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Sabrina Bezaubernd

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„Sabrina” gilt bei vielen Kritikern und auch einem Teil des Publikums nicht als Wilders bestes Werk.

Audrey Hepburn (hier während eines Aufenthalts auf dem Bürgenstock in der Schweiz, 1954) spielt im Film von Billy Wilder Sabrina, die Tochter des Chauffeurs Thomas Fairchild.
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Bild: Audrey Hepburn (hier während eines Aufenthalts auf dem Bürgenstock in der Schweiz, 1954) spielt im Film von Billy Wilder Sabrina, die Tochter des Chauffeurs Thomas Fairchild. / Hans Gerber (CC BY-SA 4.0 cropped)

10. Oktober 2020

10. 10. 2020

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1995 versuchte sich Sydney Pollack an einem Remake unter demselben Titel mit Harrison Ford und Julia Ormond. Das Remake sei besser gelungen, kann man lesen.

Andere meinen: Das ist nicht wahr. Ist es auch nicht. Der Eindruck mag durch zweierlei Umstände entstanden sein. Bogart, der nur als Ersatzmann für den von Wilder eigentlichen favorisierten Cary Grant einsprang, mochte Wilder nicht. Wilder erzählte im Gespräch mit Cameron Crowe, dass er an John Houston gewöhnt war, mit dem er auch gerne trank, während Wilder ihn zumindest diesbezüglich abblitzen liess bzw. wohl Bogart auch nicht gerade zum Freund haben wollte. Kurz vor seinem Tod bat Bogart Wilder zu sich, um sich für einige unschöne Dinge und Auseinandersetzungen am Set während der Dreharbeiten zu „Sabrina” zu entschuldigen, erzählt Wilder.

Zum anderen war Bogart – anders als es Grant gewesen wäre – ein mimisch wie menschlich starker Kontrast zu Audrey Hepburn bezüglich der Rollen in „Sabrina”. Wilder mochte diesen Kontrast, der den Film eigentlich auch erst äusserst sehenswert und reizvoll macht.

Audrey Hepburn spielt Sabrina, die Tochter des Chauffeurs Thomas Fairchild (John Williams), der als Fahrer im Haus der reichen Familie Larrabee arbeitet. Der alte Chef des Familienunternehmens Oliver Larrabee (Walter Hampden) hat seinem älteren Sohn Linus (Humphrey Bogart) die Geschäfte übertragen, während dessen jüngerer Bruder David (William Holden) sich seine Zeit als Lebemann und Frauenheld vertreibt.

Seit frühester Jugend ist Sabrina in David verliebt, der jedoch kaum Notiz von ihr nimmt. Um ihr Unglück zu vergessen, beschliesst ihr Vater, Sabrina eine Zeitlang nach Paris zu schicken, um dort eine Kochschule zu besuchen. Der Baron St. Fontanel (Marcel Dalio) nimmt Sabrina in seine Obhut, um sie zu einer perfekten Lady zu erziehen.

Als sie nach Hause zurückkehrt, ist aus dem unglücklich verliebten Aschenputtel eine selbstbewusste Frau geworden, beeindruckt ihre Umgebung, scheint alles zu verändern. Selbst David nimmt Sabrina nun wahr und ist bezaubert von ihr. Allerdings hat er gerade mal wieder die Absicht, eine Tochter aus besserem Hause zu heiraten. Und Linus? Er versucht mit allen Mitteln, seinen Bruder von Sabrina fernzuhalten und entdeckt plötzlich Gefühle für die junge Frau, die sich ihrer Liebe zu David nicht mehr so sicher ist ...

„Es war einmal ein kleines Mädchen, das auf einem grossen Besitz lebte an der Nordküste von Long Island, etwa fünfzig Kilometer von New York entfernt ...” , beginnt „Sabrina” und die Analogie zum Aschenputtelmärchen wird auch im Laufe des Films gepflegt – allerdings nicht so eindeutig und einzigartig, wie manche darüber geschrieben haben.

„Sabrina” ist sicherlich im Vergleich zu sämtlichen anderen Filmen des Meisters am meisten romantisch, ein reizendes, tragisches und doch an vielen Stellen komödiantisch gelungenes Drama, das vor allem anderen vom Ausspielen der starken charakterlichen Differenzen seiner drei Hauptfiguren lebt. Bogart als knallharter, scheinbar gefühlloser Businessman, der gegenüber sich selbst nicht wahrhaben will, Gefühle für Sabrina zu hegen, versus Holden als ausgelassenem, unerwachsenen Playboy, der letztlich unfähig ist, wirkliche Gefühle für einen anderen zu haben, versus Hepburn, die aus Verzweiflung über ihren eigenen träumerischen, fast kindlichen Romantizismus, den sie für Liebe hält, vor sich selbst und David flieht, um als – heute würde man sagen – emanzipierte Frau zurückzukehren. Kein Wunder übrigens, dass die Hepburn damals eine Zeitlang fast in jeder Ausgabe der Zeitschrift „Vogue” als Sabrina abgebildet wurde.

Die Hepburn spielte ihre Rolle für die damalige Zeit in einer überaus modernen Weise, die alle in den Bann ziehen musste, etwa in Szenen wie der, als sie von einem Baum aus dem Treiben auf dem Ball der Larrabees zuschaut. Oder als sie sich aufgrund ihrer unerfüllten Liebe umbringen will. In solchen Szenen bewies Wilder im übrigen seine Fähigkeit, der melodramatischen Zuspitzung sozusagen komödiantisch vorzubeugen, das heisst, das Tragische nicht in das melodramatisch Süssliche abgleiten zu lassen, obwohl der Film gegen Ende starke melodramatische Züge trägt.

Wilder selbst sagte einmal, der Unterschied zwischen einer Tragödie und einer Komödie sei: Wenn ein Mann die Strasse entlang gehe und stolpere und dann wieder aufstehe, dann würden die Leute lachen, wenn er liegen bliebe, sei es Tragödie. Wilders Filme sind geniale Beispiele dafür, dass es weder reine „Tragödien” noch „reine” Komödien gibt. Beides wäre grässlich oder albern, weil das Leben nie nur tragisch oder nur komisch ist.

Genau diese Mischung von Tragischem und Komödiantischem ist fast allen Filmen des Regisseurs anzumerken, mal mehr tragisch, wie hier in „Sabrina”, mal mehr komödiantisch wie in „Some like it hot”, aber nie nur das eine.

Ich werde mich an dem Streit nicht beteiligen, ob „Sabrina” einer von Wilders schlechteren Filmen sei. Das ist wie alles vor allem Geschmackssache. Die Beschäftigung von Humphrey Bogart war sicherlich ein Risiko. Doch wenn man den Film sieht, fällt dies kaum ins Gewicht. Denn Wilder hatte es offensichtlich geschafft, ihn in die Handlung so zu integrieren, wie es notwendig, opportun, seinen Vorstellungen entsprechend war. Bogart agierte oft sauertöpfisch, passte nicht so recht in Komödien. Aber gerade in diesem Märchen, das in Realität aufgelöst wird (das ist der Unterschied zu Aschenputtel), platzierte Wilder „seinen” Bogart mit Erfolg.

Im Mittelpunkt steht eindeutig Audrey Hepburn, die zwischen ihrer ganzen Verletzlichkeit, Verträumtheit und Verzweiflung einerseits, ihrer enormen inneren Kraft und ihrem Lebensmut auf der anderen Seite eine Sabrina und deren Entwicklung verkörperte, die auch heute noch fasziniert und damals ein modernes Frauenbild repräsentierte, das nicht so schnell in Vergessenheit geraten konnte. (Damals war sie übrigens gerade 25 Jahre alt und hatte ihren ersten grossen Film hinter sich „Ein Herz und eine Krone” (1953).

P.S. Auf Wilders Einschätzung seines Werkes darf man übrigens nicht hören. Er hielt nur 10% seiner Filme für sehr gelungen, den grössten Teil für misslungen. Er habe auch keine einzige Videokassette mit seinen Filmen bei sich zu Hause gehabt. Wahrscheinlich hätte er nie zugegeben, dass er alle seine Filme geliebt hat.

Ulrich Behrens

Sabrina

USA

1954

-

113 min.



Regie: Billy Wilder

Drehbuch: Billy Wilder

Darsteller: Audrey Hepburn, Humphrey Bogart, William Holden

Produktion: Billy Wilder

Musik: Frederick Hollander

Kamera: Charles Lang

Schnitt: Arthur P. Schmidt

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