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Paisà | Untergrund-Blättle

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Kultur

„Paisà” gehört neben „Rom, offene Stadt” und „Deutschland im Jahre Null” zur Kriegs-Trilogie im Werk von Roberto Rossellini.

Roberto Rossellini, 1952.
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Roberto Rossellini, 1952. Foto: Unknown author (PD)

25. November 2022
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Alle drei Filme sind solche über den Krieg, sie spielen im Krieg, aber sie sind nicht im üblichen Sinn „Kriegsfilme”. Es ist weder das Kampfgeschehen, noch sind es irgendwelche Theorien oder auch nur Annahmen über den Krieg, seine Hintergründe, seine Ursachen oder die hinter ihm stehenden Konflikte, die Rossellini zur Inszenierung dieser Trilogie veranlasste.

Die Trilogie ergeht sich genauso wenig in einer Art moralischen Kategorisierung des Krieges oder der beteiligten Kräfte. Die Einteilung in „Gut” und „Böse”, „gerecht” und „ungerecht” ist diesen Filmen fern.

„Paisà” macht da, wie gesagt, keine Ausnahme. Der Film, an dessen Herstellung so bekannte Leute wie Klaus Mann, Sergio Amidei und Federico Fellini beteiligt waren, besteht aus sechs Episoden, die zeitlich dem Vormarsch der alliierten Truppen von der Landung in Sizilien bis zum Vordringen in die Po-Ebene folgen. Alle sechs Episoden sind in sich abgeschlossen, haben auf den ersten Blick kaum etwas miteinander zu tun, ausser, dass sie im Krieg in Italien spielen. Dabei geht es Rossellini kaum darum, eine Gesamteinschätzung dieses zweiten Weltkrieges zu präsentieren.

EPISODE 1:
Nach der Landung in Sizilien ...

Amerikanische Soldaten dringen des nachts in ein Dorf an der Küste ein. In der Kirche treffen sie auf die Einwohner, die kaum glauben können, dass es sich nicht um deutsche Soldaten handelt. Einer der Soldaten kann italienisch, weil seine Vorfahren aus Sizilien stammen. Die Sizilianer berichten, dass die deutschen Soldaten den Ort am Morgen verlassen haben. Carmela soll die Amerikaner an der Küste entlang führen, damit diese die von den Deutschen gelegten Minenfelder umgehen können.

In einer Ruine lassen die Soldaten Carmela zurück, bewacht von Joe. Die anderen ziehen weiter, um die Gegend zu erkunden. Joe und Carmela kommen ins Gespräch, obwohl sie beide die Sprache des anderen nicht verstehen können. Fast scheint es so, als ob sich die beiden anfreunden. Da fällt ein tödlicher Schuss ...

EPISODE 2:
Kurz nach der Befreiung Neapels ...

Das Leben ist wieder ausgebrochen in der befreiten Stadt. Kinder, verarmt, verwaist ziehen durch die Stadt, um sich durch Diebstahl über Wasser zu halten. Einer der Jungen zerrt einen betrunkenen amerikanischen Soldaten hinter sich her, um ihn vor dem Zugriff der Militärpolizei zu schützen. Doch irgendwann kann der Soldat nicht mehr, will schlafen. Der Junge nimmt dessen Mundharmonika und rennt weg, der Soldat hinter ihm her. Auf einem Trümmerhaufen sitzen sie nebeneinander, der Junge spielt auf der Mundharmonika, der Soldat lallt, erzählt von zu Hause und schläft irgendwann ein.

Am nächsten Tag erwischt der Soldat, selbst Militärpolizist, einen Jungen beim Diebstahl auf einem Lkw. Er nimmt ihn fest, schimpft und merkt plötzlich, dass es der Junge vom Vortag war ...

EPISODE 3:
Rom begrüsst seine Befreier ...

Einer Prostituierten gelingt es, der Verhaftung durch die Militärpolizei zu entkommen. Auf ihrem Weg trifft sie auf einen betrunkenen amerikanischen Soldaten, nimmt ihn mit in eine Absteige. Sie meint, ein bisschen Geld durch ihn verdienen zu können. Doch der junge Mann ist depressiv, und er erzählt ihr eine Geschichte, die sich kurz nach der Befreiung der Stadt ereignete. Da habe er eine junge Frau kennen gelernt, Francesca, und sich in sie verliebt. Da er jedoch wieder zum Dienst musste, habe er sie aus den Augen verloren. Inzwischen habe sich so viel verändert. Aus den fröhlichen jungen Frauen seien überwiegend Prostituierte geworden – und Francesca habe er nicht wiedergefunden. Die Prostituierte weiss, von wem der Soldat spricht ...

EPISODE 4:
Florenz ...

Noch ist Florenz nicht befreit. Faschisten und deutsche Soldaten besetzen noch einen Grossteil der Stadt. Die amerikanische Krankenschwester Harriet ist auf der Suche nach einem Maler, in den sie offensichtlich verliebt ist. Der ist inzwischen Partisanenführer und hat den Decknamen Lupo. Hals über Kopf macht sich Harriet auf nach Florenz, trifft dort auf einen alten Bekannten namens Massimo, der seine Familie sucht. Beide machen sich auf den Weg in den umkämpften Teil der Stadt, rennen über Dächer, durch Strassen, in denen geschossen wird, um Lupo bzw. Massimos Familie zu finden ...

EPISODE 5:
Um jedes Dorf entbrennt ein heftiger Kampf ...

Fast friedlich ist es auf einem Berg, wo Mönche sich in einem Kloster in die Arme fallen – vor Freude, dass die Alliierten immer weiter vorwärts kommen. Sie bekommen Besuch von drei amerikanischen Kaplänen, die ihnen Schokolade anbieten. Die Mönche haben kaum etwas zu essen, weil sie das Geflügel und die Lebensmittel den Einwohnern der Umgebung gegeben haben. Trotzdem laden sie die drei Kapläne zum Essen ein.

Als die Mönche erfahren, dass nur einer der drei Katholik ist, die beiden anderen protestantisch und jüdisch, bekreuzigen sie sich und meinen, man müsse die beiden bekehren ...

EPISODE 6:
In der Po-Ebene ...

Der breite Po durchzieht das Land wie eine Macht, gegen die man nichts ausrichten kann. Doch an seinen Ufern, im dichten Schilf, und in der Ebene herrscht eine andere Macht: der Krieg. Partisanen und ein paar amerikanische Soldaten vom OSS sind von der Aussenwelt abgeschnitten. Man lenkt die Deutschen, die sich in der Nähe aufhalten und mit Scharfschützen operieren ab, um einen toten Partisanen, den die Deutschen in einem Rettungsring und dem Schild „Partisan” in den Fluss geworfen haben, aus dem Wasser zu holen und zu begraben.

Obwohl das Hauptquartier der alliierten Streitkräfte ihren Rückzug befohlen hat, sehen die Partisanen keinen anderen Weg, als sich weiter durchzuschlagen. Allein, es fehlt an Munition und Lebensmitteln. Bei Fischern bekommen sie etwas zu essen und Fisch zum Mitnehmen. In der Nacht müssen sie feststellen, dass die Deutschen die Fischer umgebracht haben. Nur ein kleines Kind weint bitterlich zwischen den Toten ...

Rossellini verbindet diese sechs Episoden durch Wochenschauausschnitte über das Kriegsgeschehen in Italien. Trotzdem erreicht der Film – in voller Absicht – nicht den Status einer geschlossenen Erzählung. Indem er genau auf diese klassische Erzählstruktur verzichtet, erscheint das Geschehen nahezu undurchschaubar und vermittelt nicht den Gesamteindruck eines Krieges. Er zeigt einzelne Menschen in ihrem Handeln, vorwärts getrieben einerseits durch das Kriegsgeschehen, andererseits durch ihre Sehnsüchte und Wünsche wie etwa Harriet. Damit verweigert er dem Zuschauer eine „klare” Aussage über das Geschehene und das Gezeigte. „Vorkenntnisse”, Theorien, Einschätzungen – all das nützt dem Betrachter nichts oder jedenfalls nicht viel.

Der Film bindet den Zuschauer an das Geschehen, dem er sich nicht entziehen kann – so wie die Personen im Film selbst durch die Umstände in die Wirren des Krieges gezogen werden und nicht wissen, was als nächstes geschieht. Anders als in einer „gängigen” Inszenierung, die mit Geplantem arbeitet, indem sie entweder den Zuschauer „hinters Licht” führt und mit verschiedenen Windungen und Wendungen operiert, oder in der so manches voraussehbar erscheint und bei der sich vieles an dem orientiert, was zwischen Filmemacher und Publikum an Verhaltensmustern, Gedanken, Überzeugungen usw. schon „klar” ist, arbeitet Rossellini völlig anders. Die Szenen dieser Episoden erscheinen wie dokumentarische Aufnahmen über ein Geschehen, das nicht voraussehbar erscheint. Die Authentizität des Gezeigten ist so überwältigend, dass sie zugleich manchmal erschreckend wirkt.

Bei einem Dokumentarfilm verhält es sich ähnlich. Wir haben keinen Einfluss auf das, was geschieht, weil wir wissen, dass Geschehenes irreversibel ist, selbst wenn wir nicht wissen, in was das Geschehene letztlich mündet. Es ist diese Faktizität des Realen, diese Irreversibilität der Zeit – sowohl in Richtung Vergangenheit wie in Richtung Zukunft –, die das Dokumentarische von dem Inszenierten eines „Spiel“films klar unterscheidet. Und Rossellini lässt das (überwiegend von Laiendarstellern) Gespielte als etwas Dokumentarisches, Authentisches, Irreversibles erscheinen. Dabei kann er sich zudem auf die historischen Fakten des Kriegsverlaufs – hier in Italien – stützen.

Damit aber werden alle Theorien grau. Die Wirklichkeit spricht für sich. Und selbst die Hoffnungen und Ziele der agierenden Personen verlieren sich im Unvorhersehbaren, im fast Schicksalhaften des Krieges, in der Unsicherheit jedes Moments. Ein solcher Film über den Krieg wirkt in jeder Hinsicht anders als jeder „normale” Kriegsfilm. Das Unvorhersehbare der Realität greift sozusagen durch – über den Film auf den Zuschauer – und das dadurch zwischen Dargestelltem und Betrachtendem erst entstehende Gefühl des Authentisches lässt diesen Ausschnitt der Realität ins Innere des Betrachters vorstossen. Besser kann man auf diese Weise dem Krieg kaum näher kommen.

Besonders wichtig in diesem Kontext ist zudem die Musik Renzo Rossellinis, das Dramatische dieser Musik, das aber nie übertrieben ausgreift, sondern den Bildern nahezu perfekt angepasst erscheint. Das scheinbar Kühle, Nüchterne, erweist sich in Rossellinis Trilogie so als Ausfluss einer letztlich tiefen emotionalen Bewegtheit des Regisseurs.

Ulrich Behrens

Paisà

Italien

1946

-

134 min.

Regie: Roberto Rossellini

Drehbuch: Sergio Amidei, Klaus Mann, Federico Fellini

Darsteller: Carmela Sazio, Robert Van Loon, Dots Johnson

Produktion: Rod E. Geiger, Roberto Rossellini, Mario Conti

Musik: Renzo Rossellini

Kamera: Otello Martelli

Schnitt: Eraldo Da Roma

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