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Warum wir zwei, drei, viele Volksbühnen brauchen Die Vermessung des Schlachtfelds

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Die Volksbühne in Berlin ist in den letzten Jahren zum umkämpften Symbol geworden – zwischen City-Marketing und Gentrifizierung sowie politischen Widerstand und alternativen Kulturschaffen.

Theater «Volksbühne» am RosaLuxemburgPlatz in BerlinMitte bei Nacht.
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Bild: Theater «Volksbühne» am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin-Mitte bei Nacht. / Ansgar Koreng (CC BY-SA 3.0 (DE) cropped)

2. August 2019

02. 08. 2019

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Mit der Benennung von René Pollesch als zukünftigen Leiter des Hauses bekommt der Kampf um die umkämpfte Plattform nun einen neuen Drall. Die Kulturkritikerin und Autorin Luise Meier sprach dort über den Stand der Bewegung erklärte, warum wir mehr als nur eine Volksbühne brauchen:

Ich freue mich unglaublich heute dabei zu sein. Es ist, glaube ich, illusorisch hier in zehn Minuten, alleine und von so einem Podium herunter, etwas Substanzielles beitragen zu können, das passiert hier wahrscheinlich eher nebenbei und durch die Synergieeffekte.

Aber ich würde gerne ein paar Bildfetzen da lassen, die vielleicht etwas zum Mosaik beitragen. Mir ist im Vorfeld öfter die Frage begegnet: Jetzt sei doch die Entscheidung schon gefallen und alles wird gut, warum machen die denn diesen Gipfel noch? Aber das ist gerade das Geile. Das macht diesen Gipfel, dieses Zusammentreffen, diese Versammlung so grossartig, dass es diese überschüssigen Energien, diese überschüssige Wut und dieses überschüssige Diskussionsbedürfnis gibt.

Dass dieses Haus, vielleicht auch erst mit seiner Schliessung, etwas zum Kochen gebracht hat, was sich jetzt nicht mehr beruhigen will und quasi um sich greift und vom Rosa-Luxemburg-Platz ausgehend die Stadt unterwühlt. Es sind um die Volksbühne herum auf der Bühne, hinter der Bühne und im Zuschauer*inneraum Praktiken, Bedürfnisse, Gemeinschaften und Allianzen entstanden, die plötzlich freigesetzt wurden und zu einer sehr spannenden Dynamik in der Stadt geführt haben.

Zukunftsweisende Weigerung

Die Aufmerksamkeitsökonomie stadtpolitischer Entscheidungsabläufe wurde plötzlich ausgehebelt. Diese Weigerung sich abzufinden, wenn alle Welt und die gemeine Vernunft sagen, jetzt lohnt es sich nicht mehr, die Messen sind gelesen und dass man sich jetzt abzufinden habe usw. Diese Weigerung ist auch zukunftsweisend, wenn wir uns fragen, wie wir mit einer Politik umgehen, die uns immer öfter vor vollendete Tatsachen stellt und versucht uns unter dem Argument der Alternativlosigkeit zu begraben.

Diese Taktlosigkeiten, die der Politik zugemutet werden, sind ja kein versehentlich verspäteten Politikberatungsversuche, sondern markieren einen anderen Handlungsbereich und eine andere Beziehung als die von Service-PolitikerIn zu Bürger*innen-Kundschaft.

Die Fragen die sich an die Besetzungen, an die Proteste und Organisationsbemühungen anschliessen, sind nicht: Ist das richtig oder falsch, Kunst oder Nichtkunst, sondern was für Erfahrungen wurden gemacht, welche strategischen/taktischen Manöver haben wie gewirkt, welche Beziehungen wurden geknüpft, welche Allianzen geschlossen und gegen welche Tür wird welcher Amboss als nächstes in Position gebracht?

Kunst schaut in die Visiere der Polizei

Es ging immer auch darum einen Raum für Streit, Kritik, Erfahrung und Diskussion zu erkämpfen, zu nehmen, nicht zu beantragen oder zu erbitten und damit auch ein Bedürfnis der Stadt nach Begegnung und Diskussion sichtbar zu machen.

Da wird eine Logik unterbrochen, die uns heute überall als moralisches und politisches Handeln verkauft wird: Dass man in dem Designershop der einem nicht gefällt, ja nicht einkaufen müsse oder dass man in vier Jahren jemand anderes wählen könne. Was aber an der Frage vorbei geht, wem die Mietshäuser oder die Brachflächen oder die alten Industrieanlagen oder die Schienen oder die Theater gehören und wem sie gehören sollten.

Jenseits des Antrags, der Almosen, der Miet- und Kaufverträge, der Verwaltung, des Projektmanagements, selbst des Feuilletons behauptet sich plötzlich eine autonome Zone, die den Sinn und die Legitimation dieser gut geölten Maschinerie in Frage stellt. Und plötzlich starren vom Rand der Kunst aus die Visiere der Polizei zurück.

Das ist dann kein Abschluss und keine Niederlage der Bewegung, sondern das ist überhaupt erst mal die Sichtbarmachung der Verhältnisse und die Vermessung des Schlachtfelds. Das heisst zu dem Zeitpunkt der Räumung der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz wurde überhaupt erst ein realistischer Blick auf die Situation gewonnen. Das Feiern der Besetzung ist aber nicht als Absage oder Verurteilung der Arbeit in den Mühlen der Antrags- und Politikmaschinen gemeint.

Hipster bauen Barrikaden

Man könnte auch sagen: Wir haben unsere Leute überall. Die machiavellisch Begabteren unter uns, kundschaften die anderen Kanäle aus und strampeln sich dabei ab, Gelder und Diskurse an verschiedenen Stellen zu verschieben, die sich hoffentlich als Schaltstellen herausstellen. Darin steckt auch der Versuch von der Paranoia der Antikommunisten zu lernen. Nämlich, dass es auch darum geht den Kulturmarxismus gegen den sie mobilisieren, der sich heimlich in die Hirne frisst, in eine reale Strategie umzustricken.

Eine Veranstaltung wie die heute zeigt auch: Was nach aussen als Spaltung, fundamentaler Streit oder zusammenhanglose Szene erscheint, könnte auch als Arbeitsteilung, Maskenspiel oder Ausschwärmen der Bewegung funktionieren. Mag sein, dass die Revolution eintritt, weil Hipster es plötzlich für ein cooles Alleinstellungsmerkmal halten Barrikaden zu bauen und zu enteignen, statt Balkonkräuter zu züchten.

Oder wenn uns die „Deutsche Wohnen Enteignen“-Kampagne als fünfseitige Vorstellung des neusten Wohntrends im Schöner Wohnen Magazin begegnet.

Natürlich sind wir paranoid, haben Angst davor, dass kritische oder revolutionäre Kunst zum blossen Entertainment der Bourgeoisie verkommt, aber darin liegt vielleicht umgekehrt immer auch die Möglichkeit, dass Entertainment und Sensationslust plötzlich in Revolution kippen könnte. Wir werden erst vom Ende her nachzeichnen können wer wen unterwandert hat.

Nach dem Kellerabschlussstücks „Aufstand der Huren“ des Nie-Kollektivs hiess es in der taz, „Aufstand der Huren war damit wohl der deutsche Theaterabend mit dem bislang umfangreichsten Polizeieinsatz des 21. Jahrhunderts“. Daraus lässt sich eine spannende Utopie ableiten, dass das der neue Massstab wird an der sich die TheatermacherInnen, die was auf sich halten messen müssen.

AgitProp und Aktivismus

Dass ein Stück, das nicht die Polizei auf den Plan ruft, so peinlich und langweilig wirkt, wie ein leer bleibender ZuschauerInnenraum. Es gibt viele Stellen an denen gerüttelt und gezerrt werden muss, damit das ganze kippt, das passiert nicht automatisch. Dafür braucht es AgitProp und Aktivismus an allen möglichen Hebeln, was wir, um nicht Angst und Schrecken zu verbreiten, auch als „influencer“ bezeichnen können.

Mit dem Ende der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, lag kurz eine Drohung in der Luft, dass die Leute, deren Augen da so lange an das Bühnengeschehen gefesselt waren, jetzt unkontrolliert in die Welt hinausströmen könnten und dass überall, wo Bevölkerung rumlungert plötzlich Volksbühne oder vielleicht sogar ein Platz für Rosa Luxemburg sein könnte.

Ich bin auch total gespannt, was in der Volksbühne passieren wird, aber es gibt schon noch den Nachhall dieses Rufs: schaffen wir zwei, drei viele Volksbühne, zwei, drei, viele Rosa-Luxemburg-Plätze! Das kann von der Zersplitterung her passieren, die mit dem Abgang Castorfs stattgefunden hat, wenn diese Splitter es schaffen hier und da Entzündungen hervorrufen.

Das kann aber auch passieren, weil die Horde, die da bald in dieses Haus einzieht und die noch unter dem Namen Pollesch firmiert, von dort aus überschiesst und heraussuppt und die konservativ autoritären ebenso, wie die neoliberalen Hauptstadtphantasien besudelt.

Luise Meier
berlinergazette.de

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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