Wladimir und Rosa Film und Ideologie

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Kultur

"Wladimir und Rosa" ist eine Mischung aus Gerichtsfilm, filmischem Experiment und politisch motiviertem Essay.

Die französische Schauspielerin Juliet Berto (hier im Februar 1972 in Amsterdam) spielt in dem Film die Rolle von Juliet.
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Die französische Schauspielerin Juliet Berto (hier im Februar 1972 in Amsterdam) spielt in dem Film die Rolle von Juliet. Foto: Joost Evers- Anefo (PD)

Datum 1. Mai 2024
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Es ist ein Film von grosser inhaltlicher Klarheit, geprägt von sehr viel Freude am Experimentieren seitens Gorin und Godard, der bisweilen etwas umständlich formuliert ist, aber dafür sehr viel Gedankenfutter für seinen Zuschauer bereithält.

Ausgehend von dem Prozess gegen die Chicago Eight, einer Gruppe US-amerikanischer, politischer Aktivisten, rekonstruiert der Film auf sehr eigenwillige Art und Weise den Prozess gegen die diese, aber auch deren Verhaftungen und ihre Verwicklungen innerhalb der Protestbewegung. Während Juliet (Juliet Berto), Yves (Yves Afonso), Ann (Anne Wiazemsky), Dave (Claude Nedjar) sich vor dem Gericht, vertreten durch Richter Julius Himmler (Ernst Menzer), verteidigen müssen, diskutieren Wladmir und Rosa (Jean-Luc Godard, Jean-Pierre Gorin) nicht nur über den Prozess, sondern über das Medium Film generell, inwiefern dieses eine objektive Wahrheit einfangen kann und einen Beitrag zu jenem Protest gegen das Unrecht des Staates leisten kann.

Film und Ideologie

Innerhalb der Kunstgeschichte finden sich viele Manifeste, Kataloge von Regeln und Überzeugungen, die meist einem ideologischen Kontext folgend, eine neue Sprache der Kunst anstreben. Mag man die Ideen des Dadaismus oder des Dogma-Manifests aus heutiger Sicht belächeln, sollte man sich vor Augen führen, welche gewichtige Rolle die Verfasser dieser Gedanken der Kunst in der Welt zuschreiben und wie sie dieses mit den ihnen gebotenen Mitteln verändern wollen. Auch wenn nicht jedes Manifest überlebt hat – Lars von Trier und Thomas Vinterberg haben in ihren Filmen nach Verfassen des Manifests bereits gegen die auflegten Regeln verstossen –, so kann man die Nachbeben dieser Konzepte und der darauf entstandenen Kunstwerke bis heute durchaus spüren.

Auch wenn keines der Mitglieder je ein solches Manifest niedergeschrieben hat, so stehen die Filme der Dziga Vertov-Gruppe, benannt nach dem sowjetischen Filmemacher (1896-1954) für sich als Ausdruck der Bestrebungen, die Regisseur Jean-Luc Godard und Filmkritiker Jean-Pierre Gorin motivierten, die Form des Mediums Film zu überdenken und ihn als probates Mittel des Protests gegen tradierte Erzählformen sowie den Staat neu zu definieren. In einem Interview aus dem Jahre 1972 beschrieb Godard, dass man vor allem mit der Trennung von Form und Inhalt brechen wollte, da diese Überzeugung in seinen Augen Ausdruck einer bourgeoisen Ideologie sei. Konsequenterweise sind die Filme der Gruppe, wie auch der 1971 entstandene Wladimir und Rosa, radikale Formexperimente, die mit Mitteln des dokumentarischen Theaters und dem filmischen Erzählen spielen.

Wer schon einmal eines der filmischen Formexperimente Jean-Luc Godards, wie beispielsweise den schönen Bildbuch, Film Socialisme oder Adieu au Langage, gesehen hat, wird einige der in Wladmir und Rosa verwendeten Mittel und Formen kennen, auch wenn man gerechterweise sagen muss, dass Godard diese im Laufe seiner langen Karriere natürlich weiterentwickelt hat. Blendet man einmal den omnipräsenten politischen Aspekt des Films aus, so erkennt man die Eigenwilligkeit, aber auch den Mut von Godard und Gorin an, die versuchen die Ideologie hinter einer Bild oder dem Film als Ganzes offenzulegen und der Wahrheit nahezukommen. In dem sehr interessanten, wenn auch reichlich überladenen Monolog zu Anfang des Films, in welchem Godard per Voice-over den Zusammenhang von Theorie und Praxis anhand verschiedener Bilder erklärt, welche je nach Kombination von Bild und Text anders zu werten und zu verstehen sind, gibt die Gruppe eine Einleitung und einen Vorgeschmack auf das, was den Zuschauer in den nächsten anderthalb Stunden erwartet.

Protest und Komik

Aus heutiger Sicht mag das Vorgehen Gorins und Godards sperrig und umständlich erscheinen, aber im Gegenteil könnte die Aussage nicht klarer sein. Vergleicht man die Darstellung eines Prozesses innerhalb eines traditionellen Gerichtsdramas mit den Szenen aus Wladimir und Rosa erkennt man, dass die Filmemacher mit einfachen Mitteln etwas sehr Essenzielles auf den Punkt bringen, beispielsweise wenn einer der Angeklagten ständig eine Pistole an der Schläfe hat oder die Regisseure die Konstruiertheit des Films durch den Schnitt kommentieren.

Nicht das Bild oder der Film soll hier als Mittel der Unterdrückung dienen, sondern im Gegenteil soll sich der Zuschauer auf das Unrecht, die Ideologie des Vorgangs konzentrieren und erkennen, welche Beweggründe eine Rolle spielen. Vergleichen lässt ich dies mit dem Verfremdungseffekt im Theater des Bertolt Brecht, eine wichtige Inspirationsquelle der Dziga Vertov-Gruppe, dessen Wirkung auf der Theaterbühne die Distanz des Zuschauers zur Folge haben soll, der so beurteilen kann, welche Zusammenhänge für eine Aktion oder einen Umstand eine Rolle spielen.

Eine ähnliche Rolle könnte man auch jenen unerwarteten Momenten der Komik unterstellen, die besonders in jenen Szenen zu finden ist, in denen Godard und Gorin sich als Rosa und Wladmir über den Film an sich unterhalten. Wie die Tennisspieler um sie herum spielen die beiden sich gegenseitig den Ball zu, ereifern sich in leicht stammelnd vorgetragenen Gesprächsbeiträgen über den Film als solchen und das System des Kapitalismus.

Rouven Linnarz
film-rezensionen.de

Wladimir und Rosa

Frankreich

1971

-

103 min.

Regie: Jean-Luc Godard, Jean-Pierre Gorin

Drehbuch: Jean-Luc Godard, Jean-Pierre Gorin

Darsteller: Juliet Berto, Yves Afonso, Anne Wiazemsky

Musik: John Morris

Kamera: Armand Marco

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 4.0) Lizenz.