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Parasite Gesellschaftskritik mal anders

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Mit „Parasite“ kehrt Joon-ho Bong zu seinen Wurzeln zurück und zeigt mit einer Mischung aus Satire, Drama und Thriller eine ungerechte Gesellschaft. Langjährige Fans wissen schon ungefähr, was einen hier erwartet, trotz diverser Wendungen.

Die Besetzung von Parasite.
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Bild: Die Besetzung von Parasite. Von links nach rechts: Choi Woo-shik, Jo Yeo-jeong, Jang Hye-jin, Park So-dam, Lee Sun-kyun und Song Kang-ho. / Kinocine PARKJEAHWAN4wiki (CC BY 2.0 cropped)

17. September 2019

17. 09. 2019

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4 min.

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Dem Spass tut dies aber keinen Abbruch, die Geschichte um eine Familie, die sich bei einer anderen einschleicht, ist ebenso unterhaltsam wie nachdenklich.

Schon seit Längerem läuft es bei Familie Kim nicht mehr rund. Arbeit hat keiner von ihnen, Geld sowieso nicht. Eigentlich können sie sich nicht einmal die schäbige Kellerwohnung leisten, in der sie zu viert hausen. Da erhält Sohn Ki-woo (Woo-sik Choi) die Möglichkeit, als Lehrer im Haus der reichen Geschäftsmanns Dong-ik Park (Sun-kyun Lee) und seiner Frau Yeon-kyo (Yeo-Jeong Cho) anzufangen. Das ist schon eine grosse Erleichterung für die Kims, aber letztendlich nicht genug. Und so tüfteln Vater Ki-taek (Kang-ho Song), dessen Frau Chung-sook (Hyae Jin Chang) und Tochter Ki-jung (So-dam Park) an Möglichkeiten, wie sie auch von dem Reichtum der Parks profitieren können, und zeigen sich dabei ebenso erfinderisch wie skrupellos …

So richtig damit gerechnet hatte wohl niemand, ausgerechnet Joon-ho Bong holt die Goldene Palme von Cannes? Zu Gast war er dort natürlich schon häufiger, seine Filme wurden auch immer wohlwollend aufgenommen. Gereicht hat es nie. Parasite wurde so zu einem späten Triumph. Nicht nur, dass der Regisseur und Co-Autor seinen ersten bedeutenden westlichen Preis erhielt, er war auch der erste südkoreanische Filmemacher, der an der Croisette als Gewinner hervorging. Und dass obwohl sein neuestes Werk eigentlich gar nichts Neues macht. Im Gegenteil: Nach seinen beiden internationalen Ausflügen mit «Snowpierce» und «Okja» kehrt er hier in seine Heimat zurück und beleuchtet erneut die Missstände in seinem Land, auf seine ganz eigene Weise.

Gesellschaftskritik mal anders

Dass die Schwere zwischen reich und arm dort immer weiter auseinandergeht, so wie in den meisten Ländern, das haben natürlich auch andere Filmemacher bereits vorgeführt. Pieta von Ki-duk Kim – der 2012er Gewinner in Venedig – zeigte etwa eine auseinanderbrechende Gesellschaft und welche Verzweiflungstaten daraus entstehen. Bong tut das auch, mischt seine Abrechnung aber mit jeder Menge Humor und packt das dann in ein Genregewand. Wie bei so vielen Filmen des Südkoreaners kann man hier dann auch kaum sagen, was genau Parasite eigentlich ist. Eine Komödie? Eine Satire? Ein Thriller? All das stimmt und stimmt wieder nicht, zudem ist die Geschichte auch sehr tragisch.

Wer hier das erste Mal einen Film von Bong sieht, der könnte sich noch darüber wundern, wie sehr er Grenzen aufhebt, so als hätte es sie nie gegeben. Fans seiner vorherigen Titel werden sich hingegen wie zu Hause fühlen und ahnen, dass das Ganze in irgendeiner Form auch noch eskalieren muss. Da ist er ganz bei Quentin Tarantino, dessen Filme ohne irgendwelche Exzesse nicht vollständig wären. Bei Bong präsentiert sich das jedoch organischer, als logische Schlussfolgerung von dem, was nicht stimmt. Trotz dieser leichten Berechenbarkeit, völlig frei von Überraschungen ist Parasite nicht. Auch wenn man meint, alles vorhersehen zu können, so belehrt einen der Film eines Besseren – nicht ohne Grund bat der Regisseur in Cannes, die Journalisten mögen bitte im Anschluss nichts verraten.

Ambivalenz und mörderischer Spass

Die Wendungen sind natürlich Teil des Vergnügens. Der Film selbst ist davon aber nicht abhängig, funktioniert beispielsweise auch bei einer wiederholten Sichtung. Vielmehr ist es die clevere Weise, wie inhaltlicher Anspruch mit purem Spass verbunden wird, die Parasite zu einem derart sehenswerten Werk machen. Nicht nur ist die Idee originell, sie ist auch kunstvoll umgesetzt. Gerade die Bilder von Kyung-pyo Hong (Burning) sind eine Augenweide und unterstützen die leicht surreale Atmosphäre in dem Haus der Parks. Die Kamera lauert, wohl wissend, dass da bald etwas geschehen wird, irgendwo, irgendwann, ohne dabei schon vorab zu verraten, worauf wir achten müssen. Überall sind Fenster, ist Licht – und doch wird vieles dabei nicht gezeigt.

Auch die Figuren sind ambivalent, nie ganz deutlich. Die Kims geben sich als jemand anderes aus, als sie sind. Aber sind sie deshalb auch die Schuldigen? Sind sie die Parasiten im Titel, wenn sie den Reichtum der Parks ausnutzen, oder nutzen die Parks die Menschen aus, die für sie arbeiten? Kann es überhaupt gerecht zugehen? Stoff zum Nachdenken gibt Parasite also genug, über die eigene Situation oder die der Gesellschaft. Wobei das vermutlich erst nach dem Kinobesuch einsetzen wird. Vorher ist man viel zu sehr damit beschäftigt, über die sonderbaren Vorgänge dieser etwas anderen Thriller-Komödie zu lachen oder zu staunen, die einem gleichzeitig ganz nah ist und dabei doch wahnsinnig grotesk.

Oliver Armknecht
film-rezensionen.de

Parasite

Südkorea

2019

-

132 min.



Regie: Bong Joon-ho

Drehbuch: Bong Joon-ho

Darsteller: Song Kang-ho, Lee Sun-kyun, Jo Yeo-jeong

Musik: Jeong Jae-il

Kamera: Hong Kyung-pyo

Schnitt: Yang Jin-mo

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 3.0) Lizenz.

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