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Kurd Adler. Zum 100. Todestag eines Vergessenen | Untergrund-Blättle

Kultur

Kurd Adler. Zum 100. Todestag eines Vergessenen Zitterndes Glück

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Kurd Adler schildert nicht vornehmlich die Welt der Schützengräben, sondern erzählt von einem Fühlen, einem tiefen poetischen Empfinden wider diese Welt. Stets schreibt er dabei nicht nur ums Überleben, sondern wirklich ums Leben.

14. Juli 2016

14. Jul. 2016

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„Zitterndes Glück ahnt sich vorbei“, heisst es im Gedicht Verheissung. Das ist die Botschaft. Er, dem Untergang wohl immer nahe und dann auch von ihm verschlungen, er wollte nicht untergehen. Aber er lag an der Front und er kam schliesslich dort auch um. Genaueres weiss man nicht. Selbst die Suchmaschinen sind ratlos, entsprechende Forschungen über Leben und Werk stehen nicht zur Verfügung und somit noch aus.

Lust und Schrecken

Leben, das ist auch etwas, das als Vorahnung und Vorstellung, als Vorspiel und Vorlauf schon da ist, wenn auch bloss im Ansatz und nicht als Fülle. Der Traum, den Adler träumte, war kein Albtraum. „Lebe gestorben“, schrieb etwa der im September 1915 gefallene August Stramm an Nell und Herwarth Walden. „Lebe lebendig“, hätte Adler wohl antworten müssen. Beides ehrt beide.

Adler gab sich dem Schrecken nicht hin, sondern wollte aus dem Schrecken raus, rein in die Welt der gefüllten Badewannen und geöffneten Ventile. Seine Lust rührte nicht aus dem Schrecken, sie war wider ihn, nicht aus ihm. Da war nicht die Spur einer Todessucht, sondern vielmehr Lebensfreude. Der Krieg diente als Kontrast zu dem, was Leben hätte sein können. Und der Poet hatte diverse Imaginationen davon. Doch er, der sich soeben aktivierende Dichter war an der Front, dem denkbar ungeeignetsten Ort praktizierender Sinnlichkeit.

Was er schreibt und wo er schreibt, das sind verschiedene Dinge. Der Krieg ist nur eine Folie im Raum und wann immer er diese abziehen kann, zieht er sie ab. Der Lyriker im Krieg war kein Kriegslyriker. Selbstverständlich war da auch Melancholie, aber seine Grundstimmung oder besser sein Grundwollen war geprägt von einer vitalen Sendung. Dieser hatte er sich hingegeben. Leben wollte er, gut leben, nicht sterben. Was ihn beseelte, das war ein schierer Lebensdrang, und dieser glänzt da in geschliffenen Versen: Nicht amorph, nicht diffus, nicht morbid.

Natürlich könnte man über Interpunktionen und Zeilenumbrüche und einige unnötige Klammern diskutieren, indes war wohl wenig Zeit zu redigieren und Rücksprache zu halten. Es mag also kleine Schwächen geben, aber es gibt keine Spur einer Peinlichkeit. Dunkel ist dieser Dichter nicht, vielmehr hell in allen Schlüssen, „hochzeitshell“ wie es bei ihm selbst heisst. Adler affirmiert nicht einfach das Leben, er bejaht des Lebens Möglichkeiten. Da möchte er zugreifen und zugegen sein. Nicht Angst prägte, sondern Lust.

Der Reim, obwohl in manchen Fällen noch existent, gestaltet nicht mehr die Gedichte. Er kann überlesen oder überhört werden. Er ist nämlich aus seiner Starre befreit, nur zufällig scheint er noch da zu sein, und verflüchtigt sich in den meisten Strophen ohnehin. Seine Gedichte sind nicht narrativ, aber sie sind auch nicht minimalistisch wie jene von August Stramm. Anders als bei Stramm, wo ein unermüdlicher Rhythmus die Zeilen diktiert, ist es bei Adler die Melodie, reich an Adjektiven, die nur selten ins Ornamentale kippen. Wird bei Stramm alles Überflüssige ausgesondert, so wird bei Adler das Flüssige noch flüssiger, Wortschätze werden oft geradezu hymnisch gehoben. Dieser Autor scheint (ähnlich Büchner) früh gereift zu sein, zumindest legt die innere Geschlossenheit seiner Poesie das nahe.

Adlers Lyrik ist weniger ambivalent vielsagend als dezidiert aussagend. Was er wollte und nicht hatte, das wusste er. So verzeichnen die lyrischen Würfe auch weniger die Bitterkeit des Krieges als die Liebe zum Leben. Dort, also da ist die grosse Alternative. Im Dasein. Ganz nahe und doch so fern. Der junge Mann ist ein Meister einer energetischen Umpolung. Schnell ist die Rede von Himmel und Pracht, von Süsse und Paradies, von Wollust und Grenzenlosigkeit. In einem Gedicht namens Ausblick heisst es:

Es mengen
Gedanken sich. Der Berg ist steigender Wall,
hinter uns leben Tiere, Frauen, und Fahnen
Ahnung von fernen Flüssen und Eisenbahnen
und keine Grenze. Vor uns brennender Schall
des Kriegs. Von Grauen durchklungene Nacht,
Lauern, Härte, gestorbener Häuser Klagen,
Knall, Krachen, Wut. An vielen Tagen
muss ich mich umsehen nach lange verlorener Pracht.

Eine ungemeines Verlangen mächtigt in dieser Poesie. Das Leben, es wird vorweggenommen als ein profanes Gebet:

Fast ist es seltsam, dass wir Menschen waren
denen das Leben wie Gebete schien,
die sich in Lüsten, Liedern offenbaren
und alle Sehnsucht schrie, in Melodien
und Räuschen wunderbarer Art zu leben.

Der Tod, der ist zwar da, aber nirgendwo bestimmend. Der Schrecken verschwindet nicht, aber er schwindet in diesen mächtigen Willensäusserungen eines jungen Soldaten an der Front. Das Feld, also auch das Schlachtfeld, wird ihnen nicht überlassen. Die Intention stösst die Realität vom Podest. Böse geendet hat die Geschichte trotzdem. „Kurd Adler wurde in den ersten Julitagen 1916 als dienstpflichtiger Soldat im Westen getötet. Er ist der Aktion ein wertvoller Mitkämpfer gegen diese Zeit gewesen“, schrieb Franz Pfemfert, der Herausgeber der Zeitschrift Die Aktion. Der Dichter ist also nur 24 Jahre alt geworden. Sein Leben, es war ihm nicht vergönnt. Viel Gegenzeit hatte er nicht. Soweit bekannt, sprechen wir hier von einem Oeuvre von ungefähr 30 Seiten. Unsäglich säglich

„Trakls Tote sind nie wirklich tot, wie seine Lebenden nie wirklich lebendig sind“, schreibt Katharina Maier im Vorwort zu einer Ausgabe der Traklschen Gedichte. Die Scheidung zwischen Tod und Leben war bei Trakl aufgehoben, bei Adler hingegen galt sie als fixe Schranke. Unser Autor legt nahe: Der Tod, was geht er mich an? So lange er mich nicht hat, ist er nichtig, und wenn er mich hat, bin ich nichtig. Adlers Eros kränkelte nicht am Thanatos. Dem Leben wollte er kein Ende setzen, sondern einen Anfang. Sein Leben wollte er setzen. Seine Gedichte legen ein deutliches Zeugnis ab, seine Zeilen sind zu lesen als ein grosses Vorhaben, ja Programm.

Bei Georg Trakl geht es tatsächlich um die poetische Offenbarung eines Untergangs, den eigenen inbegriffen. Da geht einer wirklich und im wahrsten Sinne des W6ortes zu Grunde und hilft dabei auch noch mit. Seine Lyrik ist geprägt von einer kategorischen Bitterkeit, er sieht eine „dämmernde Totenkammer“, das Menschengeschlecht hält er für „kalt und böse“, es bereitet uns eine „dunkle Zukunft“ heisst es in dem Gedicht Der Abend aus dem Jahr 1914. Er nennt jenes abwechselnd ein „verwesendes“, „entartetes“, „verfluchtes“, „entsetztes“. Georg Trakl war auf jeden Fall der moderndste deutschsprachige Dichter des 20. Jahrhunderts. Was übrigens eine Auszeichnung ist, ist doch dieses Jahrhundert als fortschreitendes Modern gut erfasst. Niemand brachte das so aufs Tapet wie Trakl. Darin liegen Grösse und Tragik.

„Ich verfalle oft in unsägliche Traurigkeit“, schrieb Georg Trakl an seinen Freund Ludwig von Ficker im Oktober 1914. Wir wissen nicht, was Adler seinen Freunden geschrieben hat, aber es müsste etwas ganz anderes gewesen sein, denn Adler verfällt im Gegensatz zu seiner Lage geradezu permanent in Zuversicht und Begehren. Der hatte Appetit, auch wenn es erzwungenermassen nur ein appetitus in prospectu sein sollte. Er sprach lieber vom Himmel als von der Hölle. Adler wollte in keiner Weise untergehen. Aufgehen wollte er vielmehr. Und aufgehen sollte auch das geliebte und gelobte Leben, das er wünschte und das er so temperamentvoll ausmalte.

Der Schützengraben wird nicht überhöht, er wird unterhöhlt. Die Worte unterspülen ihn, lassen ihn nicht gelten. Selbst das „breitgeflügelte Elend“, die „schwere Finsternis“ verstand er grandios zu wenden, ohne Elend und Finsternis zu verdrängen. Man lese Der Triumph – dieses Stück wider seinen Titel, in dem es etwa heisst:

Über den schweren Füssen hatte mein Hirn silberne Flügel
Flog – Flog und sang ein Triumphlied;
und bewundernd und köstlich reich warf ich es weg
in den aufspritzenden Schlamm.
Und jubelte in meinem Himmel, als ich sah,
dass Hunderte achtlos und keuchend vorübermarschierten.

Hoffnungslosigkeit, Aussichtslosigkeit, Erbarmungslosigkeit, das alles findet in seiner Lyrik kaum Eingang. Die Traurigkeit, die sich in ihr doch findet, ist die des Dichters, der an seinem Leben gehindert wird, der seine Möglichkeiten versäumt, seine Absichten nicht umsetzen kann. Aber das macht diese und jene nur umso stärker. Er verzweifelt nicht. Leiden ist sein Metier nicht. Da strahlt einer in säglichem Frohsinn. Und dieser Frohsinn ist keiner der Beschränktheit, sondern einer der perspektivischen Prosperität.

Kontrafaktische Konsequenzen demonstrieren, dass da einer weder in Kriegsbegeisterung noch in Depression verfällt. Laufend wird das Geschehen hintergangen. Kurd Adler wollte sich weder übergeben, d.h. mitmachen, noch aufgeben, d.h. kapitulieren. Adler wollte sich bewegen und zeigen, jenseits von Held und Opfer. Dass er letzterem nicht entging, ist tragisch. Hier wurde eine literarische Potenz sondergleichen zerstört und auch das schmale Werk – sieht man von einigen Anthologien ab – faktisch genichtet, so als hätte es dieses Vermögen nie gegeben. Adler, das ist (um eine Traklsche Formulierung zu entwenden) der „ungeborne Dichter“. Noch.

Morgen und Entnachtung

Georg Trakl, der dunkle Poet der „Umnachtung“ lag mit seinen Vorahnungen zweifellos besser als der liebestrunkene Poet des „Hochzeitshellen“. Und doch oder gerade deswegen ist alles dafür zu tun, und zwar immer, dass Trakl unrecht behalte und die Adlerschen Visionen Wirklichkeit werden. Kurd Adler ist nämlich ein Dichter der Entnachtung. Auch wenn es finster geworden ist, hätte es nicht so werden müssen. Geschweige dass es so bleiben muss. Das Licht geht bei Adler nie aus. Diese Literatur ist absolut exoterisch. Weniger differenziert als konzentriert, insbesondere aber diesseitig. Da ist kein Gott in der Nähe, auch kein abgedankter oder abgehalfteter. Das lyrische Ich zieht sich nicht zurück, es entrückt sich keineswegs, es entzückt sich vielmehr. Dauernd möchte es zu sich kommen.

Diese Lyrik, obwohl keineswegs schlicht, erschiesst sich bei gutem Willen und sorgfältiger Lektüre auch ohne professionelle Hilfe. Das Hermetische hält sich in Grenzen und das Kryptische ebenso. Es ist keine chiffrierende Literatur. Adler ist ein Autor des Begreiflichen. Es ist die inhaltliche Sequenz, die fesselt. Sie ist auch kaum meditativ. Adler überfordert seine Leser nicht, er fordert, er möchte, ja er möchte und das Morgen ist ihm nicht Drohung und Unheil, Zukunft will er haben! Jetzt!, oder zumindest Dann! Im Gegensatz zu Trakl ist Adler ein Dichter des frühen Morgens, einer Stunde, wo der Tag noch alles Wünschen erlaubt. „Damals war alles Hoffen städtegross“, sollte er an einer Stelle schreiben. Doch die Morgendämmerung, die hat dieser Poet nicht überlebt. So stand Adler nur am Anfang, und nichts mehr folgte. Über die Schützengräben kam er nicht hinaus. Später, da war er schon tot.

„Kurd Adler, was wäre aus ihm geworden? Ein zweiter Gottfried Benn?“, fragt Florian Voss, der im Mai 2014 eine ausgesprochen lesenswerte Anthologie mit dem Titel „Weltkrieg! Gefallene Dichter 1914–1918“ herausgegeben hat. Möglicherweise mehr, denn Benns Geschichte nach 1918 ist eine Abstiegsgeschichte, künstlerisch, politisch, menschlich, die ihn schliesslich in den Nationalsozialismus führte. Aber wissen können wir nicht, was Ahnung nahe legt.

Der andere Tag

Adler verfremdet nicht, er präzisiert und pointiert, er sprengt keinen Kosmos, er filtriert sich vielmehr sein Universum. Zaubert richtiges Leben aus falschem. „Keine Trompeten, kein Schnarchen, kein Schlamm, keine müden Glieder.“ Und weiter in diesem wohl letzten Gedicht aus dem Juni 1916 mit dem bezeichnenden Titel Wiederkehr:

Ein traumsilberner Flieger will ich den Lenz überfliegen, die schweren Bäume in ihren Kronen fassen und in freudig geneigter Demut wieder und wieder die Liebe durch tausend Ventile ausströmen lassen.

Wiederkehr steht an, zweifellos. Diese Verse, werden von mal zu mal reicher und klarer, gewinnen von Lesung zu Lesung. Wahre Schätze können gehoben werden. Verse beginnen zu leuchten, Verstecke werden erspäht, Wörter tanzen und die Sätze laufen auf uns zu, insofern wir nicht achtlos an ihnen vorbeigehen. Aber warum sollten wir? Die Flaschenpost ist angekommen. „Und keiner fand das Wort, das irgendwo an steilen Bergen hing“, lesen wir in Der andere Tag. Oh doch!

Franz Schandl
streifzuege.org

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