seinem Werk von der Liebe einer Frau zu einem jüngeren Mann erzählt. Fassbinders Version ist weit mehr als nur eine Liebesgeschichte, es ist auch eine Anklage an eine rassistische Gesellschaft, es ist aber auch eine Satire auf das Spiessbürgertum, das sogar Polizisten mit langen Haaren verurteilt. So unterschiedlich Emmi und Ali auf den ersten Blick auch sind, so viele gemeinsame, wertvolle Eigenschaften haben sie, welche diese Beziehung ermöglichen.

Für Emmi ist der Araber ein Mensch wie jeder andere auch, ein attraktiver, muskulöser Mann, mit dem sie nur allzu gerne tanzt, während die anderen Gäste der Bar sie fassungslos anstarren. Nur Emmi findet nichts daran – und auch Ali nicht. Für beide ist der Gegenüber ein respektables Lebewesen, ein Mensch, der das Recht darauf hat, geliebt zu werden.

Viele Szenen, die Fassbinder in diesem Werk präsentiert, erfüllen lediglich eine Symbolfunktion, welche „Angst essen Seele auf“ teilweise absurd erscheinen lässt, als Emmi und Ali in einem Biergarten sitzen – ganz alleine inmitten leerer Stühle und die wenigen Gäste und Kellner stehen an der Tür des Restaurants und sehen ihnen missbilligend zu, ohne sich zu rühren.

Für beide wird diese Situation unerträglich, Ali flüchtet sich in das Bett einer anderen Frau, weil er, wie auch ben Salem im wirklichen Leben, nicht mit dieser deutschen Einstellung zurechtkommt und Emmi wiederum zerbricht an dieser Einsamkeit. „Lass uns in den Urlaub fahren“, sagt sie ihrem Ehemann, „und danach wird alles anders sein.“. Gegen Ende scheinen sich tatsächlich alle wieder mit ihnen zu versöhnen. Die Mieter, Emmis Kinder und der Inhaber eines Lebensmittelgeschäftes. Sie tun das natürlich nicht aus reiner Nächstenliebe, weil das verlogen wäre und das weiss Fassbinder. Sie tun das aus Eigennutz, weil sie Interessen haben, die nur durchzuführen sind, wenn man auf das vieldiskutierte Paar zugeht und ihnen die Hand reicht.

Das stört Emmi nicht, denn sie will nur ihren Frieden haben, den sie sich mit Ali so mühsam aufbauen wollte, als sie ihn in ihrer Wohnung schlafen liess. Aus Mitleid, weil, und auch hier greift die Sozialkritik, die Gastarbeiter zu sechst in einem kleinen Raum wohnen und übernachten müssen, in menschenunwürdigen Zuständen. Dieses grosse Herz wird Emmi von der Gesellschaft aber nicht gedankt und Ali bezahlt es ihr mit einem Seitensprung. Vielleicht kann es ein glückliches Ende für das Paar geben, doch dafür ist die Hilfe einer ganzen Gesellschaft nötig, welche die ganze Intimität einer Beziehung hier zerstört. Fassbinders Film ist schnörkellos und ehrlich – diese Ehrlichkeit sollte erschrecken.

Cineast
film-rezensionen.de

Angst essen Seele auf

Deutschland 1974 - 89 min.

Regie: Rainer Werner Fassbinder
Drehbuch: Rainer Werner Fassbinder
Darsteller: Brigitte Mira, El Hedi Ben Salem, Barbara Valentin, Irm Hermann
Produktion: Rainer Werner Fassbinder
Musik: Rainer Werner Fassbinder
Kamera: Jürgen Jürges
Schnitt: Thea Eymèsz

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 3.0) Lizenz.

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