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Orpheus / Orphée Kunst über alle Grenzen hinweg

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In „Orphée“ nahm Jean Cocteau die berühmte Sage um einen Musiker, der in die Unterwelt absteigt, um seine Frau zu retten, macht daraus aber etwas völlig anderes.

Der französische Schriftsteller, Filmregisseur und Maler Jean Cocteau, 1923.
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Bild: Der französische Schriftsteller, Filmregisseur und Maler Jean Cocteau, 1923. / Agence de presse Meurisse (PD)

17. August 2021
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Visuell einfallsreich umgesetzt wird das Drama um Liebe, Tod, Unsterblichkeit und Kunst zu einem Kunstwerk, das uns zum Staunen bringt, aber auch das Publikum einlädt, über die existenziellen Themen nachzudenken und zu träumen.

Als der berühmte Dichter Orphée (Jean Marais) eines Tages in einem Café sitzt, wird er Zeuge eines seltsames Vorfalls. Der junge Kollege Cégeste (Édouard Dermit) beginnt im angetrunkenen Zustand eine Prügelei, an dessen Ende er von zwei Motorradfahrern überfahren wird. Zusammen mit einer anwesenden Prinzessin (María Casares), welche Cégeste fördert, soll Orphée den jungen Mann in ein Krankenhaus bringen. Doch unterwegs stellt er fest, dass sein Kollege längst tot ist und die fremde Frau auch einen anderen Plan verfolgt. Wenig später fährt ihr Chauffeur Heurtebise (François Périer) Orphée wieder nach Hause, wo dessen schwangere Frau Eurydice (Marie Déa) bereits auf ihn wartet, ohne zu ahnen, dass er damit den Tod in sein Haus geholt hat …

Kunst über alle Grenzen hinweg

Selbst unter den vielen ungewöhnlichen Filmemachern und Filmemacherinnen aus Frankreich, die Geschichte geschrieben und die Welt des Kinos bereichert haben, war Jean Cocteau (Es war einmal) eine Ausnahmeerscheinung. Ein Grund dafür: Er scheute kein künstlerisches Experiment. Das betrifft einerseits das Medium seines Schaffens, Cocteau schrieb Gedichte, war am Theater tätig, drehte Filme und versuchte sich auch an bildender Kunst. Aber auch innerhalb eines Mediums hielt er sich nicht damit auf, was andere getan oder nicht getan haben. Er riss Grenzen ein, schuf auf Basis von Bekanntem Verblüffendes, einfach und raffiniert in einem.

Ein herausragendes Beispiel hierfür ist sein Drama Orphée aus dem Jahr 1950. Wie der Titel bereits verrät, liefert die antike griechische Sage um Orpheus die Vorlage. Darin reiste ein Musiker in die Unterwelt und rührte den Gott Hades so sehr mit seinen Liedern, dass er mit seiner verstorbenen Frau wieder in die Welt der Lebenden zurückkehren durfte. Doch als er sich umdrehte, um nach seiner Frau zu sehen, und damit gegen die Bedingung der Götter verstiess, war ihr Schicksal besiegelt. Die einfache und doch tieftraurige Legende gehört zu den grossen rund um das Thema Liebe, ist sicher eine der tragischsten Geschichten in diesem Bereich. Was könnte es schliesslich Romantischeres geben als einen Mann, der dem Tod ins Auge blickt, um diesem seine Frau zu entreissen?

Rätselhaftes Drama zwischen Liebe und Tod

Jean Cocteau machte aus diesem Stoff aber kein schwülstiges Melodram, selbst wenn das bei dem Inhalt naheliegend ist. Vielmehr wird bei ihm ein vielschichtiges, rätselhaftes Drama um Liebe, Tod und künstlerische Selbstbehauptung, um Selbstaufgabe, Vernachlässigung und die Suche nach Inspiration. Beispielsweise wird aus der ursprünglich auf zwei Figuren ausgerichteten Liebesgeschichte ein ganzes Quartett. Die Prinzessin, die sich später als Akteurin des Todes zu erkennen gibt, verliebt sich in Orphée. Heurtebise wiederum hegt Gefühle für Eurydice. Das Ehepaar selbst jedoch lässt jeden Anflug von Romantik vermissen. Vor allem in den wenigen Szenen nach der Rückkehr aus dem Reich der Toten, wenn um jeden Preis der Blickkontakt vermieden werden muss, bedient sich der Regisseur und Drehbuchautor eines unerwartet spöttischen Tons, der bis zum Slapstick reicht.

Doch es sind nicht allein die Umdeutungen der Handlung und die Stimmungsschwankungen, die Orphée zu einen sehr eigenen Film machen. Genauso bleibenden Eindruck hinterlassen die Bildsprache und die visuellen Spielereien. Ob Cocteau und sein Kameramann Nicolas Hayer nun Weiss und Schwarz miteinander tauschen, Filmaufnahmen rückwärts abspielen oder Figuren gleiten lassen, die Tricks sind ebenso simpel wie faszinierend. An anderen Stellen beweist er, dass er diese nicht einmal unbedingt braucht. Die heruntergekommene Ruine, welche hier die Unterwelt ersetzt, lässt einen selbst im Normalzustand daran zweifeln, was real, was ein Traum ist. Hinzu kommen die fragmentarischen Ausflüge in die Welt der Poesie, welche als Radioaufnahmen ihren Weg in die Geschichte finden.

Eine Quelle der Inspiration

Was genau damit alles gemeint war, bleibt dabei offen. Die Themenmelange aus Liebe, Tod, Unsterblichkeit und Kunst lässt Interpretationen zu, fordert sie sogar geradezu ein. Jean Cocteau nimmt uns mit in eine Welt, die im Antiken begann, ins Zeitgenössische übertragen wurde und dabei doch ausserhalb der Zeit existiert. Er stellt universelle Fragen, lässt uns in den Spiegel schauen, wieder und wieder, uns darin verschwinden sehen, während wir selbst noch auf der Suche sind.

Das wird dann zwar nur selten so emotional, wie es die zugrundeliegende Geschichte zulassen würde. Aber es ist ein entfesselter, entrückter Anblick, den sich das Multitalent hier zusammengeträumt hat und der den Menschen in einer seltsam verspielten Mischung aus Distanz und Introspektion zurücklässt. Die andere Welt wartet, da draussen, dort drüben, hinter den Spiegeln und in uns. Wir müssen nur den Weg dorthin finden.

Oliver Armknecht
film-rezensionen.de

Orpheus / Orphée

Frankreich

1950

-

95 min.

Regie: Jean Cocteau

Drehbuch: Jean Cocteau

Darsteller: Jean Marais, François Périer, María Casares, Marie Déa

Produktion: André Paulvé

Musik: Georges Auric

Kamera: Nicolas Hayer

Schnitt: Jacqueline Sadoul

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 4.0) Lizenz.

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