UB-Logo Online MagazinUntergrund-Blättle

Wenn Gott schläft | Untergrund-Blättle

5133

Ein Leben wie in einem Thriller Wenn Gott schläft

Kultur

Ein Musiker kämpft gegen die Unterdrückung in seinem Land und wird dafür zu Tode verurteilt – das ist mal ein etwas anderes Thema für eine Dokumentation. Die eigentliche Kunst kommt dabei insgesamt etwas kurz, „Wenn Gott schläft“ stellt aber interessante wie schwierige Fragen zum Wert eines solches Kampfes.

Der iranische Musiker Shahin Najafi mit der Rap-Combo Tapesh 2012.
Mehr Artikel
Mehr Artikel
Bild ansehen

Der iranische Musiker Shahin Najafi mit der Rap-Combo Tapesh 2012. Foto: Behnaz Dashtkyan (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

20. November 2018
1
0
4 min.
Drucken
Korrektur
Als der indisch-britische Schriftsteller Salmon Rushdie 1989 vom iranischen Staatschef zum Tode verurteilt wurde, weil der sich in „Die satanischen Verse“ blasphemisch geäussert haben solle, war weltweit die Aufregung gross. Shahin Najafi kann davon ein Lied singen. Er hat es wohl auch, denn in seiner Musik wendet sich der Iraner ständig gegen die Unterdrückung seines Landes. Dass auch auf ihm ein Kopfgeld liegt, viele Jahre schon, das hat die Weltöffentlichkeit jedoch weniger interessiert. Mag sein, dass bald 30 Jahre nach dem Autor der Wahnsinn schon viel zu sehr Alltag ist, als dass man ihn noch wahrnehmen würde. Es liegt aber sicher auch daran, dass hier eben kein weltberühmter Literat in die Schussbahn geraten ist, sondern ein Sänger, den ausserhalb seines Landes kaum einer kennen wird.

Das ist daheim anders. Dort hat er viele Feinde, die sich mit nicht weniger als seinem Tod zufriedengeben. An einer Stelle in Wenn Gott schläft dürfen wir erfahren, wie eine Internetseite Tipps zum Herstellen einer Bombe gibt. Das Ziel: Shahin. Aber er hat eben auch Anhänger, viele sogar. Für sie ist er einer der wichtigsten Helden im Kampf gegen Ungleichheit, Unterdrückung und Bigotterie.

Sie feiern ihn für seinen Mut, dafür, dass er den vielen Sprachlosen eine Stimme gibt. Aber auch das ist nicht ganz ungefährlich. Als sich bei einem Konzert eine Menschenmenge bildet, wird gleichzeitig auch die Nervosität hoch. Schliesslich kann niemand sagen, ob sich unter den vermeintlichen Anhängern nicht doch ein Attentäter versteckt hat.

Ein Leben wie in einem Thriller

Szenen wir diese hat Regisseur Till Schauder (Der Iran Job) einige auf Lager. Mal steigen Shahin und ein Mitstreiter panisch aus dem Auto, weil sie ein verdächtiges Geräusch gehört zu haben glauben. An einer anderen Stelle erzählt er, dass er nachts immer nur leicht schläft und zu seiner Sicherheit ein Messer griffbereit hat. Denn man weiss nie, wann und wo seine Feinde zuschlagen werden. Manchmal wirkt die Dokumentation da sogar fast schon wie ein Thriller: Ein ständiges Gefühl der Bedrohung schwingt mit, wenn die Truppe unterwegs ist. Jeder Schritt hier, so meint man zumindest, könnte der letzte sein.

Und doch ist Wenn Gott schläft nicht einfach dazu da, dem Publikum einen Schauer über den Rücken laufen zu lassen. Genauso wenig geht es hier darum, einfach nur die Absurdität der religiösen Ereiferer aufzuzeigen. Stattdessen nutzt Schauder die Gelegenheit, um einige wichtige Fragen in den Raum zu werfen. Wann ist der Kampf gegen eine gewaltbereite Diktatur noch mutig? Wann ist sie fahrlässig? Das zeigt sich besonders bei seinen Begleitmusikern, zunehmend deutscher Herkunft, die zuvor unterschätzt haben, was das bedeutet – ein Leben zwischen Bühne und Friedhof. Ist es das wert? Einige werden dies mit der Zeit in Frage stellen, den unbedingten Widerstand von Shahin nicht länger teilen wollen. Gerade die Querverbindungen zu Charlie Hebdo zeigen: Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Ebenso wenig, ob Meinungsfreiheit nicht doch auch Grenzen hat.

Bittere Ironie

Dass die Dokumentation den Sänger über Jahre hinweg begleitet, gibt zudem die Möglichkeit, auch die aktuelle Flüchtlingsdebatte miteinzubeziehen. Shahin, der schon seit Jahren in Deutschland lebt, wird nun angefeindet. Ausgerechnet er, der sich immer für westliche Werte eingesetzt hat. Rassismus aus dem Westen, Todesdrohungen aus dem Osten – die Kombination ist so absurd, dass man lachen möchte. Und es doch nicht kann.

Schade an «Wenn Gott schläft», das nach mehreren Festivalauftritten unter anderem beim Film Festival Cologne auch in die deutschen Kinos kommt: Die Musik kommt irgendwie ziemlich kurz. Wir bekommen zwar diverse Auftritte zu sehen, hören auch seine Lieder. Aber auch die stehen immer im Kontext des Widerstandes, sind Ausdruck seines starken Willens. Um eine herkömmliche Musikdoku handelt es sich hier also nicht. Der Film ist auch nicht so ehrerbietend, wie wir es hier meist gewohnt sind, der Rebell macht nicht immer die beste Figur. Aber auch das macht das hier spannend, selbst als Nicht-Fan gibt es eine Menge, das einen bis weit nach den Credits begleiten wird.

Oliver Armknecht
film-rezensionen.de

Wenn Gott schläft

Deutschland

2017

-

88 min.

Regie: Till Schauder

Drehbuch: Till Schauder

Darsteller: Shahin Najafi, Gunter Wallraff

Produktion: Till Schauder

Musik: Camilo Froideval

Kamera: Gerardo Milsztein

Schnitt: Tina Grapenthin

Mehr zum Thema...
Regisseur Stéphane Brizé zeigt in seinem Film «Der Wert des Menschen» ein bedrückendes Bild der Arbeitswelt in Frankreich.
Rezension zum Film von Stéphane BrizéDer Wert des Menschen

16.03.2016

- Ob mit Arbeit oder ohne, in dem französischen Film „Der Wert des Menschen“ von Stéphane Brizé hat eigentlich keiner genug Geld.

mehr...
Der iranische Filmregisseur Mohammad Rasoulof, März 2017.
A Man of IntegrityKampf gegen ein kaputtes System

05.05.2019

- „A Man of Integrity“ nimmt uns mit in den Norden Irans, wo eine Familie ihre Fischzucht gegen korrupte und gewalttätige Kräfte zu verteidigen versucht.

mehr...
Kleidung aus dem Film «Suffragette», welche Helena Bonham Carter während der Protest-Szene vor dem Parlament trug. Im Hintergrund das Kleid von Meryl Streep, das sie während ihrer Ansprache auf dem Balkon anhatte.
Rezension zum Film von Sarah GavronSuffragette – Taten statt Worte

25.06.2018

- „Suffragette“ erinnert an den harten Kampf der englischen Frauenrechtsbewegung vor rund hundert Jahren.

mehr...
Der Iran Job

28.02.2013 - Der Regisseur Till Schauder hat für den Film The Iran Job den afro-us-amerikanischen Baskettballspieler Kevin Sheppard bei dessen Engagement für einen iranischen Verein begleitet. Es geht um unerwartete Erfahrungen, Sportlichen Wettkampf und schliesslich um das Aufbegehren vieler Iraner und insbesondere von Iranerinnen in der Grünen Bewegung gegen den Wahlfälscher Ahmadinejad.

Islam - Glaubensfreiheit - Atheismus Gespräch mit Mina Ahadi vom Zentralrat der Exmuslime

09.03.2013 - Gespräch mit Mina Ahadi vom Zentralrat der Exmuslime (http://www.ex-muslime.de) Dem Glauben abzuschwören, Atheist zu sein oder zu einer anderen Religion überzutreten, kann in manchen Ländern mit dem Tode bestraft werden. Wegen ihrer politischen Aktivitäten steckbrieflich gesucht und später auch in Abwesenheit zum Tode verurteilt, lebte Mina Ahadi zunächst acht Monate im Untergrund (mitten in Teheran). 1981 flüchtete sie nach Iranisch-Kurdistan.

Dossier: Obdachlos
Benoît Prieur
Propaganda
Unsern Feinden

Aktueller Termin in Berlin

Solicafé Schlürf // Regenbogencafé

Hallo,
heute wieder Kaffee und Kuchen (und/oder Sandwiches) im Schlürf gegen Spende, 12-18 Uhr.
Spenden gehen derzeit an die Gruppe No Nation Truck (https://nonationtruck.org/).

————————

Hello,
today ...

Donnerstag, 9. Februar 2023 - 12:00 Uhr

Regenbogencafe, Lausitzer Str. 22a, 10999 Berlin

Event in Rotterdam

NanoSynthJam + VeganVoku

Donnerstag, 9. Februar 2023
- 17:00 -

De Edo

Edo Bergsmaweg

3077 PG Rotterdam

Mehr auf UB online...

Wir zahlen nicht, wir streiken.
Vorheriger Artikel

Vier sehr konkrete Forderungen

„Wir zahlen nicht – wir streiken“

Anarchist:innen in Minneapolis, Februar 2017.
Nächster Artikel

Das Soziale und die Gemeinschaft als Bezugspunkte

(Anti-)Politik im mutualistischen und kommunitären Anarchismus

Untergrund-Blättle