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Pepi, Luci, Bom und die anderen Mädchen vom Haufen Subkultur und Kleinbürgertum

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Drogen und Penisgrössen, grelle Kleidung, Kitsch, Gewalt, Hausfrauen und Freundschaft zwischen Frauen – das sind schon die Themen in Almodóvars erstem Spielfilm zu einer Zeit, als er noch als Angestellter der spanischen Telefongesellschaft arbeitete.

Der spanische Regisseur Pedro Almodóvar, 1988.
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Bild: Der spanische Regisseur Pedro Almodóvar, 1988. / Gorupdebesanez (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

30. Mai 2019

30. 05. 2019

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Der Streifen ist – vor allem in der Person der Bom – stark vom aggressiven Punkt beeinflusst. Almodóvar äusserte zu diesem Film, dass er nur durch die Unterstützung von Carmen Maura und Félix Rotaeta hätte realisiert werden können.

Inhalt

Pepi (Carmen Maura) lebt vom Geld ihrer Eltern und baut auf ihrem Balkon Marihuana an. Sie geniesst den Augenblick und lässt die Dinge geschehen, wie sie kommen. Und wer kommt? Ein Polizist (Félix Rotaeta), der sie mit dem Fernglas beobachtet hat und scheinbar die Pflänzchen kassieren und Pepi anzeigen will – es sei denn, sie ist ihm gefällig. Als sie sich weigert, vergewaltigt er sie. Pepi sinnt auf Rache. Sie schlendert zu ihrer Freundin Bom (Olvido Gara), die in einer Band singt, und bittet die Bandmitglieder, den Polizisten abzufangen und zu verprügeln. Als Gegenleistung verspricht sie, ihnen die Marihuana-Pflanzen zu überlassen.

Gesagt, getan. Die Band einschliesslich Bom passen den Polizisten auf der Strasse ab, nähern sich ihm, wobei sie eine Arie schmettern, und schlagen ihn fast krankenhausreif. Nur leider haben sie den falschen erwischt: den harmlosen und friedlichen Zwillingsbruder des Polizisten.

Pepi aber will nicht aufgeben. Sie lernt die Frau des Polizisten Luci (Eva Siva) kennen, die unter der Aggressivität ihres Gatten zu leiden scheint, und nimmt sie mit nach Hause; sie soll Pepi das Stricken beibringen. Luci aber ist nicht die biedere Hausfrau, wie es zunächst scheint, sondern offenbart ihre sexuellen Gelüste, die so gar nicht nach braver Ehefrau aussehen: Als Bom bei Pepi erscheint und pinkeln muss, will Luci, dass sie ihr ins Gesicht macht.

Gesagt, getan! Bom und Luci beginnen eine Beziehung, die eine wild, direkt, sadistisch veranlagt, die andere hörig, masochistisch und als Groupie für die Band.

Die drei Frauen treiben sich auf wilden Partys herum, nehmen an einem Erektionswettbewerb teil (bei dem Pedro Almodóvar den Moderator spielt) und lassen keine Gelegenheit aus, sich zu vergnügen. Auch als Pepis Vater ihr den monatlichen Scheck verweigert, gerät sie nicht in Panik. Kurzerhand geht sie in die Werbung hat mit einem Spot für Ponte-Slips einen Riesenerfolg, in dem wiederum das Pinkeln eine wichtige Rolle spielt.

Doch die drei haben nicht mit Lucis Mann gerechnet. Der passt sie vor einer Diskothek ab, als Pepi gerade von einem grossen Film träumt, in dem die drei ihre Geschichte selbst spielen, und schlägt Luci krankenhausreif. Als Bom und Pepi Luci im Krankenhaus besuchen, hält sie Händchen mit dem sadistischen Polizisten und erklärt, zu ihm zurückkehren zu wollen.

Inszenierung

Der mit einer Super-8-Kamera gedrehte Film mit der Movida-Sängerin »Alaska« (Bom) ist deutlich von der Aufbruchphase der Movida Madrileña geprägt. Da werden kleinbürgerliche Spiesserwelten mit Popkultur, greller Werbung, ebenso schrillen Klamotten und Verhaltensweisen und der Subkultur, die auch und vor allem als Weg aus der Franco-Zeit zu verstehen ist, gemischt. Der Streifen wirkt in seiner technischen Umsetzung wie ein Amateurfilm, so als ob jemand eine Hochzeit oder Feier im grossen Stil für die Familienvideothek abdrehen wollte.

Doch schon in »Pepi, Luci, Bom y otras chicas del montón« wird die Fähigkeit Almodóvars mehr als deutlich, verpönte, verachtete, als unmoralisch geltende Verhaltensweisen in einer provokanten Art als (scheinbar) völlig wertfrei darzustellen. Die Konfrontation der subkulturellen Welt der drei Frauen mit den Resten des in der Franco-Zeit zur Blüte gekommenen, zu jeder Brutalität bereiten Kleinbürgertums ist dabei nicht so eindeutig, wie es zunächst vielleicht erscheint. Die Welten kreuzen sich, es herrscht reger Verkehr. Sadomasochismus auf beiden Seiten, Gewaltbereitschaft auf beiden Seiten usw. Doch Almodóvar bewertet dies nicht. Er zeigt es.

Schon in diesem frühen Werk entwickelt er seinen Stil, die Kamera sozusagen einfach laufen zu lassen, eine konstruierte, in sich verwickelte Geschichte mit ineinander verschränkten Handlungsebenen zu erzählen und damit den Eindruck des Dokumentarischen, des Authentischen zu vermitteln. Diese Art des Filmes ist nicht hinterhältig, in dem sie dem Betrachter etwas vormacht, was nicht ist. »Es ist ganz schön teuer, authentisch zu sein. Doch in diesen Dingen sollten wir nicht geizig sein, weil wir umso authentischer sind, je ähnlicher wir dem Traum werden, den wir von uns selbst haben«. Diese Aussage Almodóvars zu »Todo sobre mi madre« ist schon in »Pepi, Luci, Bom y otras chicas del montón« als treibendes Motiv erkennbar.

Von heute aus betrachtet erscheint der Streifen vielleicht wie der Übergangsfilm aus der subkulturellen Szene des Madrid der 70er und frühen 80er Jahre zu den grossen Themen, die Almodóvar bewegen; doch diese Themen waren 1980 schon alle da: Frauenfreundschaften, Gewalt in der Sexualität, Drogen, Aufbrechen von Geschlechterrollen, moderne Konsumgesellschaft, Werbung.

Fazit

Ein schriller – für manche sicherlich provokanter –, bunter, fast Comic-artiger Film, mit rauem Charme und teilweise bissigem Humor, über den Aufbruch in der Nach-Franco-Ära. Bom und Pepi verlassen am Schluss gemeinsam das Krankenhaus samt Luci und schmieden neue Zukunftspläne. Fortsetzung folgt – auch in den darauf folgende Filmen Almodóvars, in denen er immer wieder versucht, den Spuren zu folgen, die zur Authentizität seiner Figuren führen, soweit dies möglich ist, vielleicht auch auf der Suche nach einer Gerechtigkeit jenseits eingefahrener Sichtweisen.

Ulrich Behrens

Moderne Zeiten

Spanien 1980 - 82 min.

Regie: Pedro Almodóvar
Drehbuch: Pedro Almodóvar
Darsteller: Carmen Maura, Eva Siva, „Alaska“ Olvido Gara
Produktion: Pedro Almodóvar
Kamera: Paco Feminina
Schnitt: Pepe Salcedo

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