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Wem die Stunde schlägt Erinnerungen an den Krieg

Kultur

„Wem die Stunde schlägt“ erzählt von einer kleinen Widerstandsgruppe, die während des Spanischen Bürgerkriegs eine Brücke in die Luft sprengen will.

Ernest Hemingway in Kenya, 1953.
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Ernest Hemingway in Kenya, 1953. Foto: Look Magazine (PD)

21. Oktober 2022
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Das ist noch immer für die Aufnahmen und die differenzierten Figuren sehenswert, auch wenn der Film sehr lang geraten ist und die Theatralik zum Ende hin schwer zu ertragen ist.

Spanien, 1937: Während des Bürgerkriegs kämpft der US-Amerikaner Robert Jordan (Gary Cooper) Seite an Seite mit den Republikanern. Immer wieder sind die Kenntnisse des Sprengstoffexperten gefragt, wenn es darum geht, die Nationalisten mithilfe von Sabotageakten aufzuhalten. Dieses Mal ist es eine Brücke, die über eine Schlucht hinwegführt, welche er in die Luft sprengen muss. Viel Zeit bleibt ihm nicht, gerade einmal drei Tage bleiben ihm, um die wichtige Mission durchzuführen und den strategisch wichtigen Übergang zu zerstören. Zu diesem Zweck schliesst er sich einer Gruppe Widerstandskämpfern an und verliebt sich in María (Ingrid Bergman), die ebenfalls der Gruppe angehört – sehr zum Missfallen von Anführer Pablo (Akim Tamiroff) …

Erinnerungen an den Krieg

Ernest Hemingway gehörte ohne jeden Zweifel zu den ganz grossen US-amerikanischen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Er schuf den Klassiker Der alte Mann und das Meer, erhielt zahlreiche Preise, darunter auch den Nobelpreis für Literatur. Dabei sind es nicht nur seine künstlerischen Werke, mit denen er sich einen Platz in der Geschichte erschrieb. Auch seine Arbeiten als Reporter und Kriegsberichterstatter machten ihn unsterblich. In dem Roman Wem die Stunde schlägt kam beides zusammen: Inspiriert von seinen eigenen Erfahrungen während des Spanischen Bürgerkriegs, wo er an der Seite der Republikaner kämpfte, beschreibt er in dem Roman den Schrecken der Zeit, veranschaulicht durch mehrere Menschen, deren Wege sich kreuzen. Das Buch wurde 1940 und in den Folgejahren ein enormer Erfolg, obwohl – oder weil – die Welt im Chaos des Zweiten Weltkriegs versank. Und auch der 1943 veröffentlichte Film schlug an den Kinokassen ein und war für zahlreiche Oscars nominiert.

Dabei ist Wem die Stunde schlägt kein typisches Kriegsepos, wie man es üblicherweise zu sehen bekommt. Das fängt schon damit an, dass es hier nicht so wahnsinnig viele Actionszenen gibt. Wer diese Filme schaut, um grosse Schlachten zu sehen oder wenigstens Kämpfe auf Leben und Tod, geht hier über weite Stecken eher leer aus. Zwar besteht immer wieder die Gefahr, dass die Widerstandgruppe in die Hände des Feindes fällt. Und je näher wir dem geplanten Anschlag auf die Brücke kommen, umso grösser wird diese Gefahr. Gerade zum Ende hin steigt die Intensität enorm an. Wer von unseren Protagonisten und Protagonistinnen mit dem Leben davon kommt, ist zu dem Zeitpunkt ebenso offen wie die Frage, ob sie es schaffen werden, ihre Mission erfolgreich zu beenden.

Gruppendynamik, Liebe und viel Theatralik

Und doch rückt der Krieg phasenweise immer mal wieder in den Hintergrund. Regisseur Sam Wood konzentriert sich in seiner Adaption stärker auf die Figuren und die Dynamik innerhalb der Gruppe. Diese besteht einerseits aus den Spannungen, die Jordan durch sein Auftauchen auslöst. Gerade Pablo, der die Gruppe anführt, macht dabei Ärger. Er ist auch die ambivalenteste Figure, Begriffe wie gut oder böse greifen bei ihm nicht wirklich. Nach und nach legt Wem die Stunde schlägt Schichten frei, ähnelt dabei mit seinen begrenzten Settings zuweilen mehr einem Theaterstück als einem Film. Wie auf einer Bühne sitzen sie da, nähern sich an, stossen sich fort, diskutieren über die unterschiedlichsten Aspekte und Themen.

Doch am Ende ist es die Liebe, die von den zwischenmenschlichen Gefühlen am stärksten im Mittelpunkt steht. Hemingway erzählt von einer ganz tragischen Liebe. Erzählt von einem Glück, das keines sein darf, weil die Welt dafür keinen Platz hat. Wem die Stunde schlägt ist dabei ein eindeutiges Produkt seiner Zeit, sucht das ganz grosse Melodram. Für ein heutiges Publikum ist die damit einhergehende Theatralik mitunter schwer zu ertragen, trotz eines erstklassigen Ensembles. Gerade zum Ende hin wird man von dieser und der aufbrausenden Musik erschlagen, zumal die Laufzeit sehr grosszügig angelegt ist. Besser gealtert sind die nicht minder überwältigenden Naturaufnahmen, die sich 80 Jahre später noch immer sehen lassen können und die als Gegenpol zum betont Sentimentalen dient.

Oliver Armknecht
film-rezensionen.de

Wem die Stunde schlägt

USA

1943

-

130 min.

Regie: Sam Wood

Drehbuch: Dudley Nichols

Darsteller: Gary Cooper, Ingrid Bergman, Katina Paxinou

Produktion: Sam Wood

Musik: Victor Young

Kamera: Ray Rennahan

Schnitt: John F. Link Sr., Sherman Todd

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 4.0) Lizenz.

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