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Scherbentanz | Untergrund-Blättle

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Scherbentanz Tanz auf dem Vulkan

Kultur

Drehbuchautor und Schriftsteller Chris Kraus beschäftigt sich in „Scherbentanz“ mit der Familienbande.

Der deutsche Autor und Filmregisseur Chris Kraus (links), Januar 2017.
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Bild: Der deutsche Autor und Filmregisseur Chris Kraus (links), Januar 2017. / Manfred Werner (Tsui) (CC BY-SA 4.0 cropped)

30. März 2022
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Im Mittelpunkt des Scherbentanzes, einem Tanz auf heissen Kohlen, bei dem sich alle kräftig verbrennen, steht der Modedesigner und Rockträger Jesko (Jürgen Vogel), Mitte 30, der an Krebs erkrankt ist und nur durch eine Knochenmarkspende eines nahen Familienangehörigen eine Chance auf Leben hätte. Sein älterer Bruder Ansgar (Peter Davor) und beider Vater Gebhard (Dietrich Hollinderbäumer) haben die verwahrloste und verwirrte Mutter der Familie Käthe (Margit Carstensen) durch einen Detektiv suchen lassen und gefunden. Sie scheint Jeskos einzige Chance – in einer Familie, deren Geschichte von tragischen Ereignissen überhäuft zu sein scheint.

Gebhard, Familienoberhaupt und Firmenbesitzer, der Ansgar zu seinem Nachfolger auserkoren hat, will von der Vergangenheit nichts mehr wissen. Ansgar, der für Jesko, als sie Kinder waren, das grosse Vorbild war, hat sich mehr oder weniger auf die Seite seines Vaters geschlagen. Für Jesko (als Kind David Schwarzenthal) war es ein Glück, wenn ihm sein Bruder (als Kind Daniel Veigl) ein bisschen Sicherheit und Glück verschaffte, z.B. einen Schneemann zum Brennen brachte. Dann war Ansgar sein kleiner Gott.

Jetzt holt er Jesko vom Zug ab. Jesko hat sich von der Familie getrennt. Er hat nur noch Wut und Spott für Bruder und Vater. Der Bruder lebt mit der Krankenschwester Zitrone (Nadja Uhl) zusammen, die er in einer Therapie kennen gelernt hat. Zitrone war sexsüchtig, hatte eine Beziehung zum Chauffeur der Familie Bernie (Ronnie Janot), der sie ständig belästigt, glaubt sich aber geheilt.

Auf der Fahrt durch strömenden Regen zum Anwesen der Familie liest Jesko Zeitung, verweigert sich einem Gespräch mit Ansgar. „Was steht in der Zeitung?“ fragt der ihn. „Dass es heute Abend regnen soll“, antwortet Jesko. Es regne doch schon, meint Ansgar. „Bist du sicher? Woher weisst du, dass es regnet?“ Jesko streitet. Dieser Streit ist zugleich Ausdruck des tiefen Zerwürfnisses und der extremen Wahrnehmungsunterschiede zwischen den beiden Brüdern.

Kraus entzerrt die Familiengeschichte, er schlägt sie durch Rückblenden in die Kindheit der Brüder nach und nach auf wie eine Chronik des Tragischen. Die Krankheit Jeskos und der innere Zwang für Vater und Bruder, ihm helfen zu wollen, bringen die Puppen zum Tanzen. Sie erleben den Schmerz noch einmal, der wie ein Feuer durch die Familie gegangen ist. Jesko bzw. seine lebensbedrohende Krankheit sind der Katalysator für diesen Scherbentanz und seine Mutter der unvermeidliche Hinweis darauf, dass es an allen Ecken und Enden krachen wird.

Kraus führt die Handlung jedoch nicht zu einem grossen finalen Crash, weil der tragische, Horror auslösende „Urknall“ in der Familie schon vor langer Zeit stattgefunden hatte. Der autoritäre Vater, ganz der Vergangenheit preussischer Tugenden, Doppelmoral und Lügen verhaftet, Mitglied einer schlagenden Verbindung, hatte die Bedienung Käthe in seinem Stammlokal kennen gelernt, geheiratet und betrogen. Daran ging Käthe kaputt, liess die Söhne beider büssen für den Frevel des Vaters, wurde in die Psychiatrie eingewiesen, verwahrloste. Margit Carstensen spielt diese Frau zwischen dem Wahnsinn des nicht los gewordenen und los lassenden Schmerzes, getränkt durch Alkohol, Selbstbetrug, Lügen und Visionen einerseits, lichten, klaren Momenten und dem Bewusstsein darüber, was geschehen ist, andererseits. Ihre eingebildete Suche nach dem Schatz Marcos auf den Philippinen realisiert sich im Graben im Garten der Familie, wo sie einen Kerzenhalter oder etwas ähnliches findet, den sie einmal ihrem Mann geschenkt hatte. Alles, jede versuchte Flucht, jedes Ausweichen führt wieder zurück in die Geheimnisse und Verwerfungen der Familie selbst.

Jesko bricht auf. Der dem Tode Geweihte hat nichts mehr zu verlieren. Er muss miterleben, wie sein Bruder heimlich auf eine Heirat mit einer anderen Frau hinarbeitet und zu feige ist, Zitrone die Wahrheit zu sagen. Er stösst auf ein Familiengeheimnis, das Vater und Bruder nicht lüften wollen. Hier zieht er mit seiner Mutter an einem Strang und findet wieder zu ihr, der Mutter, die ihn in seiner Kindheit geprügelt und verlassen hat.

Die Handkamera Judith Kaufmanns fängt diese kleinen Schnitte, die sich die Familienmitglieder zufügen, den bitteren Sarkasmus Jeskos, der aus dem Off seine Geschichte kommentiert, ein und setzt damit die Mosaiksteinchen des Tragischen nach und nach zusammen. Jürgen Vogel demonstriert diese langsame Entwicklung hin von der Verweigerung den anderen gegenüber zu einer Aufdeckung der Katastrophen überzeugend. Dabei wird noch anderes deutlich. Es geht nicht nur darum, Jesko das Leben zu retten. Es geht auch um das Leben der anderen. Kraus verzichtet auf Schuldzuweisungen. Selbst der Vater erscheint nicht in einem zutiefst negativen Bild. „Am Schmerz erkennst du, ob du zuhause bist, nicht am Türschild“, schreibt Jesko seinem Bruder ins Stammbuch. Langsam erkennen die anderen, dass es auch für sie unvermeidlich ist, die Ursachen des Tragischen zu enthüllen.

Am Ende steht eine Erleichterung, ein Aufatmen, ein Schimmer von Hoffnung, nicht nur für Jeskos Leben. Kraus verzichtet auf theatralische Mätzchen; er überzieht das Drama nicht mit melodramatischer Verkleidung, weicht nicht ins pathetisch Unglaubwürdige. Er bleibt auf dem Teppich. Die Nebenhandlungen allerdings – z.B. Zitrones Sexsucht und die undurchsichtige Beziehung zu Chauffeur Bernie, die zu einem anderen bitteren Ende führt – waren für die Geschichte völlig überflüssig, ich empfand sie als störend. Dasselbe gilt für die Einführung einer weiteren Person, der Tochter Jeskos, die plötzlich auftaucht. Wenn überhaupt ist dies ein unnötiger dramaturgischer Kniff: Jesko und Zitrone kommen sich näher und mit seiner Tochter zeichnet sich eine neue Familie ab, oder so ähnlich. Überflüssig.

In der Gesamtschau aber überzeugt „Scherbentanz“ als gnadenlos aufdeckendes und doch den Figuren nahe stehendes Familiendrama. Allein schon wegen Margit Carstensen lohnt sich der Film, die in ihrer zur Schau getragenen, gewollten Hässlichkeit und Zerschundenheit als Käthe glänzt.

Ulrich Behrens

Scherbentanz

Deutschland

2002

-

95 min.

Regie: Chris Kraus

Drehbuch: Chris Kraus

Darsteller: Jürgen Vogel, Margit Carstensen, Nadja Uhl

Produktion: Monika Kintner, Norbert W. Daldrop

Musik: Jan Tilman Schade

Kamera: Judith Kaufmann

Schnitt: Renate Merck

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