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Die Ideologie des Herzens Proust, letzte Liebe

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„Es ist eine stolze Lebensleistung, die Recherche geschafft zu haben, nicht weil sie so lang ist, sondern weil man, um sie zu lesen, seine Seele stimmen muss wie ein Instrument.“ Jochen Schmidt

Marcel Proust, ca. 1894.
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Bild: Marcel Proust, ca. 1894. / Otto Wegener (PD)

Mit fortschreitendem Alter wird das Lesen zu einem immer schwierigeren Unterfangen. Welches Buch soll man wählen? Welchem Autor gibt man eine Chance? Und wie viel Seiten lässt man ihm, um einen zu überzeugen? Diese Fragen gleichen den Zweifeln von Verliebten, die noch unsicher sind, ob ihr Partner auch wirklich der Richtige ist. Nichts schlimmer, als irgendwann festzustellen, dass man seine Lebensjahre mit dem Falschen vergeudet hat, „gemeinsames Leben annulliert, Erfahrung selber gleichsam ausgestrichen wird“.[1]

Es ist inzwischen normal, dass die erste Liebe nicht die letzte ist und die zahlreichen Kontaktmöglichkeiten, die einem durch soziale Netzwerke zur Verfügung stehen, tragen das ihre dazu bei, die Suche nach einem immer noch besseren Partner ins Unendliche auszudehnen. Vielleicht taugt, wie René Pollesch vermutet, die Liebe heute tatsächlich nur noch dazu, Menschen loszuwerden. „Wir sagen dann, wir folgen der Stimme unseres Herzens, und verlassen jemanden für einen anderen. Wir gehen dahin, wohin der Zeiger des Herzens ausschlägt. Wie eine Flipperkugel.“[2]

Diese Ideologie des Herzens fügt sich ganz natürlich in eine Gesellschaftsform, die sich im Übergang von einer Kultur der Erinnerung zu einer der Aufmerksamkeit befindet. „Was momentan im Zentrum der Aufmerksamkeit steht, wird ins Scheinwerferlicht gerückt, doch kurz darauf wird der Lichtkegel wieder auf etwas anderes gerichtet, das wenig später wiederum überhaupt keine Rolle mehr spielt. Die Bestsellerlisten registrieren diesen permanenten Wandel punktueller Aufmerksamkeiten, aber es geht ihnen nicht darum, kontinuierliches Interesse und Nachhaltigkeit aufzubauen. Dem Markt geht es nur darum, Techniken zu entwickeln, wie man manipulativ für die ganze Gesellschaft eine möglichst gleich gelagerte Fokussierung von Aufmerksamkeit erreicht.“[3]

Angesichts der ungeheuren Menge an Büchern, die alljährlich den Markt überfluten, sind die Zeiten womöglich vorbei, als das Aufschreiben noch gegen Zerstörung und Vergessen geholfen hat. „Die Sintflut, die uns heute bedroht, wird durch das Aufschreiben selbst hervorgebracht.“[4] Ist es so nicht verständlich, dass man – aus Angst, auf der letzten Strecke an einen belanglosen Autor zu geraten – Zuflucht bei den ganz Grossen sucht? Selbst Thomas Mann nennt es eine „allzu riskante Zeitinvestierung“, sich an seinem Lebensabend noch mit moderner Literatur zu beschäftigen: „Ich ziehe die Grossen vor, die mir in meiner Jugend Freude machten.“[5]

Das ist bezeichnend. Scheinbar ist es gar nicht so wichtig, was man liest; viel kostbarer sind die Erinnerungen, die sich während des Lesens in einem Roman sedimentiert haben. „Es gibt vielleicht keine Tage unserer Kindheit“, schreibt Marcel Proust, „die wir so voll erlebt haben wie jene, die wir glaubten verstreichen zu lassen, ohne sie zu erleben, jene nämlich, die wir mit einem Lieblingsbuch verbracht haben.“

Die Gesamtheit all jener sinnlichen Eindrücke, in denen unser Lesen uns nur Belästigung hätte sehen lassen müssen, „grub im Gegenteil eine so sanfte Erinnerung in uns ein [...], dass, wenn wir heute manchmal in diesen Büchern von einst blättern, sie nur noch wie die einzigen aufbewahrten Kalender der entflohenen Tage sind, und es mit der Hoffnung geschieht, auf ihren Seiten die nicht mehr existierenden Wohnstätten und Teiche sich widerspiegeln zu sehen.“[6]

M. A. Sieber

Fussnoten:

[1] Theodor W. Adorno, Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben, 8. Aufl. Frankfurt am Main 2012, S. 88.

[2] Der Theatermacher René Pollesch. „Meine Texte sind Sehhilfen für die Wirklichkeit“, in: taz.de vom 15.01.2014

[3] Aleida und Jan Assmann, „Ohne Gedächtnis gibt es keine Kultur“, in: der blaue reiter 18 (2/2003), S. 70–77, hier: 73.

[4] Jan Assmann, „Das gerettete Wissen. Flutkatastrophen und geheime Archive“, in: Sintflut und Gedächtnis. Erinnern und Vergessen des Ursprungs. Hrsg. von Jan Assmann und Martin Mulsow, München 2006, S. 293–301, hier: 301.

[5] Frage und Antwort. Interviews mit Thomas Mann 1909–1955. Hrsg. von Volkmar Hansen und Gert Heine, Hamburg 1983, S. 374.

[6] Marcel Proust, Tage des Lesens. Drei Essays. Frankfurt am Main und Leipzig 2001, S. 7f.

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