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Sigmund Freud – Freud über Freud | Untergrund-Blättle

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Sigmund Freud – Freud über Freud Führer durch unbekanntes Terrain

Kultur

Aus Freuds Briefen und Auszügen seiner Werke destilliert David Teboul eine filmische Autobiografie mit essayistischer Tendenz zur freien Assoziation.

Sigmund Freud.
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Bild: Sigmund Freud. / Photocolorization (CC BY-SA 4.0 cropped)

22. Juni 2022
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Ein Mann erzählt eine Kindheitserinnerung. Im Alter von zweieinhalb Jahren spielt er mit einem Cousin und dessen Schwester auf einer Blumenwiese. Sie pflücken gelben Löwenzahn. Den schönsten Strauss hat das kleine Mädchen, aber die Buben entreissen ihn ihr. Der Mann interpretiert das Ereignis unter Zuhilfenahme eines Fremdworts. Heisst Blumen wegnehmen nicht deflorieren? Und verrät der Wunsch, dem Mädchen die Unschuld zu rauben, nicht einen sexuellen Sinn des Kinderspiels? Wer so redet, kann eigentlich nur Sigmund Freud heissen.

Seine Theorien sind längst in unseren Alltag eingesickert. Wir reden über Freud’sche Versprecher, über Verdrängung oder Projektion mit unbefangener Selbstverständlichkeit. Das ist die eine Schwierigkeit, dem revolutionären Erforscher des Unbewussten filmisch nahe zu kommen – man meint ihn schon zu kennen. Die andere liegt in den Kontroversen, die er ausgelöst hat – die meisten haben eine vorgefasste Meinung dazu. Trotzdem gelingt es dem französischen Dokumentarfilmer David Teboul, Freud neu zu entdecken: Indem er ihn und seine Tochter Anna selbst zu Wort kommen lässt.

Führer durch unbekanntes Terrain

Es ist eine Erzählung von der Wiege bis zum Grab. Sie beginnt 1856, im Jahr der Geburt in bescheidenen Verhältnissen, und endet mit dem Tod 1939 im Londoner Exil als weltberühmter und inzwischen wohlhabender Mann. Sigmund Freud erzählt sein Leben in grossen Teilen selbst, in Ich-Form vermittelt über Briefe, aus denen in der deutschen Filmfassung Johannes Silberschneider mit ruhiger, sonorer Off-Stimme vorliest. Objektive Fakten steuert als Erzähler dessen Schauspielkollege André Jung bei. Und schon bald meldet sich eine dritte Stimme. Es ist Birgit Minichmayr als Tochter Anna, die das Erbe der Psychoanalyse weiterführte und mit Theorien über Erziehung und Kinderanalyse einen selbstständigen Beitrag dazu leistete.

Auf der Tonspur entwickelt sich quasi ein Hörspiel. Zugleich ist Sigmund Freud ein ungemein visueller Film, der seine Archivbilder keineswegs zu Bütteln des Wortes degradiert. Sie führen ein Eigenleben und ermöglichen das, was Freud „freies Assoziieren“ genannt hat: einen zwanglosen, bauchgesteuerten Spaziergang durch Vorstellungen und Einfälle, die dem Klienten und in diesem Fall dem Publikum gerade durch den Sinn gehen. Zuweilen sind die Bezüge von Wort und Bild nahe beieinander, etwa wenn über Freuds erstes bedeutendes Buch Die Traumdeutung (1900) gesprochen wird. Der Autor sehe den Traum als Führer in das unbekannte Land des Unbewussten, heisst es da. Und auf der Leinwand kämpft sich ein Bergsteiger durch unwegsames Gebiet, am Rande eines Gletschers entlang und über ihn hinweg, sorgfältig den Untergrund prüfend, über Spalten springend, bis hinauf zum Gipfel. In anderen Passagen entfernen sich Sprache und Sehen. So etwa wird der Skandal, den Freuds offener Umgang mit Sexualität auslöst, von Bildern einer Achterbahnfahrt begleitet. Der Film regt Gedanken an, ohne sie vorzugeben.

Regisseur David Teboul, der mit Ives Saint Laurent, Brigitte Bardot oder Simone Veil schon andere berühmte Persönlichkeiten porträtiert hat, ist weit davon entfernt, die von Freud quasi selbst erzählte Biographie als objektive Wahrheit auszugeben. Davor bewahrt allein schon die Sicht Annas auf ihren Vater. Zudem spiegeln sich in den thematischen Schwerpunkten die eigenen Interessen des Regisseurs, etwa Freuds widersprüchliches Verhältnis zu seiner Religion. Als „ganz gottlosen Juden“ könnte man ihn bezeichnen. So sollte auch der deutsche Verleihtitel eigentlich heissen. Betont wird zudem Freuds Liebe zu Tieren, insbesondere seinen Hunden, die der Regisseur als Zuneigung ohne die Ambivalenzen der menschlichen Zweisamkeit interpretiert.

Krieg und Todestrieb

Vor allem aber macht der Film den engen Wechselbezug zu dem historischen Boden deutlich, auf dem Freuds Theorien wuchsen. Das Porträt bringt beispielweise die Lehre vom Wiederholungszwang mit den traumatisierten Soldaten des Ersten Weltkriegs in Verbindung, die in nächtlichen Alpträumen von ihren schrecklichen Erlebnissen nicht loskamen. Auch die Theorie vom Aggressions- und Todestrieb sieht der Film nicht losgelöst von den Erfahrungen der Gewalt, die Freud als Bruch mit der Zivilisation betrachtete, lange vor Nazi-Deutschlands Rückfall in die Barbarei. Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Entwicklungen erscheint dieser Teil von Freuds Theorie besonders nachdenkenswert, obwohl der Filmemacher den Krieg in der Ukraine natürlich nicht voraussehen konnte. Aber gerade in Freuds subjektiven Reaktionen auf die Katastrophen der Zeit und seines persönlichen Lebens kommen wir dem eher zurückhaltenden Mann erstaunlich nahe: als wäre der Film ein Biopic, das sich fiktive Freiheiten nimmt, um emotional unter die Haut zu gehen. Sigmund Freud verzichtet auf solche Effekte – und erzielt auf wundersame Weise dieselbe Wirkung.

Peter Gutting
film-rezensionen.de

Sigmund Freud – Freud über Freud

Frankreich

2019

-

98 min.

Regie: David Teboul

Drehbuch: David Teboul, François Prodromidès

Produktion: Richard Copans

Musik: Mathieu Lamboley

Kamera: Martin Roux

Schnitt: Caroline Detournay

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 4.0) Lizenz.

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