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Passion | Untergrund-Blättle

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Passion Das eigene Leid und das der anderen

Kultur

„Passion“ von Ingmar Bergman ist ein schwermütiger Film über die Rolle des Leidens im Leben. Die starken Darsteller und die formale Präzision geben der Geschichte einer tragische Unausweichlichkeit, der man als Zuschauer sprachlos folgt.

Liv Ullmann, 1966.
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Liv Ullmann, 1966. Foto: Delphin, Rigmor Dahl (CC BY-SA 4.0 cropped)

31. Dezember 2020
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Seit der Trennung von seiner Frau vor vielen Jahren lebt Andreas (Max von Sydow) das Leben eines Einsiedlers in einem kleinen Dorf in der Nähe der schwedischen Küste. Seine Einsamkeit wird unterbrochen, als er eines Tages Anna (Liv Ullmann) kennenlernt, die ihn bitte, sein Telefon nutzen zu dürfen. Nachdem ihr Mann wie auch ihr Sohn bei einem Unfalltod ums Leben gekommen sind, lebt Anna bei dem Ehepaar Elis und Eva Vergérus (Erland Josephson und Bibi Andersson), die sich um sie kümmern. Von ihnen erfährt Andreas nicht nur vom tragischen Schicksal Annas, sondern auch, dass sie an jenem Tag am Steuer sass und sich die Schuld an dem Vorfall gibt.

Nachdem Andreas eine kurze Affäre mit Eva gehabt hatte, die sich von ihrem gefühlskalten Mann abgestossen fühlt, beginnt er ein Verhältnis mit Anna, die sich zu ihm hingezogen fühlt. Zwar können sich beide von ihrer Einsamkeit ablenken und harmonisch zusammenleben, doch wirklich lieben tun sie sich nicht. Beide steuern sie auf das Ende ihrer Beziehung hin, ein Prozess, der nicht nur ihre fehlenden Gefühle füreinander, sondern auch ihre eigene Schuld an Tageslicht bringt.

Glaube und Sinn

Zusammen mit Die Stunde des Wolfs und Schande bildet Passion die Fårö-Trilogie und wurde entsprechend auf der schwedischen Insel gedreht. Wie in vielen seiner Werke setzt sich Regisseur Ingmar Bergman mit dem Thema der Gewalt auseinander, weniger aber mit der physischen, sondern mit emotionaler und psychologischer Brutalität sowie deren Ursachen. Als abschliessender Teil der Trilogie ist Passion abermals eine Annäherung an diese Themen oder genauer gesagt, wie unser Unvermögen der Einfühlung in unsere Mitmenschen, uns zu gewissen Handlungen motivieren, wie es Bergman einst selbst sagte.

Neben dem Thema der Gewalt findet sich in der Geschichte von Passion auch immer wieder das Thema des Glaubens wieder. Anders als beispielsweise in Licht im Winter handelt es sich hierbei aber weniger um den Glauben im theologischen Sinne, sondern um die fundamentale Sinnsuche im eigenen Leben, um das Füllen einer empfundenen Leerstelle im eigenen Dasein durch die Beziehung zu jemandem.

Interessant und mehrdeutig sind Szenen wie das Streitgespräch zwischen Anna und dem zynisch auftretenden Elis, der sie Sinnlosigkeit eines Bauprojekts, welches er betreut, auf andere Zusammenhänge transferiert. Anna kann dies nicht akzeptieren, protestiert laut und mit Wuttränen in den Augen gegen die universelle Sinnlosigkeit, die ihr Gegenüber dem Leben an und für sich attestiert.

Wie in den anderen Teilen der Filmreihe, inszeniert Bergman dies als ein Kammerspiel, bei dem sich alle Aspekte der Inszenierung auf die Emotionen der Figuren konzentrieren. Fast wirkt dies wie eine Versuchsanordnung, was die distanzierenden Mittel der Geschichte erklärt wie das Vorhandensein einer Erzählinstanz sowie die Sequenzen, in denen die Schauspieler die von ihnen gespielten Figuren sowie deren Handeln kommentieren. Als eine Abwandlung des Brechtschen Verfremdungseffekts mag dies aus rein formaler Sicht interessant sein, wirkt aber im Kontext der gesamten Geschichte sehr befremdlich, was Bergman sogar selbst zugab.

Das eigene Leid und das der anderen

Jedoch gibt es noch eine andere Ebene in Passion, welche diesen eher in die Nähe einer filmischen Parabel rückt. Ein durch Störungen verzerrtes Fernsehbild, welches die Exekution eines Vietnamesen durch den Vietkong zeigt, wirkt wie eine Bestätigung oder Erweiterung des Leidensbegriffs, der immer wieder in Passion anklingt.

Das Leid, sei es die eigene Schuld, die Gefühlskälte oder ein anderer Aspekt, wird akzeptiert als eine Konstante im eigenen Leben und dem der Mitmenschen. Dabei ist jenes Leid gleichermassen der Faktor, der uns voneinander trennt, eine Grenze, die wir nicht überwinden können oder wollen, weshalb das erwähnte Bild, die Gewalt fremd bleibt und ohne Reaktion.

Rouven Linnarz
film-rezensionen.de

Passion

Schweden

1969

-

101 min.

Regie: Ingmar Bergman

Drehbuch: Ingmar Bergman

Darsteller: Harriet Andersson, Kari Sylwan, Ingrid Thulin

Produktion: Ingmar Bergman

Kamera: Sven Nykvist

Schnitt: Siv Lundgren

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