Zug des Lebens Der Traum vom Leben

Kultur

Mihaileanu sind der Schrecken und der Terror stets bewusst. Im Film sind sie stets präsent. Er sei, sagt er, zu dieser Geschichte u.a. auch aufgrund von Stephen Spielbergs „Schindlers Liste” gekommen.

Der rumänisch-französische Filmregisseur Radu Mihăileanu in Berlin, März 2005.
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Der rumänisch-französische Filmregisseur Radu Mihăileanu in Berlin, März 2005. Foto: TwoWings (CC-BY-SA 3.0 unported - cropped)

27. Juni 2023
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„Shtetl, Shtetl, Shtetele
vergiss mich nicht, mein Sthetele.
Ich stieg einst in die Eisenbahn,
um weit wegzufahren.
Shtetl, Shtetl, Shtetele
vergiss den Blick der Menschen nicht.
Denn es hält am Leben mich,
wie wunderbar verrückt sie war'n,
wie wunderbar sie war'n.”
(Lied von Schlomo, dem Narren)

Radu Mihaileanu wurde 1958 im rumänischen Bukarest als Sohn von Ion und Veronica Mihaileanu geboren. Nach seiner Flucht 1980 vor der Diktatur Ceaucescus kam er nach Frankreich, studierte am L'Institut des Hautes Études Cinématographiques und arbeitet seitdem als Regisseur und Drehbuchautor. Sein Vater, Schriftsteller, Journalist, wuchs in einem der vielen osteuropäischen Shtetl auf, wurde von den Nazis in ein Arbeitslager deportiert und überlebte den Holocaust, weil er aus dem Lager fliehen konnte.

Radu Mihaileanu arbeitete lange an der Idee zu einem Film, in dem er nicht die Gräueltaten der SS, die Vernichtungslager zeigen wollte, sondern etwas längst Ausgelöschtes, Ausradiertes: Das Leben im Shtetl, jenem Ort jüdischen Lebens in Osteuropa, das es nicht mehr gibt. Er bot die Rolle des Dorfnarren Schlomo Roberto Benigni an, der jedoch ablehnte und im selben Jahr wie Mihaileanu einen inhaltlich „verwandten” Film – „Das Leben ist schön” – in die Kinos brachte, in dem ein jüdischer Vater durch Humor und allerlei Erfindungsgabe seinem Sohn das Leben rettet.

„Mordechai: Freund-schäft-liche Beziehung.
Schmecht: Freundschaftliche Beziehung.
Mordechai: Ich schaff's nicht. Warum ist es nur so schwer?
Obwohl, ... es ist dem Jiddischen sehr ähnlich. Ich verstehe alles.
Schmecht: Das Deutsche ist sehr hart, Mordechai, ... präzise und traurig.
Jiddisch ist eine Parodie des Deutschen. Hat jedoch obendrein
Humor. Ich verlange also nur von Ihnen, wenn Sie perfekt Deutsch
sprechen wollen, ohne eine Spur von jiddischem Akzent,
den Humor wegzulassen. Sonst nichts.
Mordechai: Wissen die Deutschen, dass wir ihre Sprache parodieren?
Vielleicht ist das der Grund für den Krieg?”

1941. In einem jüdischen Shtetl irgendwo in Rumänien, stürzt der Dorfnarr Schlomo (Lionel Abelanski) völlig aufgeregt auf den Marktplatz und berichtet, die deutschen Truppen würden sich nähern. Die Dorfältesten, darunter auch der Rabbi (Clément Harari), beraten, was zu tun sei – und es ist Schlomo, der eine aussergewöhnliche Idee hat: Man solle sich einen Zug mit allem Drum und Dran besorgen, einen Teil der Dorfbewohner als deutsche Soldaten verkleiden, samt Offizier, den Zug mit Hakenkreuzen versehen und den Rest der Einwohner als Deportierte in die Wagons verfrachten.

Der Zug solle dann Richtung russischer Grenze fahren, um von dort aus irgendwie nach Palästina zu kommen. Nach einigem Hin und Her beschliessen die Ältesten, Schlomos Idee zu realisieren. Es wird Geld gesammelt, die Frauen kümmern sich um die Versorgung mit Lebensmitteln und allem, was für die Reise notwendig ist, die Ältesten und der Rabbi suchen Freiwillige, die deutsche Uniformen anziehen, finden aber zunächst niemanden. Man muss die geeigneten Personen auswählen. Mordechai (Rufus) wird als Offizier auserkoren.

Ein des Deutschen mächtiger Sprachwissenschaftler namens Schmecht (Johan Leysen) soll den „deutschen” Soldaten das Jiddische aus- und das „reine” Deutsche eintreiben. Die Schneider bitten die als Soldaten Auserkorenen, den Hitler-Gruss zu absolvieren, um die Ärmellänge der Uniformen exakt bestimmen zu können. Die Lokomotive, die sich in einem erbärmlichen Zustand befindet, wird restauriert, der erste Wagon für den „Offizier” ausstaffiert und ein eigens herbeigeholter Mann soll mit Hilfe eines Handbuchs über Lokomotiven den Zug in Bewegung setzen. Das ganze Dorf ist in heller Aufregung, Musik spielt, es wird gesungen, alles und alle wirbeln durcheinander, um die Abfahrt vorzubereiten.

Schliesslich kann es losgehen. Der Zug setzt sich in Bewegung.

Man ist vorbereitet, so gut es geht – auch auf eine mögliche Begegnung mit deutschen Truppen, die dann auch tatsächlich stattfindet. Aber nicht nur die Deutschen sind ein Problem. Innerhalb der fahrenden Dorfgemeinschaft bildet sich, ausgehend von Jossi (Michel Muller), eine kommunistische Gruppe, die ständig versucht, neue Anhänger zu finden und zum anderen die Religion attackiert. Und was sie alle nicht wissen: Der Zug wird beobachtet – von Partisanen, die zunächst tatsächlich glauben, es handle sich um einen Deportations-Zug der SS. Als der Zug irgendwann Halt macht, beobachten die drei Partisanen, wie sich die Insassen zum Sabbat versammeln und die vermeintlichen deutschen Soldaten ebenfalls beten. Sie sind völlig verwirrt und melden dies ihrem Chef über Funk, der daraufhin befiehlt, den Einsatz abzubrechen.

Der Zug des Lebens fährt weiter ...

„Mordechai: Schlomo, ... wieso bist du der Verrückte?
Schlomo: Durch Zufall. Ich wollte Rabbi werden, aber den gab's schon.
Und weil ein Verrückter fehlte, dachte ich mir: Bevor jemand
anders verrückt wird, werde ich verrückt.
Mordechai: Fühlst du dich nicht etwas allein?
Schlomo: Nein, nein ... es gibt ja viele Verrückte.
Mordechai: Nein, ich meine doch eine Frau. Wieso hattest du nie eine
Frau, Schlomo? Und Kinder? Eine Familie?
Schlomo: Ich bin doch nicht verrückt. ... Ich hätte zu viel geliebt. ...
Ich wäre vor Liebe gestorben. ... Oder verrückt geworden. Nein, nein!”

Es wurde oft die Frage gestellt, ob man im Zusammenhang mit Holocaust und Nationalsozialismus Komik als Mittel einsetzen darf. Man erinnere sich an Filme wie den schon erwähnten „Das Leben ist schön”, aber auch „Jakob, der Lügner” (1975 von Frank Beyer; 1999 von Peter Kassovitz), Ernst Lubitsch „Sein oder Nichtsein” (1942) und Chaplins „Der grosse Diktator” (1940). Diese Frage unterstellt, jemand, der das tue, wolle sich über das Schicksal der jüdischen Verfolgten lustig machen und / oder den Holocaust verharmlosen.

Doch gerade „Zug des Lebens” zeigt etwas ganz anderes. Das französische „Train de vie” hat eine Doppelbedeutung in bezug auf den Film. Es gibt an, was tatsächlich im Film geschieht; zum anderen bedeutet der Ausdruck: Lebensstil, Lebensweise, Lebensart. Mihaileanu zeigt etwas, was ausgerottet wurde – das Leben im Shtetl, diese besondere Gemeinschaft der Juden in osteuropäischen Ländern, den jiddischen Humor, die spezielle Art und Weise, Konflikte zu lösen, auf Probleme zu reagieren und Lösungen zu finden. Die Idee, es den deutschen Verfolgern „nachzumachen” und eine Deportation vorzutäuschen, um der Vernichtung zu entgehen, gehört zu dieser speziellen Lebensart.

Der Zug ist aber vor allem wirklicher Ausdruck des Lebens, etwas, das sich bewegt, nicht verharrt, ein Mittel, um den eigenen Lebensstil im Angesicht des drohenden Todes „auf Fahrt” zu schicken, um woanders, in Palästina, weiter zu existieren. Am Anfang kommentiert einer der Dorfältesten Schlomos Idee des Zuges mit den Worten: „Der Mann ist wirklich meschugge! Wir nehmen ihnen die ganze Arbeit ab, wenn wir uns selbst deportieren. Etwas Dümmeres gibt es gar nicht. Wenn sie uns schon deportieren, sollen sie sich wenigstens anstrengen!” Dabei steht der Zug, dieses Hilfsmittel, das die Einwohner des Shtetl benutzen, nicht im Zentrum des Geschehens.

Mihaileanu ist sorgfältig und in jeder Hinsicht sensibel genug, um die Dorfgemeinschaft in den Mittelpunkt zu rücken. Da werden kleine Liebesgeschichten erzählt, da wird Jossi gezeigt, der mit seiner „kommunistischen Zelle” glaubt, eingreifen zu müssen, der aber vom Rabbi und den Weisen des Dorfes als Teil der Gemeinschaft behandelt wird – trotz allen Streits. Da wird gezeigt, mit welchen Schwierigkeiten Mordechai in seiner Rolle als deutscher Offizier zurechtkommen muss, kurz: es wird eine angesichts der Todesgefahr erstaunlich intakte Gemeinschaft gezeigt, in der Ausgrenzung ein Fremdwort zu sein scheint.

Demgegenüber erscheinen die deutschen Soldaten, denen man begegnet, als Deppen. Aber diese Darstellung beruht nicht auf einer Verharmlosung der tatsächlichen Gefahren, sondern ist – besonders im Hinblick auf das tragische Ende des Films – ein weiteres Mittel, um mit Humor einer Situation zu begegnen, die an sich nur schrecklich ist.

„Ein Journalist hat mich gefragt:
'Überlebt Schlomo den Krieg,
der ja im Film noch nicht zu Ende ist?'
Am Anfang hat er mich mit seiner
Frage überrascht, doch dann habe
ich die Antwort gefunden. Ich
habe ihm gesagt: 'Das hängt nicht
von mir ab, das hängt von Ihnen
und vom Publikum ab. Wenn Sie
Schlomo vergessen, stirbt er,
wenn sie ihn nie vergessen,
wird er nie sterben.”
(Radu Mihaileanu)

Mihaileanu sind der Schrecken und der Terror stets bewusst. Im Film sind sie stets präsent. Er sei, sagt er, zu dieser Geschichte u.a. auch aufgrund von Stephen Spielbergs „Schindlers Liste” gekommen. Man könne nicht ewig und immer die Shoah auf der Ebene des visuell dargestellten Schreckens und der Tränen behandeln. Das, was nicht gezeigt wird, ist gerade deshalb oftmals schrecklicher in seiner Wirkung, als wenn man versucht, es in allen Einzelheiten zu visualisieren. Dem folgt „Zug des Lebens”. Dabei vermeiden Mihaileanu und vor allem auch seine Schauspieler jegliche Peinlichkeit auf dem schmalen Grat zwischen Komik und Tragödie, zwischen Ernsthaftigkeit und Satire.

Ulrich Behrens

Zug des Lebens

Frankreich

1998

-

103 min.

Regie: Radu Mihăileanu

Drehbuch: Radu Mihăileanu

Darsteller: Lionel Abelanski, Rufus, Clément Harari

Produktion: Marc Baschet, Ludi Boeken, Frédérique Dumas-Zajdela, Eric Dussart, Cédomir Kolar, Radu Mihăileanu

Musik: Goran Bregović

Kamera: Yorgos Arvanitis, Laurent Dailland

Schnitt: Monique Rysselinck