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Paranza – Der Clan der Kinder | Untergrund-Blättle

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Kultur

Paranza – Der Clan der Kinder Eine schwierige Wahl

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«Paranza – Der Clan der Kinder» erzählt eine bekannte Geschichte vom Verbrechen und wie es Kinder und Jugendliche für seine Zwecke manipuliert.

Im Brennpunkt des Filmes ist das Viertel Sanità in Napoli.
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Bild: Im Brennpunkt des Filmes ist das Viertel Sanità in Napoli. / Barrosh.m (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

29. Juli 2020
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Getragen von überzeugend spielenden, jugendlichen Darstellern zeigt der Film den Beginn einer Spirale der Gewalt und Gier, welcher eine existenzielle Entscheidung vorausging, nämlich der zwischen gut und böse.

Während andere Jugendliche Sportler oder Schauspieler bewundern, reden Nicola (Francesco Di Napoli) und seine Freunde viel eher von den Kleinkriminellen, den Gangstern aus ihrer Nachbarschaft. Auch wenn Nicola die regelmässigen Schutzgeldzahlungen, die auch seine Mutter für ihre Wäscherei leisten muss, verachtet, kommt er nicht umhin, den Lebensstil zu bewundern, zu dem die teuren Autos, die Markenkleidung und die VIP-Plätze in den örtlichen Discos gehören.

So ist es für die Jungen zunächst nur ein Nebenverdienst, als sie anfangen für einen der Clans Drogen zu verkaufen. Jedoch bleibt es für Nicola und sie anderen nicht mehr lange dabei. Da er nun in der Lage ist, seiner Mutter ein besseres Leben zu bieten und zudem eine Beziehung zu der schönen Letizia (Viviana Aprea) zu unterhalten, ist für Nicola klar, dass er nicht mehr länger nur ein Fusssoldat sein will. Seine Ambition und die seiner Freunde bringt sie auf Kollisionskurs mit den anderen Familien, die es gar nicht akzeptieren, dass diese „Kinder“ in ihrem Revier für Ärger sorgen.

Eine schwierige Wahl

Wenn es um das Thema der organisierten Kriminalität in Italien geht, kommt man an dem Namen Roberto Saviano nicht herum. Seit dem Erfolg seines Sachbuchs Gomorrha. Reise in das Reich der Camorra, der Verfilmung durch Matteo Garrone sowie der Fernsehserie steht der Name für eine auf Tatsachen beruhende Berichterstattung über die Hierarchien und Mechanismen einer Verbrecherorganisation, wie diese ihr Geld bezieht und wie sich Menschen für ihre Belange einspannt. Besonders junge Menschen, erfüllt von den Bildern von einem besseren Leben, das sie aus den Medien kennen, gelten als verlässliche Fusssoldaten für die Mafia, die ihnen eben jenes schnelle Geld verspricht, was die brauchen, um sich diesen Traum von einem Leben jenseits der Armut zu leisten.

Dennoch darf man Paranza nicht als eine blosse Erweiterung von Gomorrha sehen. Regisseur Claudio Giovannesi betont, dass es ihm bei dem Film mehr um das Erzählen einer Coming-of-Age-Geschichte ging, bei der die Figuren eine Entscheidung zwischen einem ehrlichen Leben und der Kriminalität treffen müssen. Der Fokus auf Nicola und seinen Freundeskreis erinnert mehr an Filme wie Detlev Bucks Knallhart, auch gerade weil beide Werke wert darauf legen, ihre Charaktere glaubhaft anzulegen, in einem Umfeld, welches ihnen eine solche Wahl täglich abverlangt.

Die erzählerische Wucht und Spannung bezieht Paranza aus der Unschuld seiner Protagonisten, die auf dem Spiel steht. Zwar schreckt das Macho-Gehabe der Jungen nicht vor der ein oder anderen Drohung oder Auseinandersetzung mit anderen Gangs zurück, jedoch treibt sie alle der mehr als verständliche Wunsch nach einem besseren Leben an. Egal ob sie in der Auslage eines Sportgeschäfts neue Sportschuhe oder bei einem Juwelier die neue Rolex sehen, Geld spielt eine zentrale Rolle für diese Jungen, aber auch das Eingeständnis, mit ehrlicher Arbeit sich diese Gegenstände nie oder nur schwer leisten zu können. Andererseits sehen sie in ihrem Umfeld, wie leicht es ist, sich diese Dinge einfach zu nehmen, sich über andere Wege diese Sachen zu beschaffen.

Eine alte Geschichte

Besonders stark ist Paranza, wenn er seine Figuren in eben jenem Spannungsfeld zeigt. Die grösstenteils jugendlichen Schauspieler sind überzeugend in ihrem Umgang miteinander, in ihrem Zusammenhalt oder wenn sie einfach nur albern sind. Visuell fokussieren sich Giovannesi und Kameramann Daniele Cipri auf diese Figuren, ihr Umfeld und ihre Konflikte, was man zum Beispiel an den vielen Nahaufnahmen merkt. Zum Anderen liefert die Stadt Neapel, wie auch schon in Gomorrha, das nötige Lokalkolorit zwischen schmutzigen Gassen, Hochglanz-Disco und mit Gold und Kitsch überlandene Wohnungen.

Bei aller Sympathie, die man für die Helden aufbringen kann, bleibt Paranza in seiner Struktur allerdings sehr berechenbar. Die Studie um Aufstieg und Fall eines Imperiums, die Auseinandersetzung mit Gier und Überheblichkeit oder die Zersetzung von Werten wie Loyalität kennt man schon zur Genüge, sodass Giovannesis Film mitnichten das Rad neu erfindet.

Rouven Linnarz
film-rezensionen.de

Paranza – Der Clan der Kinder

Italien

2019

-

112 min.

Regie: Claudio Giovannesi

Drehbuch: Maurizio Braucci, Claudio Giovannesi, Roberto Saviano

Darsteller: Francesco Di Napoli, Ar Tem, Alfredo Turitto

Musik: Andrea Moscianese, Claudio Giovannesi

Kamera: Daniele Ciprì

Schnitt: Giuseppe Trepiccione

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 4.0) Lizenz.

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