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Sergio Leone: Sein Leben und sein Werk | Untergrund-Blättle

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Abrechnung mit der distanzierten Haltung der amerikanischen Filmindustrie Sergio Leone: Sein Leben und sein Werk

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Über Sergio Leone wurde viel geschrieben. Er sei rachsüchtig gewesen, neidisch auf andere Filmemacher.

Sergio Leone.
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Bild: Sergio Leone. / Rulo (CC BY-SA 2.0 cropped)

24. September 2019

24. Sep. 2019

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Er habe sich in einigen seiner Filme versucht, an anderen zu rächen, wie z.B. in „Mein Name ist Nobody“ an dem Regisseur Sam Peckinpah, der eine Zusammenarbeit mit Leone abgelehnt hatte und dem Leone in diesem Film die Inschrift eines Grabsteins „widmete“. Einiges davon findet sich in den Büchern von Christopher Frayling („Sergio Leone: Something to Do With Death“ und „Once Upon a Time in Italy : The Westerns of Sergio Leone“), die leider, so weit ich sehe, nicht ins Deutsche übersetzt vorliegen.

Leone (1921-1989) kam aus einer Familie, die im Kultursektor zu Hause war. Sein Vater war Produzent in der italienischen Filmindustrie, seine Mutter Opernsängerin. Sehr früh – mit 18 Jahren – hatte auch Leone selbst mit dem Film zu tun, später war er z.B. als Second-Unit-Assistent bei den Filmen „Quo Vadis“ (1951) und „Ben Hur“ (1959) tätig und zahlreichen anderen Filmen seit 1946. Daneben schrieb der Drehbücher für „Die letzten Tage von Pompeji“ (1959), „Aphrodite – Göttin der Liebe“ (1958) oder „Im Zeichen Roms“ (1959), bevor er mit „Der Koloss von Rhodos“ 1961 seinen ersten eigenen Spielfilm in die Kinos brachte.

Nach der Arbeit für diese sog. „Sandalen-Filme“ wandte sich Leone dem zu, was später von den amerikanischen Kritiken verächtlich „Spaghetti-Western“ genannt wurde. In diesen Filmen, durch die Schauspieler wie Lee van Cleef und vor allem Clint Eastwood bekannt wurden und ihre Hollywood-Karriere begründeten, versuchte Leone, einen eigenen Stil des Genres zu kreieren, den italienischen Western der sich vom amerikanischen Genre v.a. dadurch unterschied, dass sie Bezug nahmen auf den japanischen Film. Vergleicht man „Zwei glorreiche Halunken“ (1966), „Für eine Handvoll Dollar“ (1964) und „Für ein paar Dollar mehr“ (1965) etwa mit den Werken von Kurosawa, so finden sich insoweit Übereinstimmungen, als beide Regisseure mit epischen Szenerien arbeiten.

Die Anfangsszene in dem späteren, in Europa (im Unterschied zu den USA) sehr erfolgreichen Western „Spiel mir das Lied vom Tod“ (1968), macht dies besonders eindrücklich: Keine Dialoge, knisternde Spannung, Einsatz von „natürlichen“ Geräuschen (wie einer Fliege, die einen der Cowboys „ärgert“), exzellente Landschaftsaufnahmen usw. Diese Szenen – übrigens in ähnlicher Weise wieder aufgenommen in „Mein Name ist Nobody“ (1973) am Anfang des Films – werden in die Länge gezogen, aber nicht mit dem Erfolg von Langeweile, sondern eben fast unerträglicher Spannung.

Diese epischen Elemente verknüpfte Leone mit plötzlichen schnellen Schnitten und einer teilweise extensiven Gewaltdarstellung – bis zu sehr blutrünstigen Szenen.

Trotz des Erfolgs all dieser Filme in Europa, machten die Amerikaner Leone das Leben schwer. So wurde sein „C’era una volta il West“ in den USA von Paramount um 25 Minuten gekürzt. Noch schlimmer bei seinem letzten Film „Es war einmal in Amerika“ (1984), der um mehr als die Hälfte gekürzt wurde. Zusätzlich wurde die Szenenfolge des Films geändert, so dass bei beiden Filmen der Zusammenhang der Geschichte zum Teil völlig verloren ging.

Leone, der sein Leben lang um Anerkennung kämpfte, reagierte auf diese Dinge und auf die Erfolge anderer Regisseure mit deren „Italo-Western“ wohl teilweise mit Zynismus und Rache. Obwohl „Mein Name ist Nobody“ offiziell von Leones Regieassistenten Tonino Valerii als Regisseur verantwortet wurde, ist Leones Handschrift in diesem Film mehr als deutlich zu erkennen. Neben seinen filmischen Sticheleien gegen Peckinpah ist der Film auch eine Reaktion auf die beim Publikum erfolgreichen Filme mit Terence Hill und Bud Spencer, die der italienische Regisseur Barboni gedreht hatte („ Die rechte und die linke Hand des Teufels“, 1971; „Vier Fäuste für ein Halleluja“, 1972).

In „Mein Name ist Nobody“ verknüpft Leone seinen Stil, den er in „Spiel mir das Lied vom Tod“ zur Vollendung gebracht hatte, mit der aus Barbonis Filmen bekannten Komik eines Terence Hill, und rechnet zugleich mit dem Western als Genre gründlich ab – besonders deutlich in der Gegenüberstellung der Rollen der beiden Hauptdarsteller Hill und Henry Fonda. Warum Leone zwei Jahre später nochmals einen Western drehen liess – unter der Regie von Damiano Damiani („Nobody ist der Grösste“) –, bleibt unerfindlich. Obwohl Leone bei diesem Film völlig im Hintergrund blieb, lastete man ihm diesen in jeder Hinsicht misslungenen Fortsetzungsversuch natürlich zu Recht an.

Erst 1984 konnte Leone einen Jugendtraum verwirklichen – einen Gangsterfilm, der aber mehr als das war. „C’era una volta in America“ („Es war einmal in Amerika“) mit Robert de Niro in der Hauptrolle war vieles zugleich: Eine Replik (schon vom Titel her) auf „C’era una volta il West“, ein kritischer Rückblick auf Amerika, eine Gangsterballade, in der die Hauptfigur Noodles und dessen Erinnerungen ein sehr eigenes Bild der amerikanischen Gesellschaft und Geschichte zeichnet und in gewisser Weise auch eine Abrechnung mit der distanzierten Haltung der amerikanischen Filmindustrie und teilweise auch Öffentlichkeit mit Leone selbst.

Leones plötzlicher Tod durch einen Herzinfarkt verlieh „Es war einmal in Amerika“ den Status eines summarischen Lebenswerks. In gewisser Weise war dieser 220 Minuten lange Film – unabhängig von Leones Tod – dies aber sowieso schon geworden.

Ulrich Behrens

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