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Sieben | Untergrund-Blättle

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Sieben „... es lohnt sich, für sie zu kämpfen“

Kultur

Eine düstere Vision und zugleich eine Beschreibung von Realität, wie sie dem Genre ansonsten oft abgeht.

Brad Pitt am Film-Festival von Toronto, September 2011.
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Bild: Brad Pitt am Film-Festival von Toronto, September 2011. / Josh Jensen (CC BY-SA 2.0 cropped)

14. Januar 2022
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Preisfrage: Welcher Film ist besser, Jonathan Demmes „Das Schweigen der Lämmer“ (1991) oder „Se7en“ von David Fincher („Alien 3“, 1992; „The Game“, 1997; „Fight Club“, 1999; „Panic Room“, 2002? Auf so mancher Internet-Site scheiden sich die Geister ob dieser Frage. Ich lasse sie unbeantwortet. Denn nur eines ist sicher: Beide Filme gehören zu den besten des Genres der 90er Jahre.

Detective William Somerset (Morgen Freeman) steht kurz vor der Pensionierung. Sein designierter Nachfolger David Mills (Brad Pitt) ist ein jugendlicher Hitzkopf, der leicht aus der Fassung zu bringen ist. Somerset, ein Einzelgänger, auch privat, hat jegliche Illusion verloren. Er nimmt das Leben, wie es kommt, denkt nüchtern, bleibt auch in schwierigen Situation ruhig, versucht, sich in die Situation der Täter zu versetzen, um ihrer habhaft zu werden.

Was Somerset gar nicht in den Kram passt: Eine Woche vor Ende seiner Tätigkeit bei der Polizei werden er und Mills zu einem Tatort gerufen, finden ein Mordopfer vor, der mit Essen regerecht zu Tode gemästet wurde. Somerset tippt aus den Umständen der Tat auf kein gewöhnliches Verbrechen. Hinter dem Kühlschrank des Opfers ist in die Wand das Wort „Masslosigkeit“ gekritzelt und Somerset vermutet einen religiös motivierten Serienkiller. Während Mills sich über den kranken Psychopathen aufregt und ausschliesslich daran denkt, ihn „irgendwie“ zu stellen, ohne sich die Mühe zu machen, sich in die Denkweise des Täters zu versetzen, studiert Somerset in der Bibliothek Werke der Weltliteratur, die sich mit den sieben Todsünden befassen: Masslosigkeit, Habsucht, Trägheit, Hochmut, Wollust, Neid und Zorn.

Ein Anwalt stirbt für seine „Masslosigkeit“: Der Mörder blutet ihn aus, nachdem er ihn gezwungen hatte, sich ein Stück Fleisch aus seinem eigenen Körper zu schneiden. Für „Trägheit“ muss ein Mann ein Jahr lang die Folter des Täter ertragen usw. Während Mills von Tat zu Tat wütender wird und für die Lösung des Falls geradezu ein Hindernis darstellt, kommt Somerset auf die Idee, sich eine geheim gehaltene FBI-Liste zu besorgen, auf der die Leute aufgeführt sind, die sich indizierte oder potentiell für Verbrechensvorbereitung geeignete Literatur ausgeliehen haben. Auf diese Weise stossen Somerset und Mills auf John Doe (Kevin Spacey). Als sie vor seiner Wohnungstür ankommen, ist Doe nicht zu Hause. Als er kurz darauf erscheint, kommt es zu einer Schiesserei. Doe kann entkommen. Mills tritt gegen den Willen Somersets die Wohnungstür ein. Das, was sie dort vorfinden, identifiziert Doe als den gesuchten Killer. Der jedoch stellt sich völlig überraschend wenig später der Polizei. Er unterbreitet den beiden Cops ein Angebot: Wenn er als unzurechnungsfähig eingestuft werde, würde er die beiden zu den fehlenden zwei Mordopfern führen: Neid und Zorn verbleiben als die letzten Todsünden ...

„Se7en“ ist ein streng durchkomponierter, intelligent inszenierter und grauenerregender Thriller, der die düstere Einschätzung des Lebens, wie Somerset sie aus seiner jahrelangen Erfahrung als Detective gewonnen hat, bezüglich seines letzten Falls und der Umstände, unter denen Doe vorgeht, zu bestätigen scheint. Während Somerset sich mit der Grausamkeit der Realität abgefunden hat, verzweifelt Mills an dieser Realität. Einziger Lichtblick in seinem Leben ist seine Frau Tracy (Gwyneth Paltrow). Die Motivation des Täters bleibt lange im Dunkeln. Erst spät wird deutlich, dass die beiden Polizisten selbst im Zentrum seiner Handlungsweise stehen und Doe die Fäden bis zum Schluss zieht, nicht die Polizei. Im Gegenteil: Mills und Somerset sind Does Marionetten in einem grauenhaften Spiel.

Fincher verzichtet weitgehend auf blutrünstige Szenarien. Der Schrecken ergibt sich nicht so sehr aus Blut und abgehackten Körperteilen, sondern aus dem Drehbuch des Killers selbst, aus den Anklängen an mittelalterliche Strafen und Folter, an Horrorszenarien aus der Literatur (Dante, Milton, Chaucer), auch aus Analogien zum Alten Testament, zu dem strafenden, wütenden Gott der Rache, der ganze Städte wegen ihres Frevels und Unglaubens dem Erdboden gleichgemacht hat, an die katholische Kirche des Mittelalters, an deren Verfolgung von Ungläubigen, Hexen usw. Zugleich symbolisiert Spaceys John Doe jedoch auch den Horror der Gegenwart. Doe ist in gewisser Weise der zu Ende gedachte Mills. Mills hasst solche Psychopathen, er hasst das Verbrechen, er will es – auch über die legalen Möglichkeiten der Polizei hinaus – ausrotten. Seine Wut lässt ihn Grenzen sprengen. Die „Antwort“ Does ist konsequent, zynisch und psychopathisch zugleich: Dann musst Du sie alle töten, die, die sich den sieben Todsünden hingeben. Die Schlussszene ist in dieser Hinsicht konsequent durchdacht.

Does Handlung ist die eines Predigers, eines zu Ende gedachten Gottes des Alten Testaments (zumindest in seiner Rolle als rächender Gott), der die Sünde mit Stumpf und Stiel ausrotten will. Doe hält der Zivilisation den Spiegel vor, in dem sich ihre Abgründe auftun. Für die Zivilisation steht die Stadt, die amerikanische Grossstadt, in der sich Tracy so unwohl fühlt, in der sie nur wegen Mills lebt. Als sie schwanger ist, verschweigt sie dies ihrem Mann und bittet Somerset um ein Gespräch, weil sie Angst hat, in diese Welt ein Kind zu setzen. Der erzählt ihr, dass er vor langen Jahren eine Frau, die von ihm schwanger war, dazu gezwungen hatte, das Kind nicht zu bekommen. Er meine auch heute noch, dass er richtig gehandelt habe, aber er müsse jeden Tag daran denken. „Jeder, der eine gewisse Zeit mit mir verbracht hat, hält mich für unausstehlich“, sagt er Tracy. Am Schluss des Films fällt Somerset folgender Satz ein: „Die Welt ist schön, und es lohnt sich, für sie zu kämpfen.“ „Nur“ dem zweiten Teil des Satzes könne er zustimmen.

Fincher löst das Düstere, Negative, Erschreckende der Grossstadt nicht auf. Aber er führt die Rache, die erschreckende Borniertheit und machtbesessene Arroganz der Predigt Does ad absurdum. Deren durchaus bestehende innere Logik verweist auf ein ideologisches, stark katholisch-fundamentalistisch geprägtes Weltbild, gleich einem Prokrustes-Bett. In seinen Opfern sieht Doe nur die Sünde als verengtes und eingeengtes Verhältnis des jeweiligen Individuums zu den Geboten der christlichen Moral. Der einzelne verkommt zum Vereinzelten, der sich schuldig gemacht hat und dafür bestraft werden muss. Die Prinzipien verkommen zu blutleeren hehren Grundsätzen, deren Moral nicht den verschlungenen Pfaden der Erfahrung ganzer Gesellschaften und Kulturen entspringt, sondern „gesetzt“ sind – auf ewig und immer – und daher keine Moral darstellen, sondern den Regeln militärischer Standgerichte ähneln. Was Doe nie begreifen würde, ist, dass er selbst seinem Weltbild des Sündhaften, Ekelerregenden, Schmutzigen am allernächsten kommt.

Einen Minuspunkt muss ich für die Darstellung des David Mills vergeben. Brad Pitts Mills ist an etlichen Punkten des Films das, was man übertrieben nennen könnte. Während die Idee zu dieser Figur exzellent ist, konnte Pitt mich in seiner wenig subtilen Mimik und Gestik nur selten überzeugen. Die Verzweiflung und Wut der Figur wirkt oft allzu gewollt-gespielt.

Eine düstere Vision und zugleich eine Beschreibung von Realität, wie sie dem Genre ansonsten oft abgeht. Ein Szenario des Schreckens, das Fincher in „Panic Room“ wieder aufgriff, auch wenn dieser Film „Se7en“ nicht ganz das Wasser reichen kann. „Verwandt“ mit „Das Schweigen der Lämmer“ und doch in seiner Zivilisationskritik eigenwillig und eigen.

Ulrich Behrens

Sieben

USA

1995

-

127 min.

Regie: David Fincher

Drehbuch: Andrew Kevin Walker

Darsteller: Brad Pitt, Morgan Freeman, Gwyneth Paltrow

Produktion: Phyllis Carlyle, Arnold Kopelson

Musik: Howard Shore

Kamera: Darius Khondji

Schnitt: Richard Francis-Bruce

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