Störung Notizen eines verlorenen Lebens

Kultur

„Störung“ ist ein gleichermassen fesselndes wie tragisches Vermächtnis eines Mannes, der vor dem Krieg floh und nie in Deutschland angekommen ist.

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7. Juni 2024
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Die Kombination der reflektierten Texte, die er vor seinem Selbstmord schrieb, und der Aufnahmen einsamer Menschen schaffen eine melancholisch-surreale Atmosphäre, distanziert und persönlich zugleich, die auch ohne persönliche Kenntnis tieftraurig macht.

Zuletzt wurde wieder sehr viel über das Thema Flucht oder auch Immigration im Allgemeinen gesprochen. Ganz Deutschland hat sich darin verbissen, meint, auf die eine oder andere Weise seinen Senf beitragen zu müssen, obwohl meist der Bezug fehlt, von Ahnung ganz zu schweigen. Wer bei diesen allgegenwärtigen Debatten oft seltsam aussen vor bleibt, sind die Flüchtenden selbst. Sie werden zur dritten Person degradiert, sind oft eher Objekte als wirkliche Subjekte. Dabei gäbe es so viele Fragen, die man ihnen stellen könnte. Weshalb nehmen sie auf sich, alles hinter sich zu lassen, dabei womöglich grosse Gefahren einzugehen? Und wie fühlt es sich an, in der Fremde jemand anderes sein zu müssen, entwurzelt von dem, was einen ausmacht? Wer sich für diese Fragen interessiert und hinter blossen Zahlen noch das Menschliche sehen will, dem sei Störung dringend ans Herz gelegt.

Schon in Gewalten hatte Regisseur Constantin Hatz von verlorenen Menschen erzählt. Leuten, die sich und anderen so fremd geworden sind, dass nur die Brutalität zu einem verbindenden Mittel wurde. Bei Störung liegt der Fokus auf einem einzigen Menschen. Der war dem Filmemacher gut vertraut, sein bester Freund sogar dem Presseheft zufolge. Doch auch die Freundschaft konnte den jungen Mann nicht retten, der sich 2015 das Leben nahm. Dabei hätte er es besser haben sollen, als er mit seiner Mutter vor dem Jugoslawienkrieg in den 1990ern flüchtete. Ein Kind war er damals und hatte doch schon zu viel von dieser Welt gesehen. Das Glück, welches die beiden in Deutschland zu finden erhofften, es blieb ihnen verwehrt. Die Mutter starb früh, erlag ihrem Krebsleiden, und liess ihren Sohn zurück. Der Junge musste nicht nur einen Weg durch die Welt finden, sondern auch durch ein Land, das nicht seins war.

Notizen eines verlorenen Lebens

Störung erinnert an den Menschen, für den es keinen Platz zu geben schien. Und er tut es auf eine ungewöhnliche Weise. Anstatt das Leben des Verstorbenen in Form eines Spielfilms nachzustellen oder auch Leute zu interviewen, die ihn kannten, greift Hatz auf Texte zurück, die sein Protagonist verfasst hatte. In seinen Notizen hielt er seine Gedanken fest, schildert, wie er das alles wahrnahm und was er fühlte während seiner Sinnsuche. Dabei wird schnell deutlich, welch grosser Verlust der Freitod bedeutete, nicht nur für den Filmemacher, sondern auch für den Rest. Die reflektierten, zwischen nüchtern und poetisch wechselnden Texte zeichnen das Bild eines Menschen, der lange weiterkämpfte und weitersuchte, dem am Ende aber die Kraft fehlte, vielleicht auch die Dickhäutigkeit. „Nach Mutters Tod hatte ich mich noch nie so verloren gefühlt. Die Welt hatte sich aufgelöst. Alles war ausgelöscht. Alles ausser der Krankheit und dem Tod, von dem ich mich umgeben fühlte. Und doch musste ich weiter existieren, im Augenblick, in dem die Welt zusammenbrach.“

Distanziert und persönlich

Texte wie diese werden vorgetragen, von mehreren Menschen, verschwimmen mit Bildern von herumgeisternden Leuten, die durch die Natur waten oder einsam in Zimmern sitzen. Störung vermittelt ein Gefühl von Isolation, wenn sie alle verloren bleiben in einer Welt, die gleichzeitig voller Details ist und seltsam entleert. Melancholisch, teils surreal mutet es an, ist gleichermassen distanziert und doch sehr persönlich. So erfahren wir nie den Namen des Verstorbenen, Hatz teilt keine weitergehenden biografischen Details mit dem Publikum.

Das ist schade und doch auch passend bei einem Schicksal, das ganz individuell ist, dabei aber auf Grösseres verweist. Der experimentelle Dokumentarfilm enthält sich jeglicher Belehrungen, Hatz erzählt nicht moralisierend. Manipulationen, etwa durch Musik finden nicht statt. Und doch wird die Trauer spürbar beim Zuhören dieses etwas anderen Vermächtnisses. Eine Wut auch darüber, wie ein intelligenter Mensch an der Ignoranz und Engstirnigkeit verzweifelte und keinen Zugang mehr fand, obwohl er allein schon aufgrund seiner Beobachtungsgabe und Eloquenz eine Bereicherung gewesen wäre in einem Land, das zu oft nichts hören und nichts sehen will, dies aber mit viel Lautstärke verbindet.

Oliver Armknecht
film-rezensionen.de

Störung

Deutschland

2023

-

90 min.

Regie: Constantin Hatz

Drehbuch: Constantin Hatz

Kamera: Moritz Moessinger

Schnitt: Marco Rottig

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 4.0) Lizenz.